Leseprobe Der Tanz mit dem Tod

Kapitel 1

„Knallender Kabeljau, Kitty! Was soll das denn sein?“, rief Nell Drury, als sie auf die vor Angst zitternde Aprikosen-Mousse sah, die dem hohen Besuch auf Wychbourne Court zum Nachtisch präsentiert werden sollte.

„Ein Desaster, Miss Drury“, erwiderte Kitty trist, obgleich sie beide wussten, dass niemand den kleinen Makel je bemerken würde, wo die Mousse nicht rückstandslos aus der Form gekommen war.

Nell lachte. „Garnieren! Das ist die Lösung. Garnitur ist des Kochs Busenfreund.“

Denn ihrer Meinung nach war es in einer Küche heiß genug, auch ohne dass der Chefkoch sein Übriges dazu tat. Ihr Vorgänger hatte einen Tonfall an den Tag gelegt wie im Gefängnis – bis er eines Tages davonstürmte, weil die Soufflés eingesunken waren. Doch das würde sich mit ihr als Chefköchin nicht wiederholen, so viel hatte sie sich geschworen. Etwa sechs Monate hatte sie hier bereits die Zügel in der Hand und bisher lief alles recht reibungslos. Die Soufflés waren auferstanden, Pies gut aufgegangen und die Gemüter hatten sich wieder beruhigt.

Da war sie also, auf dem Höhepunkt ihrer Träume, und das bereits mit neunundzwanzig Jahren. Doch die größte Herausforderung stand ihr erst bevor: Dinner für vierzig Gäste um sieben Uhr, gefolgt von Tanz in den Abendstunden, wo für diese wie auch für weitere Besucher, die nur zum Tanz kamen, ein spätes Abendbrot serviert wurde. Das würde sicherlich unterhaltsam werden, insbesondere da viele Gäste im Kostüm kamen.

Doch genau wie die Mousse gab es noch einiges, das nicht ganz perfekt war.

Entschieden schob Nell ihre Bedenken beiseite und konzentrierte sich darauf, das Menü für das Dinner durchzugehen, das momentan in ihrem Kopf einen wirren Tanz veranstaltete. Zuerst stimmten die Musiker zu den hors deuvres an, bis die Drehungen und Figuren des Tango den Fisch vor Nells geistigem Auge hervorriefen. Als nächstes folgte das Herz des Abends, der Walzer der Braten und Zuspeisen. Den künstlerischen Höhepunkt stellte der Nachtisch dar, der zu Foxtrott und Quickstep durch Nells Kopf tänzelte. Zum Abschluss noch ein letzter Walzer mit Früchten und Häppchen. Und dann gab es natürlich noch die exotischen, unerwarteten Gerichte: Salate, Sorbets und Eiscreme. Sie schmeckten wie die neuartigen Tänze aus Amerika, wie dieser Charleston, der sehr aufregend klang.

„Miss Drury, ist Ihnen bewusst, dass es gleich vier ist?“, erklang Mrs Fieldings scharfe Stimme. „Lady Clarice wartet in der Stiefelkammer sicher schon auf Sie.“

Einer Mrs Fielding traute Nell immer zu, ihr ein Haar in die Suppe zu schmuggeln. Sie wusste genau, dass die furchteinflößende Hausdame nur auf einen noch so kleinen Fehler von ihr wartete, um ihre eigene Autorität wieder zurückzugewinnen. Als bloße Köchin stünde Nell unter ihr, doch als Chefköchin hatte sie den gleichen Rang wie sie, hatte in ihrem Bereich das Sagen und eigene Angestellte.

„Die Uhr fünf Minuten vor der Zeit, verhilft dem Koch zur Pünktlichkeit“, improvisierte sie mit einer Geste zur Küchenuhr.

Bemerkenswert, dass die starre Hierarchie selbst 1925 noch manche Köpfe regierte, dachte Nell. Nach dem Krieg schien sie zu bröckeln, doch die Mrs Fieldings dieser Welt klammerten sich an die alte Ordnung wie Blutegel. Mrs Fielding war sicher bereits über vierzig und brachte nun nicht mehr die gleiche emsige Tatkraft auf wie früher – wer konnte es ihr da übel nehmen? Sie war, wie Nells Vater sagen würde, „eine prächtige Frau“, die mit allem, was sie hatte, und entschlossen wie Boudicca in die Schlacht zog, sofern sich jemand in ihr Revier wagte. Der Weinkeller war ihre Hauptwaffe und bot ihr viele Möglichkeiten zur Beschwerde. Denn nur sie hatte Zugriff auf alle Getränke und Konserven, sie und die Weinkeller-Magd, doch das ließ reichlich Spielraum, den Mrs Fielding bis aufs Letzte auskostete.

Hach ja, wenn man sich etwas wirklich in den Kopf gesetzt hatte, dann schmolzen alle Probleme der Welt dahin wie Butter. Nur nicht unterkriegen lassen, Mädchen, nur nicht unterkriegen lassen, spornte Nell sich selbst an, wenn sich eine Schwierigkeit anbahnte. Keine Zeit darauf verschwenden, jemand anderem unter dir wie Kitty oder den Mrs Fieldings dieser Welt die Schuld zu geben – einfach weitermachen und eine Lösung finden für das Problem, ganz gleich, wie groß oder klein es sein mochte. Die Molke wegkippen und sich auf die guten Überreste konzentrieren – nur so wird ein Käse daraus.

Trotz der tickenden Uhr ging Nell noch ein letztes Mal alles durch. In der Spülküche waren zwei Mägde mit Pfannen und Schüsseln beschäftigt, die zwei Küchenhilfen bereiteten das Gemüse vor und Mrs Squires, Nells Beiköchin, warf ein Auge auf das Essen für die Bediensteten und das andere auf die Melone. Die hübsche kleine Kitty sowie der zweite Vorspeisenkoch, der ängstliche junge Michel, kümmerten sich um die hors deuvres, foie gras und die übrigen Zuspeisen.

„Wie ich sehe, haben Sie wieder Soufflé Helen auf das Menü gesetzt“, beschwerte sich Mrs Fielding, während Nell sich die Schürze auszog, um ins Haupthaus zu gehen. „Erwarten Sie keine eingelegten Himbeeren von mir.“

„Dank Mr Fairweather haben wir auch frisches Obst“, erwiderte Nell, als sie an ihr vorbeieilte. Er war der Gärtner mit dem passenden Namen, zu dem Nell eine gute Beziehung pflegte. Sie liebte die Farben und die aufregende Auswahl an Kräutern, Obst und Gemüse, die er züchtete. Dieser Samstagabend würde ein voller Erfolg werden, für Wychbourne Court und für die Ansley-Familie, das hatte Nell sich geschworen. Dafür gab sie alles, und das auch trotz der schwarzen Wolke am Horizont, die sich nicht auflösen wollte.

Die Geisterjagd.

Genau wie jedes alte Herrenhaus hatte auch Wychbourne Court seine Geheimnisse. Manche stammten aus der lang vergessenen Vergangenheit und waren ziemlich düster. Doch Lady Clarice, die Schwester von Lord Ansley, hatte sich vorgenommen, eben diese Geheimnisse wieder aufleben zu lassen, und zwar einschließlich der vielen Geister, die – ihrer Meinung nach – in Wychbourne Court umherspukten. Doch selbst wenn dem so wäre, was konnte auf einer Geisterjagd schon schief gehen?

 

Schon von alters her lebten die Ansleys in Wychbourne Court, tief verborgen im Umland von Kent, zwischen Sevenoaks und Tonbridge. Doch die Ansleys waren nicht wie viele neureiche Siedler hier hergekommen, Wychbourne Court hatte Geschichte. Und das war es, was Nell daran schätzte. Seit ihr Vater sie das erste Mal zum Tower of London mitgenommen hatte, faszinierten sie die Erzählungen über Könige und Königinnen. Dort hatte sie die Beefeater gesehen und gehört, es wären die Soldaten der Königin.

Das Leben auf Wychbourne Court begeisterte sie. Unglaublich, dass der amtierende Marquess, der Achte, im House of Lords ein- und ausging oder wie der neue Prime Minister, Stanley Baldwin, regelmäßig in Wychbourne Court einkehrte. Doch Nell gewann immer mehr den Eindruck, dass es bei diesen Treffen weniger um Staatsangelegenheiten ging als um Billardpartien und gute Unterhaltung. Oftmals sah sie Seine Lordschaft über das Anwesen spazieren – das war, wofür sein Herz wirklich schlug. Die Politik hingegen kam ihm nur beiläufig in den Sinn.

Genau wie seiner Schwester, Lady Clarice. Ihre Lieblingsbeschäftigung waren die Geister. Sie hatte nie geheiratet und jetzt, in ihren Fünfzigern, widmete sie sich ganz der Pflege der Geister. Sie selbst hatte Ähnlichkeit mit ihnen, dachte Nell, so groß und dünn wie sie war und immer machte sie eine finstere Miene. Eine Exzentrikerin, aber Nell mochte sie trotzdem.

Tatsächlich wartete Lady Clarice bereits in der Stiefelkammer in der Nähe des Haupteingangs von Wychbourne Court. Sie sah ein wenig verloren aus inmitten all der Berge von Utensilien. Manches steckte in Kisten, anderes lag bloß übereinander gehäuft da. Einige der Kisten standen im offenen Durchgang zum anliegenden Waffenraum, der für gewöhnlich abgeschlossen war. Die Frage, ob Lady Clarice mit Gewehren auf die Geister schießen wollte, verkniff Nell sich. Stattdessen fragte sie höflich: „Sie wollten mich sehen, Lady Clarice?“

Überrascht sah sie zu Nell. „Natürlich, Sie werden bei der Geisterjagd nachher doch die zweite Gruppe anführen.“

„Werde ich?“, erwiderte Nell, die nun zum ersten Mal davon hörte.

„Hat Ihnen Lady Ansley das nicht mitgeteilt? Wir müssen uns in zwei Gruppen aufteilen, um unsere geisterhaften Besucher nicht zu erschrecken. Dann können Sie mit ihnen kommunizieren.“

Konnte sie? Auch das war Nell neu. Innerlich stöhnte sie auf. So gern sie Lady Clarice hatte, Nell vermutete, dass sie manchmal nicht nur den Bediensteten, sondern auch Lord und Lady Ansley zur Last fiel. „Und was wünschen Sie, dass ich jetzt tue?“

„Überprüfen Sie die Ausrüstung für die Jagd. Und dann möchte ich mit Ihnen noch die Geister durchgehen.“

Die Geister durchgehen? Das klang nach einer Herausforderung. Nur mit Mühe gelang es Nell, einen neutralen Gesichtsausdruck zu wahren. Dann fuhr Lady Clarice fort: „Vor allem möchte ich Sie bitten, darauf zu achten, den guten Hubert nicht zu verschrecken.“

Nun war Nell verloren. „Ist Hubert einer der Gäste?“, fragte sie vorsichtig.

„Seien Sie nicht albern“, erwiderte Lady Clarice ungeduldig. „Sicher haben Sie ihn schon einmal getroffen. Hubert ist der Lord, der während des Bürgerkriegs gestorben ist, als man ihn versehentlich im Priesterloch zurückgelassen hat. Wie dem auch sei, Simon – der sich nur sehr selten zeigt – hat mir kürzlich erzählt, dass es eigentlich Huberts Frau war, die ihn erschossen hat. Doch natürlich gibt es keinen Beweis dafür, dass sie es war und, nun ja, Simon ist doch so ein Schwätzer.“

„Simon?“, fragte Nell zaghaft.

„Also wirklich, Nell“, stöhnte Lady Clarice. „Der fünfte Marquess. Aber bitte, passen Sie auf den armen Hubert auf. Er hat wirklich große Angst vor Frauen. Nachvollziehbar, falls seine Frau tatsächlich seine Mörderin ist.“

„Ich werde vorsichtig sein“, versprach Nell sanft. „Aber ich brauche eine Liste der Geister und wo sie für gewöhnlich spuken.“

„Wenn es sein muss. Aber es sind ja zurzeit nur neunzehn, das Kleinkind und den Hund eingeschlossen.“

Es wurde immer schlimmer. „Eine Liste wäre wirklich hilfreich“, bekräftigte Nell mit fester Stimme. „Soll ich nun die Kisten durchsehen?“

Auf den Knien und dankbar, dass sie noch immer ihren Arbeitsrock und die einfache Bluse anhatte, nicht die Abendkleidung, zog Nell die erste zu sich heran und begann zu zählen.

„Lampen und Laternen, zehn“, informierte sie Lady Clarice.

„Ich habe doch um fünfzehn gebeten“, beschwerte sie sich.

„Ich könnte Jimmy bitten, unseren Lampenjungen, noch ein paar Kerzen zu besorgen–“, doch zu spät hatte Nell ihren Fehler bemerkt.

„Unter gar keinen Umständen. Bei Kerzenlicht verlieren Geister ihre Kraft.“

Es lag noch jede Menge Arbeit vor ihr, schloss Nell, und dachte gleichzeitig an die noch zu erledigenden Aufgaben in der Küche. Sie musste sich spurten. „Schreibunterlagen und Stifte“, sagte sie schnell, „jeweils zwanzig. Lupen, zehn.“ Was sollten sie denn damit tun?, fragte sie sich. Wie Sherlock Holmes nach den Geistern kriechen? „Maßband, drei–“

„Viel zu wenig.“

„Kreide“, fuhr Nell einfach fort und überflog eine Kiste nach der anderen in Höchstgeschwindigkeit. „Zwei Barometer, zwei Thermometer, zwei Phonographen um etwas aufzunehmen, zwei Kameras, zwei schwarze Stoffe, zwei Säcke Mehl.“ Was zum gurgelnden Geier sollten sie denn damit anstellen? Nicht fragen, einfach weitermachen, riet sie sich selbst. „Vier Spiegel“, fuhr sie fort, obgleich diese sie wirklich verwirrten. „Wozu sind die Spiegel gedacht, Lady Clarice? Ich dachte, Geister kann man in Spiegeln nicht sehen.“

Lady Clarice strahlte. „Alles, was darin zu sehen ist, kann also automatisch als Geist ausgeschlossen werden. Das ist schließlich ein wissenschaftliches Experiment, Nell. So. Und ich erwarte Sie pünktlich um Viertel vor zwölf im großen Saal. Mein Neffe Richard wird die Ausrüstung dorthin bringen“, sagte sie und hielt inne. „Brauchen Sie wirklich eine Liste?“, fragte sie zweifelnd.

„Ja, bitte“, bestätigte Nell ihr ernst. „Ich möchte keinen der Geister beleidigen, indem ich ihn mit dem falschen Namen anspreche.“ Wenngleich das die kleinste ihrer Sorgen war.

 

Für Nell war die Geschichte von Wychbourne Court einzigartig. Bis William der Eroberer nach England gekommen war, hatte es auf diesem Anwesen nur einen unscheinbaren Gutshof gegeben. Familie und Hof war es durchschnittlich ergangen, bis der damalige Ansley, Sir William, unter Elisabeth der I. zum Baron ernannt worden war. Damit hatte er plötzlich über die nötigen Mittel verfügt, das Gut in viel größerem Stil anzulegen. Jahre später hatte man eine dem siebzehnten Jahrhundert typische Front aus rotem Backstein ergänzt und im achtzehnten Jahrhundert das Haupthaus wiederum um zwei weitläufige Flügel erweitert, die das Gut in das gewaltige Massiv verwandelt hatten, das es heute noch war. Dies hatte man Williams Nachfolger Philip zu verdanken, der während des Siebenjährigen Krieges gedient hatte und dadurch schließlich zum ersten Marquess Ansley geworden war. Von da an war die Zukunft der Familie gesichert gewesen.

Als 1914 der Krieg begann, verzeichneten die Ansleys einen heftigen finanziellen Einbruch, erholten sich aber wieder davon. Nichtsdestotrotz arbeiteten heute weitaus weniger Bedienstete in Wychbourne Court als noch vor zwanzig Jahren, doch dieser Wandel hielt, soweit Nell wusste, überall Einzug. Der größte Verlust der Ansleys glich jedoch einem echten Hammerschlag: Der zweite Sohn der derzeitigen Lord und Lady Ansley, Noel, fiel in der Ersten Flandernschlacht. Nur das älteste ihrer fünf Kinder, Kenneth, war verheiratet und arbeitete im Ausland für den Kolonialdienst, die anderen drei lebten weiterhin in Wychbourne Court. All das wusste Nell, obgleich sie erst seit einem Jahr hier angestellt und seit einem halben Jahr eine Vertraute von Lord und Lady Ansley sowie deren Kindern war – Letzteres nicht immer zu ihrer Freude.

Damals kam sie den weiten Weg aus Spitalfields, wo ihr Vater als Straßenhändler arbeitete. Sie lernte viel von ihm – eine schlechte Orange erkannte sie bereits aus einer Meile Entfernung. Eigentlich wollte ihr Vater, dass Nell ihn im Verkauf unterstützte, doch sie hatte sich längst in die strahlenden Lichter Londons verliebt und alsbald als Kammermädchen im pompösen Carlton Hotel an der Ecke des Haymarkets angefangen. Und in dieser Position arbeitete sie dort, bis eines Tages der Chefkoch, Monsieur Escoffier, ihr Interesse am Kochen entdeckt hatte. Bald entpuppte sich das Interesse als Talent und so kam es, dass er sie unterrichtete – ein unfassbares Privileg, da vor ihr nicht einer von seinen etwa fünfzig Angestellten eine Frau war.

Hart war es, doch Nell hatte viel gesehen, gelernt und gekocht. Und als Monsieur Escoffier vor fünf Jahren schließlich in den Ruhestand ging, war sie bereits zu einer Beiköchin aufgestiegen. Geheiratet hat sie nicht – warum auch heiraten, nur um von jemand anderem bestimmt zu werden? Nell wollte ihre eigenen Entscheidungen treffen. Und nach vier Jahren als Chefköchin eines Gutshofs nördlich von London entschied sie sich für Wychbourne Court und lernte nun die Unterschiede zu schätzen, die mit der Arbeit auf dem Land einhergingen. Oh, welch Freude es ihr bereitete, einen Obst- und Gemüsegarten zur Verfügung zu haben!

Warum also sollte sie den bevorstehenden Abend fürchten? Geister gehörten zur alten Zeit, das hier jedoch war die neue Zeit. Ein leichtfüßiges Zeitalter für alle, sowohl wortwörtlich als auch im übertragenen Sinn. Die strahlende Zukunft lag vor ihnen und das heutige Dinner markierte einen ersten Meilenstein auf dem Weg dorthin, wenngleich der Krieg und seine Grauen alle tief bestürzt hatte und längst nicht vergessen war. Wie konnte ein Krieg vergessen werden, wenn zahlreiche der Soldaten in eine Welt ohne Arbeit und Hoffnung zurückkehrten? Wie sollte man diese Schrecken während der Wirtschaftskrise von 1921 vergessen? Doch heute Abend traten all diese trüben Gedanken in den Hintergrund. An diesem Abend, das schwor sich Nell, hieß Wychbourne Court die Zukunft willkommen – und blickte nicht auf alte Geister zurück.

 

Besorgt beobachtete Sophy Ansley ihre Geschwister. Sie hatten große Pläne für diesen Abend gehegt und sie deshalb in den Blauen Salon bestellt, doch Sophy wusste nicht, ob sie überhaupt mitspielen wollte. Es musste aber wenigstens so aussehen. Denn sie selbst hatte zu viel zu verbergen, um sich ihnen nicht anzuschließen. Im Allgemeinen hatte sie sehr wenig gemein mit ihren älteren Geschwistern Helen und Richard. In der Familie verkörperten sie die strahlende Jugend, wohingegen Sophy sich lieber hinter Büchern versteckte. Das war, worum es im Leben wirklich ging, dachte sie. Auch wenn ihre Einführung in die Gesellschaft mit einem großen Schlamassel geendet hatte: Sie hatte weder einen potenziellen Ehemann noch eine Schar von Verehrern vorzuweisen.

Doch schließlich tröstete Sophy sich damit, dass sie erst neunzehn war und ihr Bruder Richard und ihre Schwester Helen mit fünfundzwanzig und dreiundzwanzig ebenso wenig verheiratet waren. Allerdings war Helen mit ihrem goldenen Haar weithin als Schönheit bekannt und Richard entpuppte sich als zweiter Rudolph Valentino. Alle Frauen schwärmten für ihn, eigenartig.

Nichtsdestoweniger musste Sophy der demütigenden Wahrheit ins Auge blicken, dass auf der heutigen Abendgesellschaft kein inbrünstiger Verehrer auf sie warten würde. Ein Teil von ihr wäre am liebsten als Flapper erschienen, ein anderer erklärte diesen Teil jedoch für verrückt. Auch Mutters Beharren, dass sie das schwarz-rosafarbene Tanzkleid aus Chiffon tragen sollte, war ihr keine Hilfe. Chanel hin oder her, das Kleid war partout nicht für ihren Körper gemacht. Sie war zu klein und zu kurvenreich dafür. Und ihre Brüste weigerten sich, unter dem Mieder zu verschwinden, um dem neumodischen knabenhaften Trend gerecht zu werden. Wie oft hatte sie Helen um ihre schlichte Eleganz und Richard um seinen sportlichen, plump-vertraulichen Charme beneidet, doch das hatte nun ein Ende. Nicht heute Abend. Sie war Sophy Ansley und hatte ihre eigenen Pläne geschmiedet. Dazu gehörte, dass sie heute mit Partner erschien – sogar mit einem ganz besonderen. Doch bis es soweit war, musste sie noch ein wenig Interesse an den lächerlichen Streichen ihrer Geschwister vortäuschen.

„Aber Charlie hast du gefragt, oder?“, erkundigte sich Helen in vorwurfsvollem Ton bei Richard. Das war Helen, dachte Sophy, in ihrem schicken Schlafkleid aus Seide lag sie auf dem Ruhebett und sah wie eine Göttin aus.

„Natürlich habe ich ihn gefragt, Schwesterlein“, erwiderte Richard etwas selbstgefällig und rauchte einen dieser schrecklichen Glimmstängel. Auch wenn Sophy wusste, dass es dieser Tage alle taten, selbst Frauen, fand sie, dass man damit dämlich aussah und sie übel stanken.

„Und, wird er es tun?“, wollte Helen wissen.

„Charlie ist einer von den Guten“, erwiderte Richard. „Natürlich wird er es tun. Kann es schon kaum erwarten.“

Ob Charlie tatsächlich einer von den Guten war, da war sich Sophy nicht sicher. Wenngleich alle Welt ihn zu bewundern schien. Sie aber bildete sich etwas darauf ein, eine gute Beobachterin zu sein. Und so war ihr nicht entgangen, wie Charlies vergnügtes Grinsen hin und wieder einfach verschwand und wie andere in seiner Gegenwart nahezu nervös wirkten. Das wiederum zeigte, dass ihn doch nicht alle mochten. Als Sophy Helen diesen Gedanken offenbart hatte, in einem der seltenen vertrauten Momente mit ihrer Schwester, war Helen regelrecht wütend geworden.

„Charlie ist absolut klasse. Kann es sein, dass du einfach eifersüchtig bist?“

Nein, das konnte nicht sein. Doch diese Frage bestätigte Sophys Verdacht, dass Helen ein Auge auf Charlie geworfen hatte. Ein Gedanke, der Sophy geradezu abstieß, vor allem, da der liebenswerte Rex Beringer wie vernarrt in Helen war.

Die Londoner Ballsaison war in vollem Gange, doch da ihr Haus in London vermietet war – aus finanziellen Gründen, wie Vater erklärte – blieben sie dieses Jahr in Kent und hielten ihre Abendgesellschaften in Wychbourne Court ab. Hinter dem heutigen Ball stand zweifelsohne der Wunsch, einen Ehemann für Helen zu finden. Genau wie für sie, gestand Sophy sich trübselig ein. Nachbarn aus Sevenoaks und aus Ightham waren geladen sowie Bekannte aus Sussex und aus London, darunter auch Charlie Parkyn-Wright. Charmant, wie er war, war er derart gefragt, dass er es sich regelrecht aussuchen konnte, welche der bevorstehenden Bälle er besuchte. Helen und Richard waren hellauf begeistert, als er für Wychbourne Court zusagte, nicht jedoch Sophy. Sie hielt ihn für einen Schuft. Obendrein gehörte er auch dieses Mal wieder zu den Gästen, die immer gleich das ganze Wochenende im Westflügel blieben.

Charlie war Richards bester Freund, weshalb Richard nichts auf ihn kommen ließ. Das konnte allerdings auch daran liegen, dass er die meiste Zeit ohnehin mit Elise liebäugelte. Die Honourable Elise Harlington war der ganze Stolz der Stadt und das ideale Modell für Lanvin‘s modische Kreativität. Doch Sophy blieb unbeeindruckt. Sobald Elise einen Raum betrat, richteten sich alle Augen auf sie, insbesondere die von Charlie und Richard, und das wusste Elise. Es hatte jedoch auch seine Vorteile, nicht die Schönheit der Stadt zu sein. Denn dadurch hatte Sophy genug Zeit zu erkennen, was sich eigentlich abspielte – auch wenn dies sonst niemand tat. Und darauf setzte Sophy heute Abend, wenngleich es bedeutete, dass sie bei Richards und Helens lächerlichem Streich mitspielen musste. Das machte sie nicht gerade glücklich, doch letztlich hatte Tante Clarice es verdient. Sie und ihre Geister.

„Wir machen den Abend zu einem lang ersehnten Erfolg für Tante Clarice“, deklarierte Richard affektiert. „Und Charlie ist einfach der Beste. Das haben sie im Harrow auch alle gesagt. Durch ihn wird der Abend einfach unvergesslich, warte nur ab.“

Mit voller Hingabe beharrte Tante Clarice darauf, dass überall auf Wychbourne Court Geister der Ansley-Vergangenheit umherspukten. Diesen Dauerscherz empfand Sophy inzwischen nur noch als nervtötend. Da gab es das Milchmädchen aus dem neunzehnten Jahrhundert, das der vierte Marquess nicht ehelichen wollte; und Lady Henrietta, die in der Blüte ihres Lebens von ihrem unliebsamen Ehemann umgebracht wurde; und Sir Thomas, der auf einem Kreuzzug gekämpft hatte und bei seiner Rückkehr entdecken musste, dass seine geliebte Frau Eleonora einen Priester verführte oder von ihm verführt wurde; und den ersten Marquess, der von Zeit zu Zeit nach Wychbourne Court zurückkehrte, um zu sehen, wie die Bauarbeiten der zwei neuen Flügel vorangingen. All diese waren nur Beispiele der vielen Geister, von denen Tante Clarice behauptete, sich gut mit ihnen zu verstehen.

Nichts bereitete ihr größere Freude, als einen alten Wälzer in der Bibliothek zu finden, der ihre Hoffnungen auf weitere Geister bestätigte. Und nun, da Geisterjagden in Mode waren, fantasierten Helen und Richard von einer mitternächtlichen Jagd mit allen Gästen (oder allen, die bereit waren, Essens- und Tanzsaal zu verlassen), bei der sie unter der Führung von Tante Clarice und den Geistern durch die dunklen Korridore krochen. Voller Enthusiasmus hatte Tante Clarice den Plan weitergesponnen.

„Das wird ein Spaß“, fuhr Richard fort, „vor allem, da zumindest manche von uns verkleidet sein werden.“

Kostüme waren das nächste, das Sophy nicht ausstehen konnte. Aus tiefster Überzeugung hatte sie abgelehnt, an diesem Abend als Jeanne d’Arc teilzunehmen – wenngleich das bedeutete, dass ihr nur der schwarz-rosafarbene Chiffon-Fummel blieb, den ihre Mutter ihr aufgedrängt hatte.

***

Eilig und im vollen Bewusstsein der tickenden Uhr huschte Nell von der Stiefelkammer durch den großen Saal zurück in die Küche. Vielleicht war die Geisterjagd doch nicht so ein Albtraum, wie sie befürchtet hatte, dachte Nell zuversichtlich. Durch die offenen Türen zum Speisesaal und zum Salon erblickte Nell den Wintergarten und dahinter die in weiter Ferne leuchtenden Lichter im Garten. An diesem Abend würde ganz Wychbourne Court im Lichterglanz erstrahlen wie eine Phantasiewelt voll glühender Leuchten und Laternen, in der sich die Reichen und Schönen in prächtigen Farben und ausgefallenen Kostümen tummelten, wo Musiker im Ballsaal auf ihren Einsatz warteten und die Luft erfüllt war von aufregenden Gerüchen und Geschmäckern des Banketts.

Das beste Essen – und sie dachte gern daran, dass es ihr Essen war – war ein Genuss für alle fünf Sinne: Es weckte den Geschmacks-, Tast-, Geruchs-, Seh- und sogar den Hörsinn: die Vorfreude auf den Gong, der das Buffet eröffnete, das Klirren von Geschirr, das Knistern der Stövchen, das Knallen der Champagnerkorken oder das Rascheln von in Butterpapier eingepackten Sandwiches bei einem Picknick.

Doch der heutige Abend würde etwas ganz Besonderes werden – ein eindrucksvoller Ballabend, mitten in Kent. Im Tanzsaal und vielleicht sogar im Wintergarten, wo jeweils ein Grammophon und einige Platten bereit standen, würde getanzt werden. Vermutlich würde das ein oder andere Paar sogar auf die Terrasse hinauswirbeln oder sich heimlich in den darunter liegenden Garten verirren. Ganz gleich, ob Nell kochte, aus dem Servierraum oder aus dem Dinnersaal zusah: Sie würde jede einzelne Minute genießen. Selbst die Geisterjagd.

 

Peters, wie er sich selbst während der Arbeit nannte – Freddie war er nur im Privaten und in den Erinnerungen an eine lang vergangene Kindheit –, ging ganz in seiner Aufgabe auf, die Neuankömmlinge am Haupteingang zu begrüßen. Als Butler hörte er nahezu alles und war stets ein Teil von allem, ohne involviert zu sein. Es fühlte sich an wie damals in der Armee, als er noch Offiziersbursche des verstorbenen Lord Noel Ansley oder besser gesagt Major Ansley war, wie seine Lordschaft zu Kriegszeiten hieß. Aufgrund seines Zeugnisses fürchtete Peters, nach dem Krieg nie wieder eine Anstellung zu bekommen, doch dank des armen Lord Noel war dem nicht so. Obgleich Peters wusste, dass er weder in Größe noch in Statur imponieren konnte, hatte er schnell gelernt, ein guter Butler zu sein und seinen Reiz daran gefunden. Auch wenn er nur einen einzigen Mann unter sich hatte; den jungen Jimmy, der ihm unter anderem mit den Wychbourne Platztellern half und sich um die Lichter kümmerte. Nur das Erdgeschoss, das noch immer mit Öllampen erleuchtet wurde, musste umsorgt werden, sonst gab es überall auf dem Anwesen elektrisches Licht. Fantastisch, solange der Generator nicht aussetzte.

Inzwischen war es bereits nach sechs und seit etwa einer Stunde kamen Gäste an. Manche der Wochenendgäste waren noch nicht eingetroffen und auch diejenigen, die lediglich zum Abendessen und zum Tanz kamen, ließen auf sich warten. Mit Freude dachte Peters an den Ball. Selbst in der Bedienstetenstube würde es Tanz geben, dort gab es auch ein Grammophon. Mrs Fielding – seine Florence – wäre anwesend und er stellte sie sich wie eine Königin vor in ihrem blauen Satinkleid. Voller Vorfreude malte er sich die Wärme ihres kräftigen Körpers aus, ganz dicht an seinem, während sie einen Walzer tanzten. Für sie gab es keinen dieser Ragtime-Hits, auch keine Rumbas oder Congas oder wie sie alle hießen, aber ein Tango konnte womöglich für etwas Stimmung sorgen. Auch die neue Chefköchin war eine Frohnatur, selbst wenn sie nicht so verschmust schien wie Florence. Außerdem hielt Peters grundsätzlich nichts von weiblichen Köchinnen. Frauen waren Küchenhilfen, ganz gleich wie besonders ihr Essen war.

Auf dem Vorhof kam Lady Warminsters Automobil zum Stehen. Sie machte sich nicht die Mühe, vor bis zu den Stallungen zu fahren, wo man die motorisierten Automobile eigentlich abstellte. Da war sie also.

„Guten Abend, Peters“, grüßte sie ihn mit einem breiten Lächeln, als sie in ihrem Cape aus Pelz auf ihn zukam und Robert, dem Diener des Hauses, die Schlüssel ihres Delage übergab. Obgleich sie nur für den Abend hier war, hatte sie sich nicht kostümiert, wie er bemerkte. Sicher dachte sie, dass sie mit ihren Diamanten und Saphiren modisch genug war.

Immerhin hatte sie ihn beim Namen genannt, dachte Peters. Manches änderte sich doch noch auf dieser Welt. Bedienstete wurden nicht mehr völlig übersehen, wenngleich der Bedienstetenflügel weiterhin für die meisten Familien, für die jene arbeiteten, unbekanntes Terrain blieb.

Als sie an ihm vorüberging, verbeugte er sich. „Lady Warminster“, grüßte er ehrerbietig. Nicht, dass er ihr Ehrerbietung darbrachte. In seinen Augen war sie ein äußerst arroganter Mensch. Ihr Ehemann war ein hohes Tier in der Armee in Persien gewesen, bevor man sie von dort verdrängt hatte, und beriet nun die RAF im anliegenden Mesopotamien. Woher der General seine Ehefrau kannte, darüber mochte Peters besser keine Nachforschungen anstellen. Stalisbrook Place am Tonbridge Way zählte nicht zu Wychbournes Pflaster.

Kurz darauf erschien Mr Rex Beringer in seinem Bentley Tourer – ein weiteres Automobil zum Dahinschmelzen. Und er war ein Gentleman ohnegleichen. Hat ein schwaches Herz, wie man sagte. Aus diesem Grund musterte man ihn damals aus und deshalb sah er bereits etwas gebrechlich aus. Doch er grüßte immer höflich. Wie man hörte, zeigte er Interesse an Lady Helen, obgleich ihre Augen auf jemand anderem ruhten.

„Soll ich zu den Stallungen vorfahren?“, fragte Mr Beringer.

„Es ist uns eine Freude, Sir. Robert wird das für Sie übernehmen und Ihr Gepäck hinaufbringen.“

Zehn Minuten später folgten zwei weitere Wochenendgäste. Charles Parkyn-Wright war ein Gentleman, der immer ein Lächeln auf den Lippen trug. Als alter Schulfreund von Lord Richard kam er schon seit Jahren nach Wychbourne Court. Nun stieg er aus seinem hispanisch-schweizerischen Sportmobil, um seiner Mitfahrerin zu helfen, der Honourable Elise Harlington. Auch sie trug ein modisches Cape in glitzerndem Silber. Doch es verbarg weder ihre große, schlanke Figur noch das schwarze Haar, die dunklen Augen, das schwarze Kostüm einer Ägypterin oder die glänzenden Juwelen um ihren Hals. Kleopatra würde die ganze Versammlung überwältigen.

Mr Parkyn-Wright war noch nicht umgezogen, doch zweifelsohne würde er das gestreifte Jackett aus Flanell alsbald gegen ein Kostüm oder zumindest Abendgarderobe austauschen. Er trug keinen Hut, wie Peters missbilligend feststellte, allerdings war dies ein neuer Trend unter der Jugend, den sie dem Prince of Wales zu verdanken hatten.

Die Honourable Elise schenkte Peters ein gütiges Lächeln, als sie lässig an ihm vorüberschritt. Sie war eine der wilden Sorte, hatte er gehört. In jedem Nachtclub Londons bekannt. Und Lord Richard hatte Augen nur für sie, wenngleich er nicht ihr Kaliber war. Nicht in Anwesenheit von Mr Parkyn-Wright. Dann signalisierte Peters Robert, der gerade von seiner letzten Aufgabe zurückkehrte, das Gepäck entgegenzunehmen.

In der Zwischenzeit sah Mr Parkyn-Wright zu Peters, als hätte er seinen besten Freund wiedergefunden. „Na, Peters, alles im Lot? Wie ich hörte, hatten Sie Probleme mit dem Bein.“

„Vielen Dank, Sir. Ich bin wieder genesen.“

„Wunderbar. Das Anwesen wäre nicht das Gleiche ohne Sie.“

Peters strahlte. „Haben Sie vielen Dank, Sir. Darf ich Ihnen sagen, dass es uns hoch erfreut, Sie erneut auf Wychbourne Court willkommen zu heißen.“

„Das dürfen Sie, alter Freund, das dürfen Sie. Ist ganz wie in den alten Tagen, nicht? Darüber können wir uns noch unterhalten während meines Aufenthalts“, sagte Charlie mit einem Grinsen, während er im Gefolge von Kleopatra weiterging.

Doch Peters Strahlen verschwand mit einem Mal. Was meinte Mr Parkyn-Wright bloß? Das hieß doch nicht etwa, dass er von der alten Geschichte gehört hatte?

Kapitel 2

Die letzte halbe Stunde vor dem Dinner war sicher die schlimmste, dachte Nell, doch gleichzeitig war es auch die aufregendste. Das ihr vertraute, sehr verrückte Alice-im-Wunderland-Wettrennen hatte bereits begonnen. Und heute Abend durfte es nur Gewinner geben. Die Gerichte waren auf dem Haupttisch angerichtet, umgeben von einer Reihe von Dienern, die im Halbkreis um den Tisch standen, bis sie reihum wie bei einer Prozession in den Korridor in Richtung Servierraum des Haupthauses verschwanden. Wenige Momente später erschienen sie wieder in der Küche, bereit für das nächste Gericht. Tatsächlich rannte keiner von ihnen, sie bewegten sich nur so schnell, als würden sie rennen.

Die armen Burschen. Viele von ihnen, die für diesen Tag angestellt wurden, waren sicherlich ehemalige Soldaten, die nun keine andere Arbeit fanden. Die Nachwirkungen des Krieges und die folgende Wirtschaftskrise trafen Menschen aller sozialen Klassen. Auf der Straße kaufte Nell nun Streichhölzer von Männern, die sie in früheren Jahren im Carlton dinieren gesehen hatte. Nun kaufte sie Güter von diesen Männern, die entweder körperlich oder seelisch ernstlich verletzt waren, oder von Männern, die vor dem Krieg Arbeiter oder Büroangestellte waren und nun keine Arbeit mehr fanden.

„Nehmen Sie das, Michel.“

Nell entdeckte ein kleines Gedeck Eier mit Ringelblumen verziert, das ihr nicht ganz gefiel. Auf dem Menü standen oeufs d‘or, da Lady Ansley unglücklicherweise entschieden hatte, es französisch zu halten. Doch auch das ein oder andere englische Gericht wie dieses schaffte es unter französischem Namen auf die Karte. Monsieur Escoffier hätte es sicher mit einem Nicken abgesegnet. Er war stets für Einfachheit, genau wie Nell. Dankbarerweise setzte sich diese Art des Kochens allmählich immer mehr durch. Es begeisterte sie, englische Rezepte samt all ihren Farben, Gerüchen und Geschmäckern zuzubereiten. Außerdem konnte sie auf diese Weise reichlich Gebrauch machen von Mr Fairwheathers Auswahl an Kräutern und Obst aus dem eigenen Garten, zusammen mit den Gewürzen, die die Briten einst zelebriert hatten und nach und nach wieder ihren Weg in die Küchen fanden. In der Bibliothek von Wychbourne Court hatte Nell einen wahren Schatz an Rezepten der Ansley-Familie entdeckt, die einige Jahrhunderte zurück reichten, doch heute Abend erwarteten Wychbournes Gäste französisches Essen. Mousses anstelle von Cremes, Frucht-Soufflés statt Fools und Whim-Whams.

Was Mrs Fielding jedoch nicht ausstehen konnte, war, aus alledem herausgelassen zu werden. „Also wenn Sie mich fragen, sehen diese Himbeeren nicht besonders reif aus“, sagte sie mit großer Zufriedenheit. Für einen kurzen Augenblick befürchtete Nell, dass sie recht hatte, doch im Gegenteil: Das Soufflé Helen war wunderbar ausgekühlt und das Himbeer-Püree strahlte rubinrot.

„Sie sind perfekt“, versicherte Nell ihr.

„Sagen Sie nachher nur nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt“, gab Mrs Fielding zum Besten. „Besser, Sie hätten meine eingelegten Himbeeren genommen.“

Sobald das Dinner begann, würde Nell mit den Lamm Noissettes starten. Die Pfannen standen auf ihrem zuverlässigen Golden Eagle bereit, genau wie die Butter. Bei ihm wusste sie, wo sie stand. Die neuen elektrischen Öfen waren hervorragend, insofern es einen nicht störte, dass das Essen entweder noch roh war oder anbrannte, da man die Hitze nicht regulieren konnte. Mrs Fielding hatte einen solchen bei sich stehen und auch Nell verfügte über einen Elektroofen hier in der Hauptküche, doch in puncto Zuverlässigkeit war ihr Golden Eagle unschlagbar.

Nicht mehr lange und der Gong erklang. Wenngleich sie ihn hier unten nicht hören konnten, wusste Nell, dass es gleich soweit sein musste, da Miss Checkam, die Kammerzofe von Lady Helen, bereits herunterkam, gefolgt von ihrem männlichen Pendent, Mr Briggs, dem Kammerdiener von Lord Ansley. Das bedeutete, dass die Ansleys sich bereits im großen Saal unter den Gästen befanden, wo Peters mit seinem Gehilfen Robert dafür sorgte, dass es stets genug Champagnercocktails, Juleps, Corpse Revivers und Horse‘s Necks gab. Sicher war es nicht einfach, den straffen Zeitplan des Dinners einzuhalten, da sich an diesem milden Juni-Abend gewiss einige der Gäste ihren Weg durch den Salon oder den Wintergarten in den Garten gebahnt hatten.

„Erzählen Sie uns von den größten Tragödien, Miss Checkam“, forderte Nell sie gutgelaunt auf. Denn ihr konnte man oftmals ein wenig vom neuesten Tratsch entlocken. Und insofern es den Arbeitsrhythmus nicht störte, war es durchaus vorteilhaft zu wissen, was sich oben hinter der grün gebeizten Tür zwischen dem Bedienstetenflügel und dem Haupthaus zutrug.

„Es ist auf alle Fälle etwas im Gange“, begann sie. „Miss Sophy hat irgendeinen Unfug im Sinn.“

„Vielleicht haben sie das alle“, scherzte Nell. „Diese Geisterjagd schreit doch geradezu nach Ärger. Sie sollten erst einmal die ganze Ausrüstung sehen, die Lady Clarice bereithält.“

Mrs Fielding schüttelte den Kopf. „Wie soll man auch nach Geistern jagen? Etwas Derartiges gibt es nicht.“

„Lady Clarice sagt, dass es in Wychbourne zahlreiche davon gibt“, widersprach Miss Checkam.

Auch Miss Checkam hatte den gleichen Rang wie Mrs Fielding, ebenso wie Mr Peters und Mr Briggs. Und auch sie hatte ihre Schwierigkeiten mit Mrs Fielding. Lediglich Mr Briggs hatte keinerlei Reibereien mit ihr oder sonst irgendwem. Er lächelte nur und lebte in seiner eigenen Welt, die nur aus seiner Arbeit für Lord Ansley, Essen, Schlafen und den regelmäßigen Spaziergängen zu den Eulen im Park bestand – „etwas im Krieg“, munkelte man.

„Sie hat nicht mehr alle Sinne beisammen“, erklärte Mrs Fielding.

„Ist nur ein wenig verwirrt“, erwiderte Nell mild, während sie zur Arbeitsfläche ging und ein paar Minzblätter pflückte, um damit die pommes de terre zu garnieren.

Doch Mrs Fieldings Augen kochten vor Wut. „Haben Sie jemals einen Geist gesehen?“

„Viel zu beschäftigt dafür“, antwortete Nell und ignorierte den höhnischen Tonfall. Stattdessen winkte sie Michel herbei und bat ihn, das Fleisch zu bringen.

„Aber ich“, sagte Kitty leise. „Ich habe den singenden Geist aus dem Korridor gehört, Calliope.“

„Auch ich bin schon einem begegnet“, sagte nun Mrs Squires. „Jeremiah, dem Dieb, der in den Kellerräumen spukt.“ Mrs Squires war eine stämmige Frau aus dem Dorf, die sich hingebungsvoll um ihr Gebäck kümmerte und sich nur selten an den Unterhaltungen beteiligte. Das untermalte die Glaubwürdigkeit ihrer Aussage über Jeremiah.

„Ist das der Mörder von–“, begann Michel.

„Nein“, unterbrach Nell ihn. „Das werde ich gleich sein, wenn du dich nicht aufmachst. Die Geister stehen erst um Mitternacht auf dem Plan. Aber das Dinner beginnt in fünf Minuten. Also, Fisch und Gemüse, alle miteinander!“

Nach einem Moment entsetzter Stille sprangen alle an ihre Arbeitsplätze. Eine knusprige Scheibe Artischocke fiel von einem Teller, die Sauce Normande, die zur Seezunge gehörte, – oder auch Sole de la Manche, wie sie heute Abend hieß – war verschwunden, aber schnell wiedergefunden und eilends in den Servierraum gebracht, und Trüffel, foie gras und pommes de terre, die als Beilage zum Lamm gehörten, sollten bereits längst nach oben gebracht worden sein, um in vornehmen Geschirr serviert zu werden.

„Nehmen wir mal an, Lady Clarice hat recht, Miss Drury“, flüsterte Kitty, als alle wieder bei Atem waren, „vielleicht treiben hier wirklich überall Geister ihr Unwesen?“

„Und wenn dem so wäre – das ist doch nur des Lebens Würze“, erwiderte Nell trocken. „Außerdem ist der Bedienstetenflügel bei der Geisterjagd außen vor.“

„Warum?“, hakte Michel nach. „Auch das hier sind inzwischen alte Gemäuer.“

„In die die damaligen Ansleys niemals einen Fuß gesetzt haben“, erklärte Nell. „Und unsere Geister verlassen die eigenen vier Wände nicht, zumindest nicht die aristokratischen Geister. Auf dem Land spuken üblicherweise Wegelagerer und dergleichen, aber nicht hier. Die Ansley-Geister halten sich im Warmen auf. Man munkelt, dass es sogar einen Geisterkoch gibt, der sich deshalb in den alten Küchengemäuern umhertreibt.“

„Sie haben uns auch einmal von einem Milchmädchen erzählt, aber die Milchkammer ist kühl.“

„Der Marquess jener Zeit war sehr auf Komfort bedacht“, improvisierte Nell, „und so lockte er die Milchmädchen über den Efeu nach oben, um sie zu verführen. Sie spukt daher nun in der Stiefelkammer.“

„Miss Drury“, begann Michel, nachdem er eine Weile über ihre Worte nachgedacht hatte, „Sie machen sich witzig über uns!“

„Nur ein wenig.“

Denn es war besser, darüber zu lachen. So konnte Nell die Geisterjagd aus ihren Gedanken verdrängen, die ihr später am Abend bevorstand.

 

Es war an der Zeit, im Servierraum nach dem Rechten zu sehen, bemerkte Nell. Die Lamm Noissettes waren bereit, zu ihrem schönsten Rosa-grau angebraten zu werden und auch mit dem Fisch und den hors doeuvres lief alles nach Plan genau wie mit dem Gemüse. Damit blieben noch die Salate, das Soufflé und zum Abschluss die Fruchtschalen. Wenn das erledigt wäre, wäre alles geschafft und Nell konnte sich zurücklehnen – bis auf die Geisterjagd. Zumindest hatte sie die Geisterliste erhalten, eine höfliche Geste von Jimmy.

Auf dem Weg zum Servierraum begegnete sie den Musikern, für die Mrs Squires ein Abendessen in der Bedienstetenstube angerichtet hatte. Nell stellte sich an die Seite, während sie hineingingen, doch dann erkannte sie, wer ihnen mit einem Klarinettenkasten in der Hand voran ging. Wie eine Flutwelle überwältigte sie der Schrecken. Und dann auch noch gerade heute Abend. Wieso hatte sie nicht einen Gedanken daran verschwendet, dass sie sich eines Tages wiedersehen würden? Schreck hin oder her, als sie seinen entgeisterten Blick entdeckte, musste sie beinahe lachen.

„Wir kennen uns“, sagte er und gewann allmählich etwas seiner eigentümlichen Gelassenheit zurück.

„Aus dem Carlton“, gab Nell ihm recht.

„Als ob ich das vergessen könnte“, erwiderte er mit einem Lächeln. „Ich muss weiter, Nell. Wir sprechen uns später.“

Wirklich?, dachte sie widerwillig.

Guy Ellimore hatte im Krieg als Offizier der Royal Flying Corps und schließlich der Royal Air Force gedient; man hatte ihn sogar mit einer Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet, doch nach Kriegsende war er aus der Armee ausgetreten. Vielleicht fand er keine Anstellung mehr als Offizier, doch Nell vermutete, dass es andere Gründe dafür gab. Einmal gestand er ihr, wie gern er sich frei im Land bewegte – und als Musiker war das gut möglich. „Musik und Tanz, das ist es, was mich am Leben hält“, sagte er immer. „Das, und stets in Bewegung zu bleiben.“

Nell verstand das gut, damals wie heute. Diese Rastlosigkeit in ihm kannte sie von sich selbst. Doch sie war inzwischen zur Ruhe gekommen, er nicht. Er würde immer und immer weiterreisen. „Das ist der Jazz in mir“, erklärte er ihr damals. Und doch kämpfte er noch immer gegen alte Kriegsschrecken. „Vor meinem Augen tanzen meine toten Freunde“, gestand er ihr in einem der seltenen Momente von Offenheit zwischen ihnen. Die Musik half ihm. Er erzählte ihr von einer Dixieland-Jazz-Band, die 1919 in Amerika groß geworden war. „Jazz ist dort der letzte Renner und hier wird es auch bald soweit sein. Man muss nicht einmal mehr Noten lesen können. Du spielst einfach nur. Das ist Freiheit, Nell.“

Freiheit. Darum ging es in den 1920ern. Nicht mehr um die immer gleiche Dichtkunst und Musik, die starren Regeln folgte, sondern um neue Denkweisen, neue Rhythmen für die neue Welt, genau wie in Edith Sitwell’s Gedichtband Façade. Um Spaß und das Unerwartete. Wenngleich es ihr damals schwer gefallen war, sich von Guy zu verabschieden, bereute sie es nicht. Sie hatte das Richtige getan. Ein Mann an ihrer Seite würde sie bloß davon abhalten, das zu tun, wofür sie geboren war. Eines Tages würde sie auch Wychbourne Court wieder verlassen und weiterziehen, vielleicht nach Paris, wo das Leben sich noch schneller zu drehen schien als in London. Und wie sollte das mit Mann und Kindern möglich sein?

„Ja, später“, sagte sie nun. „Ich leite eine der Gruppen bei der Geisterjagd, also erst im Anschluss.“

Guy grinste. „Gerade erst haben wir von dieser Geisterjagd gehört. Geister der Vergangenheit, Nell. Das werde ich mir auf keinen Fall entgehen lassen.“

***

Mit viel Mühe gelang es ihr, Guy aus ihren Gedanken zu verbannen und noch einmal alles im Servierraum zu überprüfen. Dann huschte sie hoch auf ihr Zimmer im Bedienstetenflügel und suchte etwas, das sie für die Geisterjagd anziehen konnte. Wenn es nach ihr ging, hätte sie Rot oder ein kräftiges Blau oder Rosa ausgewählt, doch das gefiel den Geistern (beziehungsweise ihrem Sprachrohr Lady Clarice) nicht, also entschied Nell sich für ein ärmelloses graues Kleid aus Voile und einen gleichfarbigen Unterrock. Das würde gehen. Die Strümpfe musste sie anbehalten, doch zum Glück wiesen sie heute noch keine Laufmasche auf. Um den Hals eine schwarze Perlenkette – nein, besser rote Perlen. Die passten gut zu ihrem hellbraunen Haar. Nun noch ein wenig Puder und Lippenstift und ja, so konnte sie sich sehen lassen.

„Na dann mal los, Geister, ich bin bereit“, erklärte sie, als sie vor dem Spiegel stand und das Kleid probeweise an sich hielt. (Wenngleich man Geister im Spiegel nicht sehen konnte, konnte sie wenigstens höflich zu ihnen sein, falls doch welche hier waren.)

Nachdem Nell die Kleider auf dem Bett ausgelegt hat, gab sie einen Seufzer der Erleichterung von sich. Nun konnte sie sich voll und ganz auf das Dinner konzentrieren. Und das würde sicher seine Probleme mit sich bringen. Denn bei der letzten Überprüfung des Speisesaals bemerkte Nell, dass Lady Ansley über die Tischordnung wohl in ihrer „Komm, wir amüsieren uns ein wenig“-Stimmung entschieden hatte. Äußerst ungewöhnlich, wenn man an die Fehde zwischen der Dowager Lady Ansley, die im Dower House lebte, und Mr Arthur Fontenoy dachte, der nur einen Steinwurf weit entfernt im Wychbourne Court Cottage lebte. Es herrschte absolute Funkstille zwischen ihnen, mehr noch, sie erkannten die gegenseitige Existenz nicht einmal an – und heute Abend sollten sie nebeneinander sitzen. Bei diesem Rezept war das Desaster vorherzusehen! Denn zusätzlich zu der Familie und den Nachbarn kam auch eine ganze Schar junger Menschen aus London, was eine ohnehin gewagte Mischung an Gästen darstellte. Fügte man nun noch eine Prise von Lady Clarice und ihren Geistern hinzu, waren Unannehmlichkeiten nicht mehr wegzudenken.

 

„Wir sollten jetzt essen, Gerald“, flüsterte Lady Ansley ihrem Gatten zu. Peters hatte bereits vor einigen Minuten gegongt, doch die Gesellschaft war derart verteilt, dass Gerald sie in den Speisesaal führen musste.

Los geht’s, machte Gertie sich selbst Mut. Die Vorstellung war eröffnet. Innerlich wechselte sie den Gesichtsausdruck von dem kurzen Ausflug in ihre Vergangenheit als Gaiety Girl zu ihrer gegenwärtigen Stellung als vornehme Gastgeberin. Inzwischen beherrschte sie diese Rolle wie keine andere, doch noch immer beschleunigte sich ihr Puls, sobald der Vorhang hochging und die nächste beeindruckende Abendgesellschaft in Wychbourne Court begann.

„Sicher doch, Liebling“, erwiderte Gerald, der achte Marquess Ansley und bot seiner Mutter, der Dowager Lady Ansley oder Lady Enid, wie sie genannt werden mochte, den Arm an. Gertrude hingegen hakte sich dekorativ bei dem Mann mit dem höchsten sozialen Stand ein, der an der Spitze dieser Prozession ging.

Wenngleich diese alten Regeln der Vergangenheit angehörten und die Welt sich rasant weiterentwickelte, schien Gerald dies nicht bemerkt zu haben. Und Gertrude liebte die alten Rituale, auch wenn ihr die vielen Entscheidungen, die man für derlei Veranstaltungen zu treffen hatte, Mühe machten. Nell – beziehungsweise Miss Drury, wie sie sie heute Abend nennen musste – war wie eine sichere Festung für sie. Dabei hatte Gertrude sie nicht von Anfang an gemocht. Zunächst hielt sie sie für eine viel zu bestimmte junge Frau. Dann aber stellte sie fest, dass sie eben dies besonders an ihr schätzte. Miss Drury war modern und tat genau das, was Gertie in ihrem Alter auch gern getan hätte – getan hatte, denn Schauspielerinnen waren in den 1890ern weit davon entfernt, in der Gesellschaft hoch angesehen zu sein. Auf diese Weise hatte sie auch Gerald kennengelernt, dem die Unterschiede ihres sozialen Stands nicht einmal aufzufallen schienen.

Nun ließ Gertrude gekonnt den Blick durch den Saal schweifen, während die einzelnen Gäste zu ihren Plätzen geführt wurden. Alles lief nach Plan, bis …

„Peters!“, zischte sie und winkte ihn eilig zu sich. Sie erstarrte beinahe vor Schreck, als sie sah, dass nun alle Frauen saßen.

Im nächsten Augenblick stand er neben ihr. „Ihre Ladyschaft?“

„Die Dowager – Lady Enid“, brachte sie den Namen kaum heraus. Wie um alles in der Welt konnte das geschehen sein? Wie konnte ihr solch ein Fehler unterlaufen sein? Ihre Schwiegermutter saß zu Geralds Rechten und sah in ihrem langen lilafarbenen Abendkleid nicht weniger königlich aus als Queen Mary. Doch kurz davor, seinen Platz neben ihr einzunehmen, war Mr Arthur Fontenoy, der verständlicherweise äußerst entgeistert dreinblickte. Für den Bruchteil einer Sekunde, in dem Peters treu auf eine Anweisung wartete, befürchtete Gertrude, dass das Undenkbare geschehen würde: Dass Lady Enid aufstand und langsam, aber würdevoll den Saal verließ.

Stattdessen entschied sich ihre Schwiegermutter für eine Kriegserklärung. Mit lauter Stimme, die durch den ganzen Saal schallte, sprach sie: „Guten Abend, Mr Fontenoy. In der Tat beginnt dieser Abend so gut, dass man nur allzu sehnsüchtig auf das ,Gute Nacht‘ hoffen kann.“

Während die meisten der vierzig Gäste wie gebannt darauf warteten, was als nächstes geschah, verbeugte sich Arthur. „Guten Abend, Lady Enid“, erwiderte er, nahm all seinen Mut zusammen und setzte sich neben sie.

Mit seinen über siebzig Jahren war er kein Gegenüber für ihre Schwiegermutter, dachte Gertrude mitfühlend. Die erste Runde hatte er bereits verloren.

„Was ist da geschehen?“, fauchte sie Peters im Flüsterton an, den seine für gewöhnlich unerschütterliche Kontrolle verlassen zu haben schien.

„Die Tischordnung – jemand muss sie verändert haben“, brabbelte er.

Gertrude glaubte ihm. Dann sah sie zu Sophy, die ebenso entsetzt dreinblickte. Das war sicher nicht ihr Werk. Vielmehr roch dieser Streich nach Richard oder Helen, womöglich sogar nach dem großen Charlie Parkyn-Wright. Auf der einen Seite war er ausgesprochen unterhaltsam und sehr geschätzt, doch auf der anderen Seite kannte man ihn auch für seine kleinen Scherze. Führte er noch mehr im Schilde?, fragte Gertrude sich.

Unberechenbar, die jungen Menschen von heute. Gertrude kam dieser Abend wie ein Bühnenauftritt vor – ein Auftritt, bei dem einer seinen Text vergaß oder über jemandes Unterrock stolperte. Vielleicht hätte sie es dem jungen Volk gleich tun und ebenso in Verkleidung auftreten sollen.

Ihre Kinder blieben ihr dennoch ein Rätsel. Kenneth, der zurzeit im Ausland postiert war, war derart steif und unnachgiebig – obgleich das wohl unumgänglich war mit einer Ehefrau wie Honoria. Und Richard, in diesem Soldatenkostüm aus dem achtzehnten Jahrhundert wirkte er völlig verquer, und das trotz seines guten Aussehens. Vielleicht war er auch bloß so niedergeschlagen wegen Elise? Kleopatra. Trugen diese Jugendlichen überhaupt noch Unterkleidung?, fragte sie sich, als sie Elise’ außerordentlich schlanke Figur betrachtete. Richard, der darauf bestanden hatte, unbedingt zu ihrer Linken Platz zu nehmen, sah nun alles andere als glücklich aus, während sie sich angeregt mit Charlie Parkyn-Wright zu ihrer Rechten unterhielt. Dieser hingegen wirkte vergnügt und sein Tutanchamun-Kostüm stand ihm gut.

Und dann war da noch Helen, die sich als Helena von Troja verkleidet hatte. Oh weh. Nicht, dass sie dieser Figur nicht gerecht wurde. Ihre blonde Schönheit hatte sie jedenfalls von Geralds Seite der Familie geerbt, nicht von ihrer. Aber auch Helen musste doch irgendein Ziel im Leben verfolgen, bloß welches? Ihre älteste Tochter war ihr das größte Rätsel. In einem Moment himmelhochjauchzend, im nächsten zu Tode betrübt. Irgendetwas stimmte doch nicht mit ihr, aber was?

Und Sophy stellte gleich das nächste Problem dar. Vielleicht hatte sie recht gehabt, das Kleid stand ihr nicht besonders. Dieser Abend war sicher eine Tortur für sie, obgleich sie im Moment recht glücklich schien. Ihre Begleitung für das Dinner kannte Gertrude nicht – ein Hugh Beaumont. Er war nicht kostümiert und sah alles andere als zufrieden aus. Aber wenigstens schien Sophy heiter zu sein.

Alle anderen Gäste sahen tatsächlich auch so aus, selbst ihre Schwiegermutter, die wohl über ihren kleinen Sieg jubilierte. Nein, es waren doch nicht alle gut gelaunt, bemerkte Gertrude nun. Lady Warminster machte ein finsteres Gesicht. Sie warf jemand anderem am Tisch einen überaus genervten Blick zu.

Nichtsdestoweniger spürte Gertrude, wie sie sich nach und nach entspannte. Sobald sie das ausgezeichnete Bankett eröffneten, wären sicher alle guter Dinge. Wie sollte es auch anders kommen?

 

„Unglaublich!“, gab Nell lachend von sich.

Der Vorfall zwischen der Dowager Lady Enid und Mr Fontenoy hatte dank Diener Robert alsbald auch die Bediensteten in der Küche erreicht. Doch den speziell für diesen Abend Angestellten war das eigentliche Drama dahinter entgangen. Für Erklärungen blieb, während das Dinner in vollem Gange war, keine Zeit. Nun aber, wo die Servierteller und das meiste andere Geschirr bereits wieder in der Spülküche waren und der Gasboiler sein Bestes gab, genügend heißes Wasser bereitzustellen, konnte Nell wieder durchatmen. Preist den Herrn, dass das Silbergeschirr und die Gläser weiterhin in den Aufgabenbereich der Butlerküche fielen. Abgesehen von den paar Himbeeren, die Nell fehlten, um das Soufflé nach ihren Wünschen zu garnieren, war alles einwandfrei gelaufen.

Die meisten der Diener akzeptierten einfach, dass Lady Enid Mr Fontenoy nicht ausstehen konnte, doch Nell kannte von Lady Ansley die ganze amüsante Geschichte. Denn manchmal sehnte sich Ihre Ladyschaft nach einer Schulter, an der sie sich ausweinen oder jemandem, mit dem sie herzlich lachen konnte, und dafür stand Nell ihr gern zur Verfügung. Sie mochte Lady Ansley. Denn, trotz all der Mrs Fieldings und Lady Dowagers dieser Welt, wurde die Trennwand zwischen der Familie und den Bediensteten immer poröser und wies an der ein oder anderen Stelle bereits kleine Risse auf, die als Portale fungierten. Diese wiederum ließen es beispielsweise zu, dass Nell von dem Grund für das Zerwürfnis zwischen Gertrudes Schwiegermutter und dem armen Mr Fontenoy erfuhr.

„Ich fürchte, dass diese schreckliche Fehde allein auf den verstorbenen Vater meines Mannes zurückgeht, Hugo, den siebten Marquess“, lamentierte Lady Ansley. „Wie er das anstellte? Nun, in seinem letzten Willen nannte er nicht nur seine Frau, sondern auch seinen Freund, mit dem er über viele Jahre sehr eng befreundet war“, wie sie nachdrücklich betonte.

Nell verstand das Problem sogleich. Das Wort „Freund“ wollte selbst die tolerante Lady Ansley in diesem Zusammenhang nicht weiter definieren.

„Also können sich Lady Enid und Mr Fontenoy nicht ausstehen, weil sie sich als Rivalen betrachten?“

„Es ist noch viel schlimmer als das“, fuhr sie fort. „Das direkte Erbe, das an die beiden ging, war recht klein. Der größte Teil jedoch gilt demjenigen der beiden, der den oder die andere überlebt. Und unglücklicherweise ist mein Schwiegervater bereits sehr jung gestorben, im Alter von neunundvierzig Jahren.“

Da musste Nell lachen. „Ein alter Spaßvogel, wie es scheint?“

„Ich fürchte ja“, mutmaßte Lady Ansley. „Ich habe ihn leider nie kennengelernt. Als Gerald und ich uns zum ersten Mal getroffen haben, hatte er gerade seinen Titel übernommen. Aber ich denke, ich wäre gut mit meinem Schwiegervater ausgekommen. Vielleicht besser als mit …“, sagte sie und sprach nicht weiter. Doch bereits der Satzanfang amüsierte Nell köstlich. Und bewies, dass Lady Ansley ihre Schwierigkeiten hatte mit der Dowager Lady Enid und vermutlich auch darunter litt, dass sie und Mr Fontenoy derart verfeindet waren, dass sie nicht nur nicht miteinander sprachen, sondern die Anwesenheit des anderen schlicht verleugneten. Damit war dieses Dinner heute Abend in der Tat zu einem Schlachtfeld geworden, doch sie fragte sich, ob es nicht vielleicht mit einem Friedensschluss oder zumindest einer Waffenruhe enden konnte.

Bis zum späten Abendessen gab es nur noch sehr wenig für Nell zu tun. Zwar hatte sie die Zubereitung des Kalten Buffets überwacht, doch alles Weitere lag nun bei Kitty und Michel, bis sie es kurz vor Ende noch einmal absegnete. Auch Mr Peters wusste sich gern eingebunden in derlei Dinge, da das Buffet nicht im Speisesaal, sondern im Dinnersaal serviert wurde, gleich neben dem Ballsaal.

Es war also soweit, dass Nell sich für den zweiten Teil des Abends umkleidete, dachte sie dankbar. Danach konnte sie sich vielleicht für einen Moment den anderen Bediensteten beim Tanzen anschließen – doch erst, wenn sichergestellt war, dass die Musiker bereits im Tanzsaal waren. Noch war sie nicht bereit, Guy Ellimore erneut zu begegnen.

 

Sophy ärgerte sich über sich selbst. Hier lag sie nun in den Armen ihres Partners, tanzte einen Foxtrott zu „Toot, Toot, Tootsie“ und sollte hoch erfreut darüber sein, selbst wenn sie in diesem Aufzug aussah wie Koko, der Clown. Doch stattdessen tat ihr das Malheur bei der Veränderung der Tischordnung leid, das dazu geführt hatte, dass ihre Großmutter neben ihrem Erzfeind saß. Aber immerhin war es Sophy dadurch gelungen, Hugh Beaumont weit weg von Lady Warminster zu platzieren.

Insgesamt ging ihr Plan glänzend auf (bis auf diesen kleinen Fehler) und niemand wunderte sich, wer ,Hugh Beaumont‘ eigentlich war. Damit bestätigte sich, was all diese Regeln für eine Farce waren. In dem Frack sah ,Hugh‘ sehr adrett aus und passte hervorragend in die Runde, wenngleich er selbst sich unbeschreiblich große Sorgen machte. Nun, es war durchaus ein Ärgernis, dass Lady Warminster anwesend war und Sophy den Namen Ihrer Ladyschaft erst im letzten Augenblick auf der Gästeliste entdeckt hatte. Während des Dinners sah sie alles andere als vergnügt aus und ,Hugh‘ ging davon aus, dass sie ihn erkannt hatte. Letztlich hatte sie aber kein Wort darüber verloren, also schien alles in Ordnung, dachte Sophy. Gern wollte sie nun den Tanz genießen, allerdings ließ ,Hughs‘ regelmäßiges Kopfdrehen dies nicht zu.

„Was beunruhigt dich, Hugh?“, fragte sie, als seine Armbewegungen nicht mehr zum Takt der Musik passten.

„Ich sollte nicht hier sein, Lady Sophy“, flüsterte er ihr leise ins Ohr. „Sie hat gar nicht erwähnt, dass sie kommen würde.“

„Nur Sophy“, erwiderte sie schnell. „Schon vergessen?“

Als er sich weiterhin wie auf der Flucht nach allen Seiten umsah, kam Sophy schließlich ein Gedanke. „Komm, wir gehen in den Garten“, sagte sie. „Dort wirst du sie nicht sehen.“ Das würde sicher ein Vergnügen. Vielleicht küsste er sie sogar. Nicht, dass sie darauf aus wäre, doch es wäre gewiss eine interessante Erfahrung.

,Hugh‘ entspannte sich.

„Kurz vor der Geisterjagd müssen wir aber zurück sein“, fügte Sophy streng hinzu.

 

Auch Helen Ansley war verärgert. Schön und gut, als Helena von Troja verkleidet zu sein, doch selbst in diesem Kostüm schien sie am heutigen Abend keine besondere Anziehungskraft zu haben, zumindest was die männlichen Partner anbelangte. Und das hatte sie alles der prächtigen Elise zu verdanken, die als Kleopatra alle Mark Anthonys dieses Abends anzulocken schien. Allen voran Charlie. Ihr Begleiter Rex Beringer schlug sich nicht schlecht, allerdings war er vergleichsweise glanzlos. Er tanzte gut, sah gut aus und benahm sich gut, und doch mangelte es ihm an Leidenschaft. Ganz im Gegenteil zu Charlie.

Wieder und wieder verrenkte Helen sich den Nacken, um nach ihm Ausschau zu halten – gewiss, Arm in Arm mit Elise. Sein Tutanchamun-Kostüm stand ihm hervorragend, wenngleich sein Kopfschmuck etwas merkwürdig aussah. Elise hingegen sah aus wie eine Dirne. Wann bin ich endlich an der Reihe?, dachte Helen ungeduldig. Sie war die Nächste für Charlies Tanz.

„Liebste“, protestierte Rex leise, „sieh mir nicht ständig über die Schulter.“

Helen nahm sich zusammen. „Liebling, was denkst du dir da aus?“

„Es geht um Charlie, nicht?“, sagte er ganz ungerührt. „Er ist es, dem du nachstarrst.“

„Humbug. Warum sollte ich auch?“, erwiderte sie mit aller Zuneigung, die sie für ihn aufbringen konnte.

„Vielleicht, weil er bereits den ganzen Abend mit Elise tanzt“, antwortete er in einem für ihn recht scharfen Tonfall.

Das musste aufhören. Helen bemerkte, wie sie bereits zu zittern begann. „Und das, liebster Rex, liegt nur daran, weil ich mit dir tanze – was obendrein viel amüsanter ist als mit Charlie“, versicherte sie ihm und schaffte es sogar, zu lachen.

Doch Rex erwiderte ihr Lachen nicht. „Da wäre ich mir nicht so sicher, Helen. Er war kürzlich auch im Mrs Meyrick’s Forty-Three Club mit ihr.“

Das Zittern verschlimmerte sich. Unbedingt musste sie heute noch mit Charlie tanzen, unbedingt. „Er war doch bloß mit ihr dort, weil ich nicht in London war. Warum denkst du denn, dass er dieses Wochenende hier ist? Außerdem ist mein Bruder Richard an Elise interessiert, da würde Charlie niemals dazwischenfunken.“

„Auch dabei wäre ich mir nicht allzu sicher.“

Und das war Helen auch nicht. Denn sie wusste genau, warum Charlie hier war. Charlie und Elise. Und viele andere. Sie hielten es nicht länger aus ohne Charlie und seinen Tanz. Also hatte er ihnen versprochen, sich während oder nach der Geisterjagd um sie zu kümmern. Natürlich nach dem Streich für Tante Clarice.

 

Als die Musiker „It Had To Be You” spielten, gelang es Richard schließlich, Elise für einen Tanz zu gewinnen. Charlie hatte er in die Bibliothek geschickt, um noch einmal zu überprüfen, ob das Du-weißt-schon-was stimmte. Mit etwas Glück war er erst zur Geisterjagd zurück, wenn der Tanz bereits vorüber war. Und dann wäre Charlie wie vereinbart anderweitig beschäftigt.

„Kleopatra und ein Soldat aus dem achtzehnten Jahrhundert – was für eine Mischung, nicht?“, scherzte Richard. Wenngleich er ein guter Tänzer war, war Elise noch besser und durchaus fähig, ihre Partner für ihre Fehler bloßzustellen. „Der siebte Himmel“, schob er nach.

„Wie schön, dass du das so siehst, Liebster“, erwiderte Elise automatisch. „Noch länger hätte ich es mit Charlie auch nicht ausgehalten. Er ist genauso ermüdend wie die Musik. Frag doch mal nach einem Charleston, Liebling.“

Wenngleich es Richard erfreute, dass Charlie sich wohl nicht von seiner besten Seite gezeigt hatte, war er etwas verdutzt. Richard hatte zwar von diesem Tanz gehört, der nun auch in England ankam und angeblich den Jazz ersetzen sollte, doch bisher konnte er noch nicht darauf tanzen. Und dann noch diese Scherze über Charlies Tanz, die er ebenso wenig verstand. Er hatte sehr viel mit Elise getanzt.

Vergeblich versuchte er, ihn zu umgehen. „Das werden die Musiker sicher nicht kennen. Wie wäre es mit einem King Porter Stomp oder dem Black Bottom?“

„Du steckst wirklich noch in der alten Zeit fest, mein Süßer“, seufzte sie. „Ihr armen Landeier. Charleston ist die Musik schlechthin.“

„Nun, nichts kann besser sein, als mit dir zu tanzen.“

Doch Elise lachte nur. „Ach, mein lieber Richard, und als nächstes bittest du mich um den Kuchentanz.“

Darauf reagierte Richard nicht. Es gefiel ihm nicht, ihr lieber Irgendetwas zu sein. Er wollte der Unschlagbare sein, jemand wie Rudolph Valentino – oder wie Charlie, wenn man so wollte – jemand, der sie große Augen machen ließ. Doch das war gar nicht einfach. Wenn sie erst einmal verheiratet wären, wäre alles anders. Zumindest stünde Charlie ihm dann nicht länger im Weg.

Elise löste sich von ihm und rannte zu den Musikern auf die Bühne. Dort sprach sie kurz mit dem Kopf der Gruppe und wandte sich erneut und voll Freude wieder an Richard. „Und ob sie Charleston spielen können!“, rief sie triumphierend. „Komm, amüsieren wir uns!“

Wenngleich Richard sich große Mühe gab, hatte er nicht den blassesten Schimmer von der Schrittfolge. Und so dauerte es nicht lange, bis die wunderbare, schöne, sinnliche Elise allein tanzte. Die Enden ihres Kleopatra-Rocks hochhaltend und die Überkniestrümpfe zur Schau gestellt, streckte sie die Beine in alle Richtungen weg und nichts und niemand konnte ihr Einhalt gebieten. Richard war von ihren wild umherschwingenden Armen und Beinen ganz in ihren Bann gezogen. Im Dunkel der Geisterjagd konnte er sie sicher küssen – denn Charlie wäre wo anders. Und sobald sie gleich wieder an ihm vorbeiwirbelte, würde er sie zu sich ziehen und gekonnt in eine Umdrehung führen.

Doch just in diesem Moment tauchte Charlie auf. „Habe das Du-weißt-schon-was überprüft und es ist noch Zeit, für einen letzten Tanz. Du hast doch sicher nichts dagegen, alter Knabe, wenn ich mir Kleopatra kurz dafür ausborge?“

Und ob Richard etwas dagegen hatte, sehr viel sogar. Doch schlimmer noch war, dass Elise sich nicht wehrte.

 

Nun gab es kein Zurück mehr, gab Nell sich geschlagen. Es war elf Uhr fünfundvierzig und sie musste ihrer Aufgabe bei der Geisterjagd nachkommen. Nach eingehendem Geisterstudium war sie bestmöglich vorbereitet. Als sie schließlich im großen Saal ankam, stand Peters bereits an seinem Posten. Wie er entschieden hatte, war dieser in der Nähe einer Tür bei der Ecke des Korridors, der das große Treppenhaus mit dem Frühstückssalon verband. Ein guter Ort, um alles im Auge zu behalten. Im großen Saal herrschte viel Trubel. Lady Clarice, Lord Richard, Lady Helen und Lady Sophie waren damit beschäftigt, die Ausrüstung an die Teilnehmer auszuteilen, die sich bereits zur Geisterjagd versammelt hatten. Der Phonograph war an Ort und Stelle und auch die Kameras samt Zubehör standen bereit, um Bilder von den Geistern im großen Saal festzuhalten.

Dankbar nahm Nell wahr, dass bloß wenige der Gäste sich für die Geisterjagd entschieden hatten. Die anderen schienen clever genug, Gespräche im Ballsaal oder Spaziergänge durch die Gärten zu bevorzugen, in Begleitung von Champagner anstelle von Geistern. Immerhin waren der Ballsaal sowie die zwei neuen Flügel von Wychbourne Court vollständig beleuchtet. Möge der Tag bald kommen, indem eine bessere Stromversorgung dies auf dem ganzen Anwesen erlaubte. Doch bis dahin gaben in großen Teilen des Haupthauses die treuen Öllampen ihr Bestes. Wegen der Geisterjagd wurden diese auf kleinster Stufe gehalten und das elektrische Licht völlig ausgeschaltet. Der Weg lag größtenteils im Zwielicht, nur durch ihre kleinen Laternen erleuchtet. Nells Meinung nach stellten die Geister viel zu viele Bedingungen, um sich zu zeigen.

„Insgesamt werden wir zwanzig sein“, erklärte Lady Clarice mit vor Begeisterung strahlenden Augen. Aus irgendeinem Grund trug sie einen Militärhelm, obgleich sie sonst nicht verkleidet war. Nahm sie etwa an, dass die Geister ihr auf den Kopf schlagen würden?, fragte sich Nell und spürte, wie ihre Zuneigung für Lady Clarice wuchs. „Ich werde die erste Gruppe anführen und Miss Drury die zweite“, fuhr sie fort. „Haben alle ihre Wegbeschreibungen?“

Wie es schien, waren alle damit ausgestattet, doch welchen Nutzen brachten sie im Halbdunkel? Nell führte ihre Gruppe durch den Westflügel – mit Ausnahme vom Ballsaal und dem Dinnersaal – und kehrte über die Bibliothek zum großen Saal zurück, wo sie auf Lady Clarice’ Gruppe treffen würden, die von der Jagd durch das Haupthaus zurückkämen. An diesem Punkt warteten sie aufeinander und anschließend ging Nell – wie anfangs Lady Clarice – durch den großen Saal zur Kapellengalerie, wo sich insgesamt fünf Geister aufhielten.

„Im östlichen Bedienstetenflügel werden wir nicht jagen“, erklärte Lady Clarice. Vermutlich, da kein anständiger Geist sich derart herabwürdigen würde, um dort umher zu spuken, nahm Nell an. Selbst der Geisterkoch stammte aus der Zeit vor dem Ostflügel. „Um zwölf Uhr dreißig tauschen sich die zwei Gruppen hier im großen Saal aus“, fuhr Lady Clarice fort, „um unsere Geister nicht zu verschrecken. Seien Sie freundlich mit ihnen, bitte. Alles, wonach sie sich sehnen, ist, gehört zu werden. Gerechtigkeit!“, rief sie zum Schluss aus.

„Und was, wenn wir wirklich einen Geist sehen?“, fragte Elise wenig interessiert. „Fordern wir ihn zum Tanz auf?“

Mit einem grimmigen Blick nagelte Lady Clarice sie an Ort und Stelle fest. „Seien Sie einfach freundlich zu ihm, das ist alles. Hören Sie ihm zu, wenn er ihnen etwas mitzuteilen hat.“

„Über das Radio?“, scherzte Elise.

„Natürlich nicht, Sie nehmen es mit dem Phonographen auf.“

Sieg für Lady Clarice, dachte Nell erfreut. Auch sie hatte ihre Ausrüstung von Lady Sophy erhalten, erschrak nun aber. Wem war eigentlich die Aufgabe übertragen worden, Geister im großen Saal zu fotografieren? Niemandem, soweit sie wusste. Doch jetzt war es zu spät dafür. Und, nun ja, wenn es dort Geister gäbe, warteten sie sicher nicht darauf, fotografiert zu werden.

Los geht’s, dachte sie, und nahm all ihren Mut zusammen. Mit der dürftigen Laterne in der Hand führte sie die Gruppe ins Haupttreppenhaus. In Lady Clarice’ Gruppe waren Lord Richard, Lady Helen, Lady Sophy, Miss Harlington, Mr Beringer, Lady Warminster und einige weitere bekannte Gesichter, wohingegen Nell in ihrer Gruppe niemanden kannte. Bloß Mr Fontenoy hatte angekündigt, etwas später zu ihnen dazu zustoßen.

Zum Glück befand sich Lady Enid in keiner der beiden Gruppen. Lady Sophy hatte Nell erzählt, dass ihre Großmutter den Salon nach dem Kaffee verlassen hatte – doch nicht ohne einen zweiten unerwarteten Kommentar ihrem Erzfeind gegenüber. Dieses Mal eine scharfsinnige Anspielung auf den Stein des Anstoßes zwischen ihnen.

„Seien Sie unbesorgt, Mr Fontenoy, ich werde Sie nicht auf diese Erkundungstour begleiten. Ich habe nicht im Sinn, bald schon ein Geist zu werden.“

Im Halbdunkel war nichts mehr wie zuvor: Das Vertraute verschwand und die Vorstellungskraft übernahm das Steuer. Unfug, beruhigte Nell sich selbst. Doch auch ihren Gefährten schien es so zu gehen, denn von Gelächter und Geschäker war keine Spur, als sie die neue Kapelle im ersten Stock des Westflügels erreicht hatten. Calliope war eine Geistersängerin, die in diesem Teil des Anwesens hausierte. Auch Adelaide, eine viktorianische Frau, ließ sich hier (Lady Clarice’ Notizen zufolge) von Zeit zu Zeit blicken, genau wie der einstige Butler, der einen Marquess aus dem achtzehnten Jahrhundert verärgert hatte, sodass sein Leben auf der Flucht ein unschönes Ende genommen hatte. Er war laut Lady Clarice manchmal an seiner Todesstelle anzutreffen, manchmal aber auch im großen Saal, wo er wie früher versuchte, Getränke zu servieren und Gäste an der Tür willkommen zu heißen.

Doch an diesem Abend war nichts dergleichen zu spüren – kein Ton, keine besondere Stimmung. Lediglich ein unstetes Atemgeräusch war zu hören, als wäre die vorhergehende Leichtigkeit einem Gefühl von Unbehagen gewichen. Nell gab sich Mühe, die Gruppe mit Lady Clarice’ Geschichten zu den einzelnen Geistern aufzuheitern, wenngleich sie wusste, dass jeder hervorgerufene Lacher die Geister womöglich verschreckte. Vielleicht hätten sie in der ursprünglichen Kapelle im Haupthaus mehr Glück, obgleich es die inzwischen nicht mehr gab. Auch auf dem Rückweg zum großen Saal waren weder im Frühstückssalon noch im Billardzimmer Geister aufzuspüren gewesen. In der Bibliothek, die zu einem großen Teil abgehangen war, hatten sie ebenso wenig Erfolg. Für diese Niederlage fühlte Nell sich geradezu verantwortlich, denn Lady Clarice wäre sicher enttäuscht.

Doch das Gegenteil war der Fall. Lady Clarice konnte Nells geisterlosen Bericht kaum abwarten, um ihr von den eigenen aufregenden Neuigkeiten zu berichten.

„Man spürt ihre Präsenz ganz deutlich. Wir haben ein Stöhnen gehört, gleich hier im großen Saal. Nur kurz nachdem Sie aufgebrochen sind. Ich vermute, es kommt aus der Kapellengalerie, was unweigerlich auf Sir Thomas hinweist, der fälschlicherweise von diesem trügerischen Minnesänger ermordet wurde. Leider war der Phonograph noch nicht eingeschaltet, sodass wir diesen bedeutungsvollen Moment nicht aufnehmen konnten. Nichtsdestotrotz haben wir es alle gehört. Was für ein Glück! Wenn Sie nur ähnlich reich gesegnet werden, ist das eine großartige Nacht, wahrlich, eine großartige Nacht!“

Lady Clarice rief ihre Gruppe zusammen und in großer Vorfreude, was sie nun erwartete, brachen sie auf. Nell hatte den Eindruck, dass sie nicht mehr so Viele waren wie zu Beginn, und nachdem sie die drei Ansleys sah, die sich sehr bemühten, nicht zu kichern, wunderte sie sich, ob es wohl Deserteure gegeben hatte. Wer konnte es ihnen übel nehmen? Ihre eigene Gruppe hingegen war weiterhin vollzählig – und das ganz ohne Stöhnen. Auch Mr Fontenoy begleitete sie nun.

Nells Meinung nach bot der beinahe völlig dunkle große Saal bereits ohne geisterhaftes Zutun genug Atmosphäre. Schnell gab sie ihren Teilnehmern eine Einführung zu den dort spukenden Geistern und dachte dabei sehnsüchtig an ihre Küche, wo die Überreste des Banketts und eine Tasse heiße Schokolade auf sie warteten. Und anschließend natürlich ihr einladendes Bett. Doch noch nicht jetzt. Zuerst musste sie sich für den nächsten Teil der Geisterjagd wappnen.

„Abmarsch, Truppen“, ermutigte sie die anderen. „Die Treppen hoch und zur Kapellengalerie. Mit etwas Glück taucht vielleicht der mittelalterliche Minnesänger auf, der Ihrer Ladyschaft im zwölften Jahrhundert immer ein Gute-Nacht-Ständchen geträllert hat, und singt auch uns etwas vor.“ Dieser Kommentar führte zu allgemeinem Schmunzeln, doch die joie de vivre schien für heute Abend verloren gegangen. Im nächsten Moment sprang Nell auf, als sie spürte, wie sie jemand am Arm berührte. Ein Geist? Nein, Guy. Ausgerechnet er.

„Diese Tour, liebe Nell, ist lächerlich“, flüsterte er.

Aus welchem Loch kam er denn nun hervorgekrochen? „Natürlich ist sie das“, entgegnete sie verteidigend. „Aber das sind die 1920er. Wir dürfen lächerlich sein. Und was machst du hier überhaupt?“

„Ich bin gekommen, um dich vor den Geistern zu bewahren. Gibt es welche?“

„Die andere Gruppe hat schon den einen oder anderen stöhnen hören.“

„Das meinst du nicht ernst, oder?“

„Das ist, was Lady Clarice mir erzählt hat.“

„In diesem Fall sollte ich dicht hinter dir bleiben und du kannst mich beschützen.“

Erst einmal zuvor war Nell im Kapellengang gewesen, doch sie erinnerte sich daran, wie sie bereits damals jeden Minnesänger (oder seinen Geist) bemitleidet hatte, der hier lebte. Die schmale Wendeltreppe zur Galerie befand sich direkt hinter der offenen Tür, wo Mr Peters stand, und der Korridor vom Treppenhaus lag am gegenüberliegenden Ende der Galerie, das auch über eine zweite Wendeltreppe erreicht werden konnte. Auf der Galerie selbst war es wegen einer halb vertäfelten, halb vergitterten Trennwand, die sich über die ganze Länge erstreckte, recht eng. Der Teil dahinter war besonders schmal, der Gang davor ein klein wenig breiter und ermöglichte den Blick über den großen Saal. Nichtsdestotrotz war es bloß ein schmaler Weg und Nell sowie ihre treue Gruppe drängten sich langsam hintereinander hindurch.

Sie roch das alte Holz, das der Galerie eine unheimliche Stimmung verlieh. Es war fast so, als konnte man das Lied eines alten Minnesängers hören, wenn man nur genau genug hinhorchte. Dem Holzgeruch mischte sich allerdings noch ein anderer unter – der eines Geistes? Wenngleich sie kein Stöhnen oder Jaulen hörte, freute Nell sich darauf, bald wieder unten anzukommen. Womöglich war Sir Thomas doch unter ihnen …

Langsam schwenkte sie die Laterne vor sich, nur für den Fall der Fälle, und tatsächlich sah sie nun etwas, das sie nicht klar erkennen konnte.

Etwas, das unter der Haupttür der Trennwand heraussickerte.

Was zum frittierten Fischfilet war das? Hinter dieser Wand gab es nichts als einen schmalen Gang. Ohne darüber nachzudenken, griff Nell nach dem Türknauf und sogleich flog ihr die Tür entgegen – doch nicht, weil sie daran gezogen hatte, sondern wegen eines Gegengewichts auf der anderen Seite.

Etwas fiel zu Boden und lag in Nichts als ein wenig Stoff gehüllt noch halb in der Tür. Vor Schreck sprang Nell einen Schritt zurück, als das fahle Licht sie erkennen ließ, was es war. Ein Körper, in einer Verkleidung. Lebendig? Oder tot?

Instinktiv kniete Nell nieder, um es herauszufinden und um sich zu vergewissern, dass ihre Vorstellungskraft ihr keinen Streich spielte. Doch so war es nicht. Vor ihr lag ein regloser Körper und an ihrer Hand klebte Blut. Mit schwingender Laterne kam sie näher, um das Gesicht zu sehen und erstarrte vor Schreck.

Es war Charles Parkyn-Wright.