Leseprobe Liebe und andere Schlagzeilen

Kapitel 1

Es gab eine Menge Dinge, die Callie Panther verachtete. 

Angefangen mit ihrem Vornamen: Calliope. 

Was für eine Tortur es gewesen war, mit einem solch arrogant klingenden Namen aufzuwachsen! Ihrem Zwillingsbruder war es wenigstens vergönnt gewesen, den Namen des ersten Autos ihrer Mutter zu tragen. Cooper war ein schicker, schlichter Name. Über ihren Namen jedoch hatte ihr steifer, vornehmer und etwas aufgeblasener Vater entscheiden dürfen und so war sie nach der Muse der epischen Dichtung benannt worden. Eine klare Fehlentscheidung, wenn sie das bemerken durfte. Bis jetzt war sie nämlich nur Schöpferin von ein paar Wutanfällen und Inspiration für den Namen eines Sandwichs im Restaurant neben ihrer ehemaligen Wohnung gewesen. 

Dann verachtete sie noch die Leute, die keinen Senf auf ihr Hotdog machten, sondern Mayonnaise. Die Menschen, die eine abfällige Bemerkung nach der anderen machten, aber in Tränen ausbrachen, sobald man sie kritisierte. Außerdem jeden Kommentar, der mit dem Ausdruck „Ich möchte ja nicht …, aber“ anfing. 

Ja, sie verachtete eine Menge, aber hassen tat sie nur weniges. 

Eltern, die an ihrem Smartphone hingen, während ihr Kind nahe eines Bahnübergangs spielte, zum Beispiel. Braune Smarties, die einem vorspielten, gesünder als der Rest zu sein. Rassistische Polizisten. 

Aber nichts, nichts hasste sie mehr als die Presse. 

Die Blutsauger, die ihre Nase in fremde Angelegenheiten steckten, Geheimnisse auf Titelseiten breittraten und am laufenden Band Gerüchte verbreiteten. Gierige Fotografen, die ihre Privatsphäre verletzten, sich durch Hecken wühlten, auf Mauern kletterten, um mit einem dreckigen Schnappschuss die Welt am nächsten Skandal teilhaben zu lassen. Journalisten, Klatschreporter, Paparazzi. Gewissenlose Schleimscheißer, die mit nur ein paar verbogenen Wörtern und schäbigen Bildern Leben zerstörten – ohne Rücksicht auf Verluste. 

Ihr Hass auf Menschen mit Diktiergerät und Schnappschusskamera hatte tiefe Wurzeln. Persönliche Wurzeln. Wurzeln, die einige Jahre lang ihr Leben bestimmt hatten. Doch darüber war sie hinweg. Damit hatte sie abgeschlossen. Sie war eine neue Person … was nicht bedeutete, dass sie darauf verzichten würde, den nächsten Typen, der „Bitte lächeln, Calliope“ schrie mit einer Harpune zu jagen und in die Marina zu werfen. 

„Woher wissen sie, dass ich hier bin?“, zischte sie, schob die Sonnenbrille höher die Nase hinauf und die Kappe tiefer in ihr Gesicht. Das Blitzlichtgewitter prasselte auf sie nieder, blendete sie und ließ ihre Nackenhaare zu Berge stehen. Das letzte Mal, dass sie eine solche mediale Aufmerksamkeit bekommen hatte, war zwölf Jahre her … und das war keine Erinnerung, die sie gerne erneut durchleben wollte. „Woher zum Teufel wissen sie, dass ich heute lande? Ich habe es nur sechs Leuten verraten, verdammt!“

„Ich hab keine Ahnung“, murmelte Coop verbissen und zog den Arm enger um ihre Schultern, um sie durch die Masse an Kameras und Reportern zu bugsieren. Sie dachte nicht an vielen Tagen über die Muskeln ihres Bruders nach, aber heute war sie dankbar dafür, dass er sich ausschließlich von Proteinshakes zu ernähren schien. „Ich schwöre dir, wenn noch einer seinen Finger in dein Gesicht hält …“

Callie seufzte schwer. So wie sie ihn kannte, plante Coop bereits, wie er mit nur einem Faustschlag gleich drei Presseleute niederschlagen konnte. Er war ein Hitzkopf, seine Zündschnur in etwa so lang wie sein kleiner Finger. Aber Callie wollte nicht, dass er sich ihretwegen in Schwierigkeiten brachte. Das hatte er den Großteil seiner Jugend getan und sie würde dieses alte Muster nicht wieder aufleben lassen. 

Die Fotografen schrien weiter durcheinander, verlangten allerhand Posen, Gesichtsausdrücke, Informationen von ihr, doch sie ignorierte sie alle. 

„Ist schon gut“, meinte sie und trat auf die Schiebetür zu, die sich automatisch öffnete. „Wir sind ja gleich beim Auto. Und mir war klar, dass die Presse die Rückkehr der verlorenen Tochter groß aufblasen würde.“ 

Die kalte Oktoberluft wehte ihr entgegen, biss in ihre Haut und ließ sie frösteln. Aber vielleicht war das auch nur der Ort an sich. Philadelphia konnte nichts dafür, aber die Stadt symbolisierte Versagen und Hilflosigkeit für Callie und das waren zwei Gefühle, mit denen sie sich schon längst nicht mehr identifizierte. Zwei Zustände, über die sie hinweggekommen war … und mit denen sie sich nie wieder hatte konfrontieren wollen. Und trotz allem war sie jetzt hier. 

Shit, ihr Vater hatte ganze Arbeit geleistet. Typisch für ihn, dass er selbst aus fast 3000 Meilen Entfernung Kontrolle über ihr Leben ausüben konnte. 

„Du warst nicht verloren“, bemerkte Coop schnaubend. „Du warst … im Urlaub.“

Sie lachte leise. „Zwölf Jahre lang? Mann, mein Leben muss fantastisch sein.“

„Das ist es“, bestätigte er mit Nachdruck. „Du hast eine Familie, die dich liebt, ein Dach über dem Kopf und einen Traum, den du verwirklichst. Was fehlt dir noch?“

Callies Mundwinkel zuckten. Coops Optimismus war beneidenswert. „Du hast recht. Ich habe eine überbesorgte Familie, die aus einem herrischen Vater, drei Helikopter-Brüdern und einer abwesenden Mutter besteht. Ich habe dein Dach über dem Kopf und einen Traum, der mich wahrscheinlich emotional wie auch finanziell ruinieren wird.“

„Das ist die positive Einstellung, für die ich dich liebe.“

Sie lachte trocken auf. Ach ja … manchmal wünschte sie sich, sie hätte das Geld aus ihrem Treuhandfond nicht komplett verschenkt. Ihr Leben wäre jetzt um einiges simpler gewesen, wenn sie die 50 Millionen Dollar, die sie mit fünfundzwanzig erhalten hatte, einfach behalten hätte. 

„Du warst es, die es für klug hielt, kein finanzielles Polster zu haben, Callie“, las Coop ihre Gedanken. „Ich hab dir gesagt, dass du diesen dummen Gedanken irgendwann bereuen wirst.“

Sie stöhnte. „Ich weiß. Aber ich wollte hart arbeiten müssen! Mir selbst beweisen, dass ich auf eigenen Füßen stehen kann.“ 

„Und das hast du getan. Herzlichen Glückwunsch. Wie hoch wirst du dich mit deinem Projekt noch gleich in die Schulden reiten?“ 

Sie biss auf ihre Unterlippe. „Mit einer Million Dollar?“

Coop lachte leise. „Und du dachtest, einhunderttausend Dollar für schlechte Zeiten würden reichen!“

Na, das hätten sie ja auch, wenn sie ihrer Existenz nicht mit einem Herzensprojekt einen Sinn hätte geben müssen! 

Aber Callie fiel es schwer, sich deswegen schlecht zu fühlen. Das erste Mal in ihrem Leben war ihr etwas wichtig. Sie hatte das Gefühl, eine Aufgabe zu haben. Etwas bewegen zu können. Etwas verändern zu können. Das erste Mal seit zwölf Jahren hatte sie ein Ziel, das sie erfüllte und zufriedenstellte. Und wenn das bedeutete, dass sie ihren Vater um ein Darlehen bitten und für ein paar Monate zurück nach Philadelphia kommen musste – dann war das so. 

„Callie, wie lang werden Sie bleiben?“

„Callie, was machen Sie überhaupt hier?“

„Callie, ist es wahr, dass Sie pleite sind?“

Liebe Güte, woher hatte die verdammte Presse ihre Informationen? Konnten sie jetzt auch noch auf ihre Bankdaten zugreifen, oder was? 

„Wie verdammte Hunde, die um einen Knochen betteln“, murmelte Coop düster, bevor sie zusammen die letzten Meter zu seinem Auto zurücklegten, das er widerrechtlich in der Ladezone vorm Flughafen geparkt hatte. Praktischerweise hatte der Nachname Panther eine abwehrende Wirkung auf Strafzettel oder Bußgelder jeglicher Art. 

Coop nahm ihr den Koffer aus der Hand, öffnete ihr die Tür und schirmte sie mit seinem breiten Rücken vor den Reportern ab, während sie einstieg.

Ihr Herz zog sich schmerzhaft süß zusammen und sie drückte seine Hand, bevor sie sich auf den Beifahrersitz fallen ließ. 

Coop beschützte sie. So wie mit sechs, als er ihrem Vater erzählt hatte, er wäre es gewesen, der das Schokoladeneis auf der weißen Couch gegessen habe. So wie mit zwölf, als er Timmy Robins niedergeschlagen hatte, weil er Callies Unterhose hatte sehen wollen. So wie mit vierzehn, als sie es das erste Mal auf die Titelseite einer Klatschzeitung gebracht hatte. Vollkommen besoffen mit dem Kopf in der Kloschüssel. Coop hatte jeden, der den Artikel auch nur erwähnt hatte, in den Boden gestampft. 

Er hatte schon immer versucht, ihre Kämpfe für sie ausgetragen. Er war schließlich ihr acht Minuten älterer Bruder, es war seine Aufgabe. Und sie wusste, wie es ihn noch immer auffraß, dass er vor zwölf Jahren, als sie ihn am meisten gebraucht hätte, nicht für sie da gewesen war. Doch es war nicht seine Schuld gewesen. Er hatte sich auf der anderen Seite des Landes aufgehalten und seine eigenen Erfahrungen gemacht. Es war ihr Leben, sie trug die volle Verantwortung dafür – und im Nachhinein war ihr klitzekleiner, totaler Zusammenbruch das Beste gewesen, das ihr je passiert war. Denn nach L. A. zu ziehen und ein neues Leben anzufangen, war genau das, was sie schon immer gebraucht hatte. Es hatte sie zu der Person gemacht, die sie heute war. Einer Person, die nicht nur durch ihren Nachnamen definiert wurde. 

Coop schlug die Tür hinter ihr zu, und im nächsten Moment waren die Schreie der Reporter nur noch ein dumpfes Rauschen. 

Callie atmete tief durch und schloss die Augen. Sie versuchte sich einzureden, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, herzukommen. Dass es klug gewesen war, ihr wunderschönes, gemütliches Leben in Los Angeles – ihr Zuhause, ihre Freunde und ihren Lieblingsitaliener – aufzugeben, um sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Sie redete sich ein, dass die Presse sich schon beruhigen würde. Dass sie bald merken würde, wie uninteressant sie war. Ihr Selbstgespräch nahm atemberaubende Ausmaße an, während sie gleichzeitig einfach nur dankbar für die Erfindung von getönten Scheiben war. 

Großartig – eine halbe Stunde in Philadelphia und schon musste sie ihre Schläfen massieren, um gegen den penetranten Kopfschmerz anzugehen, der sie hinterrücks überfallen hatte, als sie aus dem Flugzeug gestiegen war. 

Es ist eine Stadt, Callie. Kein tickendes Krokodil, das dir auch noch die andere Hand abbeißen will. 

Der Lärmpegel von draußen nahm wieder zu, als Coop die Fahrertür öffnete und sich hinters Steuer setzte, hielt jedoch nur ein paar Sekunden an. „Man sollte meinen, du bist die Queen, die angekündigt hat, eine Karriere als professionelle Trampolinspringerin anzustreben“, bemerkte er griesgrämig und startete den Wagen. „Ich frag mich, ob die Presse immer noch so begeistert von dir wäre, wenn sie wüsste, dass du dir bis zum siebten Lebensjahr Gummibärchen in die Nase gesteckt hast.“

„Hey, du warst es, der mir die Gummibärchen angereicht hat!“, beschwerte sie sich. 

Coop grinste sie an, bevor er vom Standstreifen fuhr. „Ich wollte sehen, ob du sie wirklich zwei Meter weit niesen kannst. Du kannst mir keinen Vorwurf dafür machen, dass ich ein so aufgeweckter, neugieriger Junge war, der unter deinem schlechten Einfluss gelitten hat.“ 

Sie schnaubte, musste gleichzeitig jedoch lachen. Gott, sie hatte ihn vermisst. Über die letzten Jahre hinweg hatten sie sich zwar alle paar Monate gesehen – Coop war schließlich der einzige Bruder, dem Callie ihre Adresse gegeben hatte –, aber es war nicht dasselbe gewesen. 

Sie hatte es immer albern gefunden, wenn Leute sie gefragt hatten, ob sie spüren könnte, wenn es Coop schlecht ging. Schließlich waren sie Zwillinge und mussten eine spezielle Verbindung haben. 

Nein, sie blutete nicht, wenn ihr Bruder blutete. Nein, sie war noch nie nachts mit einer dunklen Vorahnung aufgewacht und hatte gewusst, dass Cooper gerade etwas Schreckliches zugestoßen war. Nein, sie konnten nicht telepathisch miteinander kommunizieren – und dennoch hatte es sich in L. A. an manchen Tagen angefühlt, als würde ihr ein Arm fehlen. Oder die zweite Hälfte ihres Gehirns. 

Sie betrachtete Coop über die Mittelkonsole hinweg, während sie auf den Highway fuhren. Egal, wie sehr sie sich anstrengte, sie sah in ihm noch immer den kleinen, schlaksigen Jungen, der ihr mit zehn erklärt hatte, dass es cool war, einen Zwilling zu haben – weil man dann nie allein sein musste. 

Auch wenn er heute beim besten Willen nicht mehr als klein oder schlaksig zu bezeichnen war. Sein Leben als Adrenalinjunkie, das aus Freeclimbing, Extremskifahren und anderem Blödsinn bestand, wirkte anscheinend Wunder für seinen Muskelaufbau. Einzig die kurz geschorenen schwarzen Haare und die stechend blauen Augen – ein Merkmal, das alle Panther-Geschwister miteinander teilten – waren noch dieselben. 

Sie seufzte leise. „Hab ich dir schon mal gesagt, dass du mein Lieblingsmensch bist, Coop?“ 

Er lachte leise. „Bitte, das sagst du all deinen Brüdern.“ 

„Ja, aber bei dir meine ich es ernst.“

„Nein“, sagte er und schüttelte den Kopf. „Du magst Callum von uns am liebsten.“

Ihre Mundwinkel zuckten. Da war was Wahres dran. Callum war einfach etwas Besonderes. Er war definitiv das Panther-Familienmitglied mit dem größten und reinsten Herzen. „Aber nur, weil er mir von euch am wenigsten auf den Sack geht“, stellte sie klar. 

„Weil er zu beschäftigt damit ist, sein hyperaktives Gehirn zu beruhigen und die Welt zu retten, um sich auch noch um deinen Mist zu kümmern.“ 

„Ja. Und du bist nun mal dumm genug, mir auf die Nerven zu gehen. Das ist deine Schuld.“

Coop seufzte theatralisch auf. „Bedeutet es gar nichts, dass ich neun Monate lang ein Zimmer mit dir geteilt habe?“

„Mamas Uterus war kein Zimmer. Es war eine dreckige, schleimige Kaschemme. Außerdem hatte ich keine Wahl. Ich hätte das Zimmer gerne für mich allein gehabt, aber du hast dich dickköpfig an der Eizelle festgeklammert, bis ich nachgegeben habe. Du warst schon damals ein Kamikaze-Embryo.“ 

„Und zweiunddreißig Jahre später teilen wir wieder ein Zuhause. So schließt sich der Kreis.“

Sie zog eine Grimasse. Tatsache war, dass sie sich keine eigene Wohnung leisten konnte. All ihr Geld war für die Anzahlung des Grundstücks, das sie für ihre Zwecke gekauft hatte, draufgegangen. Coopers Gästezimmer war sicher nicht ihre erste Wahl gewesen.

 

„Also, wegen der Wohnsituation“, sagte sie zögerlich. „Bist du sicher, dass du mich dahaben willst? Ich könnte auch zu Cal ziehen, er würde wahrscheinlich nicht einmal merken, dass ich da bin.“

„Schwachsinn, du wohnst bei mir. Cal würde dich aus Versehen zusammen mit seinen Drohnen in die Luft jagen.“

Durchaus im Bereich des Möglichen. „Schön … aber bist du dir wirklich sicher, dass du das aushältst, Coop? Du wirst deinen Sexkonsum minimieren müssen.“

Coop drückte vor einer Ampel abrupt auf die Bremse und sah sie entgeistert an. „Was? Warum?“

„Weil ich da bin!“

„Na und? Ich kann doch in ihre Wohnung gehen.“ Er winkte ab. „Du machst dir zu viele Gedanken. Ich bin pflegeleicht, schon vergessen? Das wird lustig.“

Na, wenn er das sagte. Callie würde ohnehin eine Menge zu tun haben. Ihr erster Termin war morgen Nachmittag und am darauffolgenden Tag würde sie endlich das Haus ansehen, das sie sich für ihr Vorhaben ausgeguckt hatte. Sie hoffte, dass es nur halb so schlimm war, wie die Bilder hatten vermuten lassen. 

„Es ist ja auch nicht für immer“, sagte sie und stützte ihre Knie an der Armatur ab. „Ich werde wahrscheinlich ohnehin nur ein paar Monate in Philadelphia bleiben.“

„Mhm“, machte Coop abwesend, die Lippen zu einer dünnen Linie gepresst. 

Callie verdrehte die Augen. „Ich habe euch von Anfang an gesagt, dass das hier nicht für die Ewigkeit sein wird, Coop!“, sagte sie warnend. „Ich habe ein Leben in Los Angeles, und wenn alles glatt läuft, werde ich noch dutzende weitere Jugendzentren eröffnen. Das in Philly wird nur das erste sein. Danach werde ich zurückziehen.“

Coop seufzte schwer und warf ihr einen düsteren Seitenblick zu. „Wenn du das sagst … dann wird es wohl genauso passieren.“ 

Misstrauisch verengte sie die Augen in seine Richtung. „Das wird es. Und egal, was Cole plant – es wird sich nichts ändern.“

Ihr ältester Bruder hatte die schlechte Angewohnheit, mit allen Mitteln seinen Willen durchzusetzen. Als Anwalt und Besitzer der Delphies, der hiesigen Baseballmannschaft, war das wohl eine gute Eigenschaft. Als seine kleine Schwester, die sich nicht den Willen ihrer Familie aufzwingen lassen wollte, war das furchtbar. 

„Jaja“, sagte Coop unzufrieden, während die ersten Ansätze der Philadelphia Skyline am Horizont auftauchten. „Apropos Cole: Er wollte dir eine Willkommensparty schmeißen.“

Schockiert sah sie ihn an. Das Familienessen morgen Abend war schon schlimm genug! „Du hast es ihm ausgeredet, oder?“ 

„Natürlich habe ich das … sie warten trotzdem in meiner Wohnung auf dich.“

Callie zog eine Grimasse. Sie liebte ihre Brüder sehr, es war nur … „Gott, sie werden mich lauter unangenehme Dinge fragen. Zum Beispiel wie es mir geht oder warum ich mich die letzten zwölf Jahre so wenig bei ihnen gemeldet habe. Und Cal wird wissen wollen, was ich mit seiner blöden Drohne gemacht habe, die sie auf mich gehetzt haben!“

„Ach, Quatsch“, meinte Coop kopfschüttelnd. „Sie werden einfach froh sein, dich zu sehen. Mehr nicht.“

 

„Unglaublich, die verlorene Tochter ist zurück“, bemerkte Cole zwanzig Minuten später kopfschüttelnd und zog sie fest in die Arme. „Wie geht es dir? Warum zum Teufel hast du dich nicht öfter besuchen lassen? Ich konnte dir nicht einmal eine Weihnachtskarte schicken, weil du ja niemandem deine Adresse geben wolltest!“

„Und was ist mit meiner Drohne passiert?“, wollte Callum wissen, als er Cole in der Umarmung ablöste. 

„Ihr habt mich damit ausspioniert! Die Drohne hat bekommen, was sie verdient.“

Ungläubig sah Cal sie an. „Was? Weißt du, wie teuer das Teil war?“

„Teurer als meine Privatsphäre?“, fragte sie gespielt neugierig. 

„Meine Güte, hör auf mit deiner Drohne“, meinte Cole schnaubend. „Sie war nicht dein Roboterkind. Lass Callie lieber erzählen, wie es ihr geht.“ 

Vorwurfsvoll sah Callie zu Coop. 

„Ups“, formte der nur mit den Lippen und verschwand im nächsten Moment nach links in die Küche. Hoffentlich, um ihr Alkohol zu bringen. 

Sie wusste, dass Cole und Cal es gut mit ihr meinten, doch über die Jahre hatte sich die höfliche Floskel „Wie geht es dir?“ aus dem Mund ihrer Familie zu einem besorgten Kontrollzwang entwickelt. 

„Mir geht es sehr gut“, sagte sie und gab sich Mühe dabei, nicht allzu genervt zu klingen. „Tatsächlich ging es mir nie besser.“ 

Es war die Wahrheit. 

Cole und Cal wechselten einen skeptischen Blick, nickten jedoch. „Das ist … gut zu hören“, sagte Cole langsam und kratzte sich am Kopf.

„Ja, ist es“, bestätigte sie. „Und was ist mit euch beiden? Geht es euch gut?“

Sie zog ihren Koffer rechts ins Wohnzimmer hinein und sah sich kurz um. Coop hielt nicht viel von Farbe. Sie lenkte die Frauen, die er herbrachte, zu sehr ab. Er setzte auf Schwarz und Grau, weil das seine Eroberungen zu weniger Gesprächen anregte. 

Eine breite Ledercouch und der dazu passende Sessel dominierten den Raum, einige Schwarz-Weiß-Bilder, die verschiedene architektonisch beeindruckende Gebäude zeigten, hingen an den Wänden. Keines auch nur ansatzweise so groß wie der Flatscreen Fernseher an der gegenüberliegenden Wand. Ein Kickertisch besetzte die eine Ecke, eine Dartscheibe die andere. Callie fühlte sich, als wäre sie in einen Film mit dem Namen Der Junggeselle gestolpert. Gott sei Dank war sie jetzt hier und konnte Coop vor sich selbst retten. 

„Ich komm klar“, meinte Cal abwesend, den Blick auf sein Handy gerichtet. 

„Ja, ich auch“, bestätigte Cole. 

„Wirklich?“, fragte Callie neugierig, schnappte Cals Handy aus seiner Hand – ihm würde es wirklich guttun, mehr mit Menschen als mit Maschinen zu kommunizieren – und ließ sich auf die Couch fallen. „Hast du immer noch eine Freundin, Cole?“ 

Er zog eine Grimasse und setzte sich neben sie. „Sag das nicht so.“

„Wie denn?“

„Als hätte ich eine Frau entführt, um sie dazu zu zwingen, mit mir zusammen zu sein.“

Callie lachte. Alte Gewohnheit. „Sorry, ich formuliere es um: Wie geht es deiner Freundin?“

„Ebenfalls gut, danke der Nachfrage. Sie ist auf der Arbeit, freut sich aber, dich morgen Abend persönlich kennenzulernen“, murmelte Cole. „Und es ist überhaupt gar nicht so merkwürdig, wie ihr immer behauptet, dass ich jetzt vergeben bin.“

Doch, war es. Die Panther-Geschwister verbanden drei Eigenschaften: die blauen Augen, die schwarzen Haare und ihre Unfähigkeit, eine gesunde Beziehung zu führen. 

Callie gab ihren Eltern die Schuld, die einen verdammt guten Job darin gemacht hatten, ihnen zu zeigen, wie eine Beziehung auf keinen Fall funktionierte, aber nie dazu gekommen waren, ihnen zu erklären, wie man sich normalerweise in einem intimen Verhältnis verhielt. Und dass gerade Cole, der König der Distanziertheit, jemanden gefunden hatte, mit dem er sein Leben verbringen wollte, war … absurd. Aber gleichzeitig auch schön. Denn es bedeutete, dass noch Hoffnung für sie bestand. 

„Er hat Savannah gefragt, ob sie bei ihm einziehen will“, bemerkte Callum und lächelte breit. „Aber sie hat Nein gesagt. Es sei zu früh. Sie möchte nicht, dass er auf dumme Ideen kommt wie Heirat und Kinder. Denn dafür sei sie noch nicht bereit.“ 

Ungläubig sah Cole ihn an. „Woher zum Teufel weißt du das?“

„Frauen reden mit mir, Cole“, meinte er achselzuckend. 

„Welche? Die aus Plastik?“

„Oh, reden wir über Coles Unfähigkeit, Savannah festzunageln?“, stimmte Coop mit ein, der mit einem Sixpack Bier aus der Küche kam. 

„Ich nagel sehr gut, danke“, sagte Cole düster. 

Callie verzog das Gesicht. „Eklig.“ 

„Es war Coops Wortwahl!“

„Ja, er ist ja auch noch schlimmer als du. Der Einzige, der respektvoll mit Frauen umgehen kann, ist Callum.“

„Weil er nie rausgeht und keine trifft“, gab Coop zu bedenken. 

„Ich treffe genug Frauen“, sagte Cal gelassen. Es war äußerst schwer, ihn aus der Fassung zu bringen. 

„Die von World of Warcraft zählen nicht“, meinte Coop kopfschüttelnd und reichte Bierflaschen herum. 

Cal schnaubte nur. „In welchem Zeitalter lebst du? Ich spiele Fortnite.“

„Das ist ein Kinderspiel, Cal.“ 

„Nein, den Tag damit zu verbringen, aus Flugzeugen zu springen und Wände hochzuklettern, so wie du es tust, ist ein Kinderspiel, Coop. Und nur, weil dein letztes vernünftiges Date drei Monate zurückliegt, musst du deine Frustration nicht an mir auslassen.“

„Was soll das heißen? Ich habe andauernd Dates!“

„Die Kellnerin deiner Lieblingsbar aufzureißen und mit ihr zwei Minuten über eine merkwürdige Wolkenformation am Himmel zu reden, bevor du sie mit zu dir nach Hause nimmst, ist kein Date. Google wird dir das bestätigen!“

Coop murmelte etwas, das sich sehr nach „Klugscheißer“ anhörte, bevor er einen Schluck von seinem Bier nahm.

Callies Mundwinkel zuckten und eine wohlige Wärme breitete sich in ihrem Magen aus. Ja, ihre Brüder waren Idioten. Aber es waren ihre Idioten. Und es war offensichtlich, dass sie einen positiven weiblichen Einfluss brauchten! Sie würde die Monate hier gut zu nutzen wissen. 

„So, da wir den Small Talk jetzt hinter uns haben“, sagte Cole laut und öffnete seine Flasche, bevor er den Öffner an Callie weiterreichte. „Können wir dann bitte zu der Frage kommen, die wir uns alle die letzten Wochen über gestellt haben?“

Cals und Coops Blicke flogen automatisch zu Callie, bevor sie betreten auf ihre Füße sahen.

Oh nein. Sie ahnte Böses, und das warme Gefühl in ihrem Bauch wurde zu einem nervösen Flattern. „Was für eine Frage ist das?“, wollte sie zögerlich wissen. „Ob Schokolade besser ist als Chips?“

Cole schüttelte den Kopf. „Nein. Jeder weiß, dass Schokolade besser ist. Was wir wissen wollen … warum hast du dir Geld von Dad geliehen, wenn du es ebenso gut von uns hättest haben können? Das wäre mit sehr viel weniger Stress für dich verbunden gewesen und wir hätten dir sicherlich keinen dummen Deal vorgeschlagen. Außerdem: Was zum Teufel ist mit deiner eigenen Kohle passiert?“

Callie seufzte schwer und versteckte sich einige Momente lang hinter ihrer Bierflasche. Coop war der Einzige, dem sie erzählt hatte, dass sie ihr Geld gespendet hatte … und natürlich hatte Cole recht. Anders als jede Bank, die sie gefragt hatte, hätte jeder von ihnen ihr das Geld mit Freude gegeben. „Mein Geld ist … weg. Und ich wollte unsere Beziehungen nicht belasten“, erklärte sie und hob die Achseln. „Die Beziehung zu Dad kann gar nicht mehr schlimmer werden. Doch ihr … Ich will nicht das Gefühl haben, euch etwas zu schulden, okay?“

Außerdem ging es nicht nur ums Geld. Ihr Deal umschloss nicht nur die eine Million Dollar – die sie ihm natürlich zurückzahlen würde! Wenn das Jugendzentrum auf lange Sicht funktionieren sollte, brauchte sie Investoren. Leute, die ihr jährlich Spenden bereitstellten. Und so leid es ihr tat … dafür brauchte sie Medienpräsenz. Ihr Dad war Medienmogul, ihm gehörten ein Haufen TV-Sender, Zeitungen – es wäre dumm von ihr, das nicht auszunutzen. Auch wenn ihr Stolz es ihr eigentlich verbot. 

„Okay“, sagte Cole ungeduldig. „Ich verstehe. Aber …“ Er zögerte und strich über das Etikett seiner Flasche. „Callie, weißt du, was du da tust? Bist du sicher, dass du dir nicht zu viel auflädst? Das ganze Projekt wird verdammt anstrengend. Das werden eine Menge Zahlen sein, mit denen du dich beschäftigen musst.“

„Ach, tatsächlich?“, sagte sie trocken. „Wie gut, dass ich einen Master in Finance im Müll gefunden und ihn an meine Wand gehängt habe.“

„Es geht nicht nur um die Arbeit an sich“, meinte Coop. „Die Idee ist wunderbar und es ist toll, dass du dich für Jugendliche mit problematischem Hintergrund einsetzen willst. Aber die Presse wird jeden deiner Schritte verfolgen. Sie wird alte Kamellen auspacken und neu aufwärmen. Sie wartet seit zwölf Jahren darauf, dass du zurückkommst. Wir wollen nur nicht, dass du … na ja …“ Er brach ab und blickte erwartungsvoll zu Callum. 

Der zog die Augenbrauen zusammen, sodass sie unter dem Rand seiner Brille verschwanden. „… dich übernimmst?“, bot er unsicher an. 

Dankbar deutete Cooper mit dem Finger auf ihn. „Genau das.“

Callie presste die Lippen aufeinander und ließ den Blick langsam von einem Gesicht zum nächsten schweifen. „Nur damit ich das richtig verstehe“, sagte sie langsam. „Ihr haltet mich für einen zerbrechlichen Zweig, der unter dem Druck der Presse zusammenbrechen, erneut zu Drogen greifen, sich auf zweiundfünfzig Kilo hinunterhungern und letztendlich im Krankenhaus landen wird. Wie letztens noch. Vor beschissenen zwölf Jahren!“ 

„Ich habe dir gesagt, dass wir es nicht hätten ansprechen sollen“, flüsterte Coop unzufrieden in Coles Richtung. 

„Wir haben überhaupt nichts angesprochen“, zischte er. „Ich habe es getan. Und wir waren uns einig, dass wir es zumindest erwähnen sollten.“

„Ich sitze hier, Cole! Ich kann euch hören!“, fuhr Callie ihn wütend an. „Und denkt ihr allen Ernstes, dass mir nicht klar ist, auf was ich mich eingelassen habe?“ Herrgott, sie dachte seit einem halben Jahr an nichts anderes. Warum, glaubte er, hatte sie es immer wieder vor sich hergeschoben, diesen Flug zu buchen? 

Ja, sie hatte Angst – nein, Panik! –, dass sie wieder in alte Muster zurückfallen würde. Diese ganze Stadt war eine einzige schlechte Erinnerung. Eine Essstörung verlor man nicht. Man lernte nur, mit ihr umzugehen. Und das tat sie jeden Tag aufs Neue. Was die Drogensache anging … sie war nie süchtig gewesen. Der Tag, an dem sie im Krankenhaus gelandet war, war das erste und letzte Mal gewesen, dass sie zu dem kleinen, weißen Helferlein gegriffen hatte. Auch wenn ihr das niemand glaubte. Der Auslöser, der zu dieser Fehlentscheidung geführt hatte, würde sich ohnehin nicht wiederholen können. Deswegen machte sie sich keine Gedanken. Vielmehr hatte sie Angst, was der Druck der Presse mit ihr anstellen würde. 

Ja, sie war keine zwanzig mehr. Sie war stärker geworden. Sicherer in dem, wer sie war. Sie wusste, was sie konnte und was nicht. Aber ebenso wusste sie, dass sie drei Jahre Therapie gebraucht hatte, um dieses Selbstbewusstsein zu erlangen.

Dennoch: Sie würde ihr Leben nicht von diesem einen Vorfall bestimmen lassen. Sie konnte nicht vergessen, was passiert war, aber sie konnte versuchen, es zu verarbeiten. Und wenn sie Philadelphia in ein paar Monaten verließ, hatte sie hoffentlich Frieden mit der Stadt geschlossen. 

„Ich weiß, dass es schwer wird“, sagte sie gereizt und umklammerte ihre Bierflasche fester. „Ich weiß, dass es anstrengend wird. Ich weiß, dass es alte Wunden aufreißen wird und ich weiß, dass die Presse mir Stolpersteine in den Weg werfen wird. Aber das alles ist kein Grund, sich zu einem Ball einzurollen und weinend in der Ecke zu sitzen! Wisst ihr: Anstatt euch Sorgen um mich zu machen, könntet ihr mich einfach mal unterstützen. Ich bin erwachsen geworden. Ich bin kein Kind mehr, das sich die falschen Freunde gesucht hat und mit den Konsequenzen leben muss. Ein wenig Vertrauen wäre nett.“

„Wir vertrauen dir!“, sagte Cole hastig. „Wir wollen dir nur helfen. Wir wissen, dass du nicht mehr dieselbe bist. Wirklich.“

„Nein, das tut ihr nicht! Ihr unterschätzt mich. Ihr schützt mich, wo ich nicht geschützt werden muss!“, fuhr sie ihn an. Es war so typisch! Sie sahen immer noch das Mädchen vor sich, das so todunglücklich gewesen war, dass es aufgehört hatte, richtig zu funktionieren. Das Mädchen, das sie nicht hatten retten können, weil sie zu spät gemerkt hatten, was los war. 

Cole schüttelte den Kopf. „Callie, du hast keine Ferien im Krankenhaus gemacht! Du lagst ein paar Stunden auf der Intensivstation, Herrgott!“

„Ich weiß, Cole!“, sagte sie zornig. „Ich war dabei. Aber das ist eine Ewigkeit her! Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Mit dem, was ich erreicht habe. Stolz sogar! Ich bin ein anderer Mensch.“ Und sie würde ihrer Familie verdammt noch mal beweisen, dass sie zu allem fähig war, was sie sich in den Kopf setzte. 

Ihre Brüder starrten sie an, sagten jedoch nichts. 

„Schön. Ich geh auspacken“, meinte sie ernüchtert und stand auf. 

„Callie, komm schon“, sagte Coop seufzend und erhob sich ebenfalls. „Wir lieben dich, okay? Wir haben dich vermisst. Du hast dich zwölf Jahre lang auf der anderen Seite des Landes versteckt. Natürlich haben wir Fragen.“

„Ich habe mich nicht versteckt! Ich habe mir ein Leben aufgebaut“, sagte sie gereizt. „Ich habe Finanzmanagement studiert. Ich habe Soziale Arbeit studiert. Ich habe die letzten zehn Jahre ununterbrochen gelernt, damit ich Jugendlichen, die genauso verloren sind, wie ich es damals war, helfen kann. Ihnen ein Zuhause für den Tag geben kann! Das Jugendzentrum ist keine fixe Idee von mir. Es ist ein Ziel, auf das ich hart hingearbeitet habe. Und ich weiß, dass ihr denkt, ich sei zu schwach, um es allein zu schaffen. Aber ihr irrt euch!“

„Niemand von uns denkt das, Callie“, sagte Callum mit seiner ruhigen Stimme. „Wir wollen dich lediglich wissen lassen, dass wir für dich da sind. Egal, welches Problem sich dir die nächsten Monate in den Weg stellt.“ 

Callie schloss die Augen, nickte und atmete tief durch. „Jungs, ich weiß es zu schätzen, okay?“, sagte sie und zwang sich dazu, ihre Fäuste zu lösen. „Dass ich bei dir wohnen darf, Coop, dass ihr euch um mich sorgt. Dass ihr mich vermisst habt. Ich habe euch auch vermisst. Aber ich muss das hier allein machen!“ Sie streckte den Rücken durch. „Und ihr könnt euch schon einmal an einen Gedanken gewöhnen: Ihr wisst nicht, was das Beste für mich ist. Das weiß nur ich. Und jetzt gehe ich auspacken, bevor ich euch beim Kicker abziehen werde.“ 

Sie lächelte schwach, drückte Coop, der immer noch leidend aus der Wäsche guckte, kurz an sich und verschwand dann in den kleinen Flur, der vom Wohnzimmer abging und hinter dem sie das Gästezimmer vermutete. 

Verborgen vor den Blicken ihrer Brüder blieb sie stehen und schloss die Augen. Einige Momente lang lauschte sie ihrem eigenen Herzschlag und ihrem eigenen Atem. 

Es war die richtige Entscheidung gewesen, herzukommen. Coop hatte recht, sie hatte sich in Los Angeles versteckt. Doch damit war jetzt Schluss. Sie hatte schließlich gewusst, dass es nicht leicht werden würde! 

Sie öffnete die Augen und verzog das Gesicht. Sie hatte nur ebenso gehofft, dass es nicht so schrecklich schwer werden würde …

Kapitel 2

James Galway hatte in seinem Leben bereits eine Menge Spitznamen gehabt. 

Pooky, Specknacken, Windelkönig, Drunken Sailor, Jamie, Big Shot, Rich-Bitch, Pantoffelheld und nicht zu vergessen: Wordmaster. Über die Jahre hinweg war da allerhand zusammengekommen. Zurzeit jedoch hatte sich seine Familie auf Arschloch versteift – und den Titel trug er leider bereits seit sieben Monaten.

Mochte er diesen Namen? Er war noch unentschlossen. Er kam wohl vor Windelkönig aber nach Wordmaster. Verdiente er den Spitznamen? Möglich. Wenn auch nicht unbedingt für das, was seine Familie ihm anlastete. 

Als Journalist wurde er manchmal dazu gezwungen, Dinge zu tun, die im Lexikon hinter moralisch verwerflich eingeordnet werden konnten. Doch allgemein gab er sich Mühe, ein vernünftiger Kerl zu sein. Das gelang ihm nicht immer – er war nun einmal ein Mensch mit einer Menge Fantasie, einer Menge Möglichkeiten und einem großen Vokabular an Schimpfwörtern –, aber eigentlich hatte er bis vor ein paar Monaten geglaubt, dass er in den Himmel kommen würde. 

Doch seit der „Jamie ist ein Arschloch“-Phase gelang es ihm immer weniger, sich an diesem Gedanken festzuhalten. Denn die Rolle, die ihm seine Familie neuerdings zugewiesen hatte, schränkte ihn in einigen Bereichen etwas ein … 

„Ich bin bei Rusty und lerne, Mom!“, rief Thomas in den Telefonhörer hinein. „Und das sind keine Motorengeräusche, das ist der Computer, der ist sehr laut. Meine Güte, du wirst langsam echt paranoid.“ 

James warf seinem vierzehnjährigen Neffen einen skeptischen Seitenblick zu und musste zugeben, dass er besser lügen konnte, als er es ihm zugetraut hätte. 

„Ja, gut. Ich werde hier essen, danke. Bis nachher.“ Thomas legte auf und grinste ihm zu. „Siehst du? Kinderspiel.“

James zog eine Grimasse. „Weißt du, jedes Mal, wenn ich dich ohne die Zustimmung deiner Mutter abhole, komme ich mir wie ein verdammter Kidnapper vor“, murmelte er kopfschüttelnd, während er vor einer Ampel hielt. Sein Navi sagte ihm, dass sie in drei Minuten da sein würden, und den großen, verdammt teuer aussehenden Häusern nach zu urteilen, die ihre Straße säumten, hatte es recht. 

„Jaja, jetzt ist es plötzlich meine Mutter und nicht mehr deine Schwester“, sagte Thomas und verdrehte die Augen. „Und technisch gesehen kidnappst du mich ja auch. Mom hat dir verboten, mich zu sehen … und du wirfst mich trotzdem in deinen Kofferraum und schleppst mich mit.“

James schnaubte laut. „Mitschleppen? Du bettelst mich seit Tagen an, mit dir den bescheuerten Marvel-Film zu sehen.“

„Zu dem wir wahrscheinlich nicht rechtzeitig kommen werden, weil du schon wieder arbeiten musst.“

„Eine halbe Stunde, maximal“, versprach er und bog in eine Einbahnstraße ein. „Dann fahren wir weiter und gucken diesem Ameisenmann dabei zu, wie er unlogische Dinge tut.“

„Du sagst immer, dass es nur eine halbe Stunde dauert, und nie hältst du dein Wort“, murrte Thomas. 

Das mochte stimmen, aber diesen Termin hatte er unmöglich absagen können. Die Chance mit jemandem wie Calliope Panther zu arbeiten, tat sich nur einmal alle zehn Jahre auf, und er hatte nicht vor, sie zu vergeuden. Alle seine Kollegen und Konkurrenten rissen sich um einen Termin bei ihr – und er hatte ihn auch nur bekommen, weil er so viele Versprechungen gemacht und so verdammt hartnäckig gewesen war, sodass Ms Panther ihn mit einer einzeiligen E-Mail-Antwort gewürdigt hatte. 

 

Fünf Minuten, Dienstag um vier. 

 

Eine romantischere Nachricht hatte er noch nie bekommen. 

„Wie geht es deiner Mom eigentlich?“, wollte er wissen, während sein Navi piepte und ihm ankündigte, dass sich sein Ziel in dreihundert Metern zu seiner Rechten befand.

„Ganz okay“, meinte Thomas vage und zuckte mit den Achseln. „Ich glaub, es tut ihr gut, dass sie zur Abwechslung mal auf dich und nicht auf Dad wütend sein kann.“ 

Ja, sich über diesen Schwachkopf aufzuregen, war sicherlich anstrengend. „Schön, dass ich helfen kann“, sagte er deswegen trocken.

Thomas grinste und klopfte ihm auf die Schulter. „Keine Angst. Ich glaube, ihn hasst sie immer noch mehr als dich.“

Na, wunderbar. Dann waren alle seine Wünsche ja in Erfüllung gegangen. Und es war noch nicht einmal Weihnachten. 

„Sie meinte letztens, dass sie sich von dir verraten fühlt. Und sie wolle mich deinem schlechten, betrügerischen Einfluss nicht länger aussetzen. Du müsstest noch mindestens ein Jahr leiden, bevor sie überlegen kann, dir zu verzeihen.“

James seufzte schwer, bevor er mit etwas mehr Elan als notwendig die Bremse drückte und am Straßenrand parkte. 

Er hatte es nicht anders erwartet. Seine Schwester war schon immer sehr nachtragend gewesen. Als sie sechs war, hatte sie drei Monate lang nicht mit ihm geredet, weil er ihrer Barbiepuppe einen Irokesen verpasst hatte. Und das, was er sich jetzt zu Schulden hatte kommen lassen, ging etwas über eine miese Barbiefrisur hinaus. Trotzdem: Seiner Meinung nach reagierte sie maßlos über. Schön, wenn sie sauer auf ihn sein wollte, aber den Kontakt zu ihrem Sohn zu verbieten? Dem einzigen Familienmitglied, das ihn zurzeit nicht hasste? Seinem beschissenen Patenkind? Nein, das ging zu weit. Also traf er sich seit Monaten heimlich mit Thomas. Romeo-und-Julia-Style. Nur dass Thomas keine Liebe, sondern Kinokarten, Gesellschaftsspiele und Ratschläge über Mädchen haben wollte. Als ob er da der verdammte Experte für wäre. Er war nur mit einer Frau zusammen gewesen – und das sieben Jahre lang. Über diese Frau wusste er eine Menge, über alle anderen jedoch? Nicht wirklich. 

„Aber weißt du, ich bin auch sauer auf sie“, redete Thomas weiter und pulte an dem aufgedruckten Pac-Man-Bild auf seinem T-Shirt. Er war so schlaksig, dass selbst die Größe S an ihm hinabhing wie ein Bettlaken an einem Skelett. „Weil sie sauer auf dich ist. Und weil sie seit einem Jahr verspricht, mir diese neuen Turnschuhe zu kaufen, es aber nie tut. Ich schwöre, jeder meiner Mitschüler hat mehr Geld als ich. Jeder! Und ich weiß, dass Dad nicht zahlt, was er sollte, aber es kotzt mich an.“

„Hey, deine Mom tut ihr Bestes“, sagte James ernst. Man konnte Serena eine Menge Vorwürfe machen, aber nicht, dass sie nicht alles für ihren Sohn tat. „Also hör mit deinen blöden Turnschuhen auf. Wenn sie das Geld hätte, würde sie sie dir kaufen.“ 

„Ja, ich weiß“, murrte Thomas. „Es ist nur … als bräuchten die anderen noch einen weiteren Grund, sich über mich …“ Er brach ab, lief rot an und sah aus dem Fenster. „Ist auch egal.“

James’ Herz zog sich unangenehm zusammen. Er musste kein Genie sein, um zu wissen, dass Thomas nicht gerade unter die Definition cool fiel. Er war zu groß, zu dünn, verbrachte seine Zeit mit zu vielen Computerspielen und Superhelden und sein Lieblingsfilm war Pocahontas. Ja, er hatte es nicht leicht als Teenager. Aber darüber würden ihm ein paar neue Turnschuhe auch nicht hinweghelfen. Er musste die High-School aussitzen, danach würde alles besser werden. 

„Warum gibst du mir nicht einfach das Geld?“, meinte Thomas nachdenklich und sah ihn auffordernd an. „Du hast Kohle!“ 

Er hatte es versucht, aber seine Schwester hielt nicht viel von Almosen. Noch weniger als von ihm. Ihr würde es auffallen, wenn Thomas mit neuen Schuhen nach Hause kam – und er wollte nicht riskieren, seinen Neffen wirklich das nächste Jahr über nicht zu sehen. Manchmal hatte er nämlich das Gefühl, dass Thomas das Einzige in seinem Leben war, das seinen Bezug zur Wirklichkeit aufrechterhielt. 

Mit ehrwürdigem Journalismus verdiente man nicht viel Geld. Mit Klatschpresse hingegen schon. James war nicht stolz darauf, aber das war der einzige Grund, warum er vor sieben Jahren in diese Sparte gewechselt war. Er war es leid gewesen, einer brotlosen Kunst hinterherzuhängen. Doch über die vermeintlichen Stars und Sternchen Amerikas zu schreiben, saugte einem langsam, aber sicher jegliches Leben und jeglichen Realitätsbezug aus dem Körper. 

Weil er jedoch so verdammt gut in dem war, was er tat, weigerte sein Chef sich, ihm große Themen außerhalb dieses Bereichs zuzuspielen. Bis jetzt. Denn das alles würde sich mit Calliope Panther ändern. 

„Ich hab dir das Pac-Man-Shirt gekauft. Wenn ich dich auch noch mit Turnschuhen verwöhne, erwartest du als Nächstes ein Auto von mir.“

Thomas grinste. „Ein rotes, bitte.“

„Ah, rote Autos werden statistisch gesehen öfter von der Polizei angehalten als andere“, meinte er kopfschüttelnd und schaltete den Motor aus. „Das möchte ich dir nicht zumuten.“

„Dein Auto ist rot.“

Na ja, aber ihn hielt die Polizei ohnehin schon relativ oft an. Sie mochte keine kreativen Autofahrer. 

„Werde du erst mal sechzehn“, sagte er bestimmt, schnallte sich ab und öffnete die Tür. Thomas wollte es ihm nachtun, doch James schüttelte den Kopf. „Nichts da. Du bleibst im Auto.“

Thomas schnaubte laut. „Alter, ich bin nicht dein Hund.“ 

„Natürlich nicht“, meinte er leichthin und stieg aus. „Ich lass dir ja auch kein Fenster auf.“

Im nächsten Moment warf er die Tür zu und schloss seinen Neffen ein. 

„Hey!“, beschwerte sich Thomas gedämpft durch das Fenster. „Was soll das?“

James lächelte ihm nur zu und wandte sich dem Haus zu, vor dem er parkte. Das letzte Mal, als er Thomas zu einem seiner Aufträge mitgenommen hatte, war der Jugendliche ihm zehn Minuten später gefolgt und hatte eine eintausend Dollar teure Vase umgeschmissen. Calliope Panther würde ihn ohnehin nicht mit offenen Armen empfangen, da brauchte er nicht auch noch einen Vierzehnjährigen, der ihre Wohnung verwüstete. Er hoffte nur, dass Thomas heute länger brauchen würde, um zu bemerken, dass er das Auto von innen einfach öffnen konnte …

Das viktorianische Gebäude bestand aus vier Apartmentblocks und war mit einem undurchsichtigen Metallzaun umgeben, in den nur ein einziges Tor eingelassen war. Klug von Ms Panther, es der Presse schwer zu machen, unerlaubte Schnappschüsse von ihr zu machen. 

James sah auf seine Uhr – er war pünktlich, so wie immer – und drückte dann auf den Klingelknopf, neben dem der Name Panther stand.

Ms Panther war schnell, das musste man ihr lassen. War sie nicht erst gestern angekommen? Und schon stand ihr Name auf ihrem Klingelschild? 

Ein Knistern ertönte, dicht gefolgt von einer Stimme. „Kommen Sie rein. Und wenn ich ein Diktiergerät bei Ihnen finde, das unerlaubt läuft, werden Sie sich wünschen, einen Anzug aus Styropor zu tragen.“ Das Knistern brach ab und im nächsten Moment ertönte ein Buzzer. 

James lachte leise und trat durch das Tor. Charmant. Es war genau so, wie er gedacht hatte: Callie Panther hasste ihn, bevor sie ihn überhaupt kennengelernt hatte. Das war keine neue Erfahrung für ihn, jedoch gleichzeitig etwas ernüchternd. Es würde es sehr viel schwerer machen, sie davon zu überzeugen, mit ihm zusammenzuarbeiten. 

Er lief über einen schmalen Kiesweg, eine Treppe hinauf und blieb vor einer blauen Tür stehen, die der prestigegeladene Name Panther zierte. Keine Sekunde später ging sie auf.

Er öffnete den Mund, um sich vorzustellen, stockte jedoch, als er die Frau sah, die vor ihm stand. 

What the …? 

James hatte gewusst, wie Calliope Panther aussah. Jeder in Philadelphia tat das. Allerdings hatte er das viel zu dünne Mädchen im Kopf gehabt, das er vor so vielen Jahren, während seiner Anfänge als Journalist, abgelichtet hatte. Die Frau, die jetzt vor ihm stand, hatte bis auf die großen, blauen Augen nichts mit der Jugendlichen gemein, die er schon damals als sein Sprungbrett genutzt hatte. 

Verdammt, Calliope Panther war erwachsen geworden! Und es stand ihr. Anfang dreißig tat ihr sehr viel besser als zwanzig. Sie war nicht mehr dürr, sie sah … gesund aus. Die richtigen Kurven an den richtigen Stellen. Ihre Haut war von der kalifornischen Sonne gebräunt, ihre schwarzen Haare kitzelten ihre Schultern und die Jeans, die sie trug, war an genau den richtigen Stellen eng. Nämlich an allen. 

„Hey“, sagte sie kühl und lächelte ihn steinern an. „Sie müssen der Virus sein, der mein Mailpostfach zum Einsturz gebracht hat.“

Ja, vielleicht hatte er es mit seinen Nachrichten etwas übertrieben. Aber seine Hartnäckigkeit war es, die aus einem mittelmäßigen Journalisten einen großartigen gemacht hatte. Er ließ sich nicht von seinem Ziel abbringen. Er grub bis zum Erdkern, wenn er musste. James hatte sich in seinem Leben noch nie leicht zufriedengegeben. Das war der Punkt, in dem er sich grundlegend von seiner gesamten Familie unterschied. Der Punkt, den weder seine Eltern noch seine Geschwister je verstanden hatten. 

Seine Familie brauchte einen Braten auf dem Tisch und eine Realitysoap im Fernsehen und schon war sie glücklich. Für sie war es okay, vierzig Jahre lang für dieselbe Baufirma zu arbeiten und das Leben in derselben Stadt, in derselben Nachbarstadt zu verbringen. 

Lana war genauso gewesen. Ein Haus neben dem seiner Eltern, ein paar Kinder, ein ruhiges Leben mit weißem Gartenzaun und hier und da ein Urlaub in Maine – das war alles, was sie gewollt hatte. 

Und das war in Ordnung. Ein ruhiges Leben mit den Dingen, die man kannte, zu bevorzugen, war kein Verbrechen – aber für ihn nie das Richtige gewesen. 

Er hatte schon immer mehr gewollt. Mehr Wissen, mehr Veränderung, mehr Tiefgang, mehr Erfahrungen, mehr Herausforderungen … einfach mehr. Er wollte in seinen Artikeln nicht an der verdammten Oberfläche kratzen, so wie es sein Chef von ihm verlangte. Er wollte verstehen, was er sah, über was er schrieb. Er wollte nicht den Vorhang, er wollte den verdammten Backstagebereich. Also bohrte er und bohrte, bis er auf Öl stieß. 

„Hey“, sagte er betont freundlich und reichte ihr die Hand. „Ich bevorzuge James Galway, aber wenn Sie bei Virus bleiben wollen, kein Problem. Ich bin Spitznamen gewohnt.“

Calliope nahm seine Hand mit überraschend festem Griff entgegen, während sie ihn misstrauisch betrachtete. Ihr Blick glitt von seinen Füßen zu seinem Gesicht. Zentimeter für Zentimeter tastete sie ihn ab, als suche sie etwas. 

„Soll ich mich vielleicht lieber ausziehen, damit Sie mich leichter auf illegale Gegenstände durchsuchen können?“, fragte er unschuldig. 

Calliopes Blick flog nach oben zu seinem Gesicht, bevor er zurück zu seiner Brust wanderte. Nachdenklich runzelte sie die Stirn. „Sie wollen so dringend mit mir sprechen, dass Sie bereit wären, vor der ganzen Nachbarschaft zu strippen?“

„Ich habe kein Problem mit meinem Körper“, sagte er wahrheitsgemäß. 

„Das erkenne ich an Ihrem sehr engen Hemd. Aber nein“, sagte sie. „Sie dürfen Ihre Hosen anbehalten. Alles andere wäre womöglich unangebracht.“ 

„So unangebracht, wie zu denken, dass ich nur hier bin, um Ihnen zu schaden?“

Sein Gegenüber seufzte schwer und verschränkte die Arme vor der Brust. „Nehmen Sie es nicht persönlich, Mr Galway, aber ich hasse Klatschreporter. Aus tiefstem Herzen. Und das nicht grundlos. Was unangebracht ist, entscheide ich also immer noch selbst.“

„Ich bin hier, um Ihnen zu helfen“, stellte er mit erhobenen Händen klar. „Nicht um Ihre dreckige Wäsche zu waschen.“

Sie schnaubte laut. „Natürlich. Ihre Hintergründe sind ehrenwert. Mitgefühl, Menschlichkeit und das Streben nach einer reinen Seele haben Sie heute hierhergeführt.“ Ruckartig wandte sie sich um und ging nach links in die Küche.

James’ Mundwinkel zuckten, bevor er über die Schwelle trat, die Tür hinter sich schloss und ihr folgte. 

Die Küche schien direkt aus einem Schwarz-Weiß-Film entnommen worden zu sein. Granit traf Edelstahl und klare Kanten verbanden sich mit spitzen Ecken. Alles in allem wirkte die Küche etwas … männlich. Und als Ms Panther drei verschiedene Schränke öffnen musste, um zwei Gläser zu finden, kam James der Gedanke, dass es vielleicht gar nicht ihre Wohnung war. Möglicherweise galt das Klingelschild einem anderen Familienmitglied mit dem Namen Panther. 

Calliope füllte die Gläser mit Wasser, stellte sie auf einen schwarzen Küchentisch in der Mitte des Raumes und deutete auf einen Stuhl, bevor sie sich auf den Platz gegenüber setzte. 

„Also, Mr Galway“, sagte sie, latente Ungeduld in ihrer Stimme. „Ich habe Ihnen fünf Minuten versprochen und ich gebe Ihnen fünf Minuten.“

Er setzte sich ebenfalls. „Nennen Sie mich James.“

„Schön“, sagte sie knapp und verengte die Augen. „Auch wenn ich dann die ganze Zeit das Gefühl habe, ich würde meinen Butler rufen. Ich bin Callie. Warum die Höflichkeit bewahren, wenn Sie doch ohnehin gerade die erste Schlagzeile über mich formulieren.“

Bitte, die erste Schlagzeile hatte er bereits seit einer Woche. Er war doch kein Anfänger. 

„Dankeschön“, sagte er und faltete die Hände auf dem Tisch. „Ich bin eigentlich nur hier, um ein wenig über Sie zu re–“

„Und da muss ich Sie direkt unterbrechen“, schnitt sie ihm das Wort ab. „Ich will nicht über mich oder meine Vergangenheit sprechen. Das ist sicherlich nicht der Grund, warum ich mich auf dieses hirnrissige Treffen eingelassen habe. Es soll nicht um mich, sondern um mein Projekt gehen.“ 

Nun, das könnte sich schwierig gestalten. Offenbar war sich Ms Panther der Tatsache nicht bewusst, dass sich niemand für ihre karitativen Ambitionen interessierte. Ein reiches Mädchen, das etwas Gutes tun wollte? Bitte! Die Geschichte war so alt, dass selbst die Bibel davon schrieb. Aber das konnte er ihr natürlich so nicht sagen, deswegen beschloss James, eine andere Schiene zu fahren. 

„Sie wollen ein Jugendzentrum eröffnen“, sagte er sachlich.

Ihre Augenbrauen gingen nach oben. „Woher wissen Sie das?“

„Ich habe meine Hausaufgaben gemacht, Calliope.“

Sie verzog das Gesicht. „Callie, bitte. Niemand nennt mich Calliope, abgesehen von meinem Vater.“ 

Na, mit dem wollte er wirklich nicht in Verbindung gebracht werden. Weder als Journalist noch als Mann. „Schön. Callie. Sie wollen ein Jugendzentrum eröffnen und brauchen Investoren. Und um Investoren zu gewinnen, brauchen Sie mediale Aufmerksamkeit. Ich kann Ihnen diese Aufmerksamkeit geben.“

„Ja, so wie jeder andere Journalist der Stadt.“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, niemand wird Ihnen anbieten, was ich Ihnen anbiete.“ 

„Ihren Körper und eine Packung Marshmallows?“

Seine Mundwinkel zuckten. „Ich mag den Gedankengang, aber nein. Sie wollen, dass die Presse von Ihrem Projekt berichtet … dabei sind Sie das Projekt, Callie. Die Leute interessieren sich nicht dafür, dass Sie Jugendlichen helfen wollen. Wer möchte schon über arme Kinder lesen, die nichts im Leben haben? Das ist deprimierend.“

„Aber es ist die Wahrheit!“

„Ja, aber die Wahrheit verkauft sich nicht gut“, meinte er und winkte ab. „Das müssten Sie doch am besten wissen. Die Leute wollen etwas über Sie erfahren. Sie wollen mit Ihnen mitfühlen. Nicht mit namenlosen Jugendlichen, zu denen sie keine Verbindung spüren. Alles, was die Presse interessieren wird, sind Sie. Aber das ist nichts Schlechtes. Denn das können Sie ausnutzen.“ 

„Indem ich einen Deal mit dem Teufel eingehe?“ 

„Ich würde die Presse nicht direkt als Teufel bezeichnen …“ 

„Ich spreche nicht von der Presse, ich spreche von Ihnen“, stellte sie klar und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, die blauen Augen zu Schlitzen verengt. „Denken Sie, Sie sind der Einzige, der seine Hausaufgaben gemacht hat? Ich habe Sie recherchiert, und Sie sind ein Piranha.“ 

Er lächelte. „Vielen Dank.“ 

„Das war kein Kompliment.“ 

„Doch, aus meiner Sicht ist es eins“, versicherte er ihr.

Sie schnaubte laut. „Sie haben Hugh Hefner solange tyrannisiert, bis er Sie in seine Grotte eingeladen hat.“ 

„Ah, tyrannisiert ist so ein böses Wort. Ich habe ihn lediglich mehrfach höflich darum gebeten.“

„Mhm. Und jetzt ist er tot.“

Er lachte. „Na, die Lorbeeren kann ich nicht einheimsen.“ 

„Zurzeit haben drei Leute eine einstweilige Verfügung gegen Sie in der Hand …“

„Weil sie nicht zufrieden mit meiner Sicht auf ihr Leben waren.“

„Sie sind aus der Collegezeitung von Princeton geflogen, weil Sie einen Enthüllungsbericht über den Chefredakteur verfasst haben, und die halbe Stadt hat Sie bereits mindestens einmal verklagt.“

„Wenn man nach der Wahrheit sucht, macht man sich nun einmal auf kurz oder lang eine Menge Feinde.“

„Die Farbe von Emma Stones Unterwäsche ist die Wahrheit?“ 

Na ja, keine interessante, aber dennoch … „Ich kenne meinen Lebenslauf, Callie“, sagte er schlicht. 

Sie schnaubte. „Sie sind kein vertrauenswürdiger Mann, James.“

„Nein, natürlich nicht. Das habe ich nie behauptet. Ich bin ja auch kein Charakter aus der Sesamstraße. Aber ich bin Ihre beste Option. Denn all diese kleinen Zwischenfälle, die Sie so schön recherchiert haben, bringen ebenfalls zutage, dass ich verdammt gut in dem bin, was ich tue. Und Sie wissen das, sonst hätten Sie nie zugesagt, mich zu treffen.“ 

Sie zuckte die Schultern. „Ich war neugierig. Sie haben in Ihren Mails verzweifelt geklungen. Und auf den Satz: Sie wissen es nicht, aber Sie brauchen mich, springe ich immer gerne an. Also: Überraschen Sie mich doch mal. Was können Sie mir bieten, was niemand anderes kann? Was wollen Sie von mir?“

„Ich möchte eine Reihe Artikel über Sie veröffentlichen.“

„Ein Journalist, der etwas über mich schreiben möchte … innovativ.“

„Ich weiß. Und ich möchte die Exklusivrechte dazu bekommen. Sie werden mit keinem Journalisten außer mir sprechen.“

„Wieso hören Sie sich auf einmal wie ein eifersüchtiger Ehemann an?“, fragte sie interessiert. 

Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem breiten Lächeln. „Weil ich genau das sein werde. Der Ehemann, der Sie auf Schritt und Tritt begleitet. Ihren ganzen Weg bis zur Eröffnung des Jugendzentrums beleuchtet.“

Callie seufzte schwer und ihre Brüste hoben und senkten sich im Rhythmus ihrer langgezogenen Atemzüge. „Fassen wir zusammen: Sie wollen wie jeder andere irgendeine Story über mich schreiben.“

„Natürlich will ich eine Story über Sie schreiben!“, sagte er eindringlich und beugte sich vor. „Sie sind interessant, Callie. Sie haben Charisma. Sie haben eine Geschichte. Und haben Sie eine Ahnung, wie viel Kohle mir ein einziger exklusiver Artikel über Sie einbringen wird?“

Irritiert zog Callie die Augenbrauen ins Gesicht. „Sie sind wirklich schlecht darin, mich von Ihren guten Absichten zu überzeugen, hat Ihnen das schon mal jemand gesagt?“

„Sie sind gut – und sie werden uns beiden helfen. Denken Sie doch mal darüber nach: Irgendwer wird irgendetwas über Sie schreiben. Ob Sie wollen oder nicht. Der erste Artikel steht wahrscheinlich schon in der Zeitung. Sie haben keine Macht darüber, was dort steht … aber ich gebe Ihnen die Chance, sie zu bekommen.“ Er klopfte mit dem Zeigefinger auf den Tisch. „Ich werde Sie überall hinbegleiten, ich werde jeden Schritt von Ihrem Projekt abdecken, ich werde dem Ganzen eine persönliche Note verleihen, die die Leute lesen wollen. Ich werde die Leser denken lassen, dass Sie ihre beste Freundin sind, der sie liebend gerne ein wenig Geld spenden – während Sie alles, was ich veröffentliche, kontrollieren dürfen. Sie entscheiden, was ich schreibe. Sie sagen mir, ob Ihnen eine Metapher nicht gefällt oder ob ein Artikel zu persönlich wird. Sie lesen jedes Wort von mir vorab und haben ein Veto-Recht für jeden Artikel. Das halten wir schriftlich fest. Ich darf exklusiv über Sie schreiben – zu Ihren Bedingungen.“

James bemerkte exakt den Moment, in dem sich ihre Abneigung in Interesse verwandelte. Es war der Augenblick, in dem sich die Spannung zwischen ihren Brauen löste, sie sich etwas aufrechter hinsetzte und die Lippen leicht öffnete. 

Ja, sie wusste, dass es ein gutes Angebot war. 

Einige Momente lang sagte sie gar nichts. Sie saß einfach nur da und studierte ihn aufmerksam. Vielleicht suchte sie nach dem Haken an der ganzen Sache … Sein Handy klingelte und James zuckte zusammen. 

Seufzend zog er es aus der Tasche und sah auf das Display. Thomas. 

„Wollen Sie nicht rangehen?“, fragte Callie, die Augenbrauen auffordernd gehoben.

James schüttelte den Kopf und lehnte den Anruf ab, bevor er das Handy zurück in seine Tasche schob. „Nein, das ist nur mein Neffe, den ich in mein Auto gesperrt habe.“

„Charmant.“

„Ach, Sie kennen ihn nicht. Er hat es verdient“, versicherte James ihr. 

„Schön.“ Sie räusperte sich. „Sie hatten Ihre fünf Minuten. Wenn das alles war …“ 

„Nein, war es nicht“, sagte er hastig. „Ich möchte auch ein Interview mit Ihnen. Ein Exklusiv-Interview, in dem Sie über Ihre Vergangenheit, Ihre Gegenwart und Ihre Zukunft sprechen.“ 

Callie lachte laut. „Und danach vielleicht auch noch ein Einhorn und eine Emu-Farm?“

„Auf die Emu-Farm würde ich verzichten, aber das Einhorn hört sich gut an.“

Schnaubend schüttelte sie den Kopf. „Ich gebe keine Interviews. Ich habe noch nie eins gegeben.“

„Ich weiß, deswegen will ich es ja. Ein Interview hat Macht. Es könnte darüber entscheiden, ob Investoren Ihnen ihr Geld anvertrauen. Ob Sie sympathisch, hilflos, stark oder schwach wirken.“ 

Ihre Miene versteinerte und sie stand ruckartig auf. „Sie werden auf Ihr magisches Interview verzichten müssen, über den Rest werde ich … nachdenken.“

Scheiße. Wenn Leute anfingen, nachzudenken, kamen sie meistens zu dem Entschluss, dass ihm nicht zu trauen war. Doch er konnte sehen, dass sie sich jetzt nicht entscheiden würde. Sie musste die positiven und die negativen Seiten abwägen. Er musste einfach darauf bauen, dass ihr Interesse groß genug war. 

Er atmete tief aus und erhob sich ebenfalls. „In Ordnung“, sagte er freundlich. „Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mich zu treffen.“ Er streckte die Hand aus und Callie ergriff sie pflichtbewusst. „Hier ist meine Karte, meine private Handynummer habe ich auf die Rückseite geschrieben.“ 

Er reichte ihr seine Visitenkarte und sie steckte sie in ihre Hosentasche. 

„Gut, ich melde mich bei Ihnen“, sagte sie leichthin und brachte ihn zur Tür. „Das bedeutet, dass Sie mir keine weiteren Ihrer nervigen Mails schicken werden, ist das klar?“

Er lachte leise. „Sie können sagen, was Sie wollen. Sie haben funktioniert“, murmelte er, bevor er die Treppen hinunterging. Er konnte Callies Blick in seinem Rücken spüren und lächelte heimlich. Wenn sie zusagte, dann würde er nie wieder einen Auftrag von seinem Boss annehmen müssen. Er würde die freie Themenauswahl haben – denn das würde er als schriftliche Bedingung festlegen, dafür dass er die Artikel nicht an eine andere Zeitschrift verhökerte. Keine verdammten C-Promis mehr interviewen, keine lästigen Partys mehr besuchen. Er würde über das schreiben, was er wollte. Porträts wichtiger Menschen, die die Nation bewegten, verfassen. Sodass der Leser das Gefühl bekam, er würde sie kennen. 

Er nahm die letzte Stufe und öffnete das Tor. Sie musste nur zusagen … und dann würde er bohren und bohren, bis er auf Öl stieß. Genau wie damals. 

Kapitel 3

„Warum zum Teufel solltest du dich freiwillig mit einem Journalisten treffen?“, wollte Coop irritiert wissen und bog in die große Einfahrt, die zu ihrem Elternhaus führte. „Das ist, als würdest du zum Arzt gehen, um eine Darmspiegelung machen zu lassen, die du überhaupt nicht brauchst.“

„Nun, im Gegensatz zu der Darmspiegelung brauche ich die Journalisten aber“, sagte Callie seufzend. „Ich hasse die Medien, aber sie sind leider sehr wichtig auf der Welt, Coop. Vor allem, um auf soziale Missstände aufmerksam zu machen. Und James Galway ist fantastisch in seinem Job.“ Die Artikel, die sich nicht um die Farbe der Unterhose der aktuellen Oscarpreisträgerin gedreht hatten, waren außerdem verdammt gut recherchiert, nicht zu vergessen beeindruckend feinfühlig geschrieben worden. Callie hatte sich durch verschiedene Archive gewühlt und war auf ein Porträt irgendeiner Basketball-Legende gestoßen, das sie zu Tränen gerührt hatte. Und sie hasste Basketball! James hatte natürlich recht gehabt. Wenn sie nicht gewusst hätte, dass er gut war, hätte sie dem Treffen nie zugesagt. „Er hat sich einen Namen gemacht. Ich wollte zumindest hören, was er zu sagen hat.“

„Aha.“ Coop war noch immer nicht überzeugt. „Und was hat er zu sagen gehabt?“

„Eine Menge“, erklärte sie vage. Sie wollte ihm keine Einzelheiten nennen, denn ihr war klar, dass keiner ihrer Brüder es gutheißen würde, wenn sie James Galways Deal zustimmte.

Coop schnaubte. „Du bist in etwa so informativ wie eine tote Kellerassel, Callie. James Galway … hört sich nach einem betrunkenen Kobold an. Was ist das überhaupt für ein Typ?“

Callie runzelte die Stirn und neigte den Kopf zur Seite. Das war eine gute Frage. Was war James Galway für ein Typ? 

„Ich bin mir nicht sicher“, gab sie langsam zu. 

„Vielversprechend bei einem Mann, dem du dein Leben anvertrauen willst.“

Sie verdrehte die Augen. „Er will ein paar Artikel über mich schreiben, keine Gehirntransplantation durchführen, Coop. Ich habe fünf Minuten mit ihm geredet. Ich weiß nicht, was ich von ihm halten soll. Ich habe verdammt viele Journalisten kennengelernt, aber James Galway … war anders.“ 

„Inwiefern anders?“

„Na ja, zum einen war er höflich.“

Coop hob angemessen beeindruckt die Augenbrauen. „Wirklich?“

„Ja. Und er hat sich nicht sonderlich viel Mühe gegeben, mir Honig ums Maul zu schmieren.“ Wenn sie genauer darüber nachdachte, dann hatte er ihr kein einziges Kompliment gemacht. Abgesehen davon vielleicht, dass sie interessant war. „Ich meine, er war charmant.“ Sein Charme war ehrlich gesagt das, was sie stutzig und misstrauisch gemacht hatte. James war einer dieser Männer, die wussten, was sie wollten, und es auch bekamen. Er würde sich wahrscheinlich gut mit Cole verstehen.

„Natürlich war er charmant. Er will mit dir einen Haufen Kohle machen, Callie!“

„Ich weiß. Und das hat er mir ins Gesicht gesagt. Er war ehrlich, Coop. Absurd ehrlich. Er hat mir seine Absichten genau aufgezeigt, ohne groß um den heißen Brei herumzureden.“ Und das war eine Eigenschaft, die sie zu schätzen wusste. 

Ihr Bruder warf ihr einen skeptischen Seitenblick zu. „Das hört sich für mich fast so an, als hättest du ihn sympathisch gefunden.“ 

Sie runzelte die Stirn. „Er war … okay.“

Das Einzige, was sie tatsächlich an ihm störte – abgesehen davon natürlich, dass er seine Seele an den Teufel der Presse verkauft hatte –, war, dass er zu gut aussah. James Galway war diese blond zerzauste, breitschultrige Sorte Mann, die Frauen dazu brachte, sich zu vergessen. Die Sorte Mann, der man nicht trauen konnte, weil sie zu charmant und höflich war, um zu bemerken, dass sie einem gerade drei Messer in den Rücken rammte. 

Callie war in Los Angeles mit den verschiedensten Sorten von Männern ausgegangen. Schauspieler, Köche, Mechaniker, Immobilienmakler. Sie hatte sich ein breites Bild von dem machen wollen, was die Stadt zu bieten hatte. Aber am meisten hatte sie die Männer gemocht, die ganz süß, aber nicht wirklich sexy waren. Am besten auch noch die, die nicht allzu viele Muskeln besaßen. Sie bekämpfte bereits ihr ganzes Leben lang Probleme mit ihrem Körperbild, da brauchte sie keinen Kerl, der besessen von seinem Körperfettgehalt war und ihr Vorträge über ein Leben mit Quinoa und Quorn hielt. Einen Freund, der ihr eingeredet hatte, sie sei zu fett und Drogen cool, hatte sie schon gehabt. Den brauchte sie nicht noch einmal. 

Sie war zufrieden mit ihrem Aussehen. Sie war nicht dünn, sie war nicht dick, sie war vollkommen okay. Aber dieser Zustand war fragil, deswegen ging sie gut aussehenden und oberflächlichen Männern, die ihr Selbstvertrauen ins Wanken bringen könnten, aus dem Weg. 

Und James Galway … James Galway zählte definitiv in diese Kategorie. Nicht dass sie vorhatte, ihn zu daten. Bei dem Gedanken musste sie beinahe laut auflachen. Sie würde sich definitiv nicht mit dem Feind verbünden. Aber als er angeboten hatte, sich auszuziehen, war sie kurz davor gewesen, einfach zu nicken. 

„Ein Klatschreporter, der okay ist“, sinnierte Coop kopfschüttelnd. „Dass ich das noch mal erleben darf.“

Nachdenklich sah sie aus dem Fenster, hinter dem sich das große Herrenhaus auftat, in dem sie die ersten siebzehn Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Weiße Fassade, klassischer viktorianischer Baustil, keine Persönlichkeit. So wie ihr Vater Häuser und Menschen am liebsten mochte. „Ich kann ihn noch nicht einschätzen“, sagte sie wahrheitsgemäß. „Ach, wahrscheinlich werde ich eh nicht mit ihm zusammenarbeiten.“ 

Mit dem Imperium ihres Vaters im Rücken würde sie genug mediale Aufmerksamkeit bekommen. „Wir können das Thema also beenden.“

Sie schnallte sich ab und bemerkte erleichtert, dass Coles Wagen bereits vor ihnen in der Einfahrt stand. Cole war schon immer der Familienpuffer gewesen und sie brauchte ihn heute. Callums Auto war noch nirgendwo zu entdecken, aber er kam öfter gar nicht als nur zu spät, also … 

„Sag mal, hast du heute schon in die Zeitung gesehen?“, fragte Coop beiläufig und löste ebenfalls seinen Sicherheitsgurt. 

Misstrauisch sah sie zu ihm herüber. „Niemand guckt mehr in die Zeitung, Coop, also nein.“

„Und … im Internet warst du heute auch noch nicht?“

„Natürlich war ich schon im Internet! Ich bin weder ein Neandertaler noch ein Neugeborenes, also habe ich heute schon drei Stunden an meinem Handy verbracht. Du verhältst dich merkwürdig, Coop, was ist los?“

Er zog eine Grimasse und reichte ihr sein Telefon. „Da irgendwer es sowieso gleich ansprechen wird …“, bemerkte er seufzend. 

Irritiert sah sie auf das Display, auf dem sie ihre eigene Gestalt erkennen konnte. Gleich zweimal. Eines der Bilder war gestern gemacht worden. Sie mit ihrem großen Pullover, die Kappe tief ins Gesicht gezogen. Das andere Bild jedoch war alt. Es zeigte ihr zwanzigjähriges, viel zu mageres Ich, das der Kamera den Mittelfinger zeigte. Ihrer Meinung nach noch immer die beste Pose, die man Paparazzi gegenüber einnehmen konnte. 

Über den Bildern prangte eine hässliche, rote Überschrift.

 

Calliope Panther zurück in Philadelphia: dreißig Kilo schwerer, sichtbar älter und kränklich blass. Geht es ihr gut? 

 

Großer Gott. War das ihr Ernst? 

Natürlich war sie sichtbar älter. Zwölf Jahre waren eine verdammt lange Zeit. Sicher hatte sie auch blass ausgesehen! Sie hatte fast sechs Stunden lang im Flugzeug gesessen und zwei dutzend Blitzlichter waren auf sie gerichtet worden. Und offensichtlich war sie früher dünner gewesen! Magersucht und Drogen hielten nun einmal schlank. 

Diese Arschlöcher! 

Wütend presste sie die Zähne aufeinander, sodass ihr Kiefer laut knackte. Sie gab sich nicht die Mühe, weiter herunterzuscrollen. Alles, was die Presse über sie geschrieben hatte, würde sie nur noch zorniger machen, also reichte sie Coop kommentarlos das Handy zurück. 

Sie verstand es nicht. Was interessierte es die Leute, wie sie aussah? Wieso war es der Presse wichtig, ob sie krank oder gesund war? Warum folgten sie ihr überhaupt noch, wenn sie am Ende doch ohnehin nur schrieben, was sie wollten! 

Entweder sie war zu dick oder zu dünn. Zu gesund oder zu krank. Zu blond oder zu brünett. Alles, was sie tat, war falsch! Das war es, was die Presse ihr in jungen Jahren beigebracht hatte. Wenn sie bei McDonalds essen ging, war sie offensichtlich fresssüchtig. Wenn sie nur einen Salat bestellte, machte man sich Sorgen, dass sie zu sehr auf ihre Figur achtete. 

In L. A. hatte sie sich darüber keine Gedanken machen müssen. In der Stadt der Engel war jeder Pizzaverkäufer berühmter gewesen als sie. Niemanden hatte es interessiert, was sie tat, was sie aß oder wie sie aussah. Sie war ein viel zu kleiner Fisch im großen Haifischbecken gewesen. Hier jedoch …

„Alles okay?“, fragte Coop leise.

Sie atmete tief durch und nickte dann knapp. „Jap. Alles bestens. Ich finde es nur frustrierend, dass die Welt sich nicht ändert.“

Ihr Bruder seufzte und drückte ihre Schulter. „Sie werden den Artikel von damals wieder auspacken, das weißt du, oder?“ 

„Jaja.“ Sie hoffte nur, diesen Moment so lang wie möglich hinauszögern zu können. Denn sie freute sich definitiv nicht darauf, erneut jeden ihrer charakterlichen Missstände aufgezeigt zu bekommen. Gott, dieser schreckliche Artikel, in dem jeder einzelne ihrer Fehltritte, von ihrer Magersucht bis zu ihrem drogenbedingten Aufenthalt im Krankenhaus, aufs Kleinste auseinandergenommen worden war. Der Artikel war innerhalb weniger Stunden viral gegangen, und die Lügen und Wahrheiten waren so gekonnt zu einem Netz gestrickt worden, dass jeder Mensch im Umkreis von fünfhundert Meilen ihm geglaubt hatte. Der katastrophale Zusammenbruch eines It-Girls-wider-Willen hatte einen hohen Unterhaltungswert. 

„Was soll’s“, murmelte sie. „Es ist ewig her. Ich bin ein anderer Mensch. Das weiß ich, das wisst ihr … der Rest kann mir egal sein.“ Sie räusperte sich und schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. „Ist Mom eigentlich da?“ 

„Nein, sie kommt erst in ein paar Wochen aus den Hamptons zurück.“

„Schön.“ Das war ihr ganz recht. Mit einem ihrer Elternteile zu kommunizieren, war anstrengend genug. Beide im selben Raum zu haben, würde nur unnötige Erinnerungen lostreten. „Dann auf in die Höhle des Löwen“, wisperte sie und öffnete die Autotür. 

 

Callie hatte nur wenige glückliche Kindheitserinnerungen in ihrem Elternhaus gesammelt – und keine davon hatte im Esszimmer stattgefunden. 

Das Esszimmer war nicht dafür gedacht gewesen, Spaß zu haben. Das Esszimmer existierte exklusiv, um zu essen, ernste Gespräche zu führen und geschäftliche Entscheidungen zu fällen. 

Cole hatte damit nie Probleme gehabt. Seit er drei war, konnte er eine Stunde lang still sitzen und mit einer Hummergabel umgehen. Callum, der Jüngste, war schon damals so in seiner eigenen Welt versunken gewesen, dass er die Ermahnungen ihres Vaters nicht einmal wahrgenommen hatte. Coop und Callie jedoch waren öfter vom Esstisch geflogen als American Airlines von Philly nach New York City. 

Aber das hatte sie nie gestört. Sie hatten mit Maria, dem Hausmädchen, in der Küche gegessen, herumgealbert und so laut lachen können, wie sie wollten. Zusammen waren sie unantastbar gewesen – was der Grund gewesen war, dass Clint Panther seine Zwillinge in der Middle School voneinander getrennt und auf unterschiedliche Schulen gesteckt hatte. Und Gott, hatte Callie ihren Vater dafür gehasst! Nicht so sehr wie Coop es getan hatte – vielleicht noch immer tat –, aber dennoch: Er hatte ihr ihren besten Freund gestohlen. 

Die Beziehung zu ihrem Vater war noch nie gut gewesen, größtenteils, weil Clint Panther keine Ahnung gehabt hatte, wie er mit einer Tochter umzugehen hatte, und seine Ehefrau ihm von den Hamptons aus keine große Hilfe gewesen war. 

Callie war zu laut, zu wild, zu sarkastisch gewesen. Alles Eigenschaften, die ihr Vater nur mit einer gehobenen Augenbraue taxiert hatte. Da war es egal, dass sie in der Middle School nur mit guten Noten nach Hause gekommen war … seine Anerkennung hatte sie nie bekommen. Also hatte sie einfach aufgehört, sich Mühe zu geben. 

Ihre Mutter war nur knapp vier Monate im Jahr in Philadelphia gewesen und insgeheim hatte Callie ihrem Vater immer die Schuld dafür gegeben. Und dann war da noch der Zwischenfall, der sie dazu verleitet hatte, Ja zu Drogen zu sagen … 

Zusammengefasst: Ihre Beziehung zu ihrem Dad war im besten Fall kompliziert, im schlechtesten unrettbar. Sie hasste ihren Vater nicht … nicht mehr. Wenn ihre Therapie ihr eines gezeigt hatte, dann dass ihr Selbsthass viel zerstörerischer gewesen war, als jedes Gefühl, das sie ihrem Vater je entgegengebracht hatte. Trotzdem fiel es ihr bis heute schwer, ihm in die Augen zu sehen. Da half es auch nicht, dass sie ihn innerhalb der letzten zwölf Jahre nur sechs Mal gesehen hatte. 

Dennoch stand sie jetzt vor ihm, in dem Zimmer, das nach teurem Staub und Enttäuschung roch, und versuchte das Bild aus ihrem Kopf zu drängen, das sie seit zwölf Jahren verfolgte. Sie blinzelte, atmete tief ein und hob das Kinn. „Hey, Dad“, sagte sie lächelnd und reichte ihm die Hand. Clint Panther gab keine Umarmungen. Das wäre ja, als würde man jeden Tag Weihnachtsgeschenke verteilen. 

Ihr Vater nickte ihr zu. „Schön, dich hier zu haben, Calliope.“ Sie lief rot an und wandte peinlich berührt den Blick ab. Das war ungewohnt nah an einer Liebeserklärung dran gewesen. 

„Ihr seid die Letzten. Callum schafft es leider nicht“, fuhr er fort und begrüßte Coop. 

Der Feigling! Auch wenn Callie es verstand. Callum hasste Menschenmengen und die fingen bei vier Personen an. Außerdem hätte er es nie zugegeben, aber er war der Sensibelste von ihnen allen. Er hatte sich das heutige Drama wahrscheinlich nicht mitansehen wollen. Vielleicht war er doch kein Feigling. Vielleicht war er einfach nur klüger als sie alle. 

Callie sah zum Tisch, von dem sich diverse Leute erhoben, um sie zu begrüßen. 

Da waren Cole und eine große, schwarzhaarige Frau mit karamellfarbener Haut, die Callie als Savannah, die PR-Managerin von Coles Baseballmannschaft erkannte, doch zuerst erreichte sie …

„Jacky-Boy“, sagte sie grinsend und zog den jungen Baseballspieler in die Arme. „Was machst du denn hier?“

„Hey, du warst es, die immer gesagt hat, ich würde zur Familie gehören. Das schließt mich bei einem Familienessen wohl ein“, murmelte er und tätschelte ihren Rücken. 

Meine Güte war er groß geworden. Jake war fast sechs Jahre jünger und trotzdem zwanzig Zentimeter größer als sie. Er war für sie immer so etwas wie ein kleiner Adoptiv-Bruder gewesen, auf den sie oft aufgepasst hatte. Ihre Eltern waren gut befreundet und Jake hatte viel Zeit in ihrem Haus verbracht. 

„Wie geht’s dir?“, fragte sie lächelnd und Wärme flutete ihre Brust. Das Telefon wurde einem persönlichen Treffen einfach nicht gerecht. „Gibt es irgendetwas Neues?“

Zu ihrer Überraschung kratzte sich Jake unbeholfen im Nacken und seine Ohren liefen rosa an. „Ich habe … ich habe jetzt eine feste Freundin“, bemerkte er schließlich kleinlaut.

„Nein, hast du nicht!“, sagte sie ungläubig und schlug ihm auf den Arm. Jakes Frauenverschleiß wurde nur noch von Coop überboten! 

„Doch, doch. Ich hab sie schon kennengelernt“, meinte besagter Bruder in diesem Moment grinsend. „Sehr coole Frau.“

„Meine Güte, da ist man mal zwölf Jahre lang weg und schon steckt Jake in einer ernsten Beziehung?“ Zweifelnd sah sie ihn an. „Ich weiß nicht, ob ich mit dieser krassen Art der Veränderung klarkomme.“

„Rede ihm bloß nichts Falsches ein!“, drang eine panische, weibliche Stimme an ihr Ohr. „Jakes Freundin ist das Beste, was mir je passiert ist!“

„Hallo?“, sagte Cole ungläubig. „Was ist mit mir?“

„Du erleichterst mir meine Arbeit nicht so wie Liv“, meinte Savannah entschuldigend. „Seit Jake Liv kennt, benimmt er sich beinahe menschlich. Du hingegen“, sie drückte ihren Zeigefinger auf Coles Brust, „erschwerst mir meine Arbeit eher, weil deine Anforderungen an deine Mitarbeiter und dein Leben so lächerlich sind.“ Sie wandte sich lächelnd Callie zu. „Hey, ich bin Savannah. Wir haben mehrfach am Telefon miteinander gesprochen.“ 

„Hey“, erwiderte sie lachend und umarmte sie spontan. „Ich erinnere mich. Und jedem von uns hier ist klar, dass Cole lächerlich ist. Aber schön, dass du es aussprichst.“

„Das hat sie nicht gesagt!“, beschwerte sich Cole. „Lediglich meine Anforderungen an meine Mitmenschen seien …“ Er brach ab und stöhnte leise. 

Savannah biss sich auf die Unterlippe, um sich vom Lachen abzuhalten, und tätschelte beruhigend seinen Arm. „Keiner findet dich lächerlich“, flüsterte sie. „Alle hier nehmen dich ganz doll ernst! Du bist schließlich der Inhaber und Geschäftsführer der Delphies und reich noch dazu.“

Cole sah sie düster an und Jake schnaubte. „Reich … bitte. Wer ist das nicht?“

Callie musste sich davon abhalten, die Hand in die Höhe zu strecken. 

„Mr Panther“, drang plötzlich eine dünne Stimme an ihre Ohren. „Das Essen ist fertig.“ Ein blondes Dienstmädchen, das Callie nicht kannte, steckte den Kopf durch die Tür. 

„Wundervoll. Wir werden jetzt essen“, sagte ihr Dad mit fester Stimme und sofort nahmen alle ihre Plätze am Tisch ein. 

Callie hatte es in den letzten Jahren vermieden, in allzu edlen Restaurants essen zu gehen, dennoch hatte sie nicht vergessen, wie sie sich am Tische der Residenz Panther zu benehmen hatte. 

Es war, als wäre sie nie weg gewesen. Als wäre sie wieder das siebzehnjährige Mädchen, das sich darauf freute, endlich aufs College zu gehen und diesem kalten Haus zu entkommen. Doch diesmal war es anders. Diesmal war sie freiwillig hier und das machte einen sehr großen Unterschied. 

Sie liebte ihre Familie. Sie war froh, dass sie sie hatte. Und sie würde das Beste daraus machen. 

Sie aßen Salat mit Meeresfrüchten und Granatapfelkernen und anderen Dingen, die nur reiche Leute in ihr Grünzeug packten, unterhielten sich über Baseball und andere unverfängliche Themen, während Callie darauf wartete, dass ihr Vater seine geübte Zurückhaltung aufgab. 

Und sie wurde nicht enttäuscht. Noch vor Beendigung des Hauptmenüs – Wachtel oder Ente oder irgendein anderer Vogel – erhob er das Wort. 

„So, Calliope, dann erzähl uns allen doch mal von diesem Projekt, das du planst“, eröffnete ihr Vater das geschäftliche Tischgespräch. 

Callie hatte mit dieser Frage gerechnet und war vorbereitet. Langsam kaute sie das Fleisch zu Ende, schluckte es hinunter und ließ ihr Besteck sinken. „Ich plane, ein Jugendzentrum zu eröffnen“, sagte sie gelassen. „Einen Zufluchtsort, an den sich Kinder und Jugendliche wenden können, wenn es ihnen schlecht geht oder wenn sie keinen anderen Ort haben, an den sie gehen können.“ Einen Ort, den sie damals gerne gehabt hätte. „Es soll ein paar Aufenthalts-, aber auch Schlafräume geben, einen großen Garten, in dem man Gruppenaktivitäten durchführen kann, psychologische Betreuung, genug Pädagogen, die den Jugendlichen mit ihren Problemen helfen können. Eben Vertrauenspersonen, an die sie sich wenden können, wenn es in ihrem Leben sonst niemanden gibt. Es soll Gruppentherapien geben, eine Karriereberatung, kostenlose Hilfe bei Collegebewerbungen, eine regelmäßige Drogenprophylaxe, eine Menge Sportangebote … alles, was die Kids davon abhält, Dummheiten auf der Straße zu begehen.“ Sie räusperte sich, und die Euphorie, die sich das letzte Jahr über aufgrund ihres Plans angestaut hatte, drang wieder an die Oberfläche und ließ sie lächeln. „Ich habe schon eine Menge Vorbereitungen getroffen. Ich stehe mit zwei qualifizierten Psychologen in Kontakt, die sich über die Herausforderung dieses Projektes freuen würden. Sie werden natürlich bezahlt. Eine Handvoll Pädagogen haben mir bereits ihre Zustimmung gegeben, ehrenamtlich mitzuwirken, aber langfristig möchte ich mindestens vier von ihnen festanstellen. Ich habe ein Grundstück gekauft –“

„Von meinem Geld“, warf ihr Vater ein. 

Sie atmete tief durch und versuchte das drückende Gefühl auf ihrer Brust zu ignorieren. „Ja, Dad“, sagte sie betont geduldig. „Ich habe von deinem Geld ein Grundstück gekauft, auf dem ein großes Haus steht. Es liegt in Strawberry Mansion“, eine Gegend, die trotz des hübschen Namens aus dem letzten Loch pfiff und einer Menge Jugendlichen mit einer Menge Problemen einen Rückzugsort bot, „und muss noch etwas aufbereitet werden. Ich habe mich von Logan beraten lassen und er hat mir eine ansässige Baufirma empfohlen, die faire Preise macht. Sie fängt morgen an.“ Logan war Coles bester Freund aus Jugendtagen und lebte mittlerweile als erfolgreicher Bauunternehmer in Chicago – und Callie wusste, dass ihr Vater große Stücke auf ihn und seine Meinung hielt. „Sie haben mir bereits eine erste Einschätzung der nötigen Arbeiten aufgelistet, und ich hoffe, das Zentrum noch vor Weihnachten eröffnen zu können.“ Das waren knapp neun Wochen. Der Zeitraum war eng, aber machbar. 

„Schön, du hast einen Plan“, sagte ihr Vater hölzern, die Hände auf dem Tisch gefaltet. „Alles, was dir fehlt, ist Geld. Du brauchst einen langfristigen Finanzierungsplan.“

„Ich weiß“, sagte sie und behielt ihr Lächeln, wenn auch wacklig. „Staatliche Unterstützung habe ich bereits beantragt, aber da erwarte ich nicht viel. Ich plane eine Finanzierung basierend auf Dauer- und Einzelspenden. Lostreten möchte ich das Ganze mit einem Charity-Event. Und es ist gut, dass ich euch alle direkt auf einem Fleck habe, vor allem Jake und Cole. Denn ich wollte euch ohnehin um Hilfe bitten.“

Cole und Jake hoben fragend eine Augenbraue. 

„Ich plane ein Benefiz-Baseballspiel ein paar Wochen vor der Eröffnung, um erste Spenden zu sammeln. Jugendliche aus der Gegend, die sich vorher anmelden, spielen zusammen mit Profi-Sportlern ein Baseballspiel. Alle anderen schauen zu. Es wird Hotdog-Stände, Popcorn, vielleicht auch ein Dosenwerfstand oder Ähnliches geben. Alle Einnahmen kommen dem Jugendzentrum zugute. Ich weiß, es ist etwas spontan, aber ihr kennt so viele Sportler: Vielleicht wisst ihr, wer von ihnen dazu Lust hätte?“

Der Kader einer Baseballmannschaft bestand aus mindestens dreiundzwanzig Spielern und einer Horde Ersatzspielern – sie brauchte nur drei oder vier Berühmtheiten, das würde reichen, um Leute auf die Benefizveranstaltung aufmerksam zu machen. Wenn sie genauer darüber nachdachte … vielleicht brauchte sie auch einfach nur Jake. Er war der Liebling der Nation. 

„Klar, wenn ich kann, bin ich dabei“, sagte Jake achselzuckend. „Was die anderen Spieler betrifft …“

„Das werde ich erledigen!“, stimmte Savannah begeistert mit ein. „Das könnte ein unglaublich guter Publicity-Stunt für die Delphies sein!“ 

Ach, richtig. Sie als PR-Managerin der Mannschaft würde daran Interesse haben. 

„Glaub mir, ich kann sehr überzeugend sein. Ich werde dir mindestens drei Spieler besorgen. Mehr brauchst du ohnehin nicht. Je mehr Jugendliche einen Platz zum Mitspielen bekommen, desto besser.“

Callie lächelte erleichtert und neue Euphorie durchströmte sie. „Ja, genau, das dachte ich mir auch.“ Das könnte funktionieren! Sie brauchte nur genug Geld für die ersten zwei Jahre. Sie hatte noch etwas von dem Geld ihres Vaters übrig und wenn sie die Baumaßnahmen auf dem Grundstück gering halten würde …

„Selbst, wenn die Finanzierung für das erste Jahr steht, Calliope“, sagte ihr Vater mit fester Stimme. „Wenn das Projekt auf Dauer funktionieren soll, brauchst du ein paar große Investoren.“

Callie rang einen Laut der Frustration nieder und wandte sich ihrem Vater zu. „Ich werde eine Menge Investoren zu dem Benefizspiel einladen und hoffe darauf, dass sie erkennen, was für eine gute Sache ein Jugendzentrum in einem sozialen Brennpunkt ist.“

„Zu hoffen, wird nicht ausreichen“, beharrte ihr Vater. 

„Das weiß ich“, erwiderte sie gereizt. „Aber ich kann keine Investoren für ein Projekt finden, das noch nicht sichtbar ist. Die Menschen wollen wissen, auf was sie sich einlassen, bevor sie große Geldbeträge spenden.“

„Das Geld ist nicht der einzige Punkt, um den ich mir Sorgen mache“, fuhr ihr Vater unaufhaltsam fort, die Augenbrauen tief ins Gesicht gezogen. „Es wird stressig werden, Calliope. Du trägst die Verantwortung für alles. Für die Jobs von Menschen. Für das Schicksal Jugendlicher, die sich möglicherweise darauf verlassen, dass das Zentrum bestehen bleibt. Du wirst unter einer Menge Druck stehen, und wir beide wissen, dass das nicht deine Stä–“

„Ich weiß, was ich tue, und ich weiß, worauf ich mich einlasse“, schnitt sie ihm harsch das Wort ab und sah ihn mit steinernem Blick an. Wieso zum Teufel fiel es allen so schwer, das zu begreifen? „Ich habe einen soliden Zeit- sowie Finanzierungsplan. Ich bin auf alle Eventualitäten vorbereitet. Die Baufirma ist informiert, meine Termine sind gesetzt, mein Projekt auf dem besten Weg. Ich habe die Expertise, ich habe den Willen, ich habe die Mittel. Ich kriege es allein hin.“

„Was die Hilfe, um die du mich gebeten hast – um die du uns alle bittest –, so überaus deutlich bestätigt“, sagte Clint Panther staubtrocken.

„Dad …“, sagte Cole leise, doch Callie ließ ihn nicht zu Wort kommen. Sie war es leid, sich hinter ihrem großen Bruder zu verstecken. Er hatte die letzten dreißig Jahre dafür gesorgt, dass seine Geschwister nicht in die direkte Schusslinie ihres Vaters gerieten – doch Callie war kein Kind mehr. Es wurde Zeit, sich auf sich selbst zu verlassen. 

„Um Hilfe zu bitten, bedeutet nicht, dass ich nicht gut vorbereitet bin“, sagte sie angespannt und umklammerte die Tischplatte. „Ich habe hilfreiche Kontakte und es wäre dumm von mir, sie nicht auszunutzen. Es sind nur kleine Gefallen …“

„Geld? Medienpräsenz? Das sind keine kleinen Gefallen, das sind Dinge, die du allein nicht bekommen würdest“, stellte ihr Vater sachlich klar. „Ich halte es für das Beste, wenn du mich über jeden Schritt, den du gewillt bist, zu gehen, informierst. So kann ich sichergehen, dass du es richtig machst.“

„Medienpräsenz?“, fragte Coop verwirrt und sah sie von der Seite her an. 

Ruckartig stand sie auf. „Dad, kann ich kurz allein mit dir reden?“ Sie wollte die Einzelheiten ihrer Abmachung sicher nicht vor ihren Brüdern breittreten. 

„Ich wüsste nicht, warum das nö–“

„Jetzt“, sagte sie mit fester Stimme. 

Seufzend erhob sich Clint Panther und verließ den Raum. 

„Callie, bist du sicher …“

„Wage es nicht, aufzustehen, Cole!“, zischte sie und sah ihren Bruder warnend an. „Das ist nicht dein Kampf.“

Coop öffnete den Mund. 

„Deiner auch nicht“, fügte sie hinzu und folgte ihrem Vater in die Eingangshalle. 

Sie schloss die Tür hinter sich, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte auf ihre Fußspitzen, als könne sie dort die richtigen Worte finden. Doch die hatte es noch nie gegeben. Nicht, wenn es um ihren Vater ging. Sie sagte das eine und er hörte das andere. Weil er nicht sah, was sie sah. Das hatte er damals nicht, als sie nach L. A. gezogen war, um sich von allem zu befreien, was sie in Philadelphia herunterzog – und das tat er auch jetzt nicht. 

„Calliope, ich weiß, dass du dich über meine Fragen aufregst, aber es ist mein gutes Recht, sie zu stellen“, begann er mit ruhiger, tiefer Stimme. „Wir hatten eine Abmachung …“

„Ja, die hatten wir“, sagte sie hitzig und hob ihren Blick. „Und ich bin hier, oder nicht? Du sagtest, du gibst mir das Geld und die Medienpräsenz, die ich brauche, wenn ich auf unbestimmte Zeit herkomme. Du hast mir versprochen, dass du keine anderen Bedingungen stellst. Dass du mich nur hier in Philadelphia haben willst. Du kannst jetzt nicht auf einmal die Regeln ändern!“

Überrascht hob er die Augenbrauen. „Das tue ich nicht, ich möchte lediglich …“

„… über das Projekt informiert werden?“, fragte sie kühl. „Jeden verdammten Schritt überwachen? Mich überwachen?“

Er räusperte sich und sah sie ernst an. „Nur eine Vorsichtsmaßnahme, Calliope. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass du dieses Maß an Überwachung brauchst, um –“

„Ich war zwanzig, Dad! Jetzt bin ich zweiunddreißig. Ich bin ein anderer Mensch. Ich habe verdammte Abschlüsse in Finanzmanagement und Soziale Arbeit. Ich habe mich die letzten zwölf Jahre allein durchs Leben geschlagen und damit werde ich nicht aufhören.“ Die Wut darüber, dass niemand Vertrauen darin hatte, dass sie stark genug, klug genug, vorbereitet genug war, um das Projekt erfolgreich zu stemmen, brodelte unter ihrer Haut wie kochendes Wasser. Sie würde diesen einen Fehler nicht ihr gesamtes Leben bestimmen lassen. „Mir ging es schlecht, Dad“, sagte sie mit zitternder Stimme und zwang sich dazu, den Blickkontakt zu wahren. „Gott, ich war so unglücklich damals. Ich war krank. Und ich weiß, dass euch das allen Angst gemacht hat, weil ihr nicht gemerkt habt, wie schlecht es mir ging. Aber das war eine gänzlich andere Situation. Ich bin nicht mehr der unsichere Teenager. Ich bin erwachsen geworden. Aber woher solltest du das wissen? Du kennst mich nicht mehr!“

„Und wessen Schuld ist das?“, sagte er, seine Stimme auf einmal kühl. „Calliope, ich weiß, dass du denkst, du bist gut vorbereitet, aber du bist nicht für Drucksituationen gemacht! Das warst du noch nie. Und du willst dir nicht helfen lassen …“

„Ich habe doch um Hilfe gebeten, oder nicht?!“, fuhr sie ihn an. 

„Hilfe, bei der niemand sich in den eigentlichen Prozess involvieren darf! Wenn du damals mit mir gesprochen hättest, gesagt hättest, dass du unglückl–“

Sie lachte. Sie konnte nicht anders. Sie lachte hoch und falsch auf. „Ist das dein beschissener Ernst? Du warst Teil des Problems, Dad! Als ob du nicht wüsstest, warum ich den Zusammenbruch hatte! Du kannst unmöglich verdrängt haben, was damals passiert ist. Du kannst nicht allen Ernstes so tun, als wüsstest du nicht, dass du der Tropfen warst, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat! Als ob du deine Finger in Unschuld waschen könntest.“

Ihr Vater wurde still und machte einen Schritt zurück. 

Callie verstand. Sie hatte noch nie in ihrem Leben so mit ihm geredet. Hatte sich nie getraut, nicht im Traum daran gedacht, ihm wirklich zu sagen, was sie dachte … doch sie war heute ein anderer Mensch. Auch wenn ihr das niemand glauben wollte. 

„Ja, das dachte ich mir“, sagte sie leise. Die Worte schmeckten bitter und kalt auf ihrer Zunge. „Damals hast du deinen Mund auch nicht aufbekommen. Du kannst mich mal, Dad. Behalte dein blödes Medienhaus. Behalte deinen beschissenen Einfluss. Ich brauche das alles nicht! Wenn deine Hilfe an tausend Diskussionen und Bedingungen geknüpft ist, dann will ich sie nicht.“

Ruckartig wandte sie sich um und lief zur Haustür. Ihr Vater rief sie nicht zurück und sie war froh darum. Denn er hätte es nicht wiedergutmachen können. 

Sie warf die Tür ins Schloss und zog mit zitternden Fingern ihr Telefon aus der Tasche. Wenn ihr Vater ihr mit der medialen Aufmerksamkeit nicht helfen wollte, würde sie sie eben anders bekommen. 

Mit zusammengepressten Lippen wählte sie die Nummer, die sie erst heute Mittag eingespeichert hatte. Nach dem zweiten Klingeln hob jemand ab. 

„Galway?“

„Wir haben einen Deal“, sagte sie abgehackt. „Sie kriegen die Exklusiv-Rechte für … nun, mein verdammtes Leben anscheinend. Aber kein Artikel geht ohne mein Okay raus. Und wenn Sie mir zu sehr auf die Nerven gehen und mich in meiner Arbeit behindern, verkehren wir nur noch per Mail.“

Einen Moment lang herrschte absolute Stille auf der anderen Seite des Telefons. Schließlich sagte James: „Ich bin per Mail nerviger als im echten Leben, glauben Sie mir.“

Ihre Mundwinkel zuckten und sie schnaubte. „Schön. Dann morgen früh um acht in Strawberry Mansion. Ich schicke Ihnen die Adresse. Ich setze außerdem einen Vertrag auf, in dem die Bedingungen unseres Arbeitsverhältnisses festgehalten werden.“

Sie wollte etwas Handfestes haben, sodass sie ihn verklagen konnte, falls er sich nicht an ihre Regeln hielt. 

„Vielleicht sollte ich diesen Vertrag lieber …“

„Vielleicht sollten Sie lieber Ja und Amen sagen, bevor ich es mir anders überlege“, unterbrach sie ihn. 

„Haben Ihnen Ihre Eltern nicht beigebracht, dass es unhöflich ist, Freunde andauernd zu unterbrechen?“

„Nein. Mein Vater hat mir beigebracht, dass derjenige, der am lautesten schreit, recht hat. Und wir sind keine Freunde. Bis morgen.“

Sie legte auf, atmete tief durch und starrte auf die Eingangstür. Sie würde wieder reingehen müssen … denn nur Cole wäre in der Lage, ihr den verdammt wasserdichtesten Vertrag des Jahrhunderts aufzusetzen. Wenn sie schon mit dem attraktiven Teufel zusammenarbeiten musste, dann zu ihren Bedingungen.