Leseprobe Clarctons Cakery

Kapitel Eins – Amelia

Das Tanklicht strahlt mich in leuchtendem Rot an. Seine Farbe erinnert mich an die Beleuchtung des Stripclubs, in den ich während meines Studiums geschleppt worden bin. Es war die erste Erfahrung mit Tequila und Brüsten. Beides nicht mein Ding.

Ich bin müde, kaputt und genervt davon, dass ich nun doch noch anhalten muss. Immerhin bin ich kurz vor meinem Ziel: Clarcton. Die Heimat, die ich so lange vermisst habe.

Ich sehe auf mein Navigationssystem, noch zwölf Kilometer bis zur nächsten Tankstelle. Das sollte meine kleine Lady wohl schaffen. Ich streiche liebevoll über das Lenkrad des Autos, das zuvor meinem Granddad gehört hat. Es bringt mich an jedes Ziel, vielleicht manchmal etwas langsam, aber immerhin.

Die Tankstelle ist schnell erreicht und ich steige aus. Sofort erschlägt mich die eisige Winterluft und Wölkchen bilden sich vor meinem Gesicht. Puh, die Kälte ist ab jetzt ein Teil von mir, oder wie hat das die Eiskönigin noch mal ausgedrückt? Schnell ziehe ich mir meine türkisfarbene Winterjacke über und stecke den Zapfhahn in das Loch. Ich bibbere, bin ich doch solche Temperaturen nicht mehr gewohnt, immerhin hat mich das Studium in Toronto mit Sonnenstrahlen überhäuft, ich glaube fast, ich bin sogar ein wenig braun geworden. Aber nun ist es Zeit, zurückzukehren. Ich werde gebraucht.

Meine Schritte sind vorsichtig. Ausrutschen steht heute nicht auf meinem Plan, auch wenn es natürlich zu mir passen würde. Immerhin habe ich bereits einen guten Teil meines Lebens mit Tränen in den Augen auf dem Boden verbracht. Wie hätte Grandpa jetzt gesagt: „Krönchen richten, weiterlaufen.“ Er meinte wohl eher weiterschlittern.

Mein Magen knurrt und ich halte mir den Bauch. Wie lange ist es wohl her, seit ich das letzte Mal etwas zu futtern hatte? Ich überlege kurz. Vor rund sieben Stunden bin ich losgefahren und bis auf ein paar Bonbons nichts gehabt.

Ich gehe hinüber zur Backtheke und betrachte die Auslage. Das kann doch nicht sein. Die Törtchen, die wohl eine Art Cupcakes darstellen sollen, sind total matschig. Ich sehe mit einem Blick, dass der Teig darunter eklig sein muss und es der Creme an Standfestigkeit fehlt. Das ist eine Beleidigung für jeden Bäcker oder Liebhaber von gutem Gebäck.

„Amelia Ray?“

Ich sehe auf. Woher kennt die Dame hinter der Theke meinen Namen? Sie ist wohl im Alter meiner Mutter und hat ein sehr eingefallenes Gesicht. Sofort schäme ich mich für die Gedanken über die Törtchen.

„Ja?“ Ich habe keine Ahnung, wer sie ist oder was sie von mir möchte.

„Kehrst du zurück zu deiner Familie?“

Woher weiß sie das? Ich traue mich lediglich zu nicken. Das ist gruselig.

„Ich bin eine alte Freundin deiner Mutter. Wir waren damals gemeinsam auf der Highschool, haben uns dann aber aus den Augen verloren.“

Ich runzele die Stirn, lächle aber. Wenn sie eine Freundin meiner Mutter ist, kann sie kein schlechter Mensch sein.

„Wie haben Sie mich erkannt?“ Ich bin noch immer irgendwie skeptisch.

„Du siehst aus wie eine typische Ray, die roten Haare. Die Gesichtszüge. Mensch Amelia, du bist wunderschön! Ich bin Annabelle, es freut mich, dich kennenzulernen.“

Ich sehe in das Glas der Vitrine, in der sich mein Gesicht spiegelt. Meine schulterlangen roten Haare sind zerzaust, ich bräuchte dringend Koffein, um diesen Waschbären zurück in einen Menschen zu verwandeln und wieder Augen zu haben und nicht nur die Ringe darunter. „Vielen Dank. Ich bin Amelia, aber das weißt du ja schon. Bist du hier ganz allein? Hast du die Törtchen gebacken?“ Ich muss es wissen.

„Ja, ich arbeite hier in der Spätschicht immer allein. Ich weiß, sie sehen schrecklich aus. Die werden geliefert, sind günstig, der Chef legt da keinen Wert drauf. Ich habe deinen angewiderten Blick genau bemerkt.“ Meine Wangen färben sich augenblicklich rot, und ich würde am liebsten umdrehen und gehen. „Die Backleidenschaft liegt euch Rays wirklich im Blut, hm?“

„Als Ray wird man mit dem Tortenheber in der Hand geboren.“

Annabelle lacht schallend. Auf einmal sieht sie viel lebendiger aus als noch gerade eben, fast jung. Ich muss ebenfalls lachen.

„Was darf ich dir bringen? Wahrscheinlich kein Törtchen?“

Ich schüttele nur den Kopf und entscheide mich letztendlich für einen Schokoladenriegel, der geht einfach immer.

Das Bezahlen geht schnell, und ich sehe Annabelle im Rückspiegel noch winken, als ich langsam weiter in Richtung Heimat fahre. Es dauert noch einige Stunden, bis ich in Clarcton ankommen werde. Die Begegnung mit Annabelle war irgendwie komisch, sie ist so anders als meine Mom. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie Freundinnen gewesen sind. Mom ist so lebensfreudig und so energiegeladen, Annabelle ist das genaue Gegenteil. Aber ziehen sich Gegensätze nicht doch irgendwie immer an?

Die Fahrt dauert doch nicht ganz so lange, wie ich angenommen hatte. Als ich ankomme, steige ich schnell aus meinem alten Auto.

Der Dezember ist bereits da, der Duft von Zimtsternen liegt in der Luft, und ich atme tief durch. In Clarcton hat es im Winter immer so gerochen. Die Leute backen und die Fenster bleiben leicht geöffnet, um die anderen mit den Düften zu verwöhnen.

Ich wende mich um und betrachte das blasslila Schild über der Eingangstür, das seine besten Tage längst hinter sich hat. Das Holz ist gesplittert und auch der Schriftzug verblasst immer weiter. Clarctons Cakery steht darauf, und noch immer muss ich bei dem Namen lachen. Als die Cakery damals eröffnet wurde, suchte mein Tick-Tack-Grandpa nach einem Namen, der im Gedächtnis bleibt – Tick Tack Grandpa deshalb, weil Urgroßvater ihm zu langweilig war. Das Ergebnis seines Brainstormings war eine Mischung aus Cake und Bakery, und so gründete er die Clarctons Cakery und taufte sie auf diesen wundervollen Namen.

Die Erinnerungen an die schönen alten Tage kommen wie von selbst: Mit Grandpa am Herd, das Lachen meiner Granny, wenn er sie mit Zimt an den Händen an sich gezogen und goldbraune Spuren auf ihrer Kleidung hinterlassen hat. Ich seufze. Ich bin endlich wieder zuhause. In Clarcton, dieser wundervollen Kleinstadt in den Rocky Mountains, und ich liebe jedes Detail hier. Ich schließe mein Auto ab, und die Aussicht schleicht sich in mein Blickfeld.

Die Berge sind mit Schnee bedeckt, sie sehen aus, als würden sie Hüte aus Puderzucker tragen. In der Ferne sehe ich den See ohne Namen. Niemand weiß, wie er lautet. Bis auf einen Mann, so sagt die Geschichte der Besiedlung der Gegend, doch der war so griesgrämig, dass er ihn nicht verraten wollte. Ein Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen. Vor meinem inneren Auge sehe ich mein jüngeres Ich mit Schlittschuhen an den Füßen über den See rasen. Als mich Mom erwischt hat, war sie richtig sauer. Am Tag danach hat das örtliche Radio berichtet, dass ein kleines Mädchen fast ertrunken wäre, weil die Eisschicht zu dünn und es ins eiskalte Wasser gefallen war. Die Zeit damals war trotzdem wunderbar, und ich denke gerne an meine Kindheit zurück.

Als der Anruf von meiner Mom kam, dass ich nach Hause kommen muss, habe ich nicht eine Sekunde lang gezögert. Mitten im Semester habe ich mich in mein Auto gesetzt und den Weg auf mich genommen. Meiner Granny geht es nicht gut. Sorge schleicht sich in meinen Kopf und sorgt für ein ungutes Gefühl in meiner Magengegend, das sich in ziehendem Schmerz bemerkbar macht. Unwillkürlich lege ich eine Hand auf den Bauch. Meine Mom meinte am Telefon, dass sie meine Hilfe in der Cakery braucht.

Die Cakery ist schon immer im Familienbesitz der Rays, da habe ich natürlich keine Sekunde gezögert, als sie mich gerufen hat. Unsere Spezialität sind die süßen Gebäckstücke – wenn man also ein Zuckerfan ist, findet man auf jeden Fall das Richtige. Trotzdem freuen sich auch die Kunden, die eher Deftiges mögen, über zahlreiche Kreationen. Außerdem stehen unsere Köpfe nie still und wir erweitern unsere Produktpalette immer wieder, das liebe ich sehr.

Ich habe es vermisst, hier zu sein. Meine Hände sind für das Backen geschaffen und nicht für das Schreiben von Hausarbeiten. Gegangen bin ich damals meinem Grandpa zuliebe. Er hat mich, als er im Sterben lag, darum gebeten. Ich bin sicher, es war sein innigster Wunsch, dass ich eines Tages in seine Fußstapfen treten würde oder gar in die von Granny. Aber für ihn war es wichtig, noch eine Basis aufzubauen, etwas anderes zu sehen. Er wollte mich nicht an einen Ort fesseln, sondern mir ein wenig Freiheit schenken. Ich habe ihm das Versprechen gegeben, dass ich nach Toronto gehe und durch ein Studium eine Alternative zur Cakery suche. Bankwesen. Absolut gar nicht meine Welt. Doch schnell habe ich bemerkt, dass mein Leben hier ist. In Clarcton, bei meiner Familie. Ich war oft versucht, einfach heimzufahren, und hatte das Gefühl, dass ich mit jedem Tag mehr vergesse, wie viel Zucker für ein Blech Zimtsterne nötig ist. Das Backen ist meine große Leidenschaft, und ich bin mir sicher, dass mein Herz hauptsächlich für Backformen und Teig schlägt.

Auch wenn ich mir einen schöneren Grund gewünscht hätte, nach Hause zurückkehren zu können: Die Freude ist groß. Natürlich war ich in den Semesterferien ab und an zuhause. Doch jedes Mal lag Melancholie über den Besuchen, weil der Abschied bereits bevorstand und mir ins Ohr geflüstert hat: „Bald bist du wieder weg …“

Jetzt kann ich meiner Leidenschaft nachgehen und muss nicht büffeln, sondern kann hier glücklich werden. Ich möchte in der Cakery bleiben und hier meine Zukunft aufbauen. Die Cakery übernehmen, meiner Mom den Job abnehmen und ihr somit unter die Arme greifen.

Anna. Sie schleicht sich auf einmal in meinen Kopf, und schnell zücke ich mein Handy. Anna ist die einzige Freundin, die ich während des Studiums gefunden habe. Viele haben mich komisch angesehen, weil es nicht unbedingt normal ist, dass man mit fünfundzwanzig Jahren noch ein Studium beginnt. Mittlerweile sind zwei Jahre seit dem Tod meines Grandpas und dem Beginn meines Studiums vergangen. Ich schreibe Anna kurz eine Nachricht, dass ich gut angekommen bin. Sie habe ich eingeweiht, was los ist. Niemand sonst weiß, dass ich bald selbstständig sein werde, denn ich werde die Cakery übernehmen und kann es kaum erwarten. Meine Mom schafft es allein nicht.

Schneeflocken landen in meinen roten Haaren. Ich streiche darüber und sehe in den Himmel. Jede einzelne von ihnen ist ein Unikat und findet ihren eigenen Weg. Ich schüttele kurz den Kopf, vertreibe die Gedanken über die Probleme unserer Spezies und gehe zur Tür.

Hinein in mein neues, altes Leben.

Kapitel Zwei – Jeremia

Der morgendliche Verkehr in Pawsten entlockt mir jeden Tag erneut ein Lachen – die Großstadt ist riesig, fast zwei Millionen Einwohner. Wobei, ein verzweifeltes Ächzen trifft es eher. Um neun beginnt das erste Meeting, und panisch werfe ich einen Blick auf die Uhr. Acht Uhr dreiundvierzig. Die roten Rücklichter meines Vordermanns und die von vielen anderen starren mich förmlich an. Das schaffe ich niemals. Schnell tippe ich eine kurze Nachricht an meinen Vater, dass ich nicht rechtzeitig da sein kann.

Die Firma ist ein Familienunternehmen, und schon immer wurde mir klargemacht: Ich bin derjenige, der die Leitung irgendwann übernehmen wird. Seit meiner Geburt wurde ich darauf getrimmt, habe einen Großteil meiner Kindheit in den Büroräumen und nicht in der Natur verbracht. Mittlerweile bin ich zweiunddreißig Jahre alt und habe mich mit dem Schicksal abgefunden, dass ich keine andere Wahl habe, als wirklich in die Fußstapfen meiner Eltern zu treten. Ich zweifle sogar daran, dass ich etwas anderes kann, als mit Zahlen zu jonglieren und passende Marketingansätze für andere Unternehmen zu finden. Darauf sind wir nämlich spezialisiert: Firmen groß zu machen und mit Marketingmaßnahmen zu unterstützen.

Verzweifelt streiche ich mir durch die Haare. Schneeflocken fallen vom Himmel und meine Laune wird noch schlechter. Ich hasse den Winter und alles, was damit zu tun hat. Die Hitze ist mein Freund, und ich vermisse die warmen Sommerstrahlen auf meiner Haut. Wobei der Winter eine gute Sache hat: Man schwitzt sich im Anzug nicht zu Tode. Der gehört natürlich zur Businessetikette dazu, und mittlerweile finden sich in meinem Kleiderschrank kaum andere Klamotten. Meine Arbeit ist mein Leben, und manchmal frage ich mich, was ich ohne sie anfangen würde. Für mich existiert nur die Firma, und der Rest passiert nebenher.

Ich trete auf das Gaspedal, als ich bemerke, dass der Vordermann seinen Fuß von der Bremse nimmt und es weitergeht. Lästige zwanzig Minuten später und damit rund fünf Minuten zu spät parke ich auf meinem Privatparkplatz direkt auf dem Firmengelände. Während es auf so manchen wahrscheinlich einschüchternd wirkt, fühlen sich unsere Kunden hier sehr wohl. Ich selbst finde das Gebäude absolut passend, denn wir haben uns für Designerqualität entschieden. Es wurde extra für uns errichtet und den Vorlieben angepasst. Oft laufen hier hohe Tiere rein, die man mit alter Baumannskunst nicht beeindrucken könnte.

Ich schließe mein Auto ab, richte noch einmal die Krawatte und nehme meine Aktentasche zur Hand.

Kaum öffne ich mit meiner Zugangskarte die Tür, merke ich, wie sich der Stress aufbaut und mein Kopf anfängt zu pochen. Unsere Empfangsdame, deren Namen ich nicht einmal kenne, rennt auf mich zu. Sollte sie nicht eigentlich auf ihrem hübschen Hintern sitzen bleiben, um Kunden zu begrüßen?

„Mister Anderson, das Meeting findet in Raum siebenundvierzig statt. Der Investor verspätet sich ebenfalls um ein paar Minuten. Mister Anderson senior ist bereits eingetroffen.“

Ich nicke lediglich. „Bringen Sie mir einen Cappuccino und ein Croissant in den Meetingraum.“

„Natürlich, Mister Anderson.“

Der Raum befindet sich hier im Erdgeschoss, unser Bürogebäude umfasst elf Stockwerke und es gibt genügend Zimmer, in denen Veranstaltungen abgehalten werden können. Manchmal finde ich den Weg zu den Räumen selbst nicht. Unser Gebäude wurde erst vor Kurzem umgebaut, es wird immer verwinkelter, und um die Schilder auch noch zu lesen, da fehlt mir nun wirklich die Zeit. Jedoch haben wir genügend Mitarbeiter, die dafür zuständig sind, die Gäste herumzuführen. Meist macht dies dann der Empfangsdamen. Meistens führen sie allerdings auch mich herum. In den letzten Jahren hat sich hier so viel getan und wir sind als Unternehmen stark gewachsen.

Ich öffne die Tür und stehe meinem Vater gegenüber. Seine Miene ist unergründlich, doch ich ahne, dass er sauer ist wegen meiner Verspätung.

Er hat markante Gesichtszüge, man sieht selten ein Lächeln auf seinen Lippen. Er hat dunkle Haare, die er stets streng gegelt hat. Sein Anzug sitzt bei ihm wie immer wie eine zweite Haut, wir Andersons sind wohl darin geboren.

„Sohn.“

„Vater.“ Ich setze mich auf meinen Platz und packe meinen Laptop aus. Schnell ist die Präsentation gefunden und ich öffne sie. Vorbereitet habe ich sie gestern Abend. Sie zeigt die Entwicklung der Firma in den letzten Jahren. Mein Vater hat vor, das Unternehmen zu einem des größten des Landes zu machen und durch weitere Investoren Kapital zu beschaffen. Ich muss nur dabei sitzen, und natürlich war ich der Depp, der die ganzen Daten herausgesucht hat. Die letzten Jahre waren nicht immer leicht für unsere Firma, doch wir sind nie untergegangen. Das Ziel ist es, irgendwann unter den Top Fünf unserer Branche zu sein, und genau dafür brauchen wir Geld. Ich habe viel Zeit und Herzblut in die Präsentation gesteckt, um uns gut darzustellen, ich hoffe sehr, dass es von Erfolg geprägt wird.

„Du hast die Präsentation hoffentlich gut vorbereitet. Heute ist ein großer Tag für uns.“

„Du findest die fertige Datei in deinem Postfach.“

Er nickt und starrt auf seinen Laptop, als sich die Tür öffnet und der Investor den Raum betritt. Hoffentlich kommt mein Frühstück bald und vor allem mein Kaffee.

 

Die Sonne ist bereits untergegangen, und noch immer sitze ich im Büro. Der Tag war vollgepackt mit Meetings, und meine Kopfschmerzen haben sich über die Stunden intensiviert. Meine Mutter betritt den Meetingraum, meinen Vater im Schlepptau. Die beiden im Doppelpack anzutreffen ist selten, und ich bin gespannt, womit ich die Ehre verdient habe.

„Sohn, wir müssen mit dir sprechen.“ Die Stimme meines Vaters trieft vor Autorität, ich reagiere nicht, speichere die aktuelle Datei und schließe sie. Meine Eltern setzen sich mir gegenüber auf die Stühle und ich sehe sie fragend an. Meine Mutter nickt mir zu. „Du musst zu einem wichtigen Meeting in die Rocky Mountains. Dort wird sich zeigen, was du bereits kannst. Du weißt genau, dass du die Firma übernehmen könntest. Aber dafür musst du uns erst beweisen, dass du auch auf eigenen Füßen stehen kannst. Bereite es ordentlich vor und hol uns den Deal.“

Ich habe keine Wahl. Innerlich brodele ich, denn ich gebe alles für diese Firma, versuche immer, es meinen Eltern recht zu machen. Es ist eine Beleidigung, mich zu einem bescheuerten Meeting zu schicken, das dann über meine Zukunft entscheiden soll. Es gibt keinen besseren Chef als mich.

Kurz gehe ich im Kopf die Route durch, das sind mindestens zehn Stunden Fahrt. Der Schnee wird dichter, doch schon vor Jahren habe ich aufgegeben, meine Proteste auszusprechen. Wahrscheinlich kann ich einfach das Firmenflugzeug nehmen, und hoffentlich habe ich einige Tage Vorbereitungszeit, denn von diesem einen Meeting hängt meine Zukunft ab.

Kapitel Drei – Amelia

Mein Schlüssel passt noch und ich betrete das Treppenhaus. Die Cakery liegt im Erdgeschoss, in der Mitte wohnen meine Granny und meine Mom, und oben ist meine Wohnung. Ich gehe die Treppen nach oben, und auch hier riecht alles nach den Köstlichkeiten der Cakery. Ich atme den Geruch tief ein und genieße ihn.

Das Gefühl, nach Hause zu kommen, lässt sich mit keinem anderen vergleichen. Gleich sehe ich endlich die wichtigsten Menschen meines Lebens wieder, und ich freue mich unglaublich darauf. Die letzten Stufen fliege ich fast nach oben, zumindest fühlt es sich so an, und klopfe an. Die Vorfreude kribbelt in meinem Bauch und mein Herz wird gleich viel leichter.

Die Tür wird geöffnet und meine Granny steht vor mir. Ihre siebenundachtzig Jahre sieht man ihr nicht an, noch immer ist sie relativ fit. Ihre weißen Haare werden zwar immer weniger, doch trotzdem lässt sie es sich nicht nehmen, den Friseur dafür zu bezahlen, ihr eine Dauerwelle zu verpassen. Sie trägt eine schwarze Brille mit dünnem Rahmen. Die Altersflecken auf ihrer gebräunten Haut passen zu ihr und sind abgesehen von ein paar Fältchen das Einzige, was auf ihr Alter hinweist.

„Granny.“ Meine Stimme ist belegt und ich bin so unglaublich glücklich, sie wiederzusehen.

„Komm her, Am.“ Sie breitet die Arme aus, und ich muss mich zu ihr hinunter beugen. Ich drücke sie an mich und schließe kurz meine Augen. „Ich habe dich so vermisst.“ Sie lächelt mich an, bevor sie mir einen dicken Kuss auf beide Wangen gibt. Ich liebe diese Frau so sehr.

Ich mustere sie eingehend, doch sie sieht noch immer aus wie damals, als ich gegangen bin. Mom hat mir am Telefon nur gesagt, dass sie Unterstützung brauchen, weil Granny langsam schwächer wird, doch ich sehe ihr nichts an. Vielleicht hatte sie nur ab und an einen schlechten Tag? Ich muss sie beobachten!

Ich folge ihr in die Wohnung, und schon kommt mir meine Mom entgegengelaufen. „Amelia, du bist endlich wieder da.“ Ihr Strahlen überträgt sich automatisch auf mich, und ich nehme sie in die Arme. Die Wärme ihres Körpers umgibt mich, und ich spüre, wie der ganze Ballast von mir abfällt. Endlich darf ich die Verbindung zwischen Mutter und Tochter wieder erleben. „Danke, dass du gekommen bist.“ Ihre Stimme ist nur ein Flüstern, und ich ahne, dass sie kein Wort zu Granny gesagt hat, mich um Hilfe gebeten zu haben. Ihr drängender Blick bestätigt diese Annahme, und ich nicke.

„Das ist selbstverständlich.“

Mein Bauchgefühl meldet sich, ich weiß nicht, was mit Granny los ist, doch ich hoffe sehr, dass sich dieser dumpfe Schmerz in meiner Magengrube nicht bestätigt.

Meine Granny hat noch Pancakes im Kühlschrank, die sie mir mit Ahornsirup und Zimt serviert. Ich sehe meine Pfunde schon wieder auf den Rippen, denn Granny ist die mit Abstand beste Köchin der Welt. Ich lächele, und vor allem mein knurrender Magen freut sich nach der langen Autofahrt über das Essen. Als der erste Bissen den Weg in meinen Mund findet, schmecke ich den original kanadischen Ahornsirup auf der Zunge. Ich stöhne genüsslich auf und schließe kurz die Augen. Ich habe im Studium meist die Mensa genutzt und deshalb auf solche Spezialitäten verzichten müssen.

Mein Blick wandert über die Bildergalerie in der Küche. Ich bin auf vielen Fotos zu sehen. Mein erster Schultag mit der Schultüte, das erste Weihnachten. Auch Bilder von meiner Mutter in jeglicher Lebenslage sind vorhanden. Dann betrachte ich das Hochzeitsbild meiner Großeltern. Grannys Kleid war sehr schlicht, immerhin ist die Hochzeit schon viele Jahrzehnte her. Grandpa trägt den Sonntagsanzug. Die beiden waren immer mein Vorbild für eine funktionierende Liebe. Sie haben sich im Jugendalter kennengelernt, doch Granny hat lange nein zu einer Verabredung gesagt. Noch Jahre später hat Grandpa sie damit aufgezogen. Mein Grandpa war meine männliche Bezugsperson, da mein Erzeuger sich sofort aus dem Staub gemacht hat, als Mom schwanger wurde.

Mir hat allerdings nie etwas gefehlt. Ich sehe mich auf einem Foto mit meinem Grandpa das erste Mal Fahrrad fahren. Meine ersten Plätzchen habe ich mit meinen Großeltern und meiner Mom gebacken. Es ist egal, wer deine Familie ist. Es ist nur wichtig, wer dir die Liebe schenkt, die du so dringend benötigst.

Als mein Grandpa zu den Engeln geflogen ist, haben wir lange gebraucht, um wieder auf Kurs zu kommen. Es war schwierig, denn irgendwie hat sich das Leben angefühlt, als wäre alles vorbei. Jede Erinnerung, vor allem jene, die mit der Cakery zusammenhängen, sind mit dem lauten Lachen meines Grandpas getränkt. Doch mittlerweile haben wir uns gefangen, erfinden neue Kuchenkreationen und machen somit meinen Grandpa bei den Engeln stolz. Jedes Mal, wenn die Sonne scheint und wir ein neues Rezept ausprobiert haben, ist mir klar: Der Sonnenschein ist mein Grandpa und er zeigt damit: Kinder, ihr macht alles richtig.