Leseprobe Verloben für Fortgeschrittene

Kapitel 1

»Und wir werden wirklich heiraten?«

Ich schmiegte mich an Max’ Brust. Max war mein Verlobter. Der Mann, mit dem ich von jetzt an mein Leben verbringen wollte.

»Na klar«, bestätigte er und angelte die Fernbedienung unter der Daunendecke hervor. Unserer Daunendecke. Ich war immer noch dabei, mich mit dem Gedanken vertraut zu machen. Kniff mich tagtäglich, um sicherzugehen, dass ich nicht träumte.

»Und ich werde Mrs. Wainwright?«

»Klar, falls du meinen Namen annehmen willst.«

»Falls?« Auf Max’ Stirn zeichnete sich eine angestrengte Falte ab, die ich eingehend betrachtete. Was wollte er mir damit sagen?

»Bist du dir unsicher, was das angeht?« Max zuckte mit den Achseln, küsste mich und schaute auf den Fernseher.

»Das bleibt ganz dir überlassen. Ich finde deinen Namen ja schön. Wäre eigentlich schade, ihn zu ändern.«

Das musste ich ein Weilchen verdauen. Und einen Anflug von Misstrauen vertreiben. Ich neigte eigentlich nicht zur Paranoia. Aber das war einfach nicht mein Terrain. Die Liebe, meinte ich. Ich hatte geglaubt, mit der ganzen Sache nichts anfangen zu können, bis ich Max kennenlernte; bis dahin hielt ich Liebe für ein Anzeichen von Schwäche, für eine sentimentale Reaktion auf Liebesromane und Make-up-Werbung. Doch das hatte sich in letzter Zeit geändert; binnen weniger Monate hatte ich mich vom Workaholic und überzeugten Single zur liebestrunkenen Verlobten entwickelt. Was natürlich neue Umgangsformen erforderte – die ich erst noch lernen musste. Aber das würde ich schon schaffen.

»Ich werd’s mir mal überlegen«, sagte ich leichthin. Max nickte; ihm schien das Thema keine Sorgen zu bereiten. Mir schon. Diesmal wollte ich alles richtig machen, nicht wie letztes Mal, als ich zum Traualtar schritt. Diese Ehe sollte perfekt werden.

Nicht, dass ich schon mal verheiratet gewesen wäre. Nur … na ja … fast verheiratet.

Aber das ist eine ziemlich lange Geschichte. Die man nicht gerne auf Partys erzählt, es sei denn, man ist dazu gezwungen.

»Was wollen wir dieses Wochenende machen?«, fragte ich. »Lass uns doch heute Abend essen gehen. Dann erzähle ich dir von meinen Catering-Plänen für den Empfang. Und über die Gästeliste sollten wir uns auch Gedanken machen.«

»Heute Abend?« Max wandte sich mir zu. Er sah leicht besorgt aus. »Tut mir leid, aber das geht nicht.«

Ich schaute ihn anklagend an. »Und das sagst du mir erst jetzt?«

Er blickte unbehaglich drein. »Mir ist was dazwischengekommen. Gestern Abend hab ich einen Anruf gekriegt …«

»Ich wusste es!« Ich boxte ihn. »Du hast behauptet, das sei nichts Wichtiges gewesen. Aber ich hab doch bemerkt, dass du dich hinterher komisch benommen hast!« Das stimmte. Das Telefon hatte gegen zehn geklingelt, und er war rausgegangen, um abzunehmen. Das war ganz normal, aber als er wieder ins Zimmer gekommen war, hatte er irgendwie eigenartig gewirkt. Ausweichend und schuldbewusst. Nun wusste ich also, warum.

»Tut mir wirklich leid, Jess. So was kommt eben manchmal vor, das weißt du ja.«

»Klar.« Ich war enttäuscht, versuchte das aber zu verdrängen. Schließlich musste Max ja nicht ständig mit mir zusammen sein. Auch nicht am Samstagabend.

»Ist was Geschäftliches«, äußerte er mit einem Achselzucken. »Ich muss mit einem Kunden essen gehen.«

Ich nickte und hoffte, dabei möglichst verständnisvoll auszusehen. Es würde mir gelingen, verliebt und stark zugleich zu sein, sagte ich mir streng. Wenn ich mich genügend anstrengte, würde ich das auch schaffen, der Überzeugung meiner Oma zum Trotz. Meine Großmutter hatte nämlich nicht viel von der Liebe gehalten. Die Liebe war der Ruin meiner Mutter gewesen, das hatte Oma mir immer wieder erzählt. Falsche Hoffnungen, Unvernunft, Charakterschwäche und Verlust der Moral – das alles wurde durch die Liebe verursacht. Mam war bei einem Autounfall ums Leben gekommen, aber das hielt meine Großmutter nicht davon ab, Mams Schwäche für Lippenstift, ihre immer hochrutschenden Röcke und ihre Neigung zu großen, gut aussehenden, dunkelhaarigen Männern für ihren Tod verantwortlich zu machen. »Denk immer dran«, hatte Oma mir mindestens einmal die Woche mitgeteilt, »dass du es nur durch harte Arbeit und Unabhängigkeit zu etwas bringst im Leben. Betrachte die Liebe als deinen Feind, Jessica. Am Anfang merkst du es vielleicht gar nicht, aber im Lauf der Zeit wird die Liebe dir alles zerstören.« Bei alldem darf man vielleicht nicht vergessen, dass mein Großvater meine Oma genau zu dem Zeitpunkt verließ, als sie gezwungen war, mich bei sich aufzunehmen. Auch dafür machte sie meine Mutter verantwortlich. Und mich. Und die Männer im Großen und Ganzen. Ehrlich gesagt, war meine Kindheit nicht gerade ein Zuckerschlecken gewesen. »Na schön«, sagte ich. »Ich meine, kein Problem. Ich hatte nur … gedacht, dass wir mal früh ins Bett gehen könnten.«

»Ich dachte, du wolltest essen gehen?«

Max sah mich prüfend an, und ein kleines Lächeln spielte um seine Lippen.

»Ich wollte nur höflich sein«, sagte ich leicht verdrossen.

»Du könntest doch mit Helen ausgehen«, schlug Max vor.

»Ja, klar«, sagte ich. Er hatte natürlich recht. Aber ich wollte eben nicht mit Helen ausgehen, sondern mit ihm. In letzter Zeit war er so eingespannt gewesen – ständig war er aus dem Haus geschossen, um ins Büro zu fahren oder nach der Arbeit Kunden zu treffen. Ich hatte ihm x-mal angeboten, ihm zu helfen, aber er hatte jedes Mal abgelehnt und verkündet, ich solle mir keine Sorgen machen, alles sei bestens. Und das stimmte auch. »Ich wollte nur, na ja, eben den Abend mit dir verbringen.«

Max nickte. »Ich weiß. Tut mir echt leid. Ich würde auch nichts lieber tun, als den Abend mit dir zu verbringen. Es ist nur … du weißt schon. Ich bin jetzt Geschäftsführer. Ich muss eben meinen Job machen.«

»Natürlich«, erwiderte ich artig. Tatsächlich war Max wild entschlossen, in seiner neuen Position erfolgreich zu sein, und dafür musste er seine gesamte Zeit opfern. Im Grunde war ich damit einverstanden, nicht zuletzt weil ich in gewisser Weise schuld daran war, dass er in der Agentur aufgestiegen war. Und es war auch meine Schuld, dass er sich mit seinem besten Freund, Anthony, zerstritten hatte, der die Agentur vorher geleitet hatte. Max hatte mir immer gesagt, etwas Besseres hätte ihm gar nicht passieren können, aber dennoch … ich sollte ihn jedenfalls unterstützen.

»Aber ich könnte doch mitkommen?« Der Einfall kam mir spontan. Sein Kunde war ja auch mein Kunde. Ich war jetzt Etatdirektorin bei Milton Advertising – seit vier Monaten. Max hatte mich befördert, nachdem ihm jeder in der Agentur versichert hatte, man würde ihm keine Vetternwirtschaft unterstellen.

»Nein, es …« Max runzelte die Stirn. »Ist noch ein potenzieller Kunde. Nicht diese Art von … ich meine, ich sollte mit ihm alleine sein. Ich denke … das hat er sich so vorgestellt. Tut mir leid, Jess.«

»Ach so.« Ich biss mir auf die Lippe. »Nein, nein, macht ja nichts. Kein Problem, wirklich.« Ich blickte im Zimmer umher. Es war tatsächlich kein Problem. Bevor ich Max kennenlernte, hatte ich so viele Samstagabende ohne ihn verbracht – da sollte ich doch diesen einen problemlos verkraften. Ich könnte ein Buch lesen. Oder eines der Nachrichtenmagazine, die sich auf dem Küchentisch stapelten. Oder … Ich seufzte. Ich hatte auf nichts davon Lust. »Ich steh jetzt mal auf«, sagte ich mit leicht gekränktem Unterton. »Und mach uns Frühstück. Du kannst ja weiter Nachrichten schauen, wenn du willst.«

»Nun sei doch nicht so. Verzeih mir wegen heute Abend«, sagte Max. »Wie wär’s denn, wenn wir stattdessen frühstücken gingen? Dann kannst du mir die ganzen Sachen wegen der Hochzeit erzählen.«

»Frühstücken gehen?« Ich überlegte kurz, wog meinen Ärger gegen den Wunsch auf, so viel von Max’ knapp bemessener Zeit mit ihm zusammen zu verbringen wie möglich. »Na gut«, räumte ich ein. »Aber es muss ein ausgedehntes Frühstück sein. Und Zeitunglesen ist verboten. Abgemacht?«

»Abgemacht.« Max grinste. »Aber vorher musst du noch mal ins Bett kommen und dafür sorgen, dass ich überhaupt Hunger kriege.«

»Und wie soll ich das wohl anstellen?«, fragte ich, aber das Ende des Satzes klang schon sehr undeutlich, da Max mich unter die Decke zurückzog und meine Frage auf seine Art beantwortete.

»So«, sagte Max. Eine Stunde später saßen wir an einem Tischchen in einer kleinen Brasserie, tranken dampfend heißen Kaffee aus dem Becher und tunkten Croissants in Marmeladenteiche.

»So was?«, fragte ich. Da ich gerade in mein Croissant gebissen hatte, verteilte ich dabei Krümel auf dem ganzen Tisch.

»So, nun erzähl mir von der Hochzeit«, sagte Max und lehnte sich zurück. »Wolltest du nicht mit mir darüber sprechen?«

Ich schluckte den Bissen runter und zuckte mit den Achseln. »Ja, schon. Aber auch noch über andere Sachen. Es gibt ja nicht nur die Hochzeit zu besprechen.«

»Natürlich nicht«, erwiderte Max ernsthaft. »Was gibt’s denn noch?«

Ich dachte einen Moment nach. »Zum Beispiel den Launch von Projekt Handtasche. Ich habe …«

»Nee, über Arbeit darfst du auf keinen Fall reden. Wir haben Wochenende.«

»Stimmt, hast recht.« Ich nickte. Projekt Handtasche war mein großes Projekt bei der Agentur. Trotz des Namens hatte es nichts mit Taschen zu tun, sondern ausschließlich mit Geld. Chester Rydall, Vorstandsvorsitzender von Jarvis Private Banking, hatte einen Investmentfonds für erfolgreiche, wohlhabende Frauen gegründet. Und ich hatte den Auftrag für die Konzeption der Werbekampagne an Land gezogen, indem ich behauptete, man müsse Investmentbanking für Frauen so spannend und einfach erscheinen lassen wie den Kauf einer neuen Handtasche. Darauf war Rydall erstaunlicherweise total abgefahren. »Na gut, dann …«

»Dann was?« In Max’ Augen glomm ein schelmischer Funke. »Willst du stattdessen die Lage am Gaza-Streifen erörtern? Oder mit welchen steuerlichen Maßnahmen man die Inflation bremsen kann?«

»Ja, genau«, antwortete ich bockig. »Genau das wollte ich mit dir besprechen.«

»Gut«, äußerte Max und lehnte sich zufrieden grinsend zurück.

»Finde ich auch«, sagte ich.

»Na, dann mal los.«

Ich machte den Mund auf, bereit, alles auszuspucken, was ich über amerikanische Politik und Wirtschaft wusste. Dann klappte ich den Mund wieder zu. Ich hätte niemals von mir geglaubt, dass ich eine dieser Frauen sei, denen die politische Weltlage weniger wichtig sein könnte als die Beschäftigung mit der kniffligen Frage, was man den Hochzeitsgästen als Gastgeschenk mit auf den Weg geben könnte. Aber so sah es aus, denn ich konnte an nichts anderes denken als an den schönen Raum, den ich für die Feier gefunden hatte, und den zauberhaften kleinen Ort in Südfrankreich, wo ich gerne die Flitterwochen verbringen wollte.

»Oder könnte ich vielleicht doch über die Hochzeit reden?«, erkundigte ich mich kleinlaut.

Max lachte. »Tu das doch bitte, Jess. Es interessiert mich wirklich.«

Ich warf ihm einen kurzen Blick zu. Zurzeit neckte Max mich ständig, was ulkig war, denn er galt allgemein als ziemlich humorlos. Es machte mir allerdings zu schaffen, dass ich manchmal nicht sicher war, ob er mich auch tatsächlich ernst nahm. »Wenn du lachst, erzähle ich aber gar nichts.«

»Das würd ich doch niemals tun«, versicherte er mir.

»Ich werd ganz ernst bleiben. Es handelt sich schließlich um eine ernste Angelegenheit. Ernster als die Erderwärmung und die Weltwirtschaftskrise und sogar ernster als Projekt Handtasche.«

»Projekt Handtasche?«, wiederholte ich, zog eine Augenbraue hoch und gestattete mir ein kleines Lächeln.

»Ach, jetzt bist du aber wirklich albern. Nichts kann wichtiger sein als das.«

Max grinste. »Das hör ich doch gern. Einen Moment lang hab ich mir ernsthaft Sorgen gemacht, dass du von Aliens entführt wurdest und man mir nur einen Klon hinterlassen hat.«

»Nun, ich bin aber kein Klon, sondern ich selbst«, erwiderte ich pikiert. »Und die Tatsache, dass du mich heute Abend wegen irgendeines langweiligen Kunden versetzt, wirft für mich die Frage auf, ob ich dich tatsächlich heiraten möchte. Aber mal angenommen, ich ziehe das durch, soll ich dich dann jetzt auf den neuesten Stand bringen, oder willst du weiterhin doofe Witzeleien von dir geben?«

»Keine Witzeleien mehr«, gelobte Max. »Obwohl ich nicht verstehen kann, was du gegen die einzuwenden hast. Witzeleien sind das Fundament jeder gesunden Beziehung.«

»Mag ja sein, aber das Fundament für eine Ehe kann nicht nur aus Scherzchen bestehen. Also, ich dachte an Lachs als Hauptgang.«

»Und wie dachtest du dir den Lachs?«

Ich musste wider Willen lächeln. »Mit Spargel«, antwortete ich und verdrehte die Augen. »Zum Dessert dann vielleicht Apfel-Pie. Keine Vorspeise – und nach der Trauung reichen wir zum Champagner nur Canapés.«

»Klingt prima«, äußerte Max beifällig.

»Im Ernst?«

Er nickte. »Das wird wunderbar, Jess, ganz bestimmt. Ich kann’s kaum erwarten.« Er schaute mich so liebevoll an, dass ich rot wurde.

Ich nickte. »Ja, ich find’s auch toll.«

»Gut.« Er beugte sich zu mir und drückte mir die Hand.

»Also, und was passiert dann nach dem Apfel-Pie?«

Ich grinste. »Nicht so wichtig. Erzähl ich dir ein andermal.«

»Nein, ich möchte es aber jetzt wissen«, erwiderte er.

»Ich möchte über die Hochzeitstorte reden, über den ersten Tanz, dein Kleid, meinen Anzug, die Kleider der Brautjungfern, die Farbe der Servietten …«

»Ich darf dir nicht verraten, was ich anziehe«, sagte ich lächelnd. »Aber na gut, wenn du’s unbedingt wissen willst.«

»Will ich. Ehrlich.« Er nahm wieder meine Hand, und zum tausendsten Mal in diesen drei Monaten, seit Max mir einen Heiratsantrag gemacht hatte, dachte ich, dass ich doch wirklich die glücklichste Frau unter der Sonne war. Ich hatte so ein wahnsinniges Glück. Andere Leute wussten nicht, wie schelmisch und witzig und treu Max war. Aber ich wusste es. Und er gehörte mir. Mein Herz schlug jedes Mal höher, wenn ich daran dachte.

»Also gut«, sagte ich und rief mich zur Ordnung. »Wir haben eine Schokoladentorte, ohne Obst, und für den ersten Tanz …«

»Ja?«

»Dachte ich … na ja …«

»Was denn?« Max blickte mich neugierig an und trank einen Schluck Kaffee.

»Ich dachte mir, wir könnten den Tanz aus Dirty Dancing aufführen. Du weißt schon, diese Nummer, die sie zu I’ve Had the Time of My Life gemacht haben.«

»Was?« Max verschluckte sich vor Schreck und spuckte Kaffee auf den Tisch.

»Du willst nicht?« Ich riss enttäuscht die Augen auf und schob leicht die Unterlippe vor.

»Ob ich nicht will? Nein, ich meine, schau, das ist wirklich nicht mein … o mein Gott, ist das dein Ernst?«

Ich schaute ihn unsicher an, schluckte und fing dann an zu kichern. »Nein, mein Schatz. Aber wie du schon sagtest: Witzeleien sind das Fundament einer guten Beziehung, oder etwa nicht?«

»Witzelei? Oh, Gott sei Dank«, schnaufte Max, wischte sich die Stirn und sah mich ungläubig an. »Du bist fies«, sagte er. »Ich hätte einen Herzinfarkt kriegen können.«

»Ich denke, du könntest einen ziemlich guten Patrick Swayze abgeben, wenn du dich ordentlich ins Zeug legen würdest«, erwiderte ich grinsend.

»Du bist eine gefährliche Frau, Jessica Wild. Gefährlich und raffiniert und …«

Sein Handy klingelte.

»Und was?« Ich kicherte. »Gefährlich und raffiniert und was?«

»Und …« Er blinzelte. »Merk dir, wo wir waren«, sagte er, bevor er den Anruf annahm. »Hallo? Hier ist Max.« Er runzelte leicht die Stirn und warf mir einen schnellen Blick zu. Dann lächelte er entschuldigend, stand auf und entfernte sich vom Tisch. »Nein«, hörte ich ihn noch sagen, bevor er nach draußen ging, »nein, so ist es nicht. Ich bin nur …«

Und was noch?, fragte ich mich, während ich meinen Kaffee umrührte. Gefährlich, raffiniert und nervig? Gefährlich, raffiniert und krankhaft besessen von Hochzeitsvorbereitungen? Ich schaute aus dem Fenster. Draußen stand ein glamourös wirkendes Paar. Mit ihren glänzenden, blonden Haaren, blendend weißen Zähnen und dem perfekten Outfit sahen die beiden aus, als seien sie just einem Hochglanzmagazin entsprungen. Irgendwie erinnerten sie mich an Anthony … beim Stichwort ›Anthony‹ fiel mir wieder ein, wie verblüfft ich gewesen war, dass Anthony sich offenbar in mich verliebt hatte, und wie unwohl ich mich immer mit ihm und seinen Freunden gefühlt hatte. Damals hatte ich geglaubt, dass Beziehungen eine Art Tauschgeschäft waren und dass man nur mit makellosen Zähnen und schönen Haaren einen gut aussehenden, reichen Freund finden würde. Inzwischen war ich schlauer. Max liebte mich nicht wegen meiner guten Zähne, sondern weil ich ich selbst war. Und ich liebte ihn auch, mehr, als ich sagen konnte; es fühlte sich an wie ein Glühen, das in meinem Bauch anfing und dann meinen ganzen Körper in Licht tauchte. Es hielt mich warm, dieses Gefühl. Und brachte mich selbst in den unpassendsten Momenten zum Lächeln.

Und dabei hätte ich Max um ein Haar verloren. Oder vielmehr gar nicht erst gefunden: Vor sechs Monaten erbte ich nämlich ein bisschen Geld. Ziemlich viel Geld sogar, aber das Erbe war an Bedingungen geknüpft. Meine Freundin Grace, eine alte Dame, die im selben Altersheim untergebracht war wie meine Großmutter, hatte es mir vererbt, und obendrein noch ein entzückendes Häuschen auf dem Land. Bevor sie starb, hatte Grace es sich allerdings in den Kopf gesetzt, dass ich heiraten sollte. Sie ließ mir keine Ruhe mehr damit. Und zu guter Letzt hatte ich einen Freund erfunden, nur damit sie endlich zufrieden war. Ich hätte mir vorher vielleicht überlegen sollen, dass sie dann über nichts anderes mehr reden würde; als mir die Idee kam, hielt ich sie für die einfachste Lösung. Das Gegenteil war der Fall. Ich musste mir Rendezvous, Wochenendtrips und Liebesgeflüster mit diesem imaginären Mann ausdenken – eine ganze Beziehung also. Und am Ende war ich mit dem Kerl auch noch verlobt – und schließlich verheiratet. Ich wusste, das hörte sich verrückt an. War es auch. Aber in den wenigen Stunden pro Woche, die ich mit Grace verbrachte, war sie völlig glücklich. Ich hatte bei meinen Flunkereien natürlich niemals darauf spekuliert, dass sie mir ein kleines Vermögen hinterlassen würde, wenn sie starb. Und ganz gewiss hatte ich mir nicht gedacht, dass sie es Jessica Milton hinterlassen würde. Mrs. Jessica Milton. Ach so, ich sollte vielleicht noch erwähnen, dass ich Grace erzählt hatte, ich sei mit meinem Chef liiert, Anthony Milton. Max’ bestem Freund. Anthony hatte sich gleich nach der Hochzeit verabschiedet. Der Hochzeit, die nicht stattfand. Es war nämlich so: Um an das Geld zu kommen, hatten Helen und ich das Projekt Hochzeit gestartet, eine Kampagne, mit der Anthony dazu gebracht werden sollte, sich Hals über Kopf in mich zu verlieben. Als ich merkte, dass ich mich in Max verliebt hatte, konnte ich es jedoch nicht mehr in die Tat umsetzen.

Das perfekte Paar draußen schien sich nicht einig zu werden über das Speiseangebot der Brasserie und schlenderte schließlich weiter.

»Und wunderschön«, raunte Max mir ins Ohr; ich zuckte zusammen, weil ich nicht gemerkt hatte, dass er zurückgekommen war.

»Was?«, fragte ich verwirrt. »Was ist wunderschön?«

»Das gehört noch zu dem ›und‹«, antwortete er und küsste mich auf den Kopf.

»Wunderschön?« Ich schüttelte ungläubig den Kopf.

»Sei nicht albern.«

»Bin ich nicht«, sagte er und schaute mir tief in die Augen, was mich wiederum zum Rotwerden veranlasste.

»Was war los?«, fragte ich, um das Thema zu wechseln; Komplimente anzunehmen, fiel mir gar nicht leicht.

Er verdrehte die Augen und schenkte uns Kaffee nach.

»Ach, nichts. Nur ein … etwas schwieriger Kunde. Ich fürchte, ich muss in einer halben Stunde los. Aber ich denke, bis dahin sollten wir uns noch ein paar von diesen kleinen Kuchen zu Gemüte führen. Was meinst du?«

»Du musst wirklich schon so bald los?«, fragte ich, und mein Gesicht fühlte sich plötzlich starr an. »Aber heute Abend hast du doch auch keine Zeit.«

Max schaute mich verlegen an. »Ich weiß. Ich versprech dir, dass ich es wiedergutmache, ja?«

 

»Nicht nötig«, erwiderte ich und zwang mich zu einem Lächeln. Max konnte ja nichts dafür. Er hatte nun mal diesen schwierigen Kunden. Nur weil ich jetzt kein Workaholic mehr war und am liebsten meine gesamte Zeit mit Max verbracht hätte, musste er ja schließlich nicht dasselbe empfinden. Ich meinte, natürlich empfand er das auch so, aber … aber … es war nicht so wichtig, meinte ich. Wir liebten uns, und das war das Einzige, was zählte.

»Es ist wirklich nicht schlimm. Kuchen, ja? Also, holen wir uns welchen.«