Leseprobe Mord auf High Heels

Kapitel 1

»Josie, bitte, kann ich reinkommen?« Josh küsste ihren Hals und ihr rechtes Ohr. Josie Marcus erwiderte seinen Kuss. Es herrschte eine tiefe Stille, die nur von schwerem Atmen unterbrochen wurde.

»Tut mir leid, Josh. Heute ist ein Schultag«, seufzte sie. »Ich muss um zehn dort sein.«

Josh öffnete die kleinen Perlknöpfe an ihrer Bluse, dann küsste er ihre Brüste obenauf.

»Ich bin auch ganz leise«, versprach er.

Mehr Stille. Mehr Küsse. Mehr Seufzer.

»Meine Mutter ist oben«, entgegnete Josie atemlos. »Sie hat Ohren wie eine Fledermaus.«

»Komm mit zu mir«, sagte Josh. »Da gibt’s keine Fledermäuse, nur ’n großes Bett mit frischen Laken und richtig guten Wein.« Er öffnete den Frontverschluss ihres BHs und sagte: »Oh mein Gott.«

Josie war froh, dass das Licht auf der Veranda aus war. Ihre Knie waren schwach. Wohl deshalb hielt sie sich an Josh fest. »Ich kann nicht«, flüsterte sie verzweifelt. »Es geht um meine Tochter, Amelia. Ich muss für sie zu Hause sein.« Josie schloss ihren BH wieder.

»Wie wär’s mit meinem Auto?«, fragte Josh und küsste sie wieder.

»Das steht unter ’ner Straßenlaterne«, keuchte sie. Wenn er sie so küsste, konnte sie kaum widerstehen.

»Die Scheiben werden bald beschlagen sein«, meinte Josh.

Josie hätte beinahe ja gesagt. Dann sah sie, wie die Vorhänge am Haus gegenüber sich bewegten. Jetzt war ihr heiß, doch die Hitze kam vom Zorn.

»Ich kann nicht«, sagte sie. »Mrs. Mueller wird uns sehen.«

»Wer«, sagte er zwischen den Küssen, »ist Mrs. Mueller?«

»Die Tratschtante vom Dienst. Sie wird’s meiner Mutter sagen und mein Leben wird zur Hölle.«

»Josie, wie alt bist du?«, fragte Josh.

»Einunddreißig.«

»Warum machen wir auf deiner Veranda rum wie notgeile Teenager?«

»Bist du nicht froh, dass du dich meinetwegen jung fühlst?« Josie riss sich los und knöpfte ihre Bluse zu.

»So fühl’ ich mich nicht«, entgegnete Josh. »Ich kann bald nicht mehr aufrecht stehen. Wir sind zu alt für das hier.«

»Nein, wir sind genau im richtigen Alter«, sagte Josie. »Wenn wir Teenager wären, würden wir wie verrückt vögeln. Nur Erwachsene haben diese Probleme.«

»Josie, bitte lass mich rein.«

»Josh, ich würde wirklich gern, aber ich kann nicht.« Josie steckte sich die Bluse in die Hose. »Wir hätten früher daran denken sollen.«

»Soll das ’n Witz sein? Ich hab den ganzen Abend lang nur daran gedacht, aber ich wollt’ dich wie ’n Gentleman zum Essen ausführen, anstatt dich einfach anzuspringen. Jetzt schau, was es mir gebracht hat.«

Josie lachte. Josh nicht. »Wer zum Teufel ist diese Mrs. Mueller und warum ist sie so wichtig?«, fragte er.

Josie begutachtete ihn im Sternenlicht. Josh war vier Jahre jünger, klug und rattenscharf. Ihre Freundinnen würden ihr nicht glauben, dass sie ihm nein gesagt hatte. Josh hatte das sensible Gesicht eines Dichters, einen gefährlichen Gang und erfahrene Hände. Er wollte als Science-Fiction-Autor durchstarten, doch im Augenblick war Josh noch der beste Barista in Maplewood; er machte sensationelle Espressos und Cappuccinos mit seiner glänzenden Maschine. Wenn Josh mit Josie zusammen war, zog er alle Register.

Sie küsste seine flinken Finger und versuchte, die Beschränkungen zu erklären, die ihrem Leben auflagen. »Mrs. Mueller beherrscht die Nachbarschaft«, sagte Josie. »Sie ist davon überzeugt, dass ich ’n Flittchen bin, und dabei hab ich nichts getan, als ’n paar schlampige Outfits zur Arbeit zu tragen. Wenn ich mit dir ins Auto geh’, hat sie den Beweis. Sie schießt vielleicht sogar Fotos. Sie wird’s meiner Mutter sagen, die zugleich meine Vermieterin und meine Babysitterin ist und daher absolute Macht hat. Es ist Sonntagabend. Ich muss morgen arbeiten und Amelia muss in die Schule. Wenn ich dich reinlasse, wecken wir Mom auf und ich bekomm’s den Rest meines Lebens zu hören. Selbst wenn wir Mom nicht aufwecken, wird Mrs. Mueller mit der Stoppuhr warten. Sie wird die Schatten auf den Fenstervorhängen beobachten und nach den Bettfedern lauschen.«

»Hört sich besessen an«, meinte Josh.

»Mrs. Mueller hat es auf mich abgesehen, seit ich fünfzehn war. Sie hat mich erwischt, als ich hinter ihrer Garage geraucht hab, und hat mich an Mom verpetzt. Ich hab mich revanchiert, indem ich ’ne Tüte Hundekacke auf ihre Veranda gelegt und sie angezündet hab. Mrs. Mueller hat sie ausgetreten.«

Josh brach in schallendes Gelächter aus. »Mrs. Mueller ist auf den Trick mit der höllischen Hundekacke reingefallen?«

»Du findest’s vielleicht komisch, aber sie hat mir nie verziehen. Mein Name ist beschmutzt. Nein, schlimmer als beschmutzt.«

»Warum kümmert’s dich, was sie denkt?« Josh küsste sie so fest, dass sich beinah ihr letztes bisschen Verstand verflüchtigte.

»Es kümmert mich nicht,« meinte Josie, »aber Mrs. Mueller steht allen großen Kirchenausschüssen und Klubs in der Nachbarschaft vor. Sie herrscht über das gesellschaftliche Leben meiner Mutter. Mom meint, die Sonne geht mit dieser furchtbaren Frau auf und unter. Und um’s noch schlimmer zu machen, hat Mrs. Mueller diese perfekte Tochter namens Cheryl. Sie reibt meiner Mutter ständig Cheryls Leistungen unter die Nase, bis Mom kaum noch ihren Kopf hochhalten kann.

Josh, du lebst allein, also ist das schwer zu verstehen. Wenn es nur um mich ginge, würd’s mich nicht kümmern, aber Maplewood ist wie ’n kleines Dorf. Gerüchte über mich schaden meiner Mutter und meiner Tochter.«

»Ich versteh’ sehr wohl«, sagte er. »Es gefällt mir nur nicht.«

»Amelia übernachtet bald bei jemandem. Vielleicht können wir dann zusammenkommen«, sagte Josie.

Josh küsste sie abermals. Sie standen Händchen haltend auf Josies Veranda und sahen sich die klare Novembernacht an. Die alten Platanenbäume raschelten und das Haus knarzte im warmen Wind. Es war eine der berühmten wirren Wetterumkehrungen in St. Louis. In dieser Nacht war es frühlingshafte achtzehn Grad warm, obwohl es hätte frostig sein sollen.

»Schau«, sagte er. »’ne Sternschnuppe. Wünsch dir was.«

Josie sah, wie die Vorhänge sich wieder bewegten.

»Ich wünschte, Mrs. Mueller bekäme, was sie verdient«, meinte Josie. »Ich wünschte, sie müsste sich so sehr schämen, dass sie ihren Kopf in Maplewood nicht mehr hochhalten kann – nein, im ganzen Gebiet von St. Louis. Ich wünschte, sie würde so tief fallen, dass sie zu mir aufsehen muss.«

Josies Wunsch ging in Erfüllung. Jedes Wort davon würde wahr werden.

Und sie würde ein jedes bereuen.

Kapitel 3

»Du hast ihn also auf frischer Tat mit deinem Schuh erwischt«, sagte Harry.

Josies Chef grinste wie ein verrücktes Wiesel. Er wollte, dass Josie die Geschichte wieder und wieder erzählte. Er machte ihr beinah so viel Angst wie Mel.

»Erklär mir das mit dem Zehendekolleté nochmal«, forderte Harry.

»Bitte«, entgegnete Josie. »Ich versuch’s zu vergessen. Die Details stehen in meinem Bericht. Lies ihn. Ich hab meinen Schuh vor ’nem Schicksal bewahrt, das schlimmer ist als der Tod.«

Harry lachte. Es war ein wildes, schnatterndes Geräusch, wie der Paarungsruf eines Tieres auf dem Discovery Channel. Josie hoffte, dass nicht etwas Großes, Übelriechendes und Verliebtes bei Suttin Services zur Bürotür hereingaloppiert käme.

»Setz dich doch«, sagte Harry, als sein Lachen endlich erstickte.

Josie ließ sich in den mitgenommenen Holzstuhl fallen, der seinem Schreibtisch gegenüberstand. Er schwanke gefährlich, dann neigte er sich zur Seite. Harry brachte seine Testkäufer gern aus der Balance. Sie fragte sich, ob er wohl ein Stuhlbein kurzgesägt hatte.

»Hast du Mel wirklich ’nen Tunichtgut genannt?«, fragte Harry. »Woher hast du das denn? So redet doch niemand. In welchem Jahrhundert lebst du?«

»Der Soft Shoe war so retro, dass es zu passen schien«, antwortete Josie. »Über die Lautsprecher kamen Buddy Holly und The Big Bopper. Der Laden war in diesem damenhaften Puderrosa ausstaffiert. Es ist mir einfach in den Kopf geschossen. Wie würdest du Mel denn nennen?«

»’n Arschloch«, meinte Harry. Von der Nordseite seines Schreibtisches glitt ein Haufen gelbes Papier ab wie ein Erdrutsch.

»Wie geschmackvoll«, sagte Josie.

»Hey, passt doch wie der Schuh zum Fuß«, meinte Harry. »Ich hab schon von Kerlen wie ihm gelesen, aber ich hab nicht geglaubt, dass es die wirklich gibt.«

Die meisten Leute würden auch nicht glauben, dass es Harry wirklich gab. Er sah aus wie ein Troll aus einem Märchen – aus Grimms Märchen. Er war haarig wie sein Name. Er hatte Haare auf dem Kopf, in den Ohren und in der Nase. Aus den Gliedern seiner Finger sprossen Haare wie Unkraut in den Rissen im Bürgersteig. Fett war er auch. Harry machte die Atkins-Diät, doch er würde nie ein Vorzeigeschüler für den Plan sein. Er ignorierte die meisten von dessen Richtlinien, außer der bezüglich des Fleischverzehrs. Harry hatte immer etwas Gebratenes in der Hand, wenn Josie ihn bei Suttin Services sah. Zu jedem Telefongespräch gehörten Mampf- und Schlürfgeräusche, die schlimmer waren als das, was man zu sehen bekam.

Heute knabberte Harry an einer Truthahnkeule, die glänzte, während er redete. Seine Finger und seine gummiartigen Lippen waren fettverschmiert und glänzten ebenso. Während er sich den Mund vollstopfte, sabberte Harry über einem Katalog von Omaha Steaks, wie andere Männer es über einem Ausfalter im Playboy tun würden. Die Überschrift von Omaha wirkte beinah pornografisch: DICKE ZARTE CLUBSTEAKS.

»Sieh dir diese Schönheiten an«, sagte Harry. »Mann, wenn ich solches Fleisch in die Finger kriegen könnte, würden die Pfunde nur so von mir purzeln.«

Josie sah sich das üppige, saftige Fleisch an. Es schien auf dem Papier zu pulsieren. »Menschensrind, vier Zweihundertfünfundzwanzig-Gramm-Clubsteaks für siebenundsechzig Dollar«, las sie.

»Hey, das ist weniger, als man im Restaurant bezahlt«, meinte Harry an einem Mundvoll zerbissener Pute vorbei. »Wie wär’s damit? Vier Zweihundertfünfundzwanzig-Gramm-Hochrippenstücke für dreiundsiebzig Dollar? Vier von diesen Schätzchen, halbgar. Mann, so lässt sich’s leben. Du meintest was von gutem Geschmack? Hier hast du gefüllte Filet Mignons mit Blauschimmelkäse, Shiitake-Pilzen und –«

»Harry, du wolltest mich sprechen?«, fragte Josie.

»Ja. Wollte nur sagen: ›Gut gemacht.‹ Du kriegst deinen Bonus.« Harry überreichte Josie einen Briefumschlag. Sein Lächeln glänzte vor Zufriedenheit und Truthahnfett. Sie hatte das Soft-Shoe-Problem mit nur einem Besuch gelöst.

Josie war klüger, als dass sie Harry vertraut hätte. Er hatte sie schon einmal hintergangen. »Danke«, sagte sie und ließ den Umschlag in ihrer Handtasche verschwinden.

»Selbstverständlich halten wir deinen Namen geheim.« Schlürf. Mampf. Er riss über zehn Zentimeter Fleisch von der Truthahnkeule.

»Du musst noch bei den anderen drei Soft-Shoe-Läden einkaufen, aber Mel ist Geschichte«, meinte Harry. »Man hat ihn rausgeschmissen. Er hat heute Nachmittag die Kündigung gekriegt.«

»Gut. Das hat er verdient.« Manchmal fühlte Josie sich schuldig, wenn sie wusste, dass ihr schlechter Bericht einem unterbezahlten Arbeiter Ärger bereiten würde, doch diesmal nicht.

Harry machte sich wieder daran, über seinen Katalog zu sabbern, und Josie wusste, dass sie gehen konnte.

Sie war froh, aus Harrys staubigem, stickigem Büro raus zu sein und in den frischen Novembertag hinauszutreten. Josie bahnte sich ihren Weg an den Schlaglöchern im Parkplatz von Suttin vorbei, fand ihren anonymen, grauen Honda und ließ sich auf dem ausgeleierten Sitz nieder.

»Den Umschlag, bitte«, sagte Josie und riss ihren Bonus auf. Darin befand sich eine knackige Fünfzig-Dollar-Note. Sehr schön.

Josie wünschte, sie könnte ihrer Mutter von ihrem Triumph erzählen. Sie wünschte, Jane wäre stolz auf sie, doch ihre Mutter wäre entsetzt darüber, wie Josie Mel den Fußfasser erwischt hatte. Es würde nur Janes Meinung bestätigen, dass Josie ihr Leben ruiniert hatte.

In Janes Welt spionierten junge Frauen keinen schleimigen Schuhverkäufern nach, ja, sie arbeiteten überhaupt nicht, es sei denn, dass sie sich freiwillig einem Ausschuss für einen guten Zweck zur Verfügung stellten. Jane hatte dieses vornehme Luxusleben leider verloren, als ihr Mann sie verlassen hatte. Sie hatte viele lange, fade Jahre bei einer Bank gearbeitet, um Josies Schulbildung zu bezahlen. Zu Janes Plan für ihre kluge Tochter gehörten ein College-Abschluss, ein Haus in der Vorstadt, ein Anwalt, Arzt oder beides als Ehemann und eine Mitgliedschaft im Countryclub.

Josie sollte Janes unterbrochenes Leben weiterführen.

Josie hatte diese Hoffnungen in jener Nacht zerstört, als sie hundert Kerzen angezündet und Amelias Vater einen Margarita-Krug zubereitet hatte. Sie bekam ein Kind und er bekam Knast.

Aber, bei Gott, was für eine Nacht, dachte Josie. Wenigstens hab ich mich mit Stil ruiniert. Josie fand nicht, dass diese Nacht ein Fehler gewesen war. Sie mochte ihr Leben als Testkäuferin. Sie liebte ihre Freiheit und ihre Tochter mit gleicher Intensität.

Wenn Mom doch nur verstehen könnte, dass ich glücklicher bin, so, wie ich bin, dachte Josie. Wenn Mom doch nur stolz auf mich wär’. Doch das würde nie passieren.

Josie hatte Achtung vor ihrer Mutter. Jane war gutes Ansehen heilig, doch sie hatte zu ihrer schwangeren, unverheirateten Tochter gestanden. Sie war verrückt nach Amelia, ihrer Enkelin. Sie stand Josie als Notfallbabysitterin bei. Jane ließ sie und Amelia zum verbilligten Mietpreis im Erdgeschoss ihres Zweifamilienhauses wohnen. Sie hatte ihrer Tochter jedoch nie wirklich vergeben. Gelegentlich flackerte Janes Ärger über ihre zunichte gemachten Pläne auf, wie einen das Rheuma packte.

Nur eine Frau konnte Josies besonderen Augenblick mit Mel verstehen – ihre beste Freundin. Alyce Bohannon wohnte in Wood Winds und hatte einen Mann, der Anwalt war und bis spät arbeitete, einen pausbackigen kleinen Jungen und ein Wohnzimmer, das in die Architectural Digest gehörte. Alyce hatte alles, was Josie haben sollte, außer einem aufregenden Leben.

Alyce kam bei manchen von Josies Testkaufaufträgen mit, weil ihr perfektes Dasein sie langweilte – eine Ironie, die Josies Mutter nie auffiel.

Josie rief ihre Freundin per Handy an. »Du wirst nicht glauben, was heute passiert ist«, sagte sie.

»Da bin ich mir sicher«, meinte Alyce. »Hast du Hunger? Schon zu Mittag gegessen?«

»Ich hab Harry dabei zugesehen, wie er ’ne Truthahnkeule auseinandergenommen hat«, entgegnete Josie. »Ich hab den Appetit verloren.«

»Der Kerl ist echt widerlich«, sagte Alyce. »Du musst was Ordentliches essen. Ich mach’ uns ’nen guten Salat, schieb’ ’n paar frische Brötchen ins Rohr und mach’ ’ne Flasche Wein auf. Komm her und erzähl mir alles.«

Alyce lebte am Rande von West County, einem der neuesten und reichsten Abschnitte des Stadtgebiets. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ihre Siedlung noch aus Wäldern und Farmen bestanden. Josie fuhr über die kurvigen Seitenstraßen nach Wood Winds und wich dabei den dürren Ästen der Bäume aus, die nach ihrem Auto langten. Etwas Kleines, Graues mit einem haarlosen, rosa Schwanz lief vor ihren Honda. Josie bremste scharf, ihr Herz raste. Hatte sie das Viech erwischt? Sie sah keinen kleinen, plattgedrückten Kadaver auf der Straße, auch keinen blutigen Matsch an der Stoßstange. Josie seufzte vor Erleichterung und startete die Zündung wieder.

Alyce liebte es, Josie von den bezaubernden Wildtieren zu erzählen, die sie nahe ihrem Haus gesehen hatte – Rehkitze, braune Baumwollschwanzkaninchen, herumtollende Waschbären. Josie sah nie eines dieser Disney-Tiere. Für sie war der Wald ein einsamer Ort mit grauen, rattenhaften Viechern und Bäumen mit Ästen wie tote Klauen. Sie erinnerten sie an Serienmörder, flache Gräber und Horrorfilme.

Ich bin ein Stadtkind. Ich brauch’ Beton unter den Füßen.

Der gelangweilte Wachmann von Wood Winds winkte Josie durch das Tor. Sie fuhr durch ein weiteres Tor auf die Einfahrt von Alyces im Tudorstil gehaltenem Anwesen. Selbst die Fachwerkgarage hatte Fenster mit Mittelpfosten. Josie gab das Drei-Klopf-Signal an der Seitentür.

»Hereinspaziert!« Alyce kam ihr an der Tür mit einem Glas Weißwein entgegen. »Trink«, befahl sie und gab Josie ein dickes, kaltes Glas. »Setz dich.«

Josie gehorchte. Beim Anblick der Vollkommenheit von Alyces Zuhause überkam sie immer eine gewisse Verblüffung. In Josies Stadthaus waren die Böden schief und durchgebogen, die Gipswände hatten Risse und das Gebälk war mit dicker, alter Farbe bedeckt.

Alyces Haus strahlte vor Neuheit. Alles war frisch, sauber und glänzend. Die Küche war mit kräftigem, feinem Eichenholz vertäfelt und mit kupfernen Töpfen behängt. Die Luft duftete nach backenden Brötchen und frischem Kaffee. Alyce stand an einer Kochinsel mit Granitoberfläche, die so groß war wie die Bermuda-Inseln, und schnitt Erdbeeren für den Salat.

Josie zog einen schmiedeeisernen Stuhl heran. Sie wusste, dass sie Alyce keine Hilfe anzubieten brauchte. Josie konnte die meisten der Williams-Sonoma-Geräte in Alyces Küche gar nicht bedienen. Von der Hälfte davon hatte sie noch nicht einmal gehört. Josie hatte gedacht, die Mandoline aus Edelstahl sei ein Musikinstrument, kein ausgefallenes, französisches Schneidegerät. Sie hatte noch nie zuvor ein Brotblech gesehen und hatte bisher ohne den Marmormörser mit dem Pistill aus Buchenholz von Carrara überlebt, von denen Alyce schwor, sie seien »unverzichtbar, um Kräuter und Gewürze zu zerstampfen«. Die Gewürze, die Josie im Supermarkt in Dosen kaufte, schienen ihr gut genug gemahlen zu sein.

Die Küche war Alyces persönlicher Himmel und sie die goldhaarige Göttin. Alyce ging nicht. Sie schwebte wie auf einer Wolke. Sie war fünfzehn Zentimeter größer als Josie und gut gebaut, besaß aber eine überirdische, gleitende Art zu gehen. Selbst ihre feinen, seidenen, blonden Haare schienen zu schweben.

»Na dann, erzähl mir, was passiert ist«, sagte Alyce.

Sie ordnete zwei Haufen Spinatsalat, vollgestopft mit Ziegenkäse, karamellisierten Zwiebeln, Walnüssen und Erdbeeren auf kobaltblauen Tellern an. Die Brötchen waren heiß. Der Wein war kalt. Josie knabberte, nippte und sprach darüber, wie sie Mel geschnappt hatte.

Als sie fertig war, meinte Alyce: »Josie, von der Geschichte läuft mir ’n Schauer den Rücken runter. Ich will nicht mal an den Widerling denken. Ich hab in dem Laden Schuhe gekauft. Ich frag’ mich, ob er mich bedient hat.«

»Daran würdest du dich erinnern«, versicherte Josie ihr.

»Gott sei Dank hast du ihn erwischt«, sagte Alyce. »Aber wie kannst du die Prada-Schuhe tragen, nach dem, was Mel mit ihnen anstellen wollte?«

»Ich hab keine große Wahl«, meinte Josie. »Die gehören zu meiner Modeopfer-Verkleidung.«

»Hast du keine Angst, dass Mel sich an dir rächt?«, fragte Alyce. »Wegen dir wurde er gefeuert. Er muss stinksauer sein.«

»Harry will meinen Namen und meine Adresse geheimhalten«, sagte Josie.

»Ha. Wir wissen doch, wie schnell dein Chef dich letztes Mal hintergangen hat, als es Ärger gab«, erwiderte Alyce.

»Harry ist ’ne feige Ratte,« meinte Josie, »aber wegen ’nem Schuhverkäufer mach’ ich mir keine Sorgen. Außerdem ist’s damit vorbei.« Sie sah auf die Uhr. »Und es ist zwei Uhr. Ich muss Amelia von der Schule abholen. Vielen Dank für ein bisschen Freundlichkeit an so ’nem schäbigen Tag.«

»Ich weiß die Spannung zu schätzen«, sagte Alyce. Sie klang verträumt, doch Josie wusste, dass Alyce nicht in einer Welt ohne Knoblauchschäler leben konnte.

Josie schaffte es zurück zur Clarkson Road, ohne dass irgendwelche Tierchen sich unter ihr Auto warfen. Sie hatte eine halbe Stunde Zeit, zur Barrington School for Boys and Girls zu kommen. Josie hatte eines mit ihrer Mutter gemeinsam. Sie wollte das Beste für ihre Tochter. In ihrem Fall war das Beste die Barrington School. Amelia war als Stipendiatin dort.

Josie wartete auf der langen Einfahrt, bis sie mit dem Auto vor die Schule kam und die Direktorin »Amelia Marcus« rief. Amelia kam zur Tür der Schule herausgelaufen, ihre glatten schwarzen Haare flogen ihr hinterher. Ihre Schnürsenkel waren offen, doch Josie war sich nicht sicher, ob das gerade so in Mode war, oder ob ihr Kind einfach schlampig war. Sie sah ihrer Tochter gerne zu, wenn sie sich bewegte. Sie hatte die körperliche Zuversicht ihres Vaters und seine hohe Intelligenz. Amelia hatte alles außer seinem Talent für Sprachen geerbt, und Josie war froh darüber. Wenn Nate nicht so gut Spanisch gekonnt hätte, säße er jetzt vielleicht nicht im Gefängnis.

Amelia ließ sich in den Autositz fallen und zog ihren Rucksack hinter sich herein.

»Na, was hast du heute bei der Arbeit gemacht, Mom?«, fragte sie. Ihre Art, auf erwachsene Unterhaltungsweise umzuschalten, amüsierte Josie, doch sie antwortete immer ernsthaft.

»Ich hab bei Soft Shoe eingekauft. Hab den Tag damit verbracht, Designerschuhe anzuprobieren«, sagte Josie.

»Cool«, meinte Amelia. Mit diesem Wort drückte sie ihre Zustimmung am liebsten aus. »Durftest du welche behalten?«

»Nein, ich musste sie alle zurückgeben.« Josie lenkte das Auto die lange Einfahrt der Schule hinunter.

»Ätzend«, sagte Amelia.

»Das ist es«, meinte Josie. »Besonders wegen den Bruno Maglis mit den offenen Zehen.«

Auf dem ganzen Weg nach Maplewood unterhielten sie sich übers Schuhekaufen. Als sie von der Manchester Road auf ihre Straße abfuhren, rollte Amelia das Fenster runter und winkte energisch einem schlanken Mann in seinen kräftigen, frühen Siebzigern zu. Er war groß und leicht gebückt mit einer langen Nase und schönen grauen Haaren auf dem Kopf. »Da ist Jimmy. Grandma geht mit ihm aus«, sagte Amelia.

»Für dich heißt das Mr. Ryent, Amelia. Grandma meint, er ist nur ein Freund.«

»Ich hab gesehen, wie sie sich gestern Abend auf der Veranda geküsst haben«, entgegnete Amelia.

Ach, ist das so?, dachte Josie. Diese Information könnte ihr später nützlich sein. Sie fragte sich, ob ihre neugierige Nachbarin, Mrs. Mueller, ihre Mutter auch beobachtet hatte. Dann erinnerte Josie sich, dass sie eigentlich die Elternrolle hatte.

»Warum warst du nicht im Bett, junge Dame, anstatt deine Großmutter auszuspionieren?«

»Ich hab nicht spioniert. Die zwei haben mich aufgeweckt«, erwiderte Amelia. »Sie redeten und lachten voll laut. Ich hab aus dem Fenster geguckt und sie gesehen. Mr. Ryent meinte, Grandma hat ’ne Haut wie ’ne Rose, dabei hat sie so viele Falten, Mom.«

»Es gibt verschiedene Arten der Schönheit, Amelia«, erklärte Josie. »Die Schönheit einer reifen Frau ist etwas Besonderes, genau wie ein Mann, der sie zu schätzen weiß. Es ist schön, dass Mr. Ryent so romantisch ist.«

»Er meinte, er will sie zum Bowlen ausführen. Er sagte, dass er noch zwei gute Kugeln hat. Grandma fand das witzig. Warum ist das witzig, Mom?«, fragte Amelia.

»Ich weiß nicht«, antwortete Josie und biss sich auf die Innenseite der Wange, um nicht zu lachen. »Ich bowle nicht.« Na ja, das zumindest war wahr.

Als sie vor ihrem Haus parkte, sah Josie, wie die Vorhänge bei Mrs. Mueller zu Hause sich bewegten und winkte, ohne nachzudenken.

Mrs. Mueller winkte nicht zurück.