Leseprobe Heiße Seitensprünge

Der Fremde

 »Fuck.« Mit einem derben Fluch auf den Lippen stellte Victoria die vollen Einkaufstaschen auf das Podest des Sechs-Parteien-Miethauses ab. Nassgeschwitzt suchte sie den Haustürschlüssel aus der Umhängetasche. »Fuck, fuck, fuck.« In dieser Bullenhitze ärgerte sie sich maßlos darüber, dass sie den großen Wocheneinkauf allein bewältigen musste, während sich Michael auf dem Fußballplatz herumtrieb.

 Sie hasste Fußball.

 Nachdem Victoria der verbale Ausbruch herausgerutscht war, blickte sie schuldbewusst an der grauen Fassade des Hauses empor. Natürlich – die alte Hartmann hing schon wieder am offenen Küchenfenster und musste ihr Fluchen gehört haben.

 »Guten Tag, Frau Bertram«, grüßte die Rentnerin. »Da haben Sie aber viel zu tragen, was?« Die Seniorin schaute suchend an Victoria vorbei und machte keinen Hehl daraus, demonstrativ nach Michael zu suchen. Vergeblich, denn Victorias Mann drückte sich vor der Schlepperei. Er würde nach Hause kommen, sobald der Kühlschrank gut gefüllt war.

 »Allerdings«, erwiderte Victoria seufzend. Sie rang sich ein Lächeln ab. Obwohl sie nur ein leichtes Sommerkleid trug, klebten ihr die Klamotten am Leib. Jetzt sehnte sie sich nach einer erfrischenden Dusche. Doch Frau Hartmann ließ sie nicht einfach so gehen. Sie hatte Lust auf Small Talk.

 »Ihr Mann ist wieder beim Fußball, was?«

 »Ja.«

 »Aber Sie sagen es: Sie sind auf Zack. Zack, zack, zack.« Die Hartmann kicherte wie eine Hexe.

 Es dauerte einen Moment, bis Victoria begriff, dass die alte Frau Victorias »fuck, fuck, fuck« falsch verstanden hatte. Sie musste sich ein Lachen verkneifen. »Allerdings«, sagte sie, während sie den Hausschlüssel umständlich ins Schloss fummelte. Nachdem sie einen Fuß in den Türspalt gestellt hatte, angelte sie nach den Taschen und nickte der Nachbarin am Küchenfenster zu. »Ich muss dann auch mal.«

 »Ja, sicher. Es hilft Ihnen ja niemand.«

 »Eben.« Fuck, fluchte sie, diesmal in Gedanken, als sie an ihren Mann dachte, der sich vor den anfallenden Aufgaben im Haushalt drückte. Hastig machte sie einen Schritt ins Treppenhaus. Hier empfing sie Dämmerlicht und eine angenehme Kühle. Schweiß perlte auf ihrer Stirn, sie blies sich eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht und überlegte, ob sie die Post aus dem Briefkasten nehmen sollte, entschied sich schließlich dagegen. Sie war froh, wenn die Einkäufe verstaut waren, und sie endlich duschen konnte. Wahrscheinlich war aufgrund der Hitze ihr Make-up verschmiert. Gedämpft drang das Zwitschern der Vögel an ihre Ohren.

 Warum, um Himmels willen, muss ich mich immer alleine mit den Wocheneinkäufen rumschlagen?, fragte sie sich und dachte grimmig an Michael, der sich Woche für Woche vor dem Großeinkauf drückte. Natürlich hatte es in der kleinen Straße keinen Parkplatz vor ihrem Haus gegeben. So war ihr nichts anderes übrig geblieben, als die Taschen mit den Lebensmitteln einen gefühlten Kilometer weit zu schleppen. Victoria quälte sich mit den zentnerschweren Taschen die Stufen hinauf. Kaum, dass sie die ersten Schritte gemacht hatte, ertönte oben eine Türklingel. Es dauerte nicht lange, und hinter Victoria summte der Türöffner.

 Die Haustür öffnete sich, dann näherten sich Schritte.

 Schnell, dynamisch, sportlich.

 Victoria unterdrückte ein Stöhnen und stellte die Taschen erneut ab. Wer auch immer nach oben wollte – er würde schneller sein als sie. Und er würde nicht an ihr vorbeikommen. Also wartete sie auf einer Zwischenetage, stellte die vollgepackten Taschen neben sich ab und holte Luft. Diese gottverdammte Hitze machte sie fix und fertig.

 »Hallo.« 

 Victoria blickte auf und schaute in das jungenhaft grinsende Gesicht eines Endzwanzigers. Er war zwei Köpfe größer als sie, braun gebrannt, Dreitagebart, strahlende blaue Augen und etwas zu lange Haare, die er nach hinten gegelt hatte.

 »Guten Tag«, erwiderte sie ein wenig verdattert. Das musste der neue Freund ihrer Nachbarin Sandy sein. Zum ersten Mal war er ihr so nah, zuvor hatte sie diesen heißen Typen immer nur von Weitem auf der Straße gesehen. Guten Tag, äffte sie sich in Gedanken nach. Mein Gott, Vicky, du klingst wie eine Achtzigjährige. 

 »Hi«, fügte sie schnell hinzu und erwiderte sein Lächeln. Nur für den Bruchteil einer Sekunde begegneten sich ihre Blicke und ihr war, als würde der Kerl bis in den hintersten Winkel ihrer Seele schauen können. 

 Victoria schaute zu einen großen Blumenstrauß in Folie, den er lässig am langen Arm trug. Sie erkannte bunte, blaue Blüten, etwas Farn und dazwischen samtrote Rosen.

 Ein Gentleman, dachte Victoria. Sandra, die stets nur Sandy genannt wurde, hatte echt Glück mit ihrem neuen Freund. Sie war gut zehn Jahre jünger als Victoria. Die beiden verband eine lockere Freundschaft. 

 Als der heiße Typ jetzt die Einkaufstaschen erspähte, deutete er darauf. »Soll ich eben helfen?«, fragte er. Allein der Klang seiner Stimme machte Victoria verrückt. Tief, dennoch warm und sehr gefühlsbetont.

 Moment, dachte Victoria und nahm sich zusammen, hat er mir angeboten, die fucking schweren Einkäufe hochzuschleppen? Sie zögerte, hätte sein Angebot um ein Haar angenommen. »Nein, danke, es geht schon.«

 Er zögerte, legte kurz den Kopf schräg, und betrachtete Victoria. »Wirklich nicht?« Als sie erneut den Kopf schüttelte, zuckte er die breiten Schultern. »Na gut.« Lag da Enttäuschung in seinem Blick? 

 Victoria spürte einen Schauer, der ihren Rücken herunterrieselte, dann war er auch schon vorbei. Sie schaute ihm nach, sah den muskulösen Rücken, die starken Arme, die das T-Shirt zu sprengen schienen und die knackige Kehrseite, die in einer verblichenen Bluejeans steckte. Sie stellte sich vor, wie es gewesen wäre, wenn er die Taschen vor ihr hochgetragen hätte. Immer zwei Stufen höher, sodass dieser Hintern auf ihrer Augenhöhe gewesen wäre. Victoria, du bist eine blöde Kuh, schalt sie sich in Gedanken. Warum hast du sein Angebot nicht angenommen?

 Unwillkürlich erbebte sie, als sie daran dachte, was alles hätte geschehen können, nachdem er die schweren Taschen in ihrer Küche abgestellt und sie um ein Glas Wasser gebeten hätte.

 Mit rotem Kopf mahnte sie sich zur Vernunft. Wer immer dieser Typ auch war, sie war eine verheiratete Frau. Punkt. 

 Jetzt war es ohnehin zu spät – er war verschwunden. Oben ging eine Tür, Sandra rief ein euphorisches »Hi«, dann trat er ein und die Wohnungstür wurde ins Schloss gedrückt. Gedämpft klang ein Kichern in den Hausflur.

 Der markante Duft seines Aftershaves hing noch in der Luft des Treppenhauses. Victoria erwischte sich dabei, wie sie die Augen schloss und die Luft tief einsog, so, als könne sie den Augenblick des Zusammentreffens für immer konservieren. Sie atmete ein letztes Mal tief durch, spürte das angenehme Kribbeln im Leib, dann angelte sie mit einem schweren Seufzer nach ihren Einkaufstaschen und setzte ihren Weg in den zweiten Stock fort. Als sie die nächsten Stufen nahm, spürte sie, dass ihr Slip feucht war.