Leseprobe Love will find us

40 – Letztes Kapitel

Manhattan, New York, Dezember 2015

Das Mondlicht gehörte Penny ganz allein.

Und genau das war das Problem.

Nicht, dass überhaupt ein Mond am Himmel zu sehen war in dieser Nacht: Ein Schneesturm hatte die Straßen New Yorks praktisch lahmgelegt, und Penny saß hinter dem Steuer ihres Chrysler Coupes, den Blick halb auf den zum Stehen gekommenen Verkehr gerichtet und halb auf die elegante Cartier-Uhr an ihrem Handgelenk, die sie sich von ihrem letzten Bonus gekauft hatte. Es ging auf Mitternacht zu, sie war die Letzte im Büro gewesen. Wie immer.

Wie es aussah, würde sie es nicht rechtzeitig nach Hause schaffen.

„Just a kiss on your lips in the moonlight …“

Der Song von Lady Antebellum, der leise aus dem Autoradio kam, untermalt vom sanften Schwingen ihrer Scheibenwischer, die auch als Mini-Schneepflug ausgezeichnete Arbeit leisteten, hatte sie daran erinnert, dass es auf den Lippen noch einen anderen Geschmack geben konnte als den des Thunfischsandwiches, das sie sich als verspätetes Abendessen vor einer halben Stunde aus dem Automaten in der verwaisten Kantine gezogen hatte.

Einen weitaus süßeren.

Ja, genau genommen hatte der Song sie erst auf die Idee gebracht, dass sich in ihrem Aktiendepot möglicherweise zu viel Mondlicht für sie allein befand. Dass ihr sonst so verlässliches Risk Management in diesem Punkt kläglich versagt hatte. Es gab vieles, das man allein besitzen konnte, aber Mondlicht gehörte nicht dazu.

Um es wirklich genießen zu können, waren zwei Teilhaber erforderlich.

Aber so war es nun mal: Alles im Leben hatte seinen Preis. Sie hatte die Karriereleiter erklommen, halbwegs zumindest. Wenn sie so weiter machte, würde sie schon in ein paar Jahren das Risk Management bei Stellar Investments leiten, einer kleinen, aber feinen Kapitalanlagefirma an der Wall Street, und wäre damit nur eine einzige, goldene Sprosse unterhalb von Chris Ash, dem Boss des Ladens.

Ja, die kleine Penny Lane aus Tuscaloosa, Alabama. Tuscaloosa, nicht Liverpool.

Penny Lane, deren Eltern Caroline und George die größten Beatles-Fans der Welt waren und ihre einzige Tochter deshalb nach einem ihrer berühmtesten Songs benannt hatten. Und eben diese Tochter, die nun nicht mehr ganz so kleine Penny Lane, war gerade dabei, es allen zu zeigen.

Sie war dort, wo die Musik spielte: Im Herzen der Wall Street. Sie spielte zwar nicht die erste Geige, aber sie war auf dem Weg dorthin.

Und aus diesem Grund gehörte das Mondlicht nun ihr ganz allein.

Es war niemand da, mit dem sie es teilen konnte.

Während der Schneefall heftiger wurde, dämmerte ihr langsam, dass sie die ersten Minuten ihres vierzigsten Geburtstags im Auto, in der Tiefgarage oder im Fahrstuhl hoch zu ihrer Wohnung verbringen würde.

Sie hatte sich verkalkuliert und war einfach zu spät aufgebrochen, als könne sie das Ereignis so noch ein wenig hinauszögern. Es noch einige kostbare Momente in der Dunkelheit der fest verschlossenen Kiste mit der Aufschrift Ferne Zukunft verborgen halten.

Ihre Uhr zeigte fast halb eins, als sie schließlich die Tür zu ihrem Apartment aufstieß. Im Spiegel neben der Eingangstür begrüßte sie eine zerbrechlich wirkende Gestalt mit einem flüchtigen Blick aus müden, silberblauen Augen. Kam es ihr nur so vor oder hatte ihr einst makellos blondes Haar an Farbe verloren? Jedenfalls sah es unmöglich aus. Es stand in alle möglichen Richtungen ab, war vom eisigen Winterwind zerzaust.

„Hallo, ihr Süßen, ich bin wieder zu Hause!“, rief Penny in die dunkle Wohnung hinein und machte mit dem nicht gerade preisgünstigen Retro-Schalter aus polierter, schwarzer Emaille das Licht an.

Es war natürlich ein Scherz.

Hier waren keine „Süßen“.

Niemand wartete auf sie.

Die Wohnung befand sich in einem alten, herrschaftlichen Tower auf der Upper East Side. Sie hatte sie kurz nach ihrem Aufstieg zur stellvertretenden Leiterin des Risk Managements gekauft. Es war ein großzügig geschnittenes Zwei-Zimmer-Apartment mit Stuck an den Decken, eingerichtet mit Designermöbeln in weiß, grau und taubenblau, und darüber hinaus ausgestattet mit drei gusseisernen, französischen Balkonen. Penny hatte nicht widerstehen können, als sie vor viereinhalb Jahren zum ersten Mal ihren Fuß über die Schwelle gesetzt hatte.

Sie hatte es sofort gefühlt.

Dies war ihr Zuhause.

Hier würde sie alt werden.

Und heute, in dieser schicksalsträchtigen Minute, in der sie todmüde in eben dieses Zuhause stolperte, fühlte sie eine schreckliche Sekunde lang die Angst in sich aufsteigen, dass möglicherweise hier und heute der erste Tag eben dieses Altseins angebrochen war. In dem Zuhause, das sie, seit sie hier wohnte, bisher eigentlich nur am Wochenende bei Tageslicht hatte bewundern können.

Den allerersten Geburtstagsanruf beschloss sie wie immer selbst zu machen. Kurz nach Mitternacht – an diese Prozedur hatte sie sich die vergangenen fünfzehn Jahre gehalten, und daran würde sich bis ans Ende ihres Lebens nichts ändern.

Zumindest, solange die Technik mitspielte.

Allein der Gedanke daran, dass die Technik eines Tages versagen könnte, trieb ihr den Schweiß auf die Stirn. Denn es war das Einzige, was Penny an Tagen wie diesen am Leben hielt. Was ihr Herz weiterschlagen ließ.

Nervös tippte sie die Nummer ein und wartete, dass es klingelte. Einmal, zweimal, dreimal. Schließlich – es war noch immer eine Enttäuschung, ein Stich mitten in ihr Herz, obwohl es nicht anders zu erwarten war – meldete sich der Anrufbeantworter.

„Dies ist die Mailbox von Jay Mockingbird. Bitte hinterlasse mir eine Nachricht nach dem … ähm …“    

Schon ertönte der Piepton.

Es war ein ganz normaler Piepton, der klang, als wäre er von dieser Welt.

Ein Piepton, der Hoffnung und Zuversicht ausstrahlte.

Nichts deutete auf den dunklen Ort hin, von dem er sie erreichte.

„Hallo … Birdie …“, flüsterte sie zärtlich auf den Anrufbeantworter, als befürchte sie, den Empfänger ihrer Nachricht mitten in der Nacht aus seinen Träumen zu holen. „Ich bin’s, Penny.“

Gott, wie schön es war, seine Stimme zu hören! Selbst wenn sie nur vom Band kam. Eine Weile lauschte sie der rauschenden Stille am anderen Ende der Leitung.

„Ich wollte nur mal kurz anrufen. Du … weißt ja, wie gerne ich deine Stimme höre“, fuhr sie wie immer ein wenig verlegen und mit klopfendem Herzen fort. „Und außerdem ist heute ja mein Geburtstag … vierzig! Unglaublich: Hättest du gedacht, dass ich mal so alt sein würde?“

Sie lachte nervös auf. Sie musste aufpassen, dass die Traurigkeit sie nicht wieder überwältigte.

„Du kannst dir nicht vorstellen, wie sich das anfühlt …“

Sie kam ins Stottern.

„So alt zu sein und mit jemandem zu telefonieren, der … ewig … jung sein wird.“ Penny spürte, dass sie Schluss machen musste. Sonst würde sie hier und jetzt in Tränen ausbrechen. Und er wäre nicht da, um sie in den Arm zu nehmen. Sie zu trösten. Sie zu halten.

Ihr zu vergeben.

Jay Mockingbird aus Phoenix, Arizona.

Birdie.

Der einzige Mann auf der Welt, dem sie ohne auch nur eine Sekunde zu zögern die Hälfte ihres Mondlichts anbieten würde. Doch leider war es dafür zu spät.

Sie hätte alles dafür gegeben, ihn wiederzusehen.

Wirklich alles.

Und sei es nur für ein einziges, ein allerletztes Mal.

Ein letztes Lächeln.

Eine letzte Umarmung.

Einen letzten Kuss.

If I could turn back time, I’ll go wherever you will go – If I could make you mine, I’ll go wherever you will go …

Ach, wäre es nur möglich, wovon The Calling sangen! In die Vergangenheit zu reisen, um dieses Mal die richtige Entscheidung zu treffen.

Nur wenige Menschen gestehen es sich ein, aber das macht es nicht weniger wahr: Wie unser Leben verläuft, und ob wir das Glück finden oder ob wir scheitern, das hängt von nicht mehr als einer Handvoll Entscheidungen ab.

Manchmal sogar nur von einer einzigen.

Wir treffen Entscheidungen – und leben mit ihnen.

Die große Liebe? Die alles andere klein und unbedeutend erscheinen lässt? Die uns zur besten Version unserer Selbst macht? Wir reden uns ein, dass es ohnehin nicht funktioniert hätte. Und tun alles, um sie zu vergessen. Doch hin und wieder erwachen wir aus diesem Land des Vergessens, und wenn wir dann an den Menschen denken, den wir dort zurückgelassen haben, ist es, als würde ein kleiner stählerner Hammer auf die Wände unseres Herzes treffen, die so dünn und zerbrechlich sind wie eine Eierschale.

So zumindest ging es Penny, wenn sie an Jay dachte.

Für eine Sekunde reiste sie zurück.

In das Land, in dem sie mit ihm gelebt hatte.

Wenn auch nur für kurze Zeit.

Viel zu kurz.

Wo waren ihre Träume geblieben? Der Traum von Kindern und einer Familie? Der Traum von Liebe? Aus irgendeinem Grund hatte sie damals angenommen, die Liebe würde auf sie warten. Damals, als sie noch nicht müde, sondern jung und voller Tatendrang gewesen war. Sie hatte gedacht, Liebe wäre etwas, das überall und jederzeit leicht zugänglich wäre. So wie das Wasser für einen Fisch im Ozean.

Hätte ihr damals jemand die Wahrheit über die Liebe gesagt, nämlich dass sie zwar ein Ozean war, aber einer, der austrocknen konnte, sie hätte sich niemals gegen sie entschieden.

War sie die Einzige, die so fühlte? War sie allein auf dieser Welt? Wenn sie sich umschaute, kam es ihr fast so vor.  

Während Penny in dieser Nacht allein in ihrem schicken New Yorker Apartment das neue Lebensjahr begrüßte, fragte sie sich, wie die Welt um sie herum sich in der kurzen Zeit so rasant hatte verändern können.

Selbst am Valentinstag liefen im Fernsehen keine Liebesfilme mehr.

Kein starker Arm schlang sich um nackte Mädchenschultern, sondern das weiche Leder einer Louis-Vuitton-Handtasche.

Keine sanften Lippen küssten hingebungsvoll die Fingerkuppen dieser Mädchen, sondern deren Fingerkuppen küssten hingebungsvoll ein iPhone.

War es ein Zufall, dass wir in einer Welt von iPhones und iMacs lebten?

Ich, ich, ich …

In einer Welt aus selbstverliebten Partygirls?

Nie zuvor schien ihr eine Generation so weit entfernt davon zu sein, zu fühlen, was sie gefühlt hatte und eine Antwort auf das größte Rätsel der Menschheit zu finden:

Was ist Liebe?

Sie überwindet Raum und Zeit.

Und ergibt biologisch nicht wirklich Sinn.

Jemanden zu lieben, der eine andere liebt, ergibt keinen Sinn.

Jemanden zu lieben, der einen selbst nicht liebt, ergibt keinen Sinn.

Jemanden zu lieben, der in der Antarktis lebt, ergibt keinen Sinn (es sei denn, man lebt in der Antarktis).

Jemanden zu lieben, der nicht zu lieben fähig ist, ergibt keinen Sinn.

Und last but not least: Jemanden zu lieben, der seit anderthalb Jahrzehnten nicht mehr am Leben ist, ergibt keinen Sinn.

Und doch tun Menschen es.

Je unerklärlicher, unlogischer und unvernünftiger dieses Gefühl in uns ist, desto stärker ist es oftmals.

So stark, dass es unser Herz zu zerstören droht.

Auch Penny machte da keine Ausnahme.

Noch immer liebte sie Jay Mockingbird. Mit jeder Faser ihres Herzens. Sie konnte nicht das Geringste dagegen tun, obwohl ihr Verstand ihr wieder und wieder einhämmerte, dass sie mit diesem Unsinn aufhören musste, wenn sie nicht komplett verrückt werden wollte. Doch es gelang ihr einfach nicht.

Im Grunde hatte sie es in der Sekunde gewusst, in der sie ihn das erste Mal gesehen hatte.

In einer kleinen Bar in Brooklyn.

Es war Dezember, genau wie jetzt, nur das Jahr war ein anderes.

Es war das Jahr 1999.

Penny erinnerte sich noch genau an den Moment, in dem sich ihre Blicke trafen. Unschuldig und doch, als hätten sie bereits alles hinter sich. Als kannte er bereits jeden Zentimeter ihres Körpers und ihrer Seele in und auswendig, während sie in ihm las wie in einem alten, über alles geliebten und nie vergessenen Buch. Es hatte sie getroffen wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

In diesem Augenblick hatte Penny erkannt, dass Liebe auf den ersten Blick kein Märchen war.

Doch was war sie dann?

Ein Signal einer höheren Instanz, das uns über Zeit und Raum verband? Eine Art Band oder Tau, das uns durch Zeit und Raum zog und dafür sorgte, dass Seelen, die zusammen gehörten, einander nicht verloren?

Sogar über den Tod hinaus?

War sie ein göttlicher Funkspruch, der uns aus einer anderen Welt erreichte, und uns mitteilte, dass wir diesen einen Menschen auf keinen Fall gehen lassen durften?

War sie gar ein Beweis für die Wiedergeburt? Ein weiteres Kapitel unserer Existenz, die sich über die Unendlichkeit erstreckte und uns wieder und wieder nach dem Menschen suchen ließ, den wir schon so oft zuvor so voller naiver Inbrunst geliebt hatten, dass wir in jedem neuen Leben erneut nach dieser Seele suchten, die uns Vollkommenheit und Glückseligkeit versprach? 

Und hier kamen wir zu dem zweitgrößten Rätsel der Menschheit: Zufällen.

Es war erst ein paar Tage her, dass Penny eine junge Folksängerin in einem kleinen New Yorker Club live gesehen hatte. Nicht irgendeinem Club. Es war ein Ort, der eng mit ihrer Vergangenheit verbunden war.

Penny war eher widerwillig auf der Geburtstagsparty einer Praktikantin ihrer Abteilung gelandet. Als sie den kleinen, dunklen Saal an jenem Abend betrat, fuhr ihr der Schreck durch die Glieder. Das New York, das sie kannte, mochte sich in den vergangenen fünfzehn Jahren, die sie hier nun lebte, verändert haben, aber an diesem Ort war noch immer alles genauso wie damals.

In dem Jahr, als sie hier gewesen war.

Genau hier, in diesem Club.

Nicht allein wie jetzt, sondern mit Jay.

Birdie.

Genauso wie damals lief auch an diesem Abend der Schweiß von den Wänden und Penny trank zu viel Bier. Doch nicht, weil sie glücklich war, so wie damals. Sondern weil ihr auf einmal etwas Schreckliches klar geworden war:

Die Zeit war kein Ort.

Und wenn doch, dann ein Ort ohne Wiederkehr. 

Man konnte sein Leben nur ein einziges Mal leben.

Und es gab keinen Weg zurück in die Vergangenheit, wenn man an einer Kreuzung erst einmal falsch abgebogen war.

Und da stand sie nun, leicht benebelt, in einem Club voller Erinnerungen, fast erdrückt von Menschen und doch allein. Sie hatte ihre Träume eingetauscht, gegen bare Münze. Doch erst jetzt, viel zu spät, wurde ihr klar, dass es eine Währung gab, die kostbarer war als alles Gold dieser Welt. Denn sie verlor nie an Wert, und sie gehörte einem für immer:

Das Herz eines Menschen, und dessen Liebe.

Und so wünschte Penny sich nur ein Geschenk zu diesem vierzigsten Geburtstag, den sie allein mit sich selbst und ihren düsteren Gedanken in einem viel zu großen Bett überstehen musste: Sie wollte zurück an die Kreuzung, an der sie damals falsch abgebogen war, überstürzt der Karawane nacheilend, die über den kalten schwarzen Asphalt hinweg der Spur des Geldes folgte, ohne die dunklen Wolken am Horizont auch nur eines Blickes zu würdigen.

Während der geliebte, warme, fröhliche Sonnenschein in ihrem Rückspiegel kleiner und kleiner wurde.

Bis er schließlich ganz verschwand.

Auf ewig weggesperrt im besten Jahr ihres Lebens, dem Ort ohne Wiederkehr.

39

Brooklyn, New York, Dezember 1999

„Geht aufs Haus.“

Es waren nicht seine Worte, sondern die Art und Weise, wie er sie anblickte, die ihr Herz aussetzen ließ. 

Es war der Abend, an dem er sie zum ersten Mal angesprochen hatte, kaum dass sie die kleine Bar in Brooklyn betreten hatte. Sie war erst vor zwei Monaten in der Stadt der Städte angekommen. Eigentlich war sie mit der Freundin einer Freundin verabredet gewesen, aber diese hatte sie offensichtlich versetzt. Wie es aussah, galten in New York andere Regeln als in Tuscaloosa, wo man zumindest absagte und sich entschuldigte.

Egal, nun war sie schon mal hier – und im selben Augenblick wünschte sie sich, dass die Freundin ihrer Freundin nicht mehr auftauchen würde.

Er war ganz in schwarz gekleidet, und schwarz war auch die Farbe seines halblangen Haars, das ihn ein wenig wie Keanu Reeves aussehen ließ, ganz besonders, wenn er lächelte. Und das tat er: Es war mitten im Winter, aber er lächelte sie an, als wäre er der Frühling höchstpersönlich. Penny konnte fühlen, wie eine plötzliche Wärme ihr Herz überflutete. So als hätte jemand eine Kerze in ihrer Brust entzündet.

„Du kannst dir aussuchen, was du willst.“

„Okay …?“

Auf seine Empfehlung hin bestellte sie einen Original Mockingbird, seine eigene – und wenn sie dem Klang seiner Stimme und seinem Augenzwinkern trauen konnte – ohne Frage legendäre Cocktailkreation.

Denn Jay war der Barkeeper.

Legendär hin oder her, der Drink schmeckte so gut, dass er sie zu einem zweiten nicht überreden musste.

Nummer drei ließ nicht lange auf sich warten.

„Du meinst, das … geht alles aufs Haus?“, fragte sie ihn Stunden später. Ihr wurde plötzlich bewusst, dass sie wahrscheinlich nicht genügend Geld dabei hatte, nur für den Fall, dass er sie auf den Arm genommen hatte. Sie hatte eben erst ihr Studium abgeschlossen und war nach New York gekommen, um sich einen Job zu suchen. Um ihren Traum zu leben und auf eigenen Beinen zu stehen.

Nicht aber, um sofort nach ihrer Ankunft in Schwierigkeiten zu geraten.

Er hatte nur Augen für sie gehabt. Hoffentlich hatte sie ihn nicht in Schwierigkeiten gebracht.

„Nein, das geht auf mich persönlich“, erklärte er ihr. „Das ist mein letzter Abend hier.“

Darauf konnte sie wetten. Ihretwegen hatte er alle anderen Gäste vernachlässigt. Die Gesichtsfarbe seines Chefs war, während es auf Mitternacht zuging, von einem lieblichen Zartrosa in erzürntes Dunkelrot und schließlich wütendes Blaurot übergegangen.

„Du bist gefeuert, Jay Mockingbird!“, verkündete er wenig später, direkt vor ihren Augen. Jay Mockingbird tippte die drei Cocktails in die Kasse und bezahlte sie aus seiner eigenen Tasche.

„Das tut mir echt leid für dich, Jay“, sagte sie draußen, wo der Regen in einen leichten Schneefall übergegangen war, und die Nässe auf der Straße in Sekundenschnelle überfror. „Ich dachte wirklich, es wäre dein letzter Abend.“

Doch er lächelte sie nur an. Mit seinem Frühlingslächeln aus seinen wahrscheinlich nicht zufällig leuchtend grünen Augen.

„Und? Das war es doch auch, oder? Es ist wirklich alles in Ordnung. Mach dir keine Sorgen, du warst jeden Dollar wert, Penny.“

Dann küsste er sie sanft auf beide Wangen.

Sie erstarrte. Nicht der Kälte wegen. Es war sein Duft. Er duftete nach … Frühling? Erst sein Lächeln, dann seine Augen, und nun auch noch sein Duft.

Alles an ihm schien auf etwas Großes hinzudeuten, etwas, das sie nie zuvor erlebt hatte. Sie war vierundzwanzig Jahre alt und wusste, dass sie in eben dieser Sekunde das gefunden hatte, wonach andere ein Leben lang suchten.

Doch was machte er? Er setzte er sich auf sein Fahrrad und verschwand im Dunkel der Nacht!

„Bis bald, Penny Lane“, rief er ihr zum Abschied zu, während er sich, ohne auf den Verkehr zu achten, noch mal zu ihr umdrehte und dabei auf der vereisten Straße beinahe stürzte. „Wir sehen uns bestimmt mal wieder.“

„Ja, aber …“

In New York lebten acht Millionen Menschen. Und der einzige Ort, an dem sie ihn wiederfinden konnte, war die kleine Bar in Brooklyn. In der er seit heute Abend nicht mehr arbeitete.

Ihretwegen.

Penny stand reglos da und sah ihm fasziniert nach.

Kein Wunder, dass sie bereits in derselben Nacht von ihm träumte. Und den Tag darauf.

Und so weiter.

Denn als Jay Mockingbird im Dunkel dieser Winternacht verschwand, war ihr eine Sache klar geworden: Dass sie tun konnte, was sie wollte, um ihn zu vergessen, es würde ihr nicht gelingen.

38

Manhattan, New York, Dezember 2015

Und vergessen hatte sie ihn nicht, bis heute.

Sechzehn Jahre später telefonierte sie noch immer mit seiner Mailbox.

„Happy Birthday!“, beglückwünschte sie sich selbst, zurück in der Gegenwart, als sie endlich in den weichen Laken ihres Betts lag, das perfekte Nächte versprach, ohne jemals eine perfekte Nacht erlebt zu haben – was, soviel war ihr durchaus bewusst, größtenteils ihre eigene Schuld war. Durch das Fenster starrte sie in den schneespeienden Himmel über Manhattan, einen Himmel, an dem keine Sterne erstrahlten, nicht nur der vorüberziehenden Wolken wegen, sondern weil die Stadt selbst heller leuchtete als die Sterne über ihr. Ein trügerisches Leuchten, ganz gewiss, eine Imitation der Sterne, aber dafür sehr viel näher. Sehr viel erreichbarer.

Es war dieses Leuchten, das sie in die Stadt gezogen hatte. Ein Leuchten, das so viele anzog, die irgendwo auf einem vergessenen Flecken Erde hockten und von den Sternen träumten.

Letzteres würde ihr in dieser Nacht wohl nicht gelingen. 

Sie war todmüde. Penny fragte sich, ob auch andere dieses Gefühl kannten: Dass man so müde war, dass man nicht einmal mehr schlafen konnte.

„Nein!“, entschied sie, einer plötzlichen Eingebung folgend. „Nein, so wirst du diesen Geburtstag nicht beginnen! So tief bist du noch nicht gefallen!“

Mit einem Ruck richtete sie sich auf. Es tat beinahe weh, jetzt aufzustehen. Aber morgen war Samstag, sie konnte ausschlafen. Von daher machte es keinen großen Unterschied, ob sie jetzt noch zwanzig Minuten länger aufblieb, um ihrem Ehrentag den Auftakt zu verpassen, den er verdiente, oder nicht.

Sie brauchte nicht lange, bis sie ihn gefunden hatte.

Kaum hatte sie den Kleiderschrank geöffnet, fiel ihr Blick auf das tiefrot funkelnde Prada-Kleid, das sie sich vor einem Jahr in einem Anflug von Lebenslust geleistet hatte. Bis heute hatte sie das Kleid nicht ein einziges Mal getragen. Abends arbeitete sie meistens, und wenn sie nicht arbeitete, war sie schlichtweg zu müde, um auszugehen. Und wenn sie denn ausging, wählte sie etwas Schlichtes, wie es die Leute zu tun pflegten, die im Risk Management arbeiteten: Grau oder Schwarz, kombiniert mit Weiß.

Oder mit Grau oder Schwarz.

Wie eine Uniform.

Das rote Kleid hingegen war eine Illusion. Ein Traum. Möglicherweise hatte sie es genau deshalb gekauft. Als sie es vor dem Spiegel in der Boutique anprobiert hatte, war sie vor Erstaunen beinahe aus den Schuhen gekippt: In ihm steckte eine völlig andere Penny; eine Penny, die noch etwas anderes kannte als ihre Arbeit. Eine Penny, die offen war für das, was das Leben zu bieten hatte. Und genau diese Penny wollte sie in dieser Nacht sein, genau so würde sie ihren vierzigsten Geburtstag begrüßen.

Mutlos und unerschrocken.

Nachdem sie das Kleid über ihre nackte Haut gezogen und im Badezimmer schnell die schlimmsten ihrer dunklen Augenringe überschminkt hatte, nur für sich selbst und ihr Spiegelbild, huschte sie in die Küche und öffnete den Kühlschrank.

Wo das Piccolo-Fläschchen Moët & Chandon auf sie wartete, das sie dort bereitgestellt hatte. Als sie ein Plopp später – der trockene und selbstbewusste Klang des Korkens hallte noch in ihren Ohren nach – vor dem bis an den Boden reichenden Schlafzimmerspiegel stand, fühlte sie sich gleich besser. Sie führte das Glas an ihre Lippen und nahm einen großen Geburtstagsschluck.

„Herzlichen Glückwunsch, Penny Lane!“, prostete sie ihrem Spiegelbild zu, dessen Züge ihr nun ein wenig weicher erschienen. Sie sah umwerfend aus in dem zauberhaften, roten Kleid. Schade, dass sie die Einzige war, die es sehen konnte.

Für einen Moment schloss sie die Augen.

In der Hoffnung, dass es wieder klappte.

Und das tat es!

Ihr Herz machte einen Sprung.

Denn als sie sie wieder öffnete, erblickte sie Jay im Spiegel. Birdie.

Es war nicht das erste Mal, dass sie von ihm träumte. Dass sie sich vorstellte, er wäre noch hier. Hier bei ihr, und nicht dort, wo er jetzt war, wo immer das auch sein mochte.

Er stand direkt hinter ihr.

Seine Augen leuchteten.

„Penny Laaane…“, hauchte er ihr unendlich zart und leise mit der weltberühmten Melodie ins Ohr, während sich seine Hände auf ihre nackten Schultern legten. Sofort erklang die Melodie in ihrem Kopf.

Ihr Song, der ihr am Tag ihrer Geburt in die Wiege gelegt worden war.

„Penny Lane is in my ears and in my eyes … there beneath the blue suburban skies …“

„Happy Birthday, Penny“, flüsterte er. „Wie geht es dir?“

„Mir? Ich vermisse dich so, Birdie … ich weiß nicht, wie ich ohne dich leben soll … ich, ich … habe es versucht, aber es funktioniert einfach nicht …! Kannst du mir nicht helfen? Oder mich zu dir holen?“, antwortete sie mit von Weinkrämpfen zerhackter Stimme. Langsam ließ sie ihr Champagnerglas sinken, während sich ihre Augen mit Tränen füllten. Sie konnte nicht das Geringste dagegen tun. Schnell schloss sie die Lider. Sie wollte nicht, dass er sie so sah.

Weinend, an ihrem Geburtstag.

Seinetwegen.

Selbst wenn er nur ein Traum war, eine Einbildung.

Als sie die Augen erneut aufschlug, war Jay verschwunden. Wahrscheinlich war es jetzt wirklich das Beste, sich erst einmal richtig auszuschlafen, entschied sie, und ließ sich aufs Bett fallen.

Als Penny erwachte, schien bereits die Morgensonne durch die lichtweißen Vorhänge.

Doch was war das?

„Oh Gott …“

Sie sagte es nicht, weil sie offenbar so müde gewesen war, dass sie eingeschlafen war, bevor sie ihr kostbares Kleid hatte ausziehen können, das nun vollkommen zerknittert war.

Es war ihr Kopf. Dort, tief in seinem Innern, hämmerte etwas. Ein Presslufthammer. Er donnerte gnadenlos gegen ihre Schläfen, und der Schmerz erfüllte sie in einem Ausmaß, als wäre der Hammer kurz davor, durchzubrechen. Es war unmöglich, dass ein kleines Glas Champagner einen derartigen Kater verursacht hatte.

Penny wollte aufstehen, doch ihre Beine zitterten unkontrollierbar, sodass sie bereits im nächsten Augenblick wieder zurück aufs Bett fiel. Erst jetzt merkte sie, dass ihr kalter Schweiß auf der Haut haftete. Erneut versuchte sie, sich aufzurichten. Irgendetwas stimmte mit ihren Ohren nicht; sie schien allein das zu hören, was sich in ihrem Inneren abspielte: ihren wild beschleunigten Herzschlag und das unentwegte Dröhnen des Presslufthammers. Sämtliche Geräusche außerhalb ihres Körpers – wie der Lärm der Autos und Busse unten auf der Straße – drangen nur gedämpft zu ihr hindurch, als hätte sie jemand nahezu schalldicht in Watte gepackt. Nie zuvor in ihrem Leben war Penny so übel gewesen. Mühsam schleppte sie sich ins Badezimmer. Es gelang ihr gerade noch rechtzeitig, die Toilette zu erreichen, in die sie sich heftig würgend übergab.

Doch das brachte keine Besserung.

„Versuch, klar zu denken“, befahl sie sich. „Keine Panik.“

Sie fühlte sich ungelenk und so wackelig, als habe ihr jemand die Knochen aus dem Körper entfernt. Schwerfällig richtete sie sich auf und stützte sich dabei am Waschbecken ab.

„Oh Gott …!“

Sie wiederholte sich, aber in Anbetracht des grässlichen Anblicks, den sie im Spiegel bot, fiel ihr nichts Besseres ein. Ihre Augen waren blutunterlaufen, und der Rest ihres Gesichts – mit kaltem Schweiß überzogen – sah so blass aus, als habe jemand alle Farbe herausgepresst. Mit letzter Kraft schleppte sie sich vom Bad in den Flur ihres Apartments. Griff mit zitternden Fingern nach ihrer Handtasche.

Was in aller Welt passierte mit ihr? Penny war nicht in der Lage, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

Eine Weile durchsuchte sie die Tasche, bis sie ihr Handy erfühlte. Aber es half nichts. Alles vor ihren Augen war verwackelt und verschwommen.

Sie musste einen anderen Weg finden, auf sich aufmerksam zu machen.

Hilfe zu rufen.

Sie war der Ohnmacht nahe, als sie die Wohnungstür öffnete und, kaum war sie einen Spalt offen, vornüber in den Flur fiel.

Sie wohnte ganz oben, im neunten Stock.

Der Aufzug war nur ein paar Meter entfernt. Penny erreichte ihn auf allen vieren kriechend, die Handtasche mit sich schleifend. Unten angekommen, kroch sie Zentimeter um Zentimeter voran, in ihrem roten Seiden-Kleid, bis sie schließlich das prächtige Foyer erreicht hatte. Sie fühlte den kühlen, weißen Marmorboden unter ihren Handinnenflächen; der Eingang hinaus auf die belebte Straße war nur einige Meter entfernt. Für einen Moment musste sie sich ausruhen.

„Señorita Lane …?“

Gott sei Dank! Es war die Stimme von Sanchez, dem lateinamerikanischen Doorman. Er hatte sie entdeckt.

Penny sackte zusammen und drehte sich auf den Rücken. Durch die Glaskuppel, die oben auf den Säulen über dem mächtigen Foyer thronte, blickte sie in den Himmel. Das liebliche, morgendliche Blau beruhigte sie ein wenig. Weiße Wolken zogen friedlich vorüber. Eine Weile schaute sie einfach nur zu und versuchte, ruhig zu atmen, und den Schmerz in ihrem Schädel auszublenden. Bis sich schließlich sanft ein dunkler Vorhang über ihre Augen legte.