Leseprobe Ein königliches Geheimnis

Kapitel 1

London

15. Januar 1933

Wetterbericht: Regenschauer, später Schneeregen. Ausblick: deprimierend.

Die Riviera hatte noch nie einladender ausgesehen. Die Sonne glitzerte auf dem tiefblauen Meer. Elegante Paare flanierten auf der Promenade des Anglais unter Palmen. Über allem lag der Duft von Mimosenblüten und eine Möwe glitt träge durch die Lüfte … Ich seufzte zufrieden.

„He da, pass auf, Kleine. Du verschüttest überall Suppe.“ Die verdrießliche Stimme riss mich ruckartig wieder in die Gegenwart. Ich zwang mich, meinen Blick von dem Plakat an der Wand loszureißen und ihn wieder dem zuzuwenden, was vor mir lag. Eine lange, graue Schlange schäbig gekleideter Männer, eingemummt zum Schutz gegen die bittere Kälte, wand sich durch die Victoria Station. Sie umklammerten Tassen oder Schüsseln und warteten geduldig mit gesenktem Blick oder starrten wie ich in eine Welt, die niemand sonst sehen konnte. Ich half gerade in der Suppenküche des Bahnhofs aus. Es war ein kalter, trostloser Januartag und ich fühlte mich genauso elend und durchgefroren wie die armen Schlucker, die an mir vorbeischlurften.

„Oh, du meine Güte. Tut mir leid“, murmelte ich, als ich die Suppenspur bemerkte, die auf die Wachstischdecke getropft war. „Ich habe nicht aufgepasst.“

„Schon in Ordnung, Schätzchen. Es ist sicher nicht besonders spaßig den ganzen Tag Suppe auszuteilen, nicht für eine junge Lady wie Sie.“

„Oh, das macht mir nichts aus“, sagte ich. „Nehmen Sie sich von dem Brot.“

„Herzlichen Dank, Miss.“ Halb nickte der Mann, halb verbeugte er sich. „Sie sind wirklich eine vornehme Lady.“

Damit hatte er natürlich recht. Ich bin wirklich eine vornehme Lady – genauer gesagt Lady Victoria Georgiana Charlotte Eugenie, Tochter des zweiten Duke von Glenn Garry und Rannoch, die Vierunddreißigste in der englischen Thronfolge – und ich half aus mehreren Gründen in der Suppenküche aus: Der erste war, wenig überraschend, dass ich keine richtige Anstellung finden konnte. Man hatte mir beigebracht zu knicksen, ohne hinzufallen (meistens), ich wusste, ob ein Bischof Vorrang vor einem Duke hatte (es kam darauf an, ob es ein Erzbischof oder ein königlicher Duke war), und mit welcher Gabel man Austern aß (Fangfrage: Austern schlürfte man direkt aus der Schale). Ich hatte nichts Nützliches wie Tippen oder Buchhaltung oder wenigstens Kochen gelernt. Außerdem hielt eine grässliche Wirtschaftskrise die Welt in Atem und selbst hochgebildete Leute konnten keine Arbeit finden.

Der zweite Grund, warum ich in der Suppenküche arbeitete, war, dass Ihre Majestät, die Königin, in dieser traurigen Zeit ehrenamtliche Tätigkeit für das Gemeinwohl guthieß. „Es liegt an uns, mit gutem Beispiel voranzugehen, Georgiana“, hatte sie mir mehr als einmal gesagt. Und ich musste zugeben, dass mich dieses bestimmte Ehrenamt lockte, weil ein gewisser Mr Darcy O’Mara dafür bekannt war dort auszuhelfen, wenn er in London war. Doch der wichtigste Grund dafür, dass ich selbstlos Suppe in Blechtassen schöpfte, war, dass meine Schwägerin Fig sich in unserem Londoner Haus niedergelassen hatte. Jede Ausrede vor ihr zu flüchten kam mir recht.

Nachdem ich einen Monat lang Suppe ausgeschöpft und große Töpfe voll eingebranntem Kohl geschrubbt hatte, hatte es seinen Reiz verloren. Ganz besonders weil Darcy wieder einmal verschwunden war. Ich sollte klarstellen, dass man Darcy zwar als meinen Freund bezeichnen konnte, es seine Lage aber nicht zuließ, dass er mir einen Antrag machte, da seine Familie ebenso verarmt war wie meine. Er schlug sich mit seiner Gerissenheit durch und ich hatte den Verdacht, dass er gelegentlich als eine Art Spion für die Regierung Ihrer Majestät tätig war. Letzteres hätte er allerdings niemals zugegeben. Wenn ich eine halbwegs begabte Verführungskünstlerin wie Mata Hari gewesen wäre, hätte ich ihn vielleicht in einem leidenschaftlichen Moment dazu verleiten können die Wahrheit zu verraten. Aber ich war keine und wir hatten es noch nicht getan, was an zu viel Fig und zu wenigen Gelegenheiten lag.

Mein Bruder Binky, der gegenwärtige Duke, und seine Frau verbrachten normalerweise nicht viel Zeit in unserem Londoner Haus. Binky zog das Landleben auf unserem Anwesen in Schottland vor. Aber diesen Winter war etwas Verwunderliches geschehen. Fig stand kurz davor, einen zweiten kleinen Rannoch auf die Welt zu bringen. Wie Binky den Mut gefasst hatte, mit Fig ein erstes Kind zu zeugen, war mir noch immer schleierhaft. Dass er es ein zweites Mal getan hatte, ließ auf Wahnsinn in der Familie schließen.

Jedenfalls schwoll sie an wie eine reife Wassermelone und verlangte danach, mehr verhätschelt zu werden als in den riesigen, höhlenartigen Hallen von Castle Rannoch möglich war, wo der Wind durch die Kamine heulte. Daher beschlossen sie den Winter im Rannoch House, unserem Londoner Zuhause, zu verbringen, in dem ich mehr oder weniger erfolgreich im vergangenen Jahr mein Lager aufgeschlagen hatte. Ich bin ein unbeschwerter Mensch, aber man müsste schon ein Heiliger sein, um es länger als drei Tage mit Fig auszuhalten.

Seufzend schöpfte ich eine weitere Portion in eine bereitgehaltene Tasse. Jeden Tag, während ich auf meinem Posten stand und meine Finger vor Kälte taub wurden, schaute dieses Poster der Riviera von der Bahnhofswand auf mich herab, als wollte es sich über meine momentane hoffnungslose Lage lustig machen. Und sie wurde dadurch verschlimmert, dass jeden Morgen Reisende auf dem Weg zum Fährzug Richtung Festland an uns vorbeikamen. Jedes Mal, wenn ich aufsah, liefen Gepäckträger mit Bergen von Koffern vor pelzgewandeten Ladys und gut angezogenen Männern her. Wundersamerweise schienen einige Leute mitten in dieser Wirtschaftskrise über Geld zu verfügen.

„Du bist also auf dem Weg an die Riviera, was?“ Eine Männerstimme drang durch die Schwaden der Dampfloks zu mir hinüber. „Du Glückspilz. Manche haben’s leicht. Ich muss jeden Tag ins Büro, bei jedem Wetter, weißt du. Harte Arbeit und all das. Vater verlangt es.“

„Tja, was erwartest du von einem Vater, der eine Privatbank besitzt?“, gab die zweite Stimme mit dem gleichen Eton-Akzent zurück. Dann kamen zwei junge Männer in Sicht. Einer trug Schirm und Melone, der andere war in Begleitung eines Gepäckträgers mit dem obligatorischen Kofferberg. Sie waren etwas älter als ich; ich glaubte sogar, einen von ihnen als meinen früheren Tanzpartner bei einem Jagdball wiederzuerkennen. Eine Sekunde lang trafen sich unsere Blicke fast, aber dann wanderten seine Augen weiter, ohne dass er mich erkannt hätte, so als könnte er unmöglich jemanden kennen, der eine Schürze mit Kohlflecken trug und Suppe ausgab.

„Nicht jeder von uns wird einmal einen Adelstitel und ein Anwesen erben, altes Haus“, sagte der erste Mann.

„Wir haben vielleicht noch den Adelstitel und das Anwesen, aber wir sind völlig abgebrannt, wie alle anderen auch heutzutage“, antwortete der andere. „Kann es mir dieses Jahr nicht mal leisten, im Negresco zu wohnen. Hätte ich keine Tante mit einer Villa, wüsste ich nicht, was ich tun sollte. Trotzdem, ein paar Besuche im Casino sollten den mageren Unterhalt, den mein Alter mir gibt, wettmachen. Mit ein bisschen Glück, was?“ Er lachte, ein übertriebenes Harharhar.

Sie entfernten sich und ihre Stimmen wurden vom Schnaufen einer Dampflok und den Rufen der Gepäckträger verschluckt. Während ich ihnen nachsah, drang eine andere Stimme deutlich durch das Stimmengemenge des Bahnhofs an mein Ohr. „Passen Sie auf mein Gepäck auf, Träger, oder das Ganze wird einstürzen.“

Ich drehte mich um und erblickte ein wahres Matterhorn aus Koffern, Reisetaschen und Hutschachteln auf einem Gepäckwagen, der von einem rot angelaufenen, sich abmühenden Gepäckträger in meine Richtung geschoben wurde. Hinter ihm, eine kleine Handtasche aus Krokodilleder in der einen und eine Zigarettenspitze in der anderen Hand, lief meine beste Freundin Belinda Warburton-Stoke.

„Belinda!“, rief ich, ließ die Suppenkelle fallen und wischte mir die Hände an meiner Schürze ab, bevor ich ihr entgegenrannte.

Sie schaute auf, einen Moment lang verwirrt, dann breitete sich ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht aus, als sie mich erkannte. „Georgie! Du meine Güte. Was um alles in der Welt tust du hier?“

„Offensichtlich bin ich nicht unterwegs zum Festland wie du, du Glückliche“, sagte ich. „Ich würde dich umarmen, aber im Augenblick bin ich ziemlich mit Karotten bekleckert.“

„Ähm – ja, das sehe ich.“ Sie trat einen Schritt zurück und brachte ihren herrlichen Mantel aus Fuchspelz außer Gefahr. „Du vollbringst also immer noch deine guten Pfadfinderinnen-Taten in der Suppenküche. Du bist auf dem richtigen Weg, eine Heilige zu werden, Schätzchen.“

Ich schnitt eine Grimasse. „Alles ist besser als noch einen Tag im Rannoch House zu verbringen, wo Fig mir in den Ohren liegt, welche Last ich für sie bin und wie traurig es ist, dass ich noch nicht verheiratet bin.“ Ich musterte Belinda in ihrem langen Fuchspelz, mit ihrem hübschen kleinen Pillbox-Hut, der keck seitlich auf ihrem Kopf saß. Sie war der Glamour in Person, während ich mir meiner bekleckerten Schürze und meiner windzerzausten Haare nur zu bewusst war. „Ich hatte keine Ahnung, dass du zu Hause warst, sonst hätte ich dich besucht, um meine Laune aufzuheitern.“

„Ich war überhaupt nicht in London, Schätzchen“, sagte Belinda. Sie drehte sich zu dem Gepäckträger um, der ungeduldig in der Nähe wartete. „Bringen Sie mein Gepäck in mein Abteil. Ich komme in einer Minute nach“, befahl sie.

„Wie Sie meinen, Miss“, brummte er und schob den Gepäckwagen wieder an. Der Kofferberg wankte bedenklich, als er Fahrt aufnahm.

„Er wird wahrscheinlich alles auf die Gleise kippen“, kommentierte Belinda. „Ich bekomme anscheinend immer den einzigen nutzlosen Gepäckträger ab. Bei dieser Arbeitslosigkeit sollte man meinen, dass diejenigen, die eine Anstellung bekommen, die Besten der Besten wären, nicht wahr?“

„Wie ist es dir ergangen?“, fragte ich. „Warum habe ich nichts von dir gehört?“

Sie zuckte resigniert mit den Schultern. „Ich war zu Hause im Schoß meiner Familie, Schätzchen. Ich bin über Weihnachten heimgefahren, weil erwartet wird, dass man Zeit mit der Familie verbringt, nicht wahr, und ich für gewöhnlich einen großzügigen Scheck von meinem Vater im Weihnachtsstrumpf finde. Aber jetzt reise ich so schnell wie möglich zurück an die Riviera. In London ist es zu langweilig und trostlos und niemand, der unterhaltsam ist, ist noch dort. Unter uns gesagt habe ich wirklich Sex-Entzug. Ich bin seit Wochen nicht mehr auf meine Kosten gekommen.“

„Belinda!“, rief ich aus. Obwohl ich sie schon so lange kannte, schaffte sie es immer noch, mich zu schockieren. 

Sie wirkte überrascht. „Wo es doch solchen Spaß macht.“

Ich versuchte mir vorzustellen, ob es so gut wäre, wie sie behauptete. Darcys Küsse waren in der Tat himmlisch, aber ich konnte nicht recht glauben, dass das, was danach kam, so großartig war wie Belinda mir weismachen wollte. Meine Mutter sah das anscheinend so. Sie hatte es mit unzähligen Männern auf jedem Kontinent außer der Antarktis getan.

„Ich glaube nicht, dass ich ohne Sex leben könnte“, fügte Belinda hinzu. „Ich könnte niemals eine Nonne werden.“

Ich lachte. „Dich würden sie niemals aufnehmen!“

„Was mehr ist, als jeder meiner männlichen Bekannten von sich behaupten kann.“ Sie lächelte mir durchtrieben zu, dann schwand ihr Lächeln. „Im Crockford’s war es wie im Leichenschauhaus, als ich letzte Nacht für eine schnelle Runde Glücksspiel vorbeigeschaut habe. Nur ein paar langweilige Geschäftsmänner. Kein vermögender Lebemann weit und breit.“

„Hast du etwas gewonnen?“

Belinda verzog das Gesicht. „Ich bin nicht lang geblieben. Weißt du, ich versuche nicht mit meinem eigenen Geld zu spielen, und konnte niemanden finden, der sympathique genug war, um mich zu finanzieren. Im Casino in Monte Carlo geht es freundlicher zu.“

„Du gehst also nach Monte?“ Ich versuchte, die Eifersucht in meinem Blick zu verbergen.

Belinda zögerte. „Na ja. Dieser Teil steht noch nicht ganz fest. Ich habe eigentlich keine feste Einladung von irgendjemandem.“

„Was willst du dann tun?“

„Ich hatte vor, im Negresco in Nizza zu bleiben und mich ein wenig umzusehen, aber ehrlich gesagt ist Vaters Scheck dieses Jahr weniger großzügig ausgefallen. Meine böse Stiefmutter ist schuld. Genau wie deine Schwägerin hat sie etwas dagegen, das Familienvermögen für die unverheiratete Tochter auszugeben. Also habe ich ungefähr genug Bargeld, um dorthin zu kommen, aber dann - wer weiß? Ich werde vielleicht dafür sorgen müssen, dass mein Wagen praktischerweise vor der Villa von jemandem den Geist aufgibt, wie in Rumänien.“

„Belinda. Du bist furchtbar.“

„Im königlichen Schloss hat es wunderbar funktioniert, oder etwa nicht?“ Belinda schenkte mir ein selbstgefälliges Lächeln. Plötzlich griff sie nach meinem Arm. „Ich habe eine geniale Idee. Komm mit mir, Georgie. Wir täuschen die praktische Autopanne zusammen vor. Es wäre ein solcher Spaß, nicht? Und es würde sich eher jemand unserer annehmen, wenn du bei mir wärst. Königliches Blut macht Eindruck und ich habe gehört, dass dein Cousin, der Prince of Wales, gerade am Mittelmeer überwintert. Du hättest also die perfekte Ausrede, um ihn zu besuchen.“

„Das kann ich nicht“, sagte ich, obwohl meine weniger vernünftige Seite mir einflüsterte, dass es in der Tat ein Riesenspaß wäre. „Abgesehen davon, dass ich nicht gerade passend für den Fährzug angezogen bin, wäre da noch die unbedeutende Tatsache, dass ich mir die Fahrkarte für die Reise nicht leisten kann. Und ganz bestimmt nicht das Negresco, bis wir unsere Einladung erhalten.“

„Ich würde mich ja bereit erklären, ein Zimmer mit dir zu teilen“, sagte Belinda, „aber es könnte meinem Plan in die Quere kommen.“ Sie beugte sich näher zu mir. „Ich habe nämlich einen bestimmten Kerl im Kopf.“

„Einen Neuen?“

„Selbstverständlich.“

„Und wer ist dieser neue Beau? Warum habe ich noch nichts von ihm gehört?“

„Noch ist er nicht mein Beau; tatsächlich haben wir nur ein paar Worte und einige sehr leidenschaftliche Blicke gewechselt. Vor Weihnachten saß er neben mir an der Roulettescheibe des Casinos und als ich gerade setzen wollte, legte er seine Hand auf meine, sagte: ‚Erlauben Sie mir‘ und übernahm meinen Einsatz. Und er gewann sogar! Er ist absolut traumhaft. Außerdem ist er ein französischer Aristokrat mit unglaublich langem Stammbaum, wie ich hörte, und entsetzlich reich. Aber wir hatten keine Gelegenheit, einander richtig kennenzulernen. Er bedauerte, dass er am nächsten Morgen nach Paris aufbrechen musste, aber hoffte, dass wir einander unter angenehmeren Umständen wiederbegegnen würden. Also habe ich vor, da weiterzumachen, wo wir aufgehört haben.“

„Viel Glück“, sagte ich. „Tja, wenn du ihn heiratest, wirst du dich benehmen müssen. Die Franzosen erwarten von ihren Ehefrauen, dass sie furchtbar keusch und sittsam sind.“

„Aber nicht von ihren Mätressen“, sagte Belinda und lächelte listig.

„Belinda, ich mache mir Sorgen, dass du wie meine Mutter endest“, sagte ich.

„Ich finde, das Leben deiner Mutter ist alles andere als schlecht“, sagte Belinda nachdenklich und blickte in die triste, neblige Weite des Bahnhofs. „Sogar ziemlich spaßig.“

„Aber was ist, wenn sie älter wird und ihre Schönheit und ihren Sex-Appeal verliert?“

„Sie kann mit ihren Memoiren ein Vermögen verdienen. ‚Mein Leben – von der Schauspielerin zur Duchess zum Freigeist.‘ Daneben wird Lady Chatterley aussehen wie ein ‚Girl’s Own‘-Heft.“

„Ein solches Leben halte ich nicht für erstrebenswert“, sagte ich.

„Natürlich nicht. Du hast zu viel von Königin Victoria in dir. Du willst einen Familiensitz, einen Ehemann, der dich anbetet, und eine Horde Kinder um dich herum. Wir werden einfach einen zweiten Prinz Albert für dich auftreiben müssen.“

„Von denen habe ich bei der Hochzeit in Rumänien genug getroffen“, sagte ich. „Sie waren schrecklich öde und langweilig.“

„Das liegt daran, dass du sie mit Darcy verglichen hast. Wo ist er denn gerade?“

„Ich habe keine Ahnung. Ich habe ihn an Weihnachten einmal gesehen, dann ist er heim nach Irland gefahren und ich habe nichts mehr gehört. Ich kann es ihm nicht verdenken. Fig ist so schroff zu ihm, wenn er es wagt, sich im Rannoch House zu zeigen. Sie hat noch nicht vergessen, wie sie mitten in der Nacht ankam und uns beide allein vorfand, ich nur im Nachthemd.“

Belindas Miene hellte sich auf. „Georgie, du hinterhältiges Stück. Also hast du es doch endlich getan.“

„Nicht ganz“, sagte ich. „Ich wollte es tun, aber ich bin eingeschlafen.“

„Du bist eingeschlafen? Das glaube ich nicht. Ich bin mir sicher, dass Darcys Liebeskünste nicht so langweilig sind.“

„Nein, er war wunderbar. Ich hatte wahrscheinlich zu viel Champagner getrunken. Er steigt mir immer zu Kopf. Wie auch immer, Fig und Binky kamen an und überraschten uns, daher hat sie Darcy seitdem nicht erlaubt, das Haus zu betreten.“

„Das ist einfach kein Zustand, Schätzchen. Wir werden dich irgendwie hier rausholen müssen. Ich werde versuchen, dir eine Einladung zu verschaffen, sobald ich in Nizza angekommen bin, und du versuchst an ein Zugticket zu kommen. Vielleicht fährt jemand, den wir kennen, mit dem Wagen Richtung Süden und hat einen Platz frei.“

„Ich kenne kaum jemanden in London“, sagte ich.

„Du kennst König und Königin, das ist mehr, als die meisten von uns behaupten können. Könnten sie dich nicht auf eine kleine königliche Reise schicken, um den im Ausland lebenden Engländern ihr Wohlwollen auszudrücken?“

„Wie albern du bist. Außerdem hast du erzählt, dass der Prince of Wales bereits dort ist.“

„Ich glaube nicht, dass er viel königliches Wohlwollen versprüht. Er ist zu sehr an einer gewissen Person interessiert.“

„Oh, Himmel, sie ist bei ihm?“

„Nach allem, was man hört.“

„Ich wette, Ihre Majestät ist außer sich.“

Vom anderen Ende des Bahnsteigs hörten wir ein lautes Pfeifen und den Ruf „Alles einsteigen“.

„Du gehst besser, sonst verpasst du deinen Zug“, sagte ich. Meine schlechte Laune war mir wohl ins Gesicht geschrieben, denn Belinda lächelte mir mitfühlend zu. „Ich wünschte, ich könnte dich mitnehmen, Schätzchen. Ich nehme nicht an, dass du in einen meiner Koffer passt?“

Ich lachte. Die Bahnhofsuhr schlug zehn. „Los, Belinda, sonst reist dein Gepäck ohne dich nach Frankreich.“

Sie beugte sich über meine schmutzige Schürze, um mich auf die Wange zu küssen. „Du wirst mir fehlen, altes Haus. Und ich werde einen Weg finden, dich aus deiner Gefangenschaft zu erlösen.“

„Wie Aschenputtels gute Fee?“

„Ganz genau. Mit Glasschuhen und allem, was dazugehört.“

Sie warf mir eine Kusshand zu, dann eilte sie zu ihrem Gleis. Ich sprach es nicht aus, aber insgeheim dachte ich, dass Belinda mich völlig vergessen würde, sobald sie wohlbehalten und umgeben von wunderschönen, braun gebrannten Männern an der Riviera war.

Kapitel 2

Rannoch House

Belgrave Square, London W. 1.

Noch immer der 15. Januar 1933

Als ich die Victoria Station verließ, regnete es – ein strömender, eiskalter, beinahe horizontaler Regen, der auf meiner kalten Haut wie Nadelstiche brannte. Am Belgrave Square angekommen fühlte ich mich völlig niedergeschlagen. Ich stieg die Stufen zum Rannoch House hinauf, wo ich zur gleichen Zeit wie die Nachmittagspost ankam. Ich hob zwei Briefe für Fig von der Fußmatte auf. Einer trug einen Stempel aus Derbyshire und die makellose Handschrift ihrer Mutter, der andere hatte eine ausländische Briefmarke. Letzterer weckte natürlich meine Neugier. Ich glaubte nicht, dass Fig jemals im Ausland gewesen wäre. Es gefiel ihr dort nicht einmal. Sie misstraute allem, was fremd war, was sogar so weit ging, dass sie sich weigerte, Hühner-Cordon-Bleu zu essen, selbst wenn wir ihr versicherten, dass das Huhn durch und durch englisch gewesen war.

Aber in dem Augenblick, als ich die Briefe auf das Serviertablett legte, drang Figs Stimme von irgendwo aus dem ersten Stock herunter. „Warum können wir nicht wie alle anderen auch an die Riviera fahren? Dieses Klima ist zu deprimierend und es tut mir nicht gut, wenn ich in meinem Zustand Trübsal blase.“

Ich konnte die Antwort, vermutlich von Binky, nicht verstehen, aber Figs schrilles, genervtes „Aber alle anderen sind dort! London ist so gut wie leer!“ war unüberhörbar.

Offensichtlich hatte Figs Gouvernante, anders als meine, ihr nicht eingebläut, dass eine Lady niemals ihre Stimme erhob. Oder vielleicht konnte man alle Regeln brechen, wenn man guter Hoffnung war. Jedenfalls war es leicht übertrieben, dass London so gut wie leer wäre. Fig war anscheinend noch nie zur Stoßzeit mit der U-Bahn gefahren.

Ich mühte mich mit meinem Schal ab und versuchte meine eiskalten Finger dazu zu bringen mir zu gehorchen. Zur Abwechslung war es im Flur angenehm warm. Seit Fig und Binky nach London zurückgekehrt waren, brannte in jedem Kamin ein Feuer und zu jeder Mahlzeit gab es ordentliches Essen. Kein Vergleich zu letztem Jahr, als ich versucht hatte, ohne Bedienstete, Heizung und Essensgeld auf mich allein gestellt zu überleben. Für diese Bequemlichkeiten könnte ich vielleicht sogar lernen, mich an Fig zu gewöhnen …

In diesem Augenblick tauchte unser Butler Hamilton auf, der jenen unheimlichen sechsten Sinn besaß, der Butlern sagte, dass jemand eingetroffen war, egal, wie leise man schlich.

„Willkommen zu Hause, Mylady. Höchst unfreundliches Wetter, wie ich höre.“ Er half mir aus meinem durchnässten Mantel. „Soll ich Ihr Dienstmädchen anweisen, Ihnen ein Bad einzulassen? Der Tee wird in Kürze serviert.“

Wie aufs Stichwort erschien Fig auf dem oberen Treppenabsatz.

„Ich dachte, ich hätte Stimmen aus dem Flur gehört“, sagte sie und stieg vorsichtig mit einer Hand am Geländer die Treppe hinunter, wobei sie versuchte, so zerbrechlich wie die Kameliendame auszusehen. Das gelang ihr nicht ganz, da sie so robust gebaut war wie ein Pferd und ihre Haut von langen Aufenthalten an der frischen Luft gerötet war. „Ich glaube, wir nehmen den Tee heute im Morgensalon, Hamilton. Dort ist es so viel gemütlicher.“

„Ich weiß noch, dass du einmal unseren amerikanischen Gästen gesagt hast, dass niemand jemals den Morgensalon nach dem Mittagessen betreten würde.“ Ich konnte es mir nicht verkneifen, sie daran zu erinnern.

„Sparsamkeit, Georgiana. In einem kleinen Zimmer verbraucht man weniger Kohlen. Leider muss man die Regeln anpassen. Ich hätte nie gedacht, dass es so weit kommen würde, aber so ist es nun einmal.“ Sie warf mir einen finsteren Blick zu. „Du siehst aus wie eine nasse Katze, Georgiana“, kritisierte sie. „Geh und nimm um Himmels willen ein Bad – wenn dein Dienstmädchen es schafft eines einzulassen, ohne wieder alles unter Wasser zu setzen. Also wirklich, bei diesem Mädchen ist jede Hoffnung verloren. Sag Lady Georgiana, wobei du sie heute Morgen ertappt hast, Hamilton.“

Hamilton hustete peinlich berührt. Es war gegen den Dienstbotenkodex, sich gegenseitig anzuschwärzen. „Es war wirklich nicht wichtig, Euer Gnaden, und ich habe mit dem Mädchen gesprochen.“

„Er hat sie gebeten ihm dabei zu helfen das Silber zu putzen. Und weißt du, was sie getan hat?“ Figs schneidende Stimme schallte durch die Treppe und bis zum Balkon darüber. „Sie hat ihren Rock angehoben und angefangen, die Salzdose mit ihrem Flannelunterrock zu polieren. Kannst du dir das vorstellen?“

Ich fand das ziemlich lustig, versuchte aber, ein ernstes Gesicht zu machen. „Damit spart man Putzlappen, schätze ich“, sagte ich.

„Sie hat behauptet, dass ihre ‚alte Mutti‘ es immer so gemacht hätte“, fuhr Fig fort und beobachtete mich triumphierend, als wäre ich diejenige, die erwischt worden war. „Hoffnungslos, Georgiana, einfach hoffnungslos. Du kannst doch sicher jemand Besseren finden?“

„Mit einem Unterhalt, der gleich null ist, kann man es sich nicht leisten, ein erstklassiges Dienstmädchen zu bezahlen“, sagte ich liebenswürdig. „Was genau der Betrag ist, den ich gerade von dem Konto der Rannochs bekomme.“

Fig lief rot an. „Binky ist nicht verpflichtet, weibliche Verwandte über ihr einundzwanzigstes Lebensjahr hinaus zu unterstützen“, sagte sie, „selbst, wenn er das Geld dafür hätte, was nicht der Fall ist. Die Zeiten sind sehr hart, Georgiana. Wir sparen ohnehin an allen Ecken und Enden und ich halte es für ausgesprochen großzügig von Binky dir zu erlauben, bei uns im Rannoch House zu leben.“

„Das wird sich Aschenputtel auch gedacht haben“, sagte ich. 

Hamilton hüstelte wieder, um dieses Gespräch nicht mithören zu müssen. „Ich werde das Mädchen anweisen Ihr Bad einzulassen, in Ordnung, Mylady?“

„Mach dir keine Mühe, Hamilton, ich gehe sowieso nach oben. Ich kann es selbst einlassen.“

„Selbst, Mylady?“ Sein Tonfall deutete an, dass ich vorhatte, im East End Fisch von einem Karren zu verkaufen.

„Es ist wirklich nicht so schwer. Man dreht zwei Wasserhähne auf und steckt einen Stöpsel ein“, sagte ich. „Ich habe es schon mal gemacht.“

„Wie Sie wünschen, Mylady.“ Hamilton verbeugte sich und zog sich hinter die mit Fries bespannte Tür zum Dienstbotentrakt zurück.

„Also wirklich, Georgiana, du musst lernen etwas vernünftiger zu werden“, sagte Fig. „Man muss Bediensteten erlauben ihrer Arbeit nachzugehen. Sie werden faul, wenn man ihnen nicht ständig Aufgaben gibt. Und dein Mädchen ist ohnehin fauler als die meisten anderen. Du musst ein ernstes Wörtchen mit ihr reden und wenn du es nicht tust, werde ich das übernehmen.“

Ich seufzte und schleppte meine erschöpften Beine die Treppe hinauf. Man unterschätzt, wie ermüdend es ist stundenlang zu stehen. Gehen ist kein Problem. Ich konnte den ganzen Tag durch das Heidekraut marschieren, aber mit kalten Füßen an Ort und Stelle zu stehen war verflixt unbequem. Ich legte einen Zwischenstopp im Badezimmer im zweiten Stock ein und drehte das Wasser voll auf, dann ging ich in mein Schlafzimmer. Die Vorhänge waren zugezogen und das Zimmer lag im Halbdunkel. Ich warf meine Jacke auf das Bett.

Ein Schrei ertönte. Ich glaube, ich schrie im selben Augenblick, denn eine Gestalt erhob sich aus meinen Bettlaken. Mein Herz raste noch, als ich Queenies rundes, geistesabwesendes Gesicht erkannte.

„Queenie. Warum liegst du in meinem Bett?“

Sie erhob sich gemächlich und streckte sich wie eine Katze. „Entschuldigung, Miss. Ich muss eingenickt sein. Nach meinem Abendessen werd’ ich immer ’n bisschen schläfrig, besonders wenn es Pampe gibt. Sie wissen schon, Steak-and-Kidney-Pudding. Und in letzter Zeit gab es oft Pampe, das können Sie mir glauben.“

„Das liegt daran, dass Ihre Gnaden, die Duchess, versucht zu sparen“, sagte ich.

„Wenn sie meint“, gab Queenie zurück. „Mir ist aufgefallen, dass sie sich heute Morgen ein halbes Glas Cooper’s Oxford Marmelade auf ihren Frühstückstoast gestrichen hat, als sie dachte, niemand würde hinsehen.“

„Queenie, es steht dir nicht zu deine Arbeitgeber zu kritisieren“, antwortete ich, obwohl ich mich insgeheim freute das gegen Fig verwenden zu können, wenn es nötig war. „Die Zeiten sind hart und Ihre Gnaden spart, wie sie es für richtig hält. Du hast Glück, dass du in diesem Haus Essen und Kleidung erhältst. Es gibt genügend Mädchen, die darauf warten deinen Platz einnehmen zu können, weißt du.“

„Tut mir leid, Miss. Mein alter Paps hat immer gesagt, wenn er das Geld hätte, würd’ er jemandem tausend Mäuse bezahlen, um mich loszuwerden.“

„Und zum millionsten Mal, Queenie, lass uns bitte versuchen eine Sache klarzustellen. Ich bin Lady Georgiana Rannoch, daher bin ich keine Miss. Ich bin eine Lady. Also solltest du mich mit ‚Mylady‘ und nicht mit ‚Miss‘ ansprechen. Kannst du nicht wenigstens versuchen es richtig zu machen?“

„Ich geb’ mir Mühe, Miss – da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt, ich hab’s schon wieder getan, was? Mein alter Paps hat immer gesagt, ich müsste Zwillinge sein, weil eine Person allein gar nicht so blöd sein kann. Ich geb’ mir Mühe … M’lady … aber es rutscht mir einfach raus. Ich meine, Sie sehen wie ’ne Miss aus, nich’? Sie haben keine Krone auf dem Kopf oder gucken überheblich oder so. Nich’ wie die da unten, die mich anschaut, als wär’ ich ein Straßenköter.“

„Queenie, das reicht. Geh und kümmere dich darum, dass mein Bad nicht überläuft, dann komm zurück und leg mir etwas Passendes zum Dinner heraus – ein Dinnerkleid, Queenie. Keinen Tweedrock. Nicht meinen Ski-Pullover. Das grüne Samtkleid ist in Ordnung.“

„Ähm, Entschuldigung, Miss, aber ich hab’s nich’ ganz geschafft, den kleinen Fleck aus dem Rock zu entfernen. Erinnern Sie sich dran, dass Sie ein bisschen Bratensoße drauf gekleckert und mich gebeten haben sie zu entfernen?“

„Das ist schon in Ordnung. Ich denke nicht, dass es etwas ausmacht, wenn noch ein oder zwei Tropfen darauf sind.“

Queenie zog ihre kleine Stupsnase kraus. „Es ist ’n bisschen mehr als ein Tropfen, wie Sie sehen werden.“

Mit einer düsteren Vorahnung öffnete ich den Kleiderschrank. Auf einer Seite des grünen Samtrocks war ein Kreis von etwa sechs Zoll Durchmesser, in dem der Samt völlig abgerieben war. Es sah aus wie ein Labrador, der eine Hautirritation bekommen und den man stellenweise kahlrasiert hatte.

„Queenie!“ Ich stieß ein entnervtes Seufzen aus. „Was hast du dieses Mal angestellt?“

„Ich hab’s nur ein bisschen geschrubbt, mit Ihrer Nagelbürste, wissen Sie. Die Bratensoße hat dran geklebt wie Zement.“

„Die Bratensoße war nur ein kleiner Fleck, Queenie. Du hast aus einem Fleck eine riesige Katastrophe gemacht. Wenn du nicht weißt, wie man Samt reinigt, hättest du einen der Bediensteten fragen können.“

„Die mögen mich nich’, Miss. Sie halten mich für eine stinknormale Bürgerliche.“

„Geh und kümmere dich um mein Bad“, fuhr ich sie an. „Und ich muss nachsehen, ob ich noch Kleider habe, die du noch nicht ruiniert hast.“

Ich hatte noch nie in diesem Tonfall mit ihr gesprochen. Ihre Augen öffneten sich weit und füllten sich zu meinem Entsetzen mit Tränen. „Es tut mir leid, M’lady, wirklich wahr. Ich weiß, dass ich tollpatschig bin. Ich weiß, dass ich hoffnungslos bin, aber ich geb’ mir so viel Mühe.“

Ich fühlte mich grässlich, als sie mit gesenktem Kopf wie ein geprügelter Hund davonschlich. Ich wusste, dass ich sie entlassen sollte, aber sie war mir merkwürdigerweise ans Herz gewachsen. Sie war mit mir an die Grenzen Europas gereist. Im Angesicht der Gefahr war sie ganz schön mutig gewesen und hatte selbst in den widrigsten Umständen weder geklagt noch darum gebettelt nach Hause zu dürfen. Und da war noch die Tatsache, dass sie mich nicht viel kostete – abgesehen von Schneiderrechnungen für Änderungen an meinen ruinierten Röcken.