Leseprobe Ein Schotte für die Zukunft

Kapitel 1
Eine Reise in die Highlands

Meine Finger zitterten, als ich den Stift zurück auf den schmalen Tisch unter dem kleinen Fenster legte. Ich hatte soeben einen Brief an meine Mutter begonnen, in dem ich ihr von meinen Abenteuern der Hinreise berichten wollte. Aber es war schwieriger als erwartet, den richtigen Ton zu treffen. Ich wollte heiter klingen. Glücklich. Es sollte wirken, als machte es mir nichts aus, dass ich mich versehentlich nach Schottland verfrachtet hatte, anstelle Nordamerikas. Perth. Verflixt, warum gab es davon unendlich viele? Mich hatte irritiert, dass mein Zielflughafen Dundee hieß, was für mich eher nach Australien klang, gegoogelt und festgestellt, dass es ein Perth in England gab, eines in Australien und gleich zehn in Amerika. Tja, gelandet war ich nicht ganz so weit von zu Hause entfernt wie gewünscht, und leider unendlich weit weg vom Grand Canyon. Aber es hätte schlimmer kommen können, immerhin gab es hier Berge und man konnte sich in den Highlands ebenso gut verlaufen, wie in der Sierra Nevada oder wo auch immer genau der Grand Canyon lag. Zugegeben, geographisch war ich eine Niete. Eigentlich war ich generell eine, das wurde mir beim Überfliegen meiner Zeilen erneut bewusst.

Liebe Mama, es geht mir toll. Ich hatte eine tolle Reise, das Zimmer ist toll und die Leute hier auch …

Das glaubte ich mir nicht einmal selbst. Seufzend zerknüllte ich das Blatt und warf es in den Papierkorb. Nachdenklich starrte ich aus dem schmalen Fenster meines kleinen Zimmers. Es war urig, keine Frage, und womöglich hätte ich es sogar romantisch gefunden, wenn die Umstände anders lägen. Jemand anderes hätte vielleicht das unerwartete Abenteuer genossen, aber für mich verlief es typisch. Sogar zu dumm, um den richtigen Ort zu erwischen. Wer bitte schön plante einen Urlaub in den USA und landete in Schottland? Niemand mit ein wenig Verstand und das wiederum …

Meine Stirn spannte und der Schmerz nahm an Intensität zu, je länger ich auf das Blatt vor mir starrte. Einige fröhliche Sätze werde ich doch wohl hinbekommen! Ich spürte bereits jede Faser meines Körpers, so angespannt war ich, aber alles was sich regte, war mein Unmut. Komm schon, so schwer ist das nicht! Ich nahm den Stift und setzte ihn auf das Papier, um darüber zu kratzen.

Hallo Mama,

Guter Anfang für eine Zehnjährige! Sollte ich lieber Mutter schreiben? Oder Clara? Oder Mami? Nein, jetzt wurde es albern.

Du wirst nicht glauben, was mir Lustiges passiert ist.

War das zu offensichtlich?

Ich habe aus Versehen einen Flug nach Dundee in Schottland gebucht und nicht nach Amerika. Du kannst dir sicher vorstellen, wie überrascht ich war, als ich keine zwei Stunden nach dem Abflug bereits landete und aussteigen sollte.

Das klang zumindest ganz nach mir. Unzufrieden kaute ich auf dem hinteren Ende meines Kugelschreibers herum. Es war sogar für meine Mutter offenkundig, dass ich wiedermal absolut unaufmerksam gewesen war, unbedacht und abgelenkt. Vermutlich könnte es sie warnen, aber es war ja auch ein Beweis. Weil mir solche Dinge eben passierten, würde sie es verstehen. Ja, ich sollte es genauso lassen.

Immerhin stand mein Mietwagen bereit und ich fand meine Unterkunft ohne weitere Probleme. Es ist ein süßes Cottage einige Kilometer oberhalb von Dundee und es wird Dich beruhigen, zu hören, dass ich keinen Unfall provozierte, indem ich die falsche Straßenseite befuhr. Ich komme mit dem Linksverkehr hervorragend zurecht.

Sehr geschönt, aber zumindest nicht dreist gelogen.

Ich freue mich auf meine Spaziergänge durch die blühende Landschaft, denn ich habe beschlossen, das Auto stehenzulassen, wo es nur geht. Die Luft hier oben ist so klar, dass mich jeder Atemzug anregt …

Übertrieben? Wieder kaute ich auf dem Plastik meines Stifts herum und betrachtete meine geschriebenen Worte. War das glaubhaft? Immerhin hatte ich die letzten sechs Monate in Therapie verbracht, drei davon in einer geschlossenen Abteilung.

Schön, das Credo meiner Ärzte lautete: Bewegung und Aktivität, aber beides hatte meine Laune nie gehoben und war mir eher wie eine zusätzliche Last erschienen. Hatte ich das meiner Mutter gegenüber je erwähnt?

… vor die Tür zu gehen. Und ich habe Hunger wie ein Bär!!!

Gar nicht, aber Appetit sollte ein Zeichen dafür sein, dass man aus seinem Tief herauskam.

Deswegen werde ich auch hier eine Pause machen und erst einmal Frühstücken gehen. Vermutlich mache ich danach direkt einen Abstecher durch das Dorf und je nachdem, wie ich mich dann fühle, gehe ich spazieren. Ich muss sagen, ich kann es kaum erwarten, mich umzusehen.

Erneut ging ich durch den Text. Es klang heiter, fand ich, und ganz danach, als erfreute ich mich an meinem Urlaub. Also war es genauso, wie ich es meine Mutter Glauben machen wollte.

Mein erstes Frühstück in der Fremde, wie aufregend. Was wird es wohl geben? Ein englisches Frühstück? Ein kontinentales? Ich bin schon ganz hibbelig vor Aufregung!

Ich werde meine Kamera mitnehmen und dir die Bilder später per E-Mail zuschicken, damit du nicht auf meine Rückkehr warten musst, um eine Vorstellung davon zu haben, wie es hier aussieht. Da fällt mir ein, ich sollte dringend eine Jacke kaufen, denn Schottland ist bedeutend kälter, als Nevada.

Eine Jacke war dringend nötig. Das Dorf lag nur ein paar Kilometer entfernt und da ich mich ohnehin sehen lassen wollte, war es sinnvoll, eine Einkauftour zu unternehmen. Ich malte gedankenverloren einen Smiley auf das Papier. Zwar sollte ich kein Geld mehr ausgeben, das meine Familie dringender brauchte, aber ich hatte eine Lebensversicherung abgeschlossen, die alle anfallenden Kosten decken sollte. Seufzend legte ich den Stift zur Seite und schob den Stuhl zurück. Das Blatt lag mittig auf der Schreibtischoberfläche, ein Briefumschlag lag frankiert bereit und die Adresse meiner Mutter war ebenfalls notiert. Es wirkte, als wollte ich den Brief auf jeden Fall absenden. Ich musterte den Schreibplatz. Es sollte alles so wirken, als ginge ich nur kurz raus, um zu Frühstücken. Als käme ich definitiv wieder, um den Brief zu beenden, ihn abzuschicken und wundervolle Tage hier zu verbringen. Aber tatsächlich sahen meine Pläne anders aus. Mein Herz flatterte vor Aufregung und ich wandte mich ab, um den Rest des kleinen Zimmers in Augenschein zu nehmen. Das Bett war nicht gemacht und war so schmal, dass ich in der Nacht befürchtet hatte, jeden Moment hinauszupurzeln. Die Wolldecke hatte ich gebraucht, um mich warm zu halten, denn ich hatte den Fehler begangen, über Nacht das Fenster zu öffnen. Es war eisig kalt gewesen, obwohl es Sommer war. Mein Schlafanzug – für die sengende Hitze Nevadas ausgewählt – war kurzärmelig und aus Seide. Er lag auf dem Boden am Fußende in kleinen Pfützen. Mein Koffer war ausgepackt und auf dem Schrank verstaut, schließlich hatte ich mich fünf Tage hier eingemietet.

Neben der Tür stand eine wacklige Kommode, auf der mein Schminktäschchen lag, inklusive Zahnbürste, Duschzeug und Haarbürste. Meine Handtasche hing am Haken an der Tür, in ihr meine Kamera und mein Handy und damit alles, was man für einen Spaziergang brauchte. Das Zimmer durchquerend nahm ich sie ab und wandte mich erneut dem Raum zu. Mein Blick glitt kritisch über das Mobiliar. Über dem Fußende des Bettes hing ein Badetuch zum Trocknen, ansonsten lag nur noch mein E-Book Reader auf dem Tischchen neben dem Bett.

Es sah so aus, als wäre ich nur kurz raus. Tief einatmend zog ich die Tür auf und hinter mir wieder zu. Es war nicht so einfach, wie ich es mir vorgestellt hatte. Meine Hände zitterten noch immer und machten es schwierig, den Schlüssel zu drehen. Unten vernahm ich regen Betrieb und auch auf dem Flur war ich nicht allein. Ich zwang ein Lächeln auf meine starren Lippen und nickte dem Pärchen zu, das an mir vorbeikam. Ich folgte ihnen mit Abstand. Die Rezeption befand sich direkt am Fuß der Treppe und daneben führte ein schmaler Gang zum Frühstücksraum. Die Wände waren mit gestreiften Tapeten beklebt, die verblichen und speckig wirkten. Nicht hübsch, aber für den Preis, den ich hier pro Übernachtung zahlte, zu verwinden. Der Raum, in dem das Essen serviert wurde, war proppenvoll und laut. Stimmen schwirrten hin und her, Geschirr klirrte und über allem lag ein geschäftiges Summen. Es gab ein Buffet an der rechten Seite, das nicht sonderlich abwechslungsreich aussah. Weißbrot, Marmelade und Ei. Aber im Preis inbegriffen, da wollte ich nicht murren. Ich nahm mir ein Tablett, häufte mir Brot und Aufstrich auf den Teller und spendierte mir eine große Tasse Kaffee, bevor ich mich nach einem Sitzplatz umsah. Aussichtslos, wenn man gerne für sich war. Da ich aber einen fröhlichen und aufgeschlossenen Eindruck hinterlassen wollte, zwang ich meine Lippen erneut in ein Lächeln und suchte mir absichtlich einen Tisch aus, an dem viel Betrieb herrschte.

„Entschuldigung, ist der Platz noch frei?“

Eilig wurden Jacken zur Seite geschoben, um mir Platz zu machen und ich bedankte mich überschwänglich. Obwohl ich mich innerlich wand, fragte ich nach der Herkunft der Gruppe und tat angetan von ihren Ausflugszielen. Eigentlich wollte ich wieder in mein Zimmer, so schnell wie möglich die Tür hinter mir zuschlagen und mich in mein Bett verkriechen. Allerdings lief dies konträr zu meinen Plänen, die ich nun schon zu lange und ausführlich ausgearbeitet hatte, um sie nicht in die Tat umzusetzen. Schließlich wusste ich, dass, sollte ich meinem Bedürfnis nachgeben, ich vermutlich tagelang nicht wieder aus dem Bett kam, geschweige denn, mich zu mehr aufraffen könnte, als den Fuß auszustrecken. Wenn ich es heute nicht tat, gefährdete ich den Erfolg meines Vorhabens und landetet vermutlich sehr bald wieder in einem Krankenhaus. Gezwungen, jeden Tag aufs Neue anzugehen und weiterzukämpfen, wo ich doch längst keine Energie mehr hatte. Oder auch nur den Wunsch zu kämpfen.

Ich ertappte mich dabei, wie ich meinen Teller anstarrte. Meine Mundwinkel waren herabgesackt, als hingen Gewichte an ihnen und meine ganze Haltung wurde dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Ich nannte es die „Häufchen Elend-Stellung“. Schnell streckte ich das Rückgrat durch und setzte wieder ein Lächeln auf. Ich musste glücklich und zufrieden wirken, das war wichtig. Denn ich hatte beschlossen, dass mein Abgang meiner Familie einen kleinen Trost bringen sollte. Aber die Versicherung zahlte nur bei einem Unfall. Es durfte also nichts darauf hindeuten, dass Absicht dahinterlag. Damit hatte ich mich nun fünf Monate lang beschäftigt und es hatte mir genügend Schub gegeben, meinen Alltag zu bewältigen. Ich war vorsichtig gewesen, hatte mir alle Statuten der Versicherung wieder und wieder durchgelesen, um ja keinen Fehler zu begehen. Fünfundzwanzigtausend Euro. Sicher wüsste meine Schwester, was sie damit anfinge und meine Mutter? Mein Kaffee schwappte gegen meine Lippen, weil meine Hände immer noch bebten. Ich war aufgewühlt, was ich selbst nicht ganz verstand. Ich hatte es mir doch ganz anders ausgemalt. Die ersten Gäste verabschiedeten sich und ich wünschte ihnen winkend einen schönen Tag.

„Und wohin werden Sie gehen?“, fragte mich mein Sitznachbar, ein untersetzter Mitdreißiger, der am Vortag zur selben Zeit angereist war wie ich.

„Erst einmal ins nächste Dorf. Ich habe meine Jacke zu Hause liegengelassen in der ganzen Aufregung und es ist hier bedeutend kühler, als erwartet.“ Meine Wangen schmerzten und ich versteckte die Region schnell hinter meiner Tasse, um die Gesichtsmuskeln zu entspannen.

„Oh, ja, das Wetter hier oben ist immer für eine Überraschung gut! Kann ich Sie vielleicht ein Stück mitnehmen? Bis Little Dunkeld vielleicht? Es liegt auf meinem Weg, ich werde heute den Cairngorms National Park unsicher machen.“ Er grinste breit, wodurch seine Wangen in Schwingung gerieten.

„Wie freundlich“, murmelte ich, obwohl ich ihn eher als aufdringlich empfand. Aber natürlich war mir bewusst, dass es an mir lag. Ich war das Problem, nicht mein Umfeld, das hatte ich in der Therapie gelernt. Meine Empfindungen trafen nicht zu, waren falsch gepolt und trafen nur – und das war entscheidend – auf mich zu. Jeder andere – normale – Mensch, sah es anders und dies machte mein Leben so ungemütlich. Niemand verstand meinen Wunsch, allein zu sein, obwohl ich mich nach Gesellschaft sehnte. Niemand verstand, dass ich wirklich nicht konnte, selbst wenn ich wollte. Und das nicht, weil ich mich nicht bewegen konnte, nein mein Körper war, was Mobilität betraf, völlig in Ordnung, es war mein Geist, der nicht mitspielte.

„Es wäre mir ein Vergnügen!“, strahlte mein Sitznachbar und streckte die fleischige Hand aus, um meine zu tätscheln. „Vielleicht hätten Sie auch Lust, mich in den Nationalpark zu begleiten? Einkaufen kann man immer noch und ihr Frauen habt stets genug eingepackt!“ Er lachte schallend und klopfte dabei wieder meinen Handrücken. „Nicht wahr?“

Das war wohl relativ. Selbstverständlich hatte ich genug eingepackt. Wenn ich eine Woche verreiste, packte ich auch für eine Woche. Plus Ausgehen, plus Regen, plus durchgeschwitzt und natürlich auch etwas extra, für den Fall, dass man sich einsaute. Shit happens, darauf sollte man vorbereitet sein. Vielleicht zukünftig auch auf falsche Reiseziele? Ach nein … Mein Blick senkte sich auf meine zittrigen Finger und auch mein aufgeklebtes Lächeln rutschte. Zukünftig konnte ich streichen.

„Leider“, krächzte ich und musste mich räuspern, um fortfahren zu können. „Leider bin ich für einen Spaziergang im hiesigen Wetter nicht gut ausgerüstet und benötige tatsächlich zunächst den Einkaufsbummel. Ich nehme Ihr Angebot, mich zum nächsten Ort mitzunehmen, gerne an.“

„Wundervoll! Es gibt einen Outdoorausstatter direkt am Ortseingang. Da werden Sie mühelos eine warme Treckingjacke auftreiben können. Ich begleite Sie.“ Er streckte die Hand aus, die fast in meinem Gesicht landete. „Ich bin Gregor Krummbiegel.“

Na herrlich. „Vanessa Hagedorn.“ Notgedrungen schüttelte ich seine Hand.

„Aus der Heimat!“ Er wechselte wie selbstverständlich ins Du. „Ich liebe die Highlands, aber die Leute hier …“ Er schnalzte. „Da freue ich mich besonders, deine Bekanntschaft zu machen. Du bist auch alleine hier, zum Wandern? Dann wirst du den Park lieben, das versichere ich dir!“

Oh nein. Nie war mir klarer, dass ich einfach keine Menschen mochte, wie wenn mir ein solches, energisches Exemplar gegenübersaß. Jemand, der generell mitriss, übertönte meinen Protest für gewöhnlich und drängte mich zu Dingen, die ich nicht tun wollte. Daraus resultierte immer Frust und der Wunsch, dass alles endlich sein Ende fand. Eine Spirale, die sich leider nur zu schnell drehte und mich mit sich in den Abgrund riss. Gedrückt seufzte ich auf. Ich ertrug es einfach nicht mehr.

„Also, ich schlage vor, wir treffen uns in zehn Minuten unten? Ich muss noch in meine Wanderstiefel.“ Er hob den linken Fuß, um mir seine Schlappen zu präsentieren und die weißen Socken, die in ihnen an seinem Bein hafteten und zwar typisch deutsch: hochgezogen bis zur Mittelwade. Fast hätte ich das Angebot ausgeschlagen und wäre schreiend davongelaufen, aber die Erinnerung, dass ich gesellig und gutgelaunt erscheinen musste, holte mich noch rechtzeitig ein.

„Wie wundervoll, danke.“ Ich behielt das Lächeln bei, als er ging, schließlich war ich noch immer nicht allein, auch wenn die anderen Gäste mir höchstens einen Blick zuwarfen und mir kein Gespräch aufzwingen wollten. Seufzend starrte ich betont fröhlich – meine Gesichtsmuskulatur war schmerzhaft verzogen und offenkundig sträflich unterentwickelt – in meinen Kaffee. Vermutlich mein letzter. Trotz des trüben Gedankens wurde mir wesentlich leichter ums Herz. Ich war im letzten Jahr wieder bei meiner Mutter eingezogen, wodurch niemand die Last haben wird, meine Wohnung ausräumen zu müssen. In meinem Zimmer war alles thematisch geordnet. Altkleider, Altpapier, Sperrmüll. Bett, Schrank und Schreibtisch konnten wiederverwendet werden, so Mutter das Zimmer als Gästezimmer behielt wie zuvor.

„Vanessa!“

Ich sah auf und entdeckte Gregor, der mir aufgeregt zuwinkte. Es war dann wohl soweit. Der letzte Schluck war kalt und schmeckte abscheulich, nun, es fiele mir zumindest nicht schwer, nie wieder Kaffee zu trinken. Mein Tablett stellte ich brav in die dafür vorgesehene Halterung ab und trottete dann zu meinem unerwünschten Reisepartner.

„Nanu, willst du dich nicht umziehen?“ Seine Augen glitten an mir herab. Da ich nur eine kurze Hose trug und dazu eine leichte Bluse, konnte ich seine Verwunderung verstehen. Immerhin waren die Wanderschuhe brauchbar.

„Ich sagte doch, ich muss dringend shoppen.“

Erneut sah er an mir herab, grummelte etwas, und deutete dann zum Ausgang. „Na dann. Little Dunkeld wartet.“

Das bezweifelte ich zwar sehr, aber es lohnte sich nicht, darüber einen Ton zu verlieren. „Es ist sehr freundlich, dass du mich mitnimmst.“ Was konnte ich noch sagen? „Ich wäre auch gelaufen, aber vermutlich hätte ich ziemlich gefroren.“

„Es wird wärmer werden, schließlich ist noch Sommer!“ Er hielt mir die Tür auf.

„Danke.“ Ich musste auf ihn warten, weil ich nicht wusste, wo er geparkt hatte.

„Hier vorne.“ George deutete auf einen kleinen Fiat und ging um den Wagen herum, um die Fahrertür zu öffnen. Meine Tür hakte. Es war offensichtlich, dass es sich um einen Privatwagen handelte, war das Lenkrad doch auf der richtigen, sprich linken Seite angebracht. Zudem war der Wagen, freundlich ausgedrückt, zugerümpelt. Gregor beugte sich ächzend auf den Beifahrersitz und gab meiner Tür einen festen Schubs. „Klemmt hin und wieder!“

Der Innenraum roch penetrant und ich bereute erneut, zugestimmt zu haben, trotzdem rutschte ich in den Sitz.

„So, Little Dunkeld, wir kommen!“ Er fuhr an, bevor ich angeschnallt war, was meinen Herzschlag beschleunigte. Angst. Wie dämlich. Schön, wenn er einen nicht tödlichen Unfall provozierte, hatte ich ein Problem, aber das war nicht die Ursache meiner Angst. Was war denn nur los? Ich versank in sinnendem Schweigen. Diese ganze Reise diente lediglich diesem einen Zweck: meinem unauffälligen Selbstmord. Angst zu sterben wäre da nicht sonderlich hilfreich.

„Ich komme jedes Jahr her“, informierte Gregor mich und riss mich damit aus meinen Gedanken. Ich hob schnell die Mundwinkel.

„Oh, tatsächlich?“

„Die Gegend ist so heimelnd, so beeindruckend …“

„Ah.“ Mein Nicken begleitete mein Brummen.

„Ich war bereits auf den inneren und äußeren Hebriden, in Edinburgh, Glasgow und Inverness …“ Er warf mir einen Blick zu. „Island und Irland.“

„Ah.“ Wieder nickte ich. „Wie interessant!“

„Aber nirgends ist es so beeindruckend wie hier.“

In Dundee? Was ich bisher gesehen hatte, traf auf diese Beschreibung nicht zu. Eher eintönig, ländlich, unspektakulär. Irritiert richtete ich meinen Blick nach vorn und versuchte die Gegend mit einem anderen, vielleicht bunteren, Blickwinkel zu betrachten. Die Straße schlängelte sich vor uns ins Endlose. Wiesen säumten sie an beiden Seiten, es war eine enge Landstraße ohne Seitenbefestigung und führte bergauf. An manchen Stellen wuchsen Steinmauern aus dem Boden und grenzten das Land ab. Tiere grasten selbstvergessen wohin man auch sah. Vornehmlich braune, langhaarige Rinder mit langen seitlich wachsenden Hörnern, aber auch Schafe mit schwarzem Kopf und weißem Körper.

„Es wirkt … idyllisch.“ Wobei idyllisch ein Synonym für langweilig war.

„Wenn man durch den Park wandert, ist es, als sei man völlig allein auf der Welt!“

Na, mit dem Gefühl kannte ich mich nur zu gut aus! Einsamkeit, Abgeschottetheit, absolute Isolation. „Klingt … angenehm.“ Zumal ich schnell panisch wurde, wenn ich in Gesellschaft war und nicht weg konnte. Familientreffen waren das absolute Horrorszenario. Lauter Menschen, mit denen ich nichts gemeinsam hatte, und deren Gesellschaft ich nicht entrinnen konnte. Wenn ich mich zurückzog, erntete ich lediglich Unverständnis. Niemand verstand, dass ich es einfach nicht ertrug. Es war zu laut, zu wuselig, zu viele Dinge, die auf einmal auf mich einprasselten.

„Es ist herrlich!“, versicherte Gregor und ging in eine scharfe Kurve. „Und man entdeckt immer etwas Neues!“

Wie Todesangst?

„Schau, dort im Tal ist Little Dunkeld.“

Es kostete mich einiges an Überwindung, seinem Fingerzeig zu folgen und die Augen von der Straße zu nehmen. Das Dorf duckte sich in das Tal, wurde gesäumt von blühenden Feldern und durchzogen von schmalen Wegen. Malerisch, vermutlich, nur stand mir nicht der Sinn nach hübschen Anblicken. „Sieht nicht nach einer Shoppingmetropole aus.“

Keine fünf Minuten später hielten wir auf dem unbefestigten Parkplatz hinter dem von ihm angepriesenen Outdoorgeschäft. Gregor schnallte sich ab.

„Gregor, ich möchte dich nicht weiter aufhalten.“

„Ach.“ Er winkte ab. „Die paar Minuten habe ich übrig.“

Minuten, tja, da behielte ich wohl recht, so schwarzseherisch meine Vorstellung auch gewesen war. „Gregor, es war sehr nett von dir, mich herzubringen, aber ich werde länger brauchen, um etwas auszusuchen. Ich mag nicht gehetzt werden und aufhalten möchte ich dich auch nicht.“

„Ich hatte gehofft, dass wir gemeinsam durch den Park spazieren.“

„Nicht heute“, beschied ich mit schlechtem Gewissen und wich seinen Augen aus. Die Erleichterung, dass er einknickte, konnte ich aber nicht verhehlen. „Ein andermal.“

„Schön, dann sehen wir uns!“ Ich sah ihm noch nach, wie er mit seinem kleinen Fiat davonstob, bevor ich den Träger meiner Handtasche über meinen Kopf hob und meine Bluse glattstrich. Allein, endlich. Mein Herz begann zu flattern und ich drehte mich um. Oh je. Die Sache mit dem Mut war die, dass er sehr schnell abhandenkam und sich leider nicht sammeln ließ, noch herbeibeschwören. Zittrig schob ich eine Strähne meines hellbraunen Haares aus der Stirn und steckte sie hinter mein Ohr. Mir war nicht nach Shopping, ganz sicher nicht. Ich wollte eigentlich nur zurück in das Cottage und in mein Zimmer, um mich dort in meinem Bett zu verkriechen. Aber soweit war ich heute schon gewesen. Es bedeutete das Ende meiner Pläne und damit auch, weiter kämpfen zu müssen. Tag für Tag, Stunde für Stunde, Minute … Und diese Aussicht war viel schrecklicher, als jene, nun dieses Geschäft betreten zu müssen. Für einen so kleinen Ort war es ein überraschend großer Laden mit erschreckender Auswahl an Jacken. Zum Glück war ich getrieben, wegzukommen, weshalb ich mir keine großen Gedanken um Material und Funktionalität machte. Wozu auch, schließlich musste sie mich nicht lang warmhalten. Eine Karte des Nationalparks und etwas zu trinken gesellte sich zu meinem Einkauf und schon stand ich wieder auf dem unbefestigten Hof. Tiefdurchatmend sah ich mich um. Was nun? Ich hatte keine Ahnung, wo ich mich befand und suchte meinen Standort nach einigen ratlosen Momenten auf der riesigen Karte, ohne ihn zu finden. Es war nicht einfach, irgendetwas zu erkennen, der leichte Wind schlug unablässig gegen das lose Papier und behinderte meinen Versuch, mich zurechtzufinden. Entnervt schlug ich die Arme nieder und bemerkte einen klapprigen Bus, der langsam über den Asphalt vor mir zuckelte. Er hielt ein paar Meter weiter an einer Laterne, die ich nicht als Haltestelle identifiziert hatte. Ohne darüber nachzudenken, lief ich los und erreichte den Bus, als die Vordertür gerade quietschend zuging. Ich schlug gegen die Seitenwand.

„Hey!“

Er fuhr an. Wieder schlug ich gegen die Wand.

„Hey, ich will mitfahren!“ Wo auch immer es hinging.

Überraschenderweise hielt das Gefährt und die Schwingtüren öffneten sich. Schluckend stieg ich ein. „Hallo.“

„Halò.“

„Eine Fahrt?“ Die Karte musste ich ungefaltet in meine Handtasche stopfen, um meine Hände freizuhaben und mein Geld abzuzählen. In meiner Reisetasche befanden sich einige Dollar, die mir hier nicht weiterhalfen, aber zum Glück hatte ich einen Teil meiner Barschaft am Flughafen wechseln können, obwohl ich den Kurs als horrend empfunden hatte. „Was macht das?“ Hitze wallte in mir auf und ich musste mich räuspern. „Wie viel kostet die Fahrt?“

Er nannte mir eine Summe und ich hielt ihm zehn Pfund hin.

„Nur passend.“

Innerlich fluchend fischte ich nach Münzen und warf sie in den Schlitz. Ich erhielt nicht einmal einen Fahrschein. Als er anfuhr, verlor ich das Gleichgewicht und stieß gegen einen Passagier. Eine Entschuldigung murmelnd, torkelte ich weiter und fiel auf einen Sitz. Die Fahrt wurde nicht angenehmer, im Gegenteil, ich wurde ordentlich durchgeschüttelt.

Mit jedem Meter kam ich meinem Ziel näher, ganz gleich, wo es nun lag, denn ob ich in den Loch sprang, oder von einem Berg stürzte, war letztlich gleich.

Kapitel 2
Am Rande des Abgrunds

Als ich aufschreckte, stand die Sonne schon tief, was mich verwunderte. War ich nun hin und her gegondelt? Der Fahrer hätte mich wecken müssen! Mein noch verschlafener Blick offenbarte ein gewohntes Bild: Heide. Trotzdem war es merkwürdig, hinauszusehen und das Panorama zu mustern. Ich war gestern zirka eine Stunde vom Flughafen Dundee aus bis zu meiner Unterkunft gefahren und hatte mich derweil an die Gegend gewöhnt, dachte ich, aber nun sah alles so anders aus. So wild und ungezähmt. Bergig. Wo war ich hier nur gelandet?

Der Bus bog um eine Ecke schwarzen Gerölls und die Sonne, die zuvor von der Bergwand blockiert worden war, fiel mir in die Augen. Schnell wandte ich mich ab und blinzelte, weil ich nur noch gleißendes Orange und Gelb sehen konnte. Zumindest fuhren wir sehr gleichmäßig und die Straße war besser, als die, die ich bisher mitbekommen hatte. Mein Blick fiel aus dem Fenster gegenüber, nachdem ich die abgewetzten Sitze wahrgenommen hatte, und der Ausblick ließ mich erneut blinzeln. Wasser. In einiger Entfernung spiegelte sich die Sonne auf graublauem Wasser!

Loch Ness? Nein, es gab kein gegenüberliegendes Ufer, soweit ich sehen konnte. Ach verflixt! Woher sollte ich wissen, wo ich war, wenn ich nicht einmal in der Lage war, einen Flug zu buchen, so dass ich ankam, wo ich hinwollte!

Über mich selbst verärgert griff ich nach der Rückenlehne, um mich aufzustützen. Ich hatte keine Ahnung, wann der nächste Halt war, aber ich wollte raus. Allerdings gab es noch ein Problem: Wie drückte man seinen Haltewunsch aus, wenn es nirgends einen Schalter gab?

Der Bus raste um die nächste Kurve und nahm das blendende Licht aus dem Fahrgastraum. Hilfreich war das nicht, denn noch immer konnte ich keine Knöpfe ausmachen, die man drücken konnte, und auch keinen weiteren Fahrgast. Notgedrungen hangelte ich mich an den Sitzlehnen nach vorn zu dem Fahrer.

„Verzeihung, ich würde gerne aussteigen, wann ist das möglich?“

Zunächst wirkte der untersetzte Mann, als ignoriere er mich, dann ging aber ein Ruck durch ihn, er riss das Lenkrad rum und schleuderte mich dabei nach vorn. Ohne die Plastikwand zwischen uns, wäre ich ihm auf den Schoß gefallen. So landete ich schmerzhaft an dieser Barriere und rutschte an ihr Richtung Windschutzscheibe. Hinter mir zischte es, dann gab es ein Knirschen und ein Hauch kühle Luft strich über meine Waden.

„Nicht im Ernst!“

Ich wischte mir den Sabber von der Wange, den ich auch großzügig an der Plexiglaswand verteilt hatte, und drehte mich um.

„Also?“, schnarrte der Fahrer und gab mir damit einen Schubs. Schnell stieg ich aus und drehte mich wieder dem Bus zu, der bereits die Türen schloss und anfuhr, bevor ich auch nur ein weiteres Wort hervorbringen konnte. Freundlich.

Ich sah der Wolke hinterher, in der meine Mitfahrgelegenheit verschwand. Gestrandet. Aber das machte auch nichts. Gut, ich wurde langsam hungrig, müsste auch mal Wasserlassen und müde war ich sowieso.

Tja, da war ich also. Irgendwo, was absolut in Ordnung war, schließlich war der Ort unwichtig. Schnuppe. Egal. Erneut ließ ich den Blick wandern. Der Asphalt glänzte im strahlenden Sonnenlicht, die blühende Heide hatte eine eigene Magie, die mich allerdings nicht lang gefangen nahm. Ich war zu müde, um irgendetwas zu bewundern, zu ausgelaugt.  Ich machte mich auf den Weg. Mein Ziel stand mir deutlich vor Augen. Es gab eine Steilküste, vermutlich war sie nicht gesichert und man konnte – wenn man unvorsichtig war – abrutschen. Perfekt. Der Gedanke gab mir Aufwind und meine Schritte wurden leichter. Ich hüpfte fast durch das kniehohe Gras, ließ die Hände über deren Spitzen gleiten, dass es kitzelte und hatte auch – was besonders hervorzuheben war – ein Summen auf den Lippen. Bald hatte alles sein Ende. Bald, hatte ich Ruhe, müsste mich nicht mehr von einem Tag in den nächsten schleppen, ohne die Aussicht auf Besserung. Meine elende Existenz fand ein Ende. Herrlich!

Der Wind spielte mit meinem Haar, als ich endlich die Klippe erreichte und schlug es mir ins Gesicht. Mein Rücken schmerzte, war meine Umhängetasche doch denkbar ungeeignet für längere Spaziergänge und schnitt mit seinem zu schmalen Gurt in meine Schulter. Ich ließ sie zu Boden gleiten, balancierte sie einen Moment auf meinen Zehen, bevor ich den Gurt um meine Finger wickelte und den Blick geradeaus richtete. Der Horizont verschwamm mit dem rauen Meer. Salz lag auf meiner Zunge und zog auch in mein Haar ein, das sich langsam zu kringeln begann.

Möwen kreisten über dem Wasser und schrien. Hinter mir blökte es, was mich nicht aufschreckte, schließlich hatte ich während der Fahrt dutzende Herden Rinder wie Schafe durch das Land ziehen sehen, und was sollte schon passieren? Dass ein Schafsbock mich schubste? Meine Lippen bogen sich zu einem wahrhaft belustigten Grinsen. Upps, vom Schaf ins Jenseits bugsiert. Die Sonne brannte auf meinen Wangen, auch wenn sie sonst nicht gerade wärmte, und zusammen mit dem böigen Wind, der ständig an mir riss, war es eine merkwürdige Kombination. Ich streckte den Hals, um noch einige Sonnenstrahlen einzufangen. Es hieß, dass Bewegung und Licht halfen. Meine persönliche Erfahrung war da gegenteilig. Wenn ich mich dazu zwang, vor die Tür zu gehen oder ins Fitnesscenter, um Sport zu betreiben, dann fühlte ich mich danach eher wie durch die Mangel gedreht, ganz gleich wie gut oder schlecht das Wetter war. Auch Gesellschaft, Gespräche oder sonstige Geselligkeit taten mir nun mal nicht gut. Ich fühlte mich danach stets – und zwar ausnahmslos – wie gerädert.

Ich atmete tief ein, genoss das würzige Aroma, lauschte der Brandung unter mir und lockerte meine Finger um den Gurt meiner Tasche. War vielleicht ganz gut, wenn man sie hier oben fand, dann wusste man, dass etwas passiert war, auch wenn meine Leiche nicht so bald an Land gespült werden sollte. Mein Fuß schob sich langsam vor, ich spürte, wie das Erdreich unter ihm nachgab und abbröckelte. Ein Ende. Den Kopf in den Nacken legend, beugte ich mich vor. Es tat so gut, es war so befreiend, dass ich hätte lachen mögen. Endlich, nach über drei Jahren spürte ich wieder so etwas wie Glück. Noch einen kleinen Schritt und ich verlöre das Gleichgewicht.

Ich rutschte, ein überraschter Schrei verließ meine Lippen und ich riss die Augen auf, denn obwohl es bergab gehen sollte, ging es eher hoch. Etwas hatte sich um meine Mitte geschlungen und mich hochgerissen, weg vom Abgrund, fort vom endgültigen Aus und an einen stahlharten Körper.

„Daingead!“, hisste es an meinem Ohr, allerdings konnte ich nicht behaupten, tatsächlich zuzuhören. Er hätte genauso gut Rübenkraut sagen können. Die Sicht änderte sich, als der Fremde uns drehte und ich verlor das Meer aus den Augen, um wieder in die Heide zu starren. Zwei Schritte weiter setzte der Mann mich ab und drehte mich unter einem felsenfesten Griff zu sich herum. „Sind Sie von Sinnen?“

Dicke, dunkle Augenbrauen zogen sich über funkelnden, blauen Augen zusammen und ein Mund mit verflixt sinnlichen Lippen – ich konnte es selbst kaum glauben, dass mir dieses Wort in den Sinn kam – presste sich bei meinem Anblick zusammen.

„Sie sollten sich nicht so nah an die Klippen stellen, das ist gefährlich.“ Sein Blick glitt an mir herab. „Sie haben Glück, dass nur Ihre Tasche runtergefallen ist.“

„Was!“ Endlich holte mein Kopf auf und verarbeitete all die schrecklichen Details, die mir bisher entgangen waren. Der Dummkopf hatte mich gerettet! „Nein!“ Ich stolperte vorwärts, kam aber nicht bis zum Rand der Klippe. Er hielt mich mühelos mit einem Arm zurück, hob mich von den Füßen und stellte mich wie eine Puppe wieder vor sich ab.

„Die ist weg.“ Wieder verengten sich seine Augen, als er mich erneut musterte. Sicher war ich sterbensblass und mein Zittern musste auch zu sehen sein. Ich war außer mir. Mein Herz schlug wie wild in meiner Brust, Hitze brach aus und tränkte mein Shirt unter der warmen Jacke und meine Knie … Die gaben auf. Ich fiel doch noch, allerdings nur auf meine Knie.

„Na, na!“ Er folgte und zog mich an sich. Dieses Mal landete ich frontal an seiner Brust und sog seinen Duft ein, als ich nach Atem schnappte. Die Wirkung, die es auf mich hatte, war irritierend. Sollte ich nicht verärgert sein, über seine Einmischung? Darüber, dass er mich hin und her schob, wie es ihm gefiel, und meinen sorgsamen Plan, mir gekonnt das Leben zu nehmen, ruinierte. Stattdessen erwischte ich mich dabei, wie ich mich in seine Umarmung schmiegte und sich mir der Hals zuzog, vor Leid. Es gab Momente, in denen es mir so schlecht ging, dass ich mich zusammenrollte, und schlicht heulte wie ein Schlosshund, aber das war doch jetzt der absolut falsche Zeitpunkt!

„Es ist ja nichts passiert.“ Er rieb meine Schulter. „Sie müssen sich aber mehr vorsehen. Die Abhänge sind hier nicht gesichert. Vielleicht etwas, was in Angriff genommen werden sollte?“

Mir fehlte schlicht die Stimme.

„Sie sehen aus, als bräuchten Sie eine gute Tasse Tee, hm, so ein Glück, dass ich Ihnen da aushelfen kann.“

Irgendwie war ich belustigt. „Ich glaube nicht …“, krächzte ich und musste abbrechen, weil es in meinem Hals fürchterlich kratzte.

„Kommen Sie, ich campe dort hinten.“ Er streckte den Finger aus und deutete zur Seite. Ich folgte dem Hinweis nur, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass jemand in der Heide campen könnte. Tatsächlich duckte sich ein graues Igluzelt mit grünen Wimpeln an eine halbhohe Schieferwand nur wenige Meter entfernt. Kein Wunder, dass ich ihn zuvor nicht wahrgenommen hatte.

„Ich will Sie nicht belästigen“, murmelte ich, wobei ich die Gegend genauer absuchte. War er allein? Tramper? Wanderer? Warum zeltete man mitten im … Naturpark. Mir ging ein Licht auf. Ich musste mich in dem von Gregor genannten Naturpark befinden.

„Aber nein, Sie haben einen ziemlichen Schrecken durchgestanden und ich bestehe darauf, dass sie erst einmal zur Ruhe kommen.“ Noch immer hing ich an seiner Brust, in seiner Umarmung und seine Hand kreiste auch noch in meinem Rücken. Es war verdammt beruhigend. Zu beruhigend. Mich räuspernd schob ich mich von ihm fort.

„Das ist sehr freundlich, aber …“

„Touristin, nicht wahr?“ Er zog mich auf die Füße und legte dann den Arm wieder um mich, um die Richtung vorzugeben. Ich hatte keine Wahl, ich musste ihm folgen, beziehungsweise, mich mitziehen lassen. „Wo kommen Sie her? Nein, lassen Sie mich raten.“ Wir überquerten die Straße und umrundeten einen Felsvorsprung. „Der Akzent kommt mir bekannt vor. Sind Sie Deutsche?“

Beeindruckt sah ich zu ihm auf. Fein, sicher sprach ich mit deutlichem Akzent und mein Wortschatz war auch eher unterdurchschnittlich, aber nach wenigen Worten herauszuhören, aus welchem Teil Europas man stammte, fand ich schon bemerkenswert. Seine blauen Augen funkelten belustigt, was es mir zusätzlich erschwerte, passende Worte zu finden. „Ja.“

„Hallo, isch bin Ian. Wie gehen es dir?“ Er zwinkerte und wechselte wieder ins Englische. „Ich muss gestehen, viel mehr habe ich noch immer nicht gelernt.“ Wir erreichten sein Lager und er drückte mich auf einen Findling nieder. „Es dauert einen kleinen Moment, fürchte ich, die Thermoskanne ist bereits leer.“ Er hob eine grün eingefasste Kanne und kippte sie hin und her. Er verschwand im Zelt.

Das Lager war klein. Neben dem Zelt gab es noch ein kleines Lagerfeuer und eine Decke mit Karomuster. Ein Buch lag wenige Zentimeter von meinem Fuß entfernt und ich angelte nach ihm. Enchanted Dùn – A dangerous Game. Auf dem Cover prangte eine dunkle Trutzburg auf nächtlichem Grund, was verstörend wirkte. Den Deckel aufklappend, kämpfte ich mich durch die Übersetzung. Verzaubertes irgendwas?

Eine Widmung stand handschriftlich auf der ersten Seite. Es war eine saubere, geschwungene Handschrift und drückte einen herzlichen und sehr persönlichen Dank aus. Ein Liebesroman? Ich wusste nicht genau, was ich davon halten sollte und drehte den Roman um, um den Klapptext zu lesen. Ein Spiel um Liebe und Macht entspinnt sich. Aha. Klang immer noch nach einem Liebesroman, so lustig das auch war. Niemals hätte ich gedacht, dass ein Mann – auch noch so ein attraktiver – Interesse an Schnulzen haben könnte.

„Ah, wirft ein falsches Licht auf mich.“

Beinahe wäre mir das Buch aus den Fingern gerutscht, als ich aufschreckte. „Verzeihung, ich wollte nicht neugierig sein.“

„Ich bin eigentlich keine Leseratte, aber die muss ich irgendwie lesen. Sie spielen hier ganz in der Nähe und … nun, ich kenne die Autorin.“

Deswegen die persönliche Widmung.

„Ich verspreche, Sie nicht für einen Vielleser zu halten.“ Das Buch streckte ich ihm entgegen. „Ist es ein Liebesroman? Irgendwie wirkt er sehr düster, aber dem Titel nach …“

Er lachte auf. „Also bitte! Sehe ich aus, als lese ich kitschige Liebesromane?“ Er zwinkerte mir zu, wodurch er bei seinem Versuch, das Feuer zu entfachen, innehalten musste. Die Glut ließ sich rasch zu einem kleinen Feuer aufstocken. „Es ist ein waschechter Thriller und geht so richtig unter die Haut. Ich kann ihn Ihnen nur empfehlen.“

„Catriona McDermitt, noch nie von ihr gehört.“ Ich legte das Buch neben mir ab, weil er es mir nicht abnahm und spielte dann mit meinen Fingern. Irgendwie war ich schrecklich nervös und war mir nicht ganz im Klaren darüber, warum.

„Oh, sie ist ein Shootingstar, aber international läuft es wohl erst noch an. So genau bin ich da nicht informiert. Versuchen Sie es.“ Er stellte einen Topf mit Wasser auf eine wacklig aussehende Konstruktion von Ästen und balancierte ihn aus.

„Danke, aber mir ist momentan nicht danach zu schmökern.“ Mein Blick schweifte ab und wanderte über die Heide in seinem Rücken. Genaugenommen wusste ich momentan gar nicht, wonach mir der Sinn stand. Ich sollte nun im eisigen Meer treiben, oder zumindest am Fuße des Abhangs auf glitschigem Gestein liegen, wie auch immer, zumindest sollte ich nicht mehr Atmen und mir Gedanken darüber machen müssen, was ich als Nächstes tun wollte.

Sein Lachen rollte einer Berührung gleich über meine Haut und sorgte dafür, dass sich meine Härchen aufrichteten und mich ein kleiner Schauer überfuhr. „Schmökern. So manches Mal frage ich mich, ob ihr auch vernünftige Worte habt!“

„Entschuldigung.“ Ohne Konzentration mischte ich gerne Mal die Sprachen, dessen war ich mir natürlich bewusst, auch wenn ich mich generell bemühte, acht zu geben. Nun, ich war zerstreut. Immer, und gerade jetzt noch mehr als üblich. Was sollte ich denn jetzt tun?

„Ich habe Sie aus dem Bus steigen sehen.“ Er ließ sich auf der Decke nieder und kreuzte die Beine. „Und habe mich gleich gewundert.“

„So?“ Hatte er mich etwa die ganze Zeit über beobachtet? Eine schreckliche Vorstellung! Wie offensichtlich war meine Aktion?

„Es gibt keinen Grund, gerade hier auszusteigen.“ Sein Blick heftete sich auf mich und er verengte die Augen, um mich zu mustern. „Sie haben sich nicht verfahren, oder?“

Mein Kopf war völlig leer, ich wusste nicht, was ich sagen sollte, nur, dass ich besser schnell etwas hervorbrachte. „Äh.“

„Und Ihr Ziel kann es auch nicht gewesen sein, schließlich befinden wir uns hier mitten in der Einöde. Meilenweit nichts weiter als wildes Gras und Felsen.“

„Schlecht.“ Das Wort polterte nur so aus mir hervor und ich griff es schnell auf, um eine passende Geschichte darum zu weben. „Mir wurde schlecht und ich hielt es im Bus nicht mehr aus, deswegen bat ich, mich rauszulassen.“ Obwohl ich das Gefühl hatte, zu explodieren, wenn ich mich nicht bewegte, hielt ich ganz still. Glaubte er mir? War es von Bedeutung? Nun, wenn ich meinen Plan ausführen wollte, wäre es besser, wenn niemand beweisen könnte, es sei kein Unfall gewesen. Aber ließe sich dieser eine Mensch in der Einöde auftreiben, um der Versicherung eine eidesstattliche Aussage zu geben, damit sie die Prämie an meine Mutter nicht auszahlen müssen?

Ja, es klang etwas paranoid, aber solche Dinge geisterten mir im Kopf herum. Horrorszenarien, die immer gleich das Ende der Welt ausmalten.

„Und geht es Ihnen nun wieder besser?“

Eine tolle Frage, denn gut ging es mir schon seit Jahren nicht mehr, allerdings war es wohl nicht in meinem Sinne, dies zuzugeben. „Äh, ja. Die frische Luft …“

Seine dunklen Brauen wanderten langsam nach oben.

„Tut gut.“ Es war zu viel, ich konnte nicht mehr stillsitzen und rutschte auf dem Findling herum.

„Ja, sicher.“ Trotz seines lockeren Tons wirkte er skeptisch. „Das ist der Schafsdung.“

Ich stockte sogleich, meine Lippen formten die Worte in stummer Wiederholung und bezeugten meine Verblüffung. Mit Sicherheit war das Aroma kein Grund, sich wohler zu fühlen, schon gar nicht, wenn es über die salzige Meeresbrise und über frisches Heidekraut hinausging.

Das Wasser brodelte und spritze aus dem Topf. Es lenkte nicht nur mich ab.

Er schwenkte den Topf, in den er den Tee gegeben hatte, wobei er mir einen nachdenklichen Blick zuwarf. „Vielleicht wäre es Zeit für eine Vorstellung?“ Das aromatisierte Wasser goss er in die Kanne und fing die Teeblätter mit einem Filter ab. Den Becher entgegennehmend bemerkte ich, wie meine Finger bebten.

„Mein Name ist Ian und Ihrer?“

Zugegeben, ich wusste nicht weiter und starrte ihn an. Tausend Gedanken schossen in meinem Kopf hin und her. Handlungswege, Konsequenzen, Möglichkeiten, all so etwas und irgendwie machte es mich verrückt, denn nichts war miteinander vereinbar.

„Was beunruhigt Sie?“

Ich kaufte mir eine Sekunde, indem ich mit der Zunge über die spröden Lippen fuhr.

„Sie möchten mir Ihren Namen nicht nennen?“ Er klang belustigt, was sein Grinsen noch unterstrich. „Warum nicht?“

„Äh.“ Schnell vertiefte ich mich in den Tee und ließ mein Gesicht bedampfen. Was sollte ich sagen? Welche Begründung wäre halbwegs vernünftig? Glaubhaft?

„Wir haben hier die Angewohnheit, hübsche Frauen mit Kosenamen zu belegen, wenn Sie mir Ihren Namen nicht nennen möchten, werde ich darauf zurückgreifen.“ Er hob seinen eigenen Becher an die Lippen und blies hinein, ohne mich aus den Augen zu lassen. „Deutschland, aus welcher Ecke? Meine Schwägerin kommt aus Hamburg.“

Das war doch nun das zweite Mal, dass er Bezug auf die Frau seines Bruders nahm.

„Sie stammen von hier?“ Ich fragte nicht aus Neugierde, sondern, um ihn abzulenken, trotzdem begannen sich meine wilden Gedanken zu ordnen. Die ganze „Was wäre wenn“- Geschichte, all die schrecklichen Möglichkeiten, wie der Tag wohl enden mochte – und da bezog ich mich hauptsächlich auf den Umstand, dass ich noch immer Luft in meine Lungen sog und sich dies wohl nicht allzu bald ändern sollte – trat irgendwie in den Hintergrund, wenn ich mich auf etwas anderes konzentrierte.

Er lachte auf, als durchschaue er mich und schüttelte den Kopf. „Ja und nein. Eigentlich komme ich von Skye, aber betrachtet man das große Ganze, dann bin ich Schotte mit Leib und Seele und das hier ist meine Heimat.“

Ich hatte nicht mit einer so ausführlichen Erklärung gerechnet und war einen Moment lang sprachlos. „Ah.“

„Also? Hamburg, das liegt im Norden, eine Hansestadt. Liny besteht darauf, es sei eine Stadt mit Flair.“ Er lachte und nippte dann an seinem Tee. „Der Fischgeruch war nicht ganz meins, aber er erinnerte mich auch an zu Hause.“ Ian hob die Tasse. „Verzeihung, dearie, Milch, Zucker? Ich bin mir allerdings nicht sicher …“ Er wandte sich ab, um wieder im Zelt zu verschwinden. „Tja, sieht nicht gut aus.“

„Danke, aber ich trinke den Tee auch ohne Zusatz.“ Milch gehörte einfach nicht in Tee!

Ian kam wieder hervor und hob eine Schachtel. „Wie wäre es mit Keksen?“

Mein Magen knurrte.

„Ah, die Lady ist hungrig.“ Er reichte mir die Packung. „Ich kann Ihnen auch Dörrfleisch anbieten. Ich fürchte, Lachlan ist kulinarisch völlig auf dem Holzweg.“ Ian lachte erneut auf, was mich einen Moment davon ablenkte, meine Muttersprache zu erkennen. „Ich liebe eure komischen Ausdrücke!“

Das Komische war wohl, sie in einen englischen Satz einzubauen, denn mir kam auf die Schnelle kein merkwürdiger, deutscher Ausdruck in den Sinn.

„Auch aus dem Norden? Oder auch München? Liny beschwört uns seit Jahren, wir müssten mal hinfahren.“ Ian schlug die Beine unter. „Gibt es einen Grund, warum Sie so verschwiegen sind?“

Tja, gute Frage. Vielleicht musste ich mir endlich einen Aktionsplan überlegen. Wie sollte ich mit der Situation umgehen? Dummerweise war ich einmal mehr wie gelähmt durch zu viele Gedanken, die in unterschiedliche Richtungen drifteten und nicht vereinbar waren. Es war frustrierend festzustecken, keinen Entschluss fassen zu können und nicht einmal in der Lage zu sein, die Gedanken zu sortieren. Es war eine endlose Schleife in einem viel zu schnellen Karussell. Vielleicht nicht die passende Metapher? Vermutlich war ein riesen Kreisverkehr passender? Fünfspurig und dermaßen überfüllt, dass man die Bahn nicht wechseln konnte. Seine dicken, schwarzen Brauen hoben sich langsam, während er auf meine Antwort wartete, was mich erst recht außerstande brachte, auch nur ein Ton hervorzubringen.

„Oder warum Sie gefährlich nahe an einem Abhang standen, haarfein davor, abzurutschen?“

Ich verschluckte mich fast an meinem hastig eingezogenen Atem. „Bitte?“ Ein Wispern, nicht mehr, aber immerhin hatte ich einen Ton hervorgebracht, nicht wahr? Zwar war meine Therapeutin fest davon überzeugt – oder versuchte zumindest mich zu überzeugen – dass jeder kleine Schritt ein Grund zum Feiern war. Ich fand es albern, ich hatte nicht widersprochen, weil ich kooperativ, offen und zukunftsorientiert erscheinen wollte, aber der Gedanke brachte mich immer noch auf. Ich sollte mir kleine Ziele setzen, um ein Erfolgsgefühl zu haben, etwas erreicht zu haben. Wenn es mir schlechtging, konnte ein Ziel bereits sein, aufzustehen, oder einen Anruf zu tätigen, den man gerne vor sich herschieben würde. Sprich: Ich sollte mich für etwas feiern, was jeder Mensch mit einem Fingerschnippen tausendfach am Tag erledigte! Zugegeben, ich kam mir dabei vor wie ein Idiot. Ein nutzloser, kaputter Idiot und das war ein Gefühl, das ich absolut nicht mochte. Ich war es früher gewohnt gewesen, schnell zu sein, hervorragende Leistungen zu erbringen und es jedem recht zu machen, und nun konnte ich an manchen Tagen nicht aufhören zu grübeln!

Ich war handlungsunfähig. So einfach war es, und dies galt nicht nur für diesen Moment, nein, es erstreckte sich nun auf mein ganzes verfluchtes Leben.

„Es war nicht zu übersehen, dearie, und da stellt sich mir die Frage: Warum?“ Sein Blick wanderte über mich und seine Brauen zogen über der Nasenwurzel zusammen. Er wirkte, trotz seines leichten Lächelns, düster, was sich aber auch durch seinen Dreitagebart erklären ließ, der ebenso rabenschwarz war, wie seine Brauen und sein Schopf.

Ich hatte völlig den Faden verloren. Wovon sprach er?

„Sie möchten nicht darüber sprechen, fein, wie überbrücken wir die Zeit?“ Sein Blick lag immer noch mit voller Intensität auf mir. Was sah er wohl? Ich wusste, dass man mir meine Stimmung nicht notwendigerweise ansah. Viele meiner Mitmenschen waren überrascht gewesen, als ich mich offenbarte, als ich ihnen Einblicke in mein Seelenleben gewährte. Tja, und die meisten, meine Mutter fiel unter diese Gruppe, verstanden es auch nicht, wenn ich es ihnen haarklein beschrieb.

„Dearie? Sie wirken durch den Wind.“

Dieses Mal bemerkte ich, dass er eine deutsche Redewendung verwendete, auch wenn sie durch seinen Akzent fast unkenntlich gemacht wurde. Er konnte deutlich mehr sagen, als Hallo, ich bin Ian und offenbar war er etwas zu vernarrt in deutsche Redewendungen. Sein Grinsen verwischte, je länger ich ihn anstarrte, und schließlich brach er den Blickkontakt und räusperte sich. Dieses Mal war er es, der den Vorwand, von seinem Tee zu nippen, nutzte, um den Moment zu überspielen, allerdings wirkte es nur für einen kurzen Zeitraum.

„Lachlan ist das Sprachtalent in unserer Familie, ich habe offensichtlich Defizite. Deswegen lacht Sina mich vermutlich immer aus.“ Er seufzte gedehnt und fand seine Heiterkeit wieder, denn sein Grinsen war mit voller Intensität zurück. „Haben Sie Geschwister?“

Schon wieder Fragen. Seufzend stellte ich meine Gedanken ab. Das funktionierte nicht, aber es machte mich ruhiger. „Ja.“

„Bruder? Schwester?“, hakte er weiter nach. „Ich habe beides. Zwei Schwestern und einen Bruder.“

„Schwester.“

„Jünger? Älter?“

Er war verflucht neugierig, oder? „Jünger.“

„Hast du einen Job?“

Mein Blick schoss zu ihm und zeigte ihm meinen Ärger deutlich. Das war doch eine unterirdische Frage. Für was hielt er mich? Eine asoziale Arbeitslose? Fein, gerade jetzt war ich tatsächlich nicht sozialversicherungspflichtig beschäftigt, aber auch nur, weil man mich nach einem Jahr Krankheit und einer kurzen Wiedereingliederungsphase gefeuert hatte. Das war nicht meine Schuld und eigentlich bekam ich ja auch Krankengeld und keine Sozialhilfe und trotzdem stach es mich, dass er so von mir dachte. Oder ich von mir selbst? Kam ich noch immer nicht damit klar, dass ich nicht so funktionierte, wie ich es gerne wollte?

„Ich bin Assistentin des Managements bei einer Hotelkette.“ Zumindest war dies meine letzte offizielle Stelle gewesen. Ich musste einen Schluck trinken, weil mein Hals zu kratzen begann.

„Tatsächlich?“ Er lachte. „Klingt anstrengend.“

Oh, er hatte keine Ahnung. Mein Schnauben kam tief aus meinem Inneren. „Hin und wieder“, gab ich zu und hob die Achseln. „Ist wohl jeder Job.“ Sollte ich fragen? Gehörte sich so, oder? Andererseits war dies hier kein Date, nicht einmal eine echte gesellschaftliche Verpflichtung, auch wenn ich schon arg unhöflich war. Als wäre es von Bedeutung, als ginge es tatsächlich … Ich zwang meine Gedanken zu einem Stopp. Aufhören! Dieses Hin und Her machte mich schier wahnsinnig und es musste – verflucht noch eins – endlich aufhören!

„Sina ist Hochzeitsplanerin und das erschien mir bereits wie der reine Horrorjob. Aber die Organisation eines Hotels?“ Seine Brauen wackelten wie ein Schiff auf hoher See. „Ist bestimmt jede Minute eine richtige Herausforderung.“

„Ja und nein.“ Oh, Mist! „Generell ist es ein Job wie jeder andere. Planung, Kontrolle und Problembewältigung. Es macht manchmal richtig Spaß und an anderen Tagen ist es voll ätzend.“ Meist weil zu viel auf einmal passierte und man einfach keine Zeit hatte, auch nur eine Angelegenheit zur Zufriedenheit zu beenden. Man wurde stets herausgerissen, um sich der nächsten Katastrophe zu widmen.

„Aber Arbeit ist wichtig, nicht wahr?“ Er klang deutlich belustigt, was ich in dem Zusammenhang nicht verstand. Natürlich konnte es Sarkasmus sein, aber es passte nicht, der Tonfall, seine Mimik. Vielleicht machte er sich auch über mich lustig.

„Ist wohl so“, murmelte ich und drehte die Worte in meinem Kopf hin und her. Arbeit war wichtig, denn ohne Arbeit verdiente man kein Geld und ohne Geld – tja, eine Fortführung erübrigte sich.

„Sina ist ganz verrückt nach ihrer Arbeit und Liny rotiert mittlerweile, weil sie kaum etwas zu tun hat.“ Er zwinkerte mir zu. „Ich finde Arbeit ablenkend.“

„Wovon?“

„Vom Leben.“ Sein Lachen war schallend und trug seine Belustigung.

Okay, ich war depressiv, aber er war definitiv verrückt. „Arbeit ist ein Grundpfeiler des Lebens.“

„Beschäftigung, nicht Arbeit.“ Verrückt war wohl noch untertrieben.

„Geld“, verdeutlichte ich also. „In dieser Welt geht es nur ums Geld.“

„Hm.“ Wie ich stellte auch Ian seine Tasse ab und faltete die Hände im Schoß. „So ist es wohl. Ich nehme mal an, dass du finanzielle Probleme hast und deswegen …“ Seine Hand machte einen Schwinger in Richtung der Klippen, ohne dass er hinsah.

„Nein!“ Mir war klar, dass ich mich allein schon durch die hastige Antwort verriet, da war auch mein Quietschen gleich, oder mein Aufschrecken.

„Wie schlimm ist es?“

„Bitte?“

„Deine Schulden. Ich muss gestehen, dass ich nicht weiß, wie hoch meine Schulden sein müssten, damit ich …“ Sein Kopfschütteln brach seine Worte ab. „Andererseits habe ich die Hoffnung auf eine rosige Zukunft …“ Er lachte auf. „So in zwanzig oder dreißig Jahren, je nachdem.“

Klang auch nicht berauschend, allerdings lag er mit seiner Vermutung, ich wäre in ernsten finanziellen Problemen, völlig falsch. Na ja. Ziemlich falsch, schließlich wollte ich Geld für meine Familie herausschlagen, und das war mir tatsächlich immens wichtig. „Das ist nicht so.“

Sein Blick sagte alles.

„Ich habe keine Schulden.“

„Jeder macht mal Schulden.“ Seine schweren Schultern hoben sich, was irgendwie drollig wirkte. Ein kleiner Junge, gefangen im Körper eines Bären. „Das ist kein Grund, sich zu schämen.“

„Also schön. Es war sehr freundlich von Ihnen, mich zu retten und mir Tee anzubieten, aber ich muss nun weiter.“ Schnell stand ich auf und wischte meine Handflächen an meinem Schoß ab. „Danke.“

„Wie geht es weiter?“ Auch er kam auf die Füße. „Wie gesagt, hier ist weit und breit nichts.“

Auch wenn ich es nicht bezweifelte, sah ich mich um. Er lag natürlich richtig, weit und breit nur Gras, Meer und Felsen. Wo in aller Welt war ich hier gelandet?

„Eine Bushaltestelle wird es doch geben.“ Schließlich hatte mich der Fahrer rausgelassen.

Sein Kopfschütteln war elektrisierend. Ein Stoß ging durch mich und gleichzeitig fühlte ich mich wie festgefroren. Mein Körper zumindest, denn in meinem Kopf überschlugen sich einmal mehr Möglichkeiten, Gedankenstränge und Horrorszenarien.

„Aber der Bus kommt hier durch, vielleicht hält er, wenn ich winke?“ Davon ging ich nicht aus, zugegeben, denn in Deutschland fuhr ein Bus selbst an den Haltestellen an mir vorbei, da konnte ich hinterherwinken, wie ich wollte.

„Es gibt nur diese eine Verbindung, und die geht einmal am Tag von Edinburgh nach Inverness und wieder zurück. Allerdings …“ Die Pause ließ mich erschauern. „Auf einer anderen Route.“ Seine Miene verzog sich für einen Augenblick. Albern, zumindest kam mir dieses Wort zuerst in den Sinn. Es blieb natürlich nicht allein, ein Gedanke blieb bei mir nie lang allein, was wohl einen großen Teil meines Problems ausmachte. Aber er wirkte so albern, so unbeholfen mit dieser Geste, eben wie ein kleiner, viel zu groß geratener Junge. Abgelenkt brauchte ich ewig, um die Information aus den Worten herauszuholen und doppelt so lange, um mein Entsetzen zu formulieren. „Oh Gott!“

Er wechselte sein Standbein und legte dabei den Kopf zur Seite. „Vielleicht sollte ich noch einmal erwähnen, dass wir hier völlig abgeschieden sind. Selbst nach Farquhar bräuchten wir zu Fuß gut eine Stunde und das wäre der nahegelegenste Anlaufpunkt.“

„Oh.“ Lustigerweise vibrierte der Ton einsam in meinem Hirn und dies für ungewöhnlich lange.

„Ihre Tasche schwimmt im Atlantik und Sie werden Schwierigkeiten haben, schnell an Ersatzpapiere zu kommen, geschweige denn an Geld.“ Er hob die Hände. „Besonders an einem Samstagnachmittag.“

Stöhnend sank ich zurück auf den Felsen, auf dem ich zuvor gesessen hatte. Er lag völlig richtig. Mein Ausweis lag mitsamt meinen Schlüsseln, meinem Portemonnaie und meinem Handy unerreichbar am Fuß der Klippen. Ich hatte ein ernsthaftes Problem.

„Tee?“

Damit riss er mich aus meiner Starre. Ich sah auf, überrascht, denn er war keine Hilfe. Ian kniete bereits wieder am Feuer und arrangierte die Vorrichtung, um den Topf wieder darauf abzustellen.

„Die gute Nachricht ist, dass ich morgen wieder abgelöst werde.“

Schön für ihn.

„Ich könnte Sie hinbringen, wo immer Sie hin möchten.“

Nett.

„Sie haben doch eine Unterkunft?“

Mein Starren wurde mir zwar peinlich, aber ich konnte leider auch nicht aus meiner Haut. Das war entsetzlich. Stopp. So lange ich ihn ansah, schwirrten meine Gedanken nur wild umher, also senkte ich meinen Blick auf das niedergetrampelte Heidegras. Ein zweiter Anlauf war nötig, fein, aber das war kein Problem. Ich musste nur zurück in meine Unterkunft, vielleicht einen weiteren Tag verstreichen lassen, dann mit Gregor wieder in den Naturschutzpark kommen und verschütt gehen. Meine Lider fielen zu, bleischwer, wie sie waren. Oh, ich war dieses planen und austüfteln so leid.

„Ja.“

„Aha.“

„Eine Pension etwa eine Stunde von Dundee entfernt.“ Um zu verschleiern, dass ich meine Augen nicht wieder aufbekam, rieb ich über sie. Ich war einfach fertig, dabei war ich doch bereits bei der Fahrt im Bus eingenickt und sollte ausgeruht sein.

„Dundee? Das ist eine Ecke, aber ich fahre Sie gerne morgen wohin Sie wollen.“

Ich musste mich räuspern. „Danke.“ Aber? Irgendwie war mir nicht wohl, es so stehenzulassen. Ich wollte keine Gesellschaft. Ich wollte nicht in der Heide campen. Ich wollte nicht hier sein. Nicht mehr.

„Leider kann ich Ihnen zum Abendbrot nur Kekse und Dörrfleisch anbieten, aber wenn Sie erlauben, lade ich sie morgen zu einem ausgedehnten Frühstück ein.“

Ja, er war schon unheimlich in seiner Freundlichkeit. Sollte ich besorgt sein?

„Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber …“

„Sie täten mir einen Gefallen, wenn Sie mir hier die Zeit vertrieben. Ich muss gestehen, mir fehlt die Muse, um einfach vor mich her zu starren und die Tiere zu beobachten.“

Also bleiben? Ich war noch immer nicht entschlossen, für gewöhnlich blieb ich solange hin und her gerissen, bis äußere Umstände die Dinge entschieden. Um mich abzulenken, auch von meinen müden Augen, sah ich mich um. Mit Tieren waren sicherlich die verstreut grasenden Schafe gemeint.

„Die Dame dort drüben ist trächtig und es scheint, als bräuchte sie menschlichen Beistand. Mein Bruder ist etwas zu vernarrt in seine Tiere und verhätschelt sie.“ Er deutete auf ein liegendes Tier in Gesellschaft eines beeindruckenden Hornträgers, der mich wiederkäuend beobachtete.

„Tja. Ich kann es nicht fassen, dass ich mich freiwillig meldete, um diese Schicht zu übernehmen.“ Er grinste und hob die Schultern. „Allerdings ist mir die Gesellschaft dieser Wollknäuel lieber, als so manche menschliche Gestalt.“

Kryptisch, aber nachvollziehbar. Ich ließ meinen Blick wandern. „Aha.“

„Sprich: meine Mutter.“

Das fing dann doch meine Aufmerksamkeit ein, was er zwinkernd zur Kenntnis nahm.

„Unser Verhältnis ist eher angespannt.“

„Oh, das tut mir leid.“ So unangenehm es mir war, dass er mir so persönliche Dinge erzählte, war ich auch irgendwie gebannt. Natürlich war mir bewusst, dass jeder Mensch auf Erden seine Problemchen hatte, und das meine nicht einmal ernsthaft schwerwiegend waren, auch wenn es sich in der Regel ganz anders anfühlte.

„Muss es nicht, ich habe mich daran gewöhnt. Fünfunddreißig Jahre Abhärtung sei Dank.“ Seine Tonlage konnte täuschen, denn so locker wie er klang, nahm er diesen Umstand nicht. Da war etwas in seinen Augen, in seiner Körperhaltung, was Anspannung verriet.

„Familie“, murmelte ich, um die Situation aufzulockern. „Man kann sie sich nicht aussuchen.“

„Nein, leider nicht.“