Leseprobe Mord als Accessoire

Kapitel 1

»Ich kann nicht glauben, dass jemand tausend Dollar für ‘nen Schal bezahlen würde«, meinte Alyce Bohannon.

»Sag mal«, entgegnete Josie Marcus, »bist du nicht die, die tausend Mücken für Küchenmesser ausgegeben hat?«

»Das waren keine Küchenmesser«, sagte Alyce. »Das waren Williams-Sonoma-Klingen aus Karbonstahl. Die waren Kunstwerke.«

»Und dieser Schal ist keins?«, fragte Josie. »Sieh dir die Farbe an: Halleyblau. Die ist dreidimensional. Fühl mal. Das ist italienische Seide. Das Gewicht ist perfekt. Er legt sich wunderschön an.«

Josie liebte Halleyblau. Es war intensiver als Himmelblau und reicher als die Farbe, die durch Maxfield Parrish berühmt geworden war. Es war das Blau eines bodenlosen Sees. Die Farbe passte zauberhaft zu jedem Hautton von »Vanilleweiß« bis »Dunkle Schokolade«.

Josie hielt den Schal vor ihr Gesicht und erfreute sich daran, wie luxuriös er sich anfühlte. Neben einem halleyblauen Schal hatten ihre einfachen, braunen Haare glamouröse, rote Strähnchen und ihre braunen Augen wirkten tiefgründig und exotisch. Ihr schlichtes Äußeres war ihr Kapital, oder zumindest ihr Unterhalt. Josie war die ideale Testkäuferin; sie konnte in jedem Einkaufszentrum untergehen. Sie konnte keinen Schal tragen, mit dem sie auffiel.

Sie fuhr mit einem manikürten Finger über das Muster mit dem Vogel und dem Hasenglöckchen. Wie alle guten Muster war es einfach, aber raffiniert.

»Josie, hör auf, den Schal zu begrapschen, bevor der Sicherheitsdienst uns abholt«, sagte Alyce. »Er ist hübsch, aber ich könnt’ ‘nen beinah gleich guten um dreißig Dollar bei Target kaufen.«

»Ich könnt’ mir dort ‘ne ganze Schublade voller Messer zum gleichen Preis kaufen«, meinte Josie.

Alyce zuckte zusammen. »Okay, bin ich halt altmodisch. Ich mag meine Kunst in ‘nem Rahmen.«

Josie hielt den blau-weißen Schal gegen Alyces milchweiße Haut. Der märchenhafte Stoff machte ihre Augen rauchig blau und ihre Haut silberseidig.

»Wenn man etwas so Schönes trägt,« sagte Josie, »ist man selbst der Rahmen für die Kunst.«

»Schätzchen, ich bin die ganze Ausstellung.« Alyce blickte auf ihre üppigen Kurven hinab. »Ich bin nicht zur Modepuppe geboren, Josie. Ich bin zu praktisch, als dass ich Geld für etwas ausgeben würde, was nicht nützlich ist.«

»Bei Pretty Things ist nichts nützlich«, sagte Josie. »Darum geht’s ja bei dieser Boutique. Ich wünschte, ich könnt’ ihn mir leisten.«

»Also gibt man dir keine tausend Dollar, die du als Testkäuferin hier ausgeben kannst?«

»Nicht so laut«, sagte Josie. »Ich bin hier als Geheimkäuferin.«

»Wir sind Hausfrauen«, entgegnete Alyce. »Wir sind unsichtbar. Die dürren Verkaufsangestellten da sind zu sehr damit beschäftigt, hip zu sein, um uns zu bemerken.«

»Keine Sorge. Die krieg’ ich noch«, meinte Josie. »Ich hab’ dreißig Dollar, die ich hier ausgeben kann, und es wird nicht einfach sein, was zu finden.«

»Wir wär’s mit den Goldohrringen da?«, schlug Alyce vor.

»Du hast ‘nen ausgezeichneten Geschmack. Die kosten zweihundert Dollar«, sagte Josie. »Ich könnt’ mir vielleicht ‘nen Schalring zu dem Schal kaufen, den ich mir nicht leisten kann. Der kostet achtundzwanzig Dollar.«

»Sie wohnt bei uns in der Straße, weißt du?«, sagte Alyce.

»Wer?«, fragte Josie.

»Halley. Ihr Haus ist halleyblau ausgeschmückt. Die Farbe ist etwas grell für die Fensterläden.«

»Ich kauf’ nur kurz den Schalring, dann können wir hier raus und reden«, meinte Josie.

Nur eine Verkaufsangestellte war verfügbar. Auf ihrem Namensschild stand »SABER«. Sie hatte dunkelrote Haare und den Anschein schicker Ermüdung. Saber ignorierte Josie und starrte geradeaus.

Josie kannte ihren Typ. Saber war eine gefangene Prinzessin. Die gefangene Prinzessin wusste, dass das Universum einen furchtbaren Fehler begangen hatte. Sie war keine Verkäuferin. Sie war Adel jenseits seiner Stellung. Sie tat den Kunden einen Gefallen damit, sie zu bedienen. Sie sollten stattdessen ihr dienen. Die gefangene Prinzessin ließ es sich nie entgehen, den Kunden klarzumachen, dass sie unter ihr standen.

Eine geringere Käuferin hätte sie angefleht: »Können Sie mir helfen?«

Josie bleib still. Sie zählte die Minuten, die auf ihrer Uhr vergingen. Eins. Zwei. Drei. Bei drei Minuten und zweiundfünfzig Sekunden fragte Saber endlich: »Kann ich Ihnen helfen?«

»Ich nehm’ das hier«, sagte Josie.

Saber hob den günstigen Schalring mit zwei Fingern auf, als wäre er eine Küchenschabe. »Sonst noch was?« Saber war vor lauter Langeweile beinah gelähmt.

»Das reicht.« Josie lächelte süßlich. Sie konnte es kaum erwarten, ihren Bericht zu schreiben.

»Sind Sie aus New York?«, fragte Saber.

»Nein«, antwortete Josie.

»Ich wusste, dass Sie das nicht hier gekauft haben«, sagte sie mit einem Nicken auf Josies Escada aus dem Garagenflohmarkt. »St. Louis ist zu deutsch und zu dämlich.«

»Das ist nicht gerade fair«, platzte es Alyce heraus.

Josie war überrascht. Alyce sprach nur selten, wenn sie mit Josie testkaufen ging, doch sie verteidigte St. Louis nur zu gern. Sie hasste es zuzugeben, dass ihre Stadt Fehler hatte.

Saber starrte auf Alyces blauen, seidenen Hosenanzug. »Wie alt ist der?« Sie machte sich keine Mühe, ihre Verachtung zu kaschieren.

»Ich kauf’ klassische Stilrichtungen«, sagte Alyce. »Er ist fünf Jahre alt. Okay, sechs.«

»Alt genug, um in die Schule zu gehen«, meinte Saber. »Zu alt, um ihn zu tragen. Deshalb zieht Halley mit ihrem Geschäft auch nach New York. In St. Louis hat man keinen Stil. Die New Yorker kennen sich mit Mode aus. Dieses Kuhkaff weiß nix davon.«

Saber schlurfte in den Hinterraum und knallte die Tür zu.

»Danke für Ihren Einkauf bei Pretty Things«, sagte Josie in die Luft.

Alyce stand mit offenem Mund da. »Hast du gehört, was die kleine Ziege gesagt hat?«

»Das gibt die Tiefstpunktzahl beim persönlichen Service«, sagte Josie.

»Wie kann sie das über St. Louis sagen?«, fragte Alyce.

»Äh, ich stimm’ Saber ja nur ungern zu, aber uns würd’ niemand als Modehauptstadt bezeichnen.«

»Einige der reichsten Frauen der Welt wohnen hier«, protestierte Alyce.

»Und kaufen ihre Sachen in New York und Paris«, ergänzte Josie. »Wo holen sich deine reichen Freunde ihre Klamotten? Chico’s, Ann Taylor oder Talbots?«

»An den Läden gibt’s nichts auszusetzen«, meinte Alyce. »Da bekommt man was für sein Geld.«

»Völlig richtig«, sagte Josie. »Aber der letzte Schrei sind sie nicht. Find mal eine einzige hochmodische Frau in diesem Einkaufszentrum.«

»Gleich da am Ende vom Tresen.« Alyce war zu höflich, um zu deuten, doch sie strahlte voll wohlerzogenen Triumphes. Josie folgte ihrem Blick zu einem klassischen Typus, der Lady beim Mittagessen. Ihre aschblonden Haare waren zu unmöglichen Wirbeln gesprüht. Ihre patrizische Nase war so stark gepudert, dass Josie sich fragte, ob sie die verräterischen Adern einer Trinkerin versteckte. Manche ihrer Mittagessen mussten feuchtfröhlich sein.

»Das ist doch ‘n Designer-Anzug, oder nicht?«, fragte Alyce. »Das klumpige rosa, grüne und gelbe Gewebe sieht wie Haferflocken mit Streuseln aus. Sie hat dazu ‘ne senffarbene Bluse an. Die Farben sind so bizarr, dass sie einfach reich sein muss.«

»Ihr Anzug ist von Chanel«, sagte Josie. »Die Tasche ist von Kate Spade.«

»Und der Schal?«, fragte Alyce.

»Welcher Schal?«, fragte Josie entgegen.

»Sie hatte vor ‘ner Minute ‘nen halleyblauen Schal in der Hand. Den hat sie vom Tresen genommen.«

»Alyce, auf dem Tresen lagen drei Schals«, sagte Josie. »Ich hab’ mir einen angesehen und zurückgelegt. Du meinst, sie hatte den anderen. Jetzt liegen da zwei. Ich wette, sie hat ihn mitgenommen.«

»Bist du dir sicher?«

»Ich glaub’, sie hat ihn sich in die Handtasche gesteckt«, meinte Josie.

»Sag’s jemandem. Du bist doch als Testkäuferin in dem Laden.«

»Nicht nötig. Die Wachleute sind schon alarmiert.«

»Wo denn?«, fragte Alyce.

»Siehst du die Frau, die da an der Tür die Abendschals betastet? Ihre Haare sind zu schwarz, als dass sie hier ‘ne Kundin sein könnte. Sie färbt sich selbst die Haare. Kein hochkarätiger Salon würde ‘ne Frau über vierzig mit kohlrabenschwarzen Haaren vor die Tür lassen. Das entzieht der Haut die Farbe und lässt sie gelb erscheinen. Außerdem sind sie zu kurz und schmeicheln ihrem Gesicht nicht.«

»Warum lässt sie sie nicht länger wachsen?«, fragte Alyce.

»Wenn sie kurz sind, können die Ladendiebe sie nicht packen. Außerdem hat sie Schnürsenkel an den Schuhen.«

»Dann mag sie eben komfortable Schuhe«, entgegnete Alyce. »Sie trägt ‘n schönes Kostüm.«

»Das kommt aus zweiter Hand, wie meines. Der Saum ist ausgelassen worden. Sie ist wahrscheinlich ‘ne ehemalige Polizistin. Ihre Schuhe sind zum Schnüren, damit sie Dieben hinterherjagen kann. Slipper würden abrutschen, wenn sie rennt.«

»Sie lässt Ms. Chanel davonkommen«, sagte Alyce. »Die Ladendiebin geht auf den Ausgang zu.«

»Das Wachpersonal geht geschickt vor, um falsche Verhaftungen zu vermeiden«, erklärte Josie. »Die Verdächtige muss den Laden verlassen haben, sonst kann sie behaupten, sie wollte für den Schal bezahlen. Siehst du die Blonde mit dem harten Gesicht da an der Kasse? Sie ist die andere Wachfrau.«

»Woher weißt du das?«, fragte Alyce.

»Die Einkaufszentren sind mein Leben«, sagte Josie. »Ich kann dir nicht sagen, wie viele Verhaftungen ich schon miterlebt hab’. Schau mal zu.«

Die zwei Wachfrauen folgten Ms. Chanel durch die Tür. Josie folgte dem Trio in das Einkaufszentrum und setzte sich auf eine Marmorbank neben einem Blumentrog. Durch die Blätter hatte sie einen erstklassigen Ausblick auf Ms. Chanel. Alyce setzte sich neben sie. »Was –«

»Schhh«, zischte Josie. »Die Show fängt an.«

Die schwarzhaarige Wachfrau hielt Ms. Chanel ihren Ausweis vor die Nase. »Ich bin von Pretty Things Enterprises, Ma’am«, sagte sie. »Ich möchte Sie bezüglich des Halley-Schals in Ihrer Handtasche fragen.«

»Da liegt sicher eine Verwechslung vor.« Eis verkrustete jedes perfekt ausgesprochene Wort.

»Bitte kommen Sie wieder in den Laden, Ma’am, damit wir diese Sache in Ordnung bringen können.«

»Ich habe keine Lust, zurückzukommen«, sagte Ms. Chanel. »Sie halten mich mit Gewalt fest. Ich werde meinen Anwalt anrufen. Ich habe die Quittung hier.«

Sie zog eine Quittung aus ihrer Handtasche. Josie meinte, die blonde Wachfrau sei einen Farbton bleicher geworden, doch die schwarzhaarige begutachtete die Quittung, dann lächelte sie sanft. »Ihre Quittung wurde heute um neun Uhr zehn in unserer Filiale in Clayton ausgestellt, Ma’am. Es ist elf Uhr fünfzehn im Einkaufszentrum Dorchester. Sie benutzen eine alte Quittung mit einem neuen Schal. Kommen Sie bitte rein, damit wir das besprechen können.«

»Da ist bestimmt etwas mit Ihrer Registrierkasse falsch«, sagte Ms. Chanel, doch sie wehrte sich nicht, als das Wachpersonal sie in den Laden führte und sie zu einer Tür hinter einem japanischen Wandschirm begleitete. Die Szene spielte sich so leise ab, dass die Kunden es nicht mitbekamen.

»‘ne alte Masche«, sagte Josie. »Ms. Chanel kauft ‘nen teuren Artikel in ‘nem Laden der Kette und behält die Quittung in der Handtasche. Dann geht sie in ‘nen anderen Laden und stiehlt den gleichen Artikel. Wenn man sie erwischt, versucht sie, das Wachpersonal zu überzeugen, dass es ‘n Irrtum ist. Wenn sie davonkommt, tauscht sie ihn in ‘nem dritten Laden der Kette gegen Bargeld um oder verkauft ihn auf eBay.«

»Glaubst du, sie macht das regelmäßig?«, fragte Alyce.

»Nee, ‘ne Gewohnheitsdiebin hätt’ bemerkt, wie die Wachleute sich annäherten und hätt’ den Schal weggeworfen oder dafür bezahlt. Sie ist ‘ne Amateurin, die auf ‘nen Kick und ‘nen Fünffingerrabatt aus ist. Ich wette, ihre zutiefst schockierte Familie wird ihre Kaution bezahlen und es wird nicht das erste Mal gewesen sein, dass sie sich mit Mommys Hobby auseinandersetzen mussten. Sie ist ganz gut, aber das Wachpersonal war aufmerksam.«

Bassschläge von lautem Hip-Hop vibrierten den Gang hinunter und übertönten die sanfte, klassische Musik, die aus den Lautsprechern des Einkaufszentrums kam.

Josie seufzte. »Ich versuch’, diese Musik schätzen zu lernen«, sagte sie. »Es soll ja moderne Dichtkunst sein.«

»Ja, ‘n Haufen Wörter reimen sich mit ›Bitch‹«, meinte Alyce. »‘n Laden wie das Gangsta Boyz Home passt nicht zum Dorchester. Josie, da musst du zustimmen.«

Drei Teenager in Sackhosen kamen aus dem Gangsta Boyz Home und bahnten sich ihren Weg durch die Menschenmenge im Einkaufszentrum, wobei sie eine Spur erboster Blicke auf sich zogen.

»Tut mir leid, aber ich will nicht mit Gangstern zusammen einkaufen«, sagte Alyce. »Da fühl’ ich mich nicht sicher. Jake wär’ stinksauer, wenn er wüsste, dass ich im Einkaufszentrum Dorchester bin. Er hat mir das Versprechen abgenommen, dass ich nicht mehr hier herkomm’.«

Bei Aussagen wie dieser war Josie froh, dass sie nicht verheiratet war. Sie machte Männern nicht gerne Versprechen – und sie wollte sich auch nicht davonschleichen und sie brechen.

»Hat Jake Angst, dass die Meute mit den Gehhilfen dich in Cissy’s Tea Shoppe anfällt?«

»Sei nicht albern. Jeder weiß, dass die Kriminalität im Einkaufszentrum Dorchester außer Kontrolle ist, und das Gangsta Boyz Home ist daran schuld. Alle guten Läden ziehen um. Ich weiß nicht, warum es das hier gibt.«

»Weil das Dorchester die Besitzer eingeladen hat. Das Einkaufszentrum hat ‘nen Laden für Gangsta-Klamotten und ‘ne Videospielhalle eingerichtet. Die Geschäfte sind nicht für die Teeladenbesucher gedacht.«

»Aber warum?«, fragte Alyce. »Unsereiner benimmt sich anständig.«

»Und ist echt geizig«, ergänzte Josie. »Die Frauen, die hier einkaufen, kaufen ‘nen Kaschmirpullover bei Lord and Taylor und tragen ihn zwanzig Jahre lang. Mit dem Konsumverhalten kann man ‘n Einkaufszentrum nicht offenhalten. Die vom Einkaufszentrum wollten ‘ne jüngere Kundschaft, die Geld für Klamotten, Turnschuhe und CDs ausgibt.«

»Stattdessen haben sie Leute angelockt, die die Sachen stehlen.«

»Alyce!«, erboste Josie sich.

»Na, ist doch wahr. Lucy Anne Hardestys Mutter wurde die Handtasche gestohlen, als sie ausm Teesalon kam. Der junge Gauner hat ihr den Ellbogen gebrochen. Hat ihr das Golfen versaut. ‘n anderer Bekannter wurde aufm Parkplatz vom Dorchester ausgeraubt.«

»Ich hab’ von der Verbrechenswelle nichts in der Zeitung gelesen«, meinte Josie.

»Jake meint, das kommt davon, dass das Dorchester einer der großen Werbekunden der St. Louis City Gazette ist. Er sagt, die würde nicht von vermehrten Verbrechen berichten und riskieren, dass das Einkaufszentrum die Werbung kündigt.«

Das war noch etwas, was Josie an ihren verheirateten Freundinnen hasste. Sie zitierten ihre Männer, als hätten sie keine eigenen Gedanken im Kopf. Josie wusste jedoch, dass Alyce Jake durchs Jura-Studium gebracht hatte.

»Jake meint –«

»Hey! Du da! Halt!«

Josie sah einen der taffen Teenager, wie er durch die Marmorhalle raste und etwas in seinen riesigen Händen hielt. Ein Wachmann sprang ihm nach und warf den Jungen kraftvoll nieder. Sie rollten über den Boden, während ein weiterer Wachmann sich auf den jungen Mann warf. Ein dritter brüllte: »Ruft die Polizei.«

»Die Wachleute sind gut«, meinte Alyce.

»Sie sind dämlich«, entgegnete Josie. »‘nen Verdächtigen so dingfest zu machen ist die beste Art, sich ‘ne Klage einzuheimsen. Der Junge blutet. Die Wachleute haben exzessive Gewalt angewendet. Was hat er denn geklaut?«

»‘ne Biografie von Donald Rumsfeld«, antwortete Alyce. »Warum stiehlt er ein Buch, wenn er’s sich gratis in der Bibliothek holen kann?«

»Er will’s ja nicht lesen«, meinte Josie. »Er wird’s in ‘nen anderen Laden der Kette bringen und versuchen, sich das Geld erstatten zu lassen. Wenn er kein Bargeld kriegt, wird er sich ‘ne CD mit ‘ner Gutschrift holen. Wo sind seine Freunde?«

»Ich kann sie nicht sehen«, sagte Alyce. »Ich nehm’ an, die haben sich aus’m Staub gemacht.«

»Es sei denn, er sollte nur für Ablenkung von der echten Aktion sorgen«, meinte Josie. Sie hörte etwas knallen.

»Hat da ‘n Auto ‘ne Fehlzündung mitten im Einkaufszentrum?«, fragte Alyce.

»Da wird geschossen«, sagte Josie und schubste Alyce unter die Bank. Zwei junge Männer mit kurzen Dreadlocks rannten auf die Treppe zu.

»Hilfe!« Eine junge Frau mit großen, dunklen Augen, vier Augenbrauenringen und spitzen, rosa Haaren stolperte aus dem Sportschuhgeschäft drei Türen weiter unten. Ihr Gesicht war bleich vor Schock. Sie konnte nur in kurzen Atemzügen sprechen. »Zwei Männer. Mit Dreads. Sind bewaffnet. Haben den Laden ausgeraubt.«

Sechs Kunden mit Handys wählten zugleich 911.

Josie rannte zu der jungen Frau. Auf ihrem Namensschild stand »COURTNEY«.

»Geht’s Ihnen gut, Courtney?«

»Alles in Ordnung«, sagte sie, doch ihre Zähne klapperten. Josie zog einen Pullover von einem Ständer und legte ihn ihr um. Josie sah blauen Rauch und roch Kordit. »Was ist passiert? Hat man auf Sie geschossen?«

»Die haben auf die Kasse geschossen. Zwei Kerle in Crips-Klamotten kamen rein.« Courtney hielt inne, um Luft zu holen. »Der große hatte ‘ne Glock 9. Die sah aus wie die im Fernsehen. Er meinte, er würd’ mich erschießen, wenn ich die Kasse nicht aufmach’. Meine Hände zitterten so stark, dass ich die Tasten nicht drücken konnte. Er hat mich weggestoßen und auf die Kasse geballert. Er hat sich vierhundert Dollar geschnappt. Sein Freund hat sich drei Paar Sportschuhe gegriffen. Zusammen haben sie tausend Dollar mitgehen lassen.«

»Aber Sie sind nicht verletzt«, sagte Josie.

»Nein,« bestätigte Courtney, »außer, dass mir die Ohren sausen. Scheiße, ich will nicht heulen.«

Josie gab ihr eine Handvoll Taschentücher und sie tupfte sich zornig das Gesicht ab, wobei sie ihre dunkle Augenschminke verschmierte. »Es hat noch nie jemand ‘ne Pistole auf mich gerichtet.«

Alyce schenkte einen Becher Kaffee vom Probiertisch ein. Er war so schwarz wie altes Motoröl. Courtney nahm ein Schlückchen und verzog das Gesicht, doch sie trank ihn.

»Ich kann nicht glauben, dass die ‘nen Laden im Einkaufszentrum am helllichten Tag ausrauben«, meinte Alyce.

»Es ist wegen des verdammten Gangster-Ladens«, sagte Courtney. »Ist mir egal, dass der Manager mir das Gehalt erhöht hat. Das ist’s nicht wert. Heute ist mein letzter Tag.« Sie riss ihr Namensschild ab und warf es auf den Tresen.

Wachleute aus dem Einkaufszentrum und uniformierte Polizisten eilten zur Ladentür herein. Josie und Alyce glitten zum Seiteneingang hinaus. Sie hatten den Überfall nicht gesehen und wollten nicht von der Polizei befragt werden.

»Ich brauch’ Kaffee«, sagte Alyce. »Gehen wir ins Untergeschoss.«

Sie machten an einem Kiosk Halt und besorgten sich doppelte Lattes, dann ließen sie sich auf die schmiedeeisernen Stühle im Innengarten des Einkaufszentrums fallen. Rosa Blumen ergossen sich wie Meerschaum aus Terrakottatöpfen. Sonnenlicht fiel in schimmernden Strahlen durch die Dachfenster. Das sanfte Geplätscher des Springbrunnens beruhigte sie.

»Es ist so ‘n schönes Einkaufszentrum«, meinte Alyce. »Schade, dass ich nie wieder herkommen werd’.«

»Warum? Weil du zwei Diebstähle mitbekommen hast? Das passiert in jedem Einkaufszentrum in Amerika.«

»Nicht, wo ich einkauf’«, meinte Alyce.

»Oh doch«, korrigierte Josie sie. »Eine Million Amerikaner begehen täglich Ladendiebstahl. Sie klauen an die zwanzigtausend Dollar pro Minute. Ich weiß, dass die Gangster-Jungs furchteinflößend aussahen, aber was ist wirklich passiert? Eine weiße Frau hat tausend Dollar gestohlen, und ‘n paar schwarze Teenager auch.«

»Nee, das kannst du nicht wegerklären«, entgegnete Alyce. »Eine alte Frau, die einen Schal stiehlt, und ein bewaffneter Raub sind nicht das Gleiche. Der Überfall war beängstigend. Vielleicht bin ich zu gut behütet, aber ich mag mein Leben. Ich komm’ hier nie wieder her, nicht mal dir zuliebe.«

Josie zuckte mit den Achseln. »Okay, wenn du meinst.«

»Das tu’ ich. Meine Vorstadtnachbarn können Gauner sein, aber wir schießen nicht auf Leute in Einkaufszentren.«

»Ihr raubt sie nur schriftlich aus«, meinte Josie.

»Das ist nicht witzig«, sagte Alyce.

Das war es wirklich nicht. Bald würden noch mehr Schüsse sich durch ihr Leben bohren. Nichts würde für Alyce und Josie mehr dasselbe sein.

Kapitel 2

Josie konnte in jedem Einkaufszentrum in Amerika mit verbundenen Augen den Weg zur Restaurant-Abteilung finden, aber in einer Küche konnte sie sich verlaufen.

Alyce war eine Kochkünstlerin. Nach einem stressigen Morgen im Einkaufszentrum Dorchester hatte sie sich in ihre Küche zurückgezogen. Jede Frau bekämpfte die Angst auf ihre eigene Weise. Alyce besiegte ihre mit einem Pfannenwender. Sie hatte das ganze Wochenende lang gekocht. Alyce stand in der Küche, als Josie montagmittags vorbeischaute, um nachzusehen, ob ihre Freundin sich erholt hatte.

Josies Küche sah wie das Vorher-Bild in einem Heimwerker-Magazin aus, die von Alyce war das triumphale Nachher. In den fürstlichen Häusern in Wood Winds am Rande von West County hatten die Küchen keine Porzellanbecken und Formica-Tresen. Alyces Küche war mit feinem Eichenholz vertäfelt wie eine englische Bibliothek. Der Kühlschrank war so gut verkleidet, dass Josie ihn nicht finden konnte. Jemand hätte »WESTINGHOUSE« auf die Vertäfelung schreiben können, um ihr einen Hinweis zu geben. Josie verstand nicht mal Alyces Toaster. Er sah aus wie etwas, was die NASA ins All schoss.

Alyce verschwamm in ihren Bewegungen an ihrer schwarzen Kücheninsel aus Granit, wo sie mit magischen Küchengeräten hackte, schlug und rührte. Josie sah fasziniert zu. Sie hatte keine Ahnung, was die Hälfte der Werkzeuge war. Sie sahen aus, als gehörten sie in ein Verlies.

»Ich dachte, ich mach’ uns ‘nen kleinen Brunch, bevor der Klempner kommt«, sagte Alyce. »Möchtest du ‘ne Artischocken-Lauch-Frittata?«

»Wenn du sie machst, werd’ ich sie mögen«, antwortete Josie. Sie setzte sich leeseits der Schneide- und Würfelutensilien an die Granitinsel. »Warum erwarten wir den Klempner? Ist deine Toilette verstopft?«

»Nee, ich brauch’ ‘nen Topffüller«, sagte Alyce.

»Was ist das?«, fragte Josie.

»Ich lass’ ‘nen Wasserhahn über dem Herd anbringen, mit dem ich große Kochtöpfe füllen kann. So muss ich die dann nicht durch die ganze Küche schleppen.«

»Du machst Witze«, sagte Josie.

»Mach’ ich nicht. So was hat jeder.«

»Nicht in Maplewood«, entgegnete Josie. »Wir Stadtfrauen sind aus hartem Holz geschnitzt. Wir durchqueren weite Küchen und tragen Töpfe voller Wasser.«

»Und verschüttet es überall«, meinte Alyce.

»Na klar. Wie sonst sollt’ ich meinen Küchenboden putzen? Was ist in dem Martini? Der ist ja rot.«

»Das ist ein Moosbeer-Martini«, antwortete Alyce. »Der ist gut für dich. Dir liegt was auf dem Herzen, Josie. Ich mein’, was anderes als die furchtbare Sache im Einkaufszentrum Dorchester.«

»Das hat mich nicht gestört«, erwiderte Josie. »Diebstahl gehört im Einkaufszentrum zum Alltag, aber ich muss’ zugeben, der bewaffnete Überfall war etwas extrem.«

Josie wohnte in einer alten Vorstadt am Rande von St. Louis. Es war an Josies Standards gemessen recht sicher, doch Maplewood hatte auch seine Verbrechen. Trotzdem zog sie das eklektische Durcheinander ihrer Stadt der im Gleichschritt marschierenden Vollkommenheit von Alyces weniger gefährlicher Siedlung vor.

»Das ist kein Witz, Josie. Die Kerle haben ‘ne Pistole auf ‘ne unschuldige Ladenangestellte gerichtet. Vielleicht bist du das gewöhnt, ich aber nicht.« Alyce schlug wütend Eier in eine Schale, jeweils zwei zugleich.

»Ich bin dir ‘ne Entschuldigung schuldig«, sagte Josie. »Ich hab’ nachgeforscht. Am Freitag waren wir dabei, als das Einkaufszentrum Dorchester starb. Der Überfall war der Anfang vom Ende. Das ist schon in anderen Einkaufszentren passiert: Man vermietet an einen Laden, der das falsche Klientel anzieht. Ladendiebstahl, Handtaschenraub und andere Verbrechen werden häufiger. Die Werbekunden setzen die lokalen Zeitungen unter Druck, die Kriminalität kleinzureden. Das funktioniert ‘ne Weile, dann passiert was, was zu groß ist, um’s zu vertuschen, und die Situation explodiert.«

Alyce schlug ein weiteres Paar Eier auf.

»Wie machst du das?«, fragte Josie. »Kein einziges Stück Schale. Meine Eier wären extraknusprig.«

»Danke«, sagte Alyce.

»Wegen der Eier?«, fragte Josie.

»Weil du mich wegen des Einkaufszentrums Dorchester ernst genommen hast. Weil du mich nicht behandelst wie ‘ne behütete Hausfrau. Aber du hast meine Frage immer noch nicht beantwortet. Was liegt dir aufm Herzen?«

»Meine Mom. Sie hat angefangen zu rauchen.«

»Wieso denn?«

»Gruppenzwang«, antwortete Josie.

Alyce lachte. »Deine Mutter ist wie alt? Fünfundsechzig?«

»Achtundsechzig«, sagte Josie. »Jane hat mit dem Rauchen aufgehört, nachdem mein Vater uns verlassen hat, weil sie sich keine Zigaretten leisten konnte. Sie brauchte jeden Penny, um mich großziehen zu können. Jetzt, wo sie im Ruhestand ist, hat sie etwas Geld zur Verfügung. Alle ihre Freunde rauchen, also hat sie wieder angefangen. Sie meint, sie macht sich keine Sorgen um Krebs – dafür ist sie zu alt.«

»Da hat sie nicht Unrecht, Josie«, meinte Alyce. »Es ist ihr Leben.«

»Es ist ‘n schlechtes Vorbild für Amelia«, entgegnete Josie. »Neun ist ‘n gefährliches Alter. Manche von den Kindern in ihrer Schule fangen an zu rauchen. Sie hat’s nicht nötig zu sehen, wie ihre Großmutter am Glimmstängel hängt. Ihre Schule toleriert das Rauchen nicht. Sie könnte ihr Stipendium verlieren und rausgeworfen werden. Sie –«

Josie hörte inmitten des Satzes auf zu reden und starrte Alyce an. Ihre Freundin packte zwirbeliges Grünzeug in etwas, was wie ein Düngerverteiler aussah. »Was machst du mit dem Miniatur-Landwirtschaftsgerät? Das Dings mit der Kurbel.«

»Das ist ‘ne Kräutermühle«, sagte Alyce, als wäre das eine Erklärung.

Josie nahm an, dass so etwas auch jeder hatte. Sie würde sich nicht mit mehr Fragen beschämen. »Und noch was, was mich an Moms Raucherei stört: Sie stinkt.«

»Josie!«

»Ich kann’s bei ihr zu Hause nicht aushalten. Ich bin fünf Minuten dort und riech’ nach Zigarettenrauch. Es steckt in ihren Teppichen und den Vorhängen. Ich muss mir jedes Mal, wenn ich sie besuch’, die Haare waschen. Vergiss nicht, sie wohnt im oberen Stock. Der Rauch scheint sich in allem in ihrer Wohnung zu versenken. Ich hab’ ihr schon gesagt, dass ich’s nicht ausstehen kann, aber sie wimmelt meine Beschwerden ab, als ob ich nicht zähle.«

»Was ist denn so schlimm dran?« Alyce riss die Blätter von den Babyartischocken und warf sie weg. Sie entsorgte alles bis auf ein Stück vom Herz von der Größe eines Fingerhuts. Josie hielt das für viel Arbeit, wenn sie doch ein Glas große, schöne Artischockenherzen um zwei Dollar kaufen konnte.

»Es ist ihre Wohnung«, sagte Alyce und nahm eine weitere winzige Artischocke auseinander. »Wenn deine Mutter nach Rauch mieft, wird sie Amelia anekeln. Dann musst du dich nicht darum sorgen, dass deine Tochter ‘ne schlechte Gewohnheit annimmt.«

»Mom raucht auch bei mir zu Hause.«

»Sag ihr nein«, meinte Alyce. »Du hast das Recht, das Rauchen da zu verbieten.« Sie warf die kindlichen Artischocken ins kochende Wasser.

»Das ist das Problem dabei, wenn deine Mutter auch deine Vermieterin und Babysitterin ist«, sagte Josie. »Sie raucht, während sie in unserer Wohnung auf Amelia aufpasst. Mom schwört, dass es nicht so ist, aber sie schmuggelt Zigaretten ein. Ich kann sie riechen, sobald ich die Tür aufmach’. Sie macht die Fenster auf, sodass die Wohnung stinkig und eiskalt ist und ich dafür zahl’, den Garten zu beheizen.«

»Hört sich an wie das, was du in der Schule gemacht hast. Hast du nicht Glimmstängel in die Mädchentoilette geschmuggelt und den Rauch zum Fenster rausgeblasen?«

Alyce warf die gekochten Artischocken in eine Schüssel Eiswasser. Josie fragte sich, ob das die kleinen Dinger verwirrte.

»Woher wusstest du das?«, fragte Josie. »Wir sind nicht zusammen in die Schule gegangen.«

»Ich kenn’ dich, Josie. Ich wette, du hast geraucht, um aufzubegehren. Vielleicht macht deine Mutter dasselbe. Je mehr du dich darüber auslässt, desto mehr wird sie rauchen. Lass sie sein. Es ist ‘ne Phase. Warum hast du mit dem Rauchen aufgehört?«

Alyce tupfte die gequälten Artischocken mit einem Küchentuch trocken, als hätte sie sie gerade gebadet.

»Ich hab’ Jungs für mich entdeckt«, antwortete Josie. »Ich wollte mehr Geld für Klamotten und Schminke, also hab’ ich die Zigaretten aufgegeben. Ohmeingott. Was, wenn Mom ‘nen festen Freund hätte? Soll heißen, außer ihrem Bingo-Kumpel, Jimmy Ryent. Der ist harmlos.«

»Siehst du? Es könnte viel schlimmer sein«, meinte Alyce. »Männer sind viel schwerer aufzugeben als Zigaretten. Und teurer sind sie auch. Die Mutter meiner Freundin Liz hat ‘n Vermögen für ‘ne Gesichtsstraffung ausgegeben und dafür hat sie ‘nen Mann bekommen, der ihr das Bankkonto leergeräumt hat. Jetzt erbt Liz nur noch ‘nen riesigen Schuldenberg.« Alyce steckte ein seltsam geformtes Metallgerät in eine Zitrone.

»Was machst du da mit der unschuldigen Zitrone?«, fragte Josie.

»Das ist ‘n Zitronentrichter«, erklärte Alyce. »Damit entsaftet man Zitronen und Limetten am effizientesten. Den steckt man einfach rein und drückt und der Saft kommt aus dem Trichter. Keine Kleckerei. Keine Samen.«

»Sieht gemein aus«, sagte Josie.

Die Diskussion um den Zitronenmissbrauch wurde von der Türglocke unterbrochen.

»Das wird der Klempner sein«, sagte Alyce und sprang auf, um die Seitentür zu öffnen.

Da stand ein mächtiges Paket auf ihrer Türschwelle. Josie sah sich die langen Beine, die engen Jeans und das hellblaue Jeanshemd mit dem Logo »MIKES DOGTOWN-KLEMPNEREI« an. Die Augen des Klempners hatten eine klare, graublaue Farbe. Sein Kinn war fest und kantig. Kurze, bräunliche Haare, Dreitagebart wie in Miami Vice. Sehr schön, dachte sie.

»Ich bin Mike. Ich komm’ ‘n Rohr verlegen«, sagte er und wurde hochrot. »Ich mein’, Sie wollten ‘nen Topffüller, Ma’am?«

Er sah Josie und Alyce an, da er nicht wusste, wen er ansprechen sollte. Josie biss sich auf die Lippe, um nicht zu kichern.

»Ja«, antwortete Alyce. Ihr bleicher Hautton war rosiger als sonst. Sie tätschelte die Wand über dem Herd. »Hier will ich ihn, wenn Sie an meine Rohre kommen. Ich mein’, meine Wasserrohre.«

Josie prustete und versuchte, es zum Husten zu machen.

Mike sah aus, als wollte er zur Tür hinausrennen. »Rohre. Jawohl. Sie haben bestimmt gute Leitungen. Ich hol’ mein Zeug ausm Wagen und bin gleich wieder da.« Er verschwand wieder.

»Der kann sich meine Rohre ansehen«, flüsterte Josie. »Vielleicht brauch’ ich doch ‘nen Topffüller.«

»Ruhe«, zischte Alyce. Sie war rosig vor Scham.

Mike kam mit einem grauen Werkzeugkasten und einem vorsichtigen Gesichtsausdruck zurück.

»Wir machen eine Frittata«, sagte Alyce. »Wollen Sie ein Stück?«

Josie verschluckte sich. Alyce trat sie.

»Nein, danke«, antwortete Mike. »Ich hatte schon was zu Essen. ‘nen Big Mac.« Er sah sich in der Küche um. »Sie gehen wohl nicht zu McDonald’s.«

»Ich schon«, sagte Josie. »Ich liebe die Spezialsoße. Die könnt’ ich mir überall hinreiben.« Woher kam das denn?

Mikes Augenbrauen schossen hoch.

»Als Schönheitsbehandlung«, fügte Josie hinzu. »Nicht zum Essen.«

Alyce hustete so unkontrolliert, dass Josie ihr auf den Rücken klopfen musste. Mike wollte ihr ein Glas Wasser geben, doch er fand den Schrank mit den Gläsern inmitten der Felder unmarkierten Eichenholzes nicht. Als Alyce sich ausgeprustet hatte, war Josies dämliche Bemerkung vergessen.

»Wollen Sie etwas Kaffee? Limonade? Mineralwasser?«, fragte Alyce. Sie tat einen Schritt auf den Herd zu und Mike trat zur Tür zurück. Was ging da vor? Warum machten zwei Hausfrauen einem Klempner solche Angst. Und warum hörten sie sich nach einem schlechten Porno an?

»Nee, alles gut«, sagte Mike. »Wirklich. Ich will nur an die Arbeit.«

»Dann lassen wir Sie«, sagte Alyce freundlich. »Sobald ich meinen Braten aus der Röhre hab’.«

»Gut«, sagte er. »Ich mein’, danke.«

Alyce war vielleicht nervös, doch sie war nach wie vor die perfekte Gastgeberin. Sie schnitt die Frittata in zwei Stücke und legte jedes mit einer großzügigen Portion Salat auf einen Teller. Dann trug sie die Teller in das sonnige Frühstückszimmer. Josie begutachtete den seltsamen, gleitenden Gang ihrer Freundin. Alyce schien über dem Boden zu schweben und Josie wusste nie, wie sie das anstellte.

»Wie kann ich helfen?«, fragte Josie.

»Du kannst dich hinsetzen und den Ausblick genießen«, sagte Alyce. Sie war zu höflich, um zu sagen, dass Josie ihr nur im Weg stünde.

Josie setzte sich. Das sonnige Erkerfenster schaute auf den Garten hinaus, der im frühen Dezember mit Zierkohl bepflanzt war. Auf dem Tisch waren gelbe Leinenservietten und dazu passende Sweetheart-Rosen in einer Kristallglasvase.

Alyce stellte eine Kanne Kaffee auf das Wärmegerät und holte den Krug mit dem übriggebliebenen Moosbeer-Martini, einen Korb warme Brötchen und Butterröllchen. Dann kam sie mit dem Küchentresen-Fernseher zurück. Alyce sah während der Mahlzeiten nie fern. Josie nahm an, dass sie Deckung für ihre Unterhaltung schaffen wollte. Alyce schaltete den Fernseher auf leise und sie sprachen im Halbflüsterton.

»Was ist los mit mir?«, fragte Josie. »Ich hab’ mich noch nie so dämlich angehört.«

»Wir haben das Desperate-Housewives-Syndrom«, meinte Alyce. »Seit der Serie wird jeder halbwegs gutaussehende Handwerker angebaggert. Klempner haben’s besonders schwer, und der hier ist scharf. Die Männer haben Angst. Die sind’s gewöhnt, mit dem Sex anzufangen, nicht, dass die Frauen sich an sie ranmachen.«

»Er ist schon nett, aber ich kann nicht glauben, dass ich das gesagt hab’«, sagte Josie. »Ich schäm’ mich voll.«

»Du konntest nicht anders. Du hast die Rolle von Susan eingenommen, der tollpatschigen Alleinstehenden. Ich hätt’ erwartet, dass du jeden Moment über ‘nen Stuhl stolperst. Die verdammte Serie hat uns die Handwerker ruiniert. Früher konnte ‘ne Frau ‘ne kleine Sache mit ‘nem Reparateur haben und es war nichts dabei. Ich hab’s mir nicht geleistet, aber einige meiner Freundinnen schon. Jetzt sind die Kerle zu Sexobjekten geworden. Sie sind wie Rockstars, nur dass sie zu was taugen. Frauen finden sie unwiderstehlich.«

»Kein Wunder, dass sie Angst haben. Sollt’ ich –«

Alyce jedoch starrte den Fernsehschirm an. Er hatte einen roten Streifen unten, auf dem »Eilmeldung« stand. Sie packte die Fernbedienung und drehte die Lautstärke auf. Der Sprecher sagte: »Die Frau aus West County wurde vermutlich während eines versuchten Autodiebstahls am Einkaufszentrum Dorchester erschossen. Zeugen zufolge handelte es sich bei dem Täter um einen siebzehnjährigen Afroamerikaner. Die Polizei verfolgte den Verdächtigen in das Einkaufszentrum, wo er festgehalten und in Haft genommen wurde.

Die Tote wurde als die dreißigjährige Designerin Halley Hardwicke identifiziert –«

Alyces Gabel klapperte auf den Tisch. »Das ist meine Nachbarin«, sagte sie. »Halley ist tot.«

»Die Schal-Designerin«, sagte Josie und verschüttete ihren Moosbeer-Martini. Keine der beiden Frauen bemerkte, wie die rote Flüssigkeit auf Alyces Boden tropfte.

Halleys Foto tauchte auf dem Bildschirm auf. Sie hätte Alyces Schwester sein können – ihre dünnere, modebewusste Schwester. Halleys Haut war bleich wie Orchideenblüten. Ihre platinblonden Haare waren lang und glatt und kontrastierten mit einem tiefblauen Schal.

Halley. Die Frau, die Seidenschals von herzzerreißender Schönheit herstellte. Sie war auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums erschossen worden.

Plötzlich schien die Welt ein gutes Stück hässlicher.